Brasilienarbeit der Kindernothilfe wird neu justiert

Wie verändern sich die Aufgaben eines Werkes wie der Kindernothilfe in einem Schwellenland wie Brasilien, das, was seine makroökonomischen Hausnummern anbelangt, in den zurückliegenden Jahren durchaus mit relevanten Erfolgen aufwarten konnte und entsprechend auf internationaler Bühne zunehmend selbstbewusster auftritt?

Eine Woche lang diskutierten die drei Regionalkoordinatoren von Kindernothilfe-Brasilien, Raimunda da Silva aus Recife, Andréia Barreto aus Belo Horizonte und Sergio Soares aus Porto Alegre, in Duisburg mit dem Kindernothilfe-Vorstand und dem -Brasilien-Team über die Grundlagen für ein neues Strategiepapier, das den Leitfaden für die Programmentwicklung bis 2016 bilden soll.

Die Sozialwissenschaftlerin Cássia Vieira de Melo, ebenfalls aus Belo Horizonte, hatte dafür ein umfangreiches Analyse-Dokument zu den gravierendsten Kinderrechtsverletzungen und eklatantesten Armutsproblemen im größten Land Lateinamerikas verfasst.

Ein besonderes Augenmerk richteten die workshop-Teilnehmer auf die Situation von Kindern und Jugendlichen, die Opfer von sexueller Gewalt und sexueller Ausbeutung werden. Noch immer fehlt es in Brasilien an Strategien, staatlichem und gesellschaftlichem Engagement, um Kinder und Jugendliche wirkungsvoll zu schützen. Weitere Gruppen, denen in der kinderrechtsbasierten Länderstrategie Brasilien erhöhte Aufmerksamkeit zuteil werden wird, so eines der Zwischenergebnisse des Duisburger Treffens, sind Kinder aus indigenen Gemeinschaften und anderen ethnischen Minderheiten sowie Kinder mit Behinderungen.

Deutlich wurde auch, dass die Kindernothilfe das Engagement in ländlichen Regionen mit besonders gravierenden Armutsindikatoren, vor allem im Nordosten und Norden des Riesenlandes verstärken wird; dort haben sich, so der Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, „die Lebensbedingungen von Kindern in Armut und extremer Armut seit 30 Jahren nicht verändert“. Die Neuausrichtung der Kindernothilfe-Programm-Schwerpunkte in Brasilien geht daher zwangsläufig einher mit geographischen Verschiebungen innerhalb des Länderprogramms: Rückbau der Zahl der geförderten Projekte im Süden Brasiliens, Verstärkung des Engagements im Nordosten und Norden – sowie in denjenigen urbanen Ballungsräumen mit der höchsten Armuts- und Gewaltdichte gegen Kinder und Jugendliche.

„Wir werden uns in Brasilien auch weiterhin engagieren“, bekräftige der stellvertretende Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Rolf-Robert Heringer, der innerhalb der Leitungsstruktur der Kindernothilfe auch die Verantwortung für die Brasilien-Arbeit trägt. „Wir lassen uns nicht täuschen von den Boom- und Glitzerbildern aus den Megacities, sondern schauen ganz genau dort hin, wo Kinder unverändert extremer Armut und extremen Rechtsverletzungen ausgesetzt sind.“

Ihre Fortsetzung wird die äußerst arbeitsintensive und fruchtbare „Duisburger brasilianische Woche“ in der ersten Jahreshälfte 2012 finden, dann, wenn in Brasilien der Weichenstell-Prozess für die neue Kindernothilfe-Länderstrategie abgeschlossen sein wird und die ersten kinderrechtsbasierten Projektaufnahmen angeschoben werden können.

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

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