„168 Millionen Gründe, unsere Anstrengungen zu erhöhen“

 

Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe, berichtet von der 3. Weltkonferenz Kinderarbeit in Brasilia

Mit diesen Worten hat Guy Ryder, Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gestern die 3. Weltkonferenz Kinderarbeit in Brasilia eröffnet. Das Thema ist brisant, das Ziel klar. Nach neuesten Zahlen der IAO arbeiten noch immer 168 Millionen Kinder weltweit, 85 Millionen von ihnen unter gefährlichen Bedingungen, beispielsweise in Minen, Steinbrüchen oder Zementfabriken. Bereits 2010 hat sich die internationale Staatengemeinschaft angesichts dieser Herausforderung auf einen Fahrplan geeinigt, um gefährlicher Kinderarbeit bis 2016 ein Ende zu bereiten. Nun ist Halbzeit – Zeit, um Bilanz zu ziehen.

Vierköpfige Delegationen von 153 Staaten sind zu diesem Zweck nach Brasilia gekommen – jeweils Vertreter von Regierungen, Arbeitnehmern, Arbeitgebern und der Zivilgesellschaft. Hinzu kommen Vertreter internationaler Organisationen. Mittendrin ist auch die Kindernothilfe als Vertreter der deutschen Zivilgesellschaft für den Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Der Anblick dieser Vielfalt an Kulturen ist wirklich beeindruckend. Langsam füllt sich der Plenarsaal, rund 1000 Menschen jeglicher Couleur, jeglichen Alters und aus verschiedensten Kulturkreisen voller Hoffnungen und Erwartungen an diese Konferenz nehmen Platz. Die Welt ist zu Gast in Brasilia. Nur eine Gruppe fehlt – die Kinder. Vertretern von Kindergewerkschaften, die besonders in Lateinamerika oder Westafrika für ihr Recht auf Arbeit kämpfen, wurde die Teilnahme nicht ermöglicht. Stattdessen sollten sie sich im Vorfeld online beteiligen. Schwierig, denn die Kinder, um die es uns hauptsächlich geht, haben im Steinbruch, der Mine oder auf dem Feld wohl kaum Internetzugang.

Von links: Michael Bergstreser, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststaetten, Dr. Klaus Guenther, BMAS, Anika Woerstdoerfer, Dt. Botschaft in Brasilia, Antje Weber, Kindernothilfe, Manfred Brinkmann, GEW 

Um 10.30 Uhr geht es dann los. Nach der Begrüßung durch Guy Ryder folgt Dilma Roussef, die Präsidentin Brasiliens, und macht besonders auf die Erfolge ihres Landes im Kampf gegen Kinderarbeit sowie die Herausforderungen im Bereich der sexuellen Ausbeutung und Prostitution aufmerksam. Es folgen Statements von Vertretern der Regierungen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber und der Zivilgesellschaft. Im Prinzip sind sie sich einig: Gefährliche Kinderarbeit muss ein Ende haben, jedes Kind hat das Recht, Kind zu sein und entsprechend aufzuwachsen. Es sind spannende Statements dabei, doch mir fehlt die kritische Auseinandersetzung mit nicht-gefährlichen Formen der Kinderarbeit. Ein pauschales Verbot bringt uns hier nicht weiter und geht an der Realität der Kinder vorbei.

Am Vormittag wird auch der Startschuss für die neue Initiative der ILO „Music against Child Labour“ gestartet; Musiker weltweit sind aufgerufen, mit Konzerten und Beiträgen zum Kampf gegen gefährliche Kinderarbeit beizutragen: http://www.ilo.org/ipec/Campaignandadvocacy/MusicInitiative/lang–en/index.htm

Nachmittags bringen verschiedene Workshops Licht ins Dunkel einzelner thematischer Bereiche. Themen sind häusliche Arbeit, Migration, Kinderrechtsverletzungen und die Landwirtschaft. Im Workshop zu Kinderrechtsverletzungen geht es um besonders gravierende Folgen ausbeuterischer Arbeit wie Prostitution, sexueller Ausbeutung oder den Einsatz von Kindern als Soldaten.

Insgesamt eine große Chance, um das Problem ausbeuterischer Kinderarbeit zu diskutieren. Doch leider fehlt mir genau das: Es gibt am ersten Tag keine kontroverse Diskussion über verschiedene Lösungsansätze und Positionen zum Thema. Vielmehr präsentiert man sich gegenseitig die Erfolge seines Landes. Das Abschlussdokument, das als Ergebnis der Konferenz die nächsten Schritte festlegen soll, wird nur am Rande thematisiert. Die große Herausforderung für die folgenden zwei Konferenztage wird es sein, echte Diskussionen zu beginnen, um Best Practice Beispiele zu identifizieren und sich gemeinsam auf die nächsten Schritte zu einigen.

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