Haiti: Das Christkind unterm Mangobaum

Jürgen Schübelin, zurzeit Port-au-Prince

Die Weihnachtsfeiern der restavèk-Kinder aus dem mouvman vin plis moun (MVM), der von der belgischen Ordensschwester Soeur Marthe Vanrompay vor elf Jahren gegründeten „Bewegung, um mehr Mensch zu sein“, waren bisher in Port-au-Prince legendär. Über 1.200 Mädchen und Jungen (resteravèc), die das ganze Jahr über von morgens bis abends für fremde Familien, unter deren Dach sie mit leben, schuften, die gesamte Hausarbeit erledigen, auf deren Kinder aufpassen, Demütigungen, Schläge und Schlimmeres ertragen müssen – bei diesen Weihnachtsfeiern von Soeur Marthe und ihrem Team kamen sie alle für einen Tag  zusammen, wurden liebevoll bewirtet, präsentierten stolz ihre Kunsthandwerksarbeiten und die bei MVM gelernten Lieder, Gedichte, Theaterstücke, in denen es fast immer um das Thema Kinderrechte ging. Im vergangenen Jahr war sogar ein Vertreter der Erzdiözese Port-au-Prince dabei, um die Mädchen und Jungen zu begrüßen und ihnen frohe Weihnachten zu wünschen.

Das Erdbeben vom 12. Januar hat die Tradition dieser Feste brutal beendet
Sechs Wochen lang suchten Soeur Marthe und ihre moniteurs im Oktober und November in ganz Port-au-Prince nach einem Saal, um mit allen MVM-Kindern Weihnachten zu feiern. Ohne Erfolg: Die allermeisten Räumlichkeiten dieser Art sind eingestürzt und für die wenigen, die dem Beben standgehalten haben, werden atemberaubende Mieten verlangt. 3.500 Euro für das Recht, drei Stunden lang einen schäbigen Saal im Unterschoss eines Hotels zu nutzen, „das konnten wir aus ethischen Gründen nicht akzeptieren“, sagt Soeur Marthe.

Doch das mouvman vin plis moun hätte nicht diesen Ruf, wäre Marthe, Renise, Ronald und den anderen moniteurs nichts eingefallen. „Dann haben wir eben kurzerhand entschieden, alle Kinder zu uns nach Hause einzuladen“, lächelt die Ordensfrau verschmitzt. Nach Hause, das ist der Sitz von MVM und die Wohnung der beiden Schwestern vom Immaculée Coeur de Marie (ICM) in Carrefour Feuilles, einem alten Viertel mit großen Bäumen südwestlich der Stadtmitte von Port-au-Prince.

Weihnachten mit über 1.200 Kinder in einem nicht besonders großen Haus
Wie soll denn das gehen? Eben wie so vieles in diesen Monaten nach dem Erdbeben: Mit haitianischer Kreativität und jede Menge Organisationstalent! An zwei Tagen hintereinander kommen die Kinder nach einem präzisen Zeitplan, aufgeteilt in Gruppen, mit ihren moniteurs, wie Madame Jacques oder Madame Muscadin, die sie das ganze Jahr über beim improvisierten Schulunterricht unter Bäumen, auf den Treppenstufen an der Place Jérémie oder zwischen den Häuserruinen oben in den Bidonvilles von Decayette, begleiten und betreuen, in den Garten der ICM-Schwestern – alle zu Fuß, mindestens ein bis zwei Stunden unterwegs, immer 50 bis 100 gleichzeitig. Sie werden herzlich empfangen und auf die bunte Mischung aus lauter unterschiedlichen Stühlen, Bänken und sonstigen Sitzgelegenheiten unter den alten Mangobäumen verteilt. Die Größeren nehmen auf einer mit Zeitungen ausgelegten Steintreppe Platz.

Das ganze Anwesen ist liebevoll geschmückt – mit einer Ausstellung sämtlicher Applikationsarbeiten auf kleinen, rechteckigen Sackleine-Stückchen, die die Kinder das Jahr über hergestellt haben. Alle penibel mit Vor- und Nachnamen und dem Hinweis auf die Gruppe, zu der die Mädchen und Jungen gehören, versehen. An den Bäumen und Mauern hängen bunte Kindernothilfe-Luftballons mit dem Motto zum 50-jährigen KNH-Jubiläum „Ich verändere die Welt“. In der Mitte ein kleiner Tisch mit einer Art Adventskranz, vier Kerzen und einer schön geschnitzten haitianischen Marienstatue. Davor in einer aus den Falten des Tischtuchs geformten Krippe das Jesus-Kind.

Die Mädchen und Jungen singen inbrünstig haitianische Weihnachtslieder:

„Noèl, Noèl, pòv ayisyen; 
Nape mouri kon fèy bwa kap tonbe; 
Noèl, Noèl pòv peyizan; 
gwoupe n’ansann anba drapo Jezi.“

– zu Deutsch: Ihr Menschen in Haiti, es ist Weihnachten;
Wir sterben wie trockene Blätter, die von den Bäumen fallen;
Ihr Menschen auf dem Land; es ist Weihnachten;
Kommt zusammen unter das Banner von Jesus…

Soeur Marthe und Ronald Valmé aus dem Kernteam der 18 Straßensozialarbeitern, die die über die Armenviertel von Carrefour Feuilles, Croix-de-Prét, Canapé-vert, Sansfil und Croix-des-Misions verteilt lebenden 1.200 Restavèk-Kinder aus der MVM-Bewegung mit ihren moniteurs begleiten, sprechen ganz offen von den furchtbaren Erfahrungen dieses Jahres, dem Erdbeben und seinen 250.000 Toten, der Situation in den Zeltstädten und wie schwer das Leben gerade für die Restavèk-Kinder geworden ist. Aber sie beglückwünschen die Mädchen und Jungen auch dafür, trotz allem weiter zu den täglichen MVM-Unterrichtsstunden unter freiem Himmel gekommen zu sein, mit so viel Engagement zu lernen, füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu helfen – und an die eigene Würde zu glauben. „Dieser kleine Jesus in der Krippe“, sagt Marthe, „das ist ein Kind wie ihr.“ Er hätte auch in einer haitianischen Zeltstadt geboren werden können.

Dann gibt es für die Kinder einen mit einem gelben Pulver angerührten Saft, eine Blätterteigtasche samt Serviette – und die Geschenke. Für jedes Kind ein Beutelchen: T-Shirts für die Jungs, hübsche, weiße Röckchen mit Gummiband für die Mädchen, Wäsche für alle – und einen kleinen Karton mit Seife, auch für alle. „Bitte denkt daran“, erinnert Renise, gelernte Lehrerin und Sozialarbeiterin, „nur, wer sich die Hände immer mit Seife wäscht und gekochtes Wasser trinkt, kann sich vor Cholera schützen.“ Die Kinder nicken. Mit der Cholera-Epidemie und den notwendigen Maßnahmen, um zu verhindern, krank zu werden, beschäftigen sie sich zusammen mit ihren moniteurs seit Wochen.

Die Kinder sagen danke. Und sie meinen es ernst. Niemand sonst wird ihnen etwas zu Weihnachten schenken. Dann singen sie noch einmal:

„Noèl la se pou tout malere; 
Kap mal manje kap mal dòmi; 
Anba tout mizè enjistis; 
Panse anvan w fete.“
 

Zu Deutsch: Weihnachten, das ist für alle Armen;
Für die, die nicht genug zu essen und keinen Platz zum Schlafen haben;
Alle, die unter Ungerechtigkeit leiden;
Lasst uns vor dem Fest an all diese Menschen denken…

Als die Mädchen und Jungen aufstehen, ordnen sie die Stuhlreihen und verabschieden sich höflich. Während sie auf die Straße hinausgehen, trifft schon die nächste Gruppe ein. Renise und Ronald rühren mit dem gelben Pulver einen weiteren Bottich Saft an. Es ist genug für alle da. Für 1.200 Kinder.

Anmerkung: Das mouvemanvinplismoun (MVM) ist der derzeit größte Partner der Kindernothilfe für die Arbeit mit Restavèk-Kindern in Haiti. Ab dem kommenden Jahr wird die Kindernothilfe in Kooperation mit MVM auch ein Berufseinstiegs- und Ausbildungsprogramm mit 13- bis 17-jährigen Jugendlichen fördern, die für sich um eine Perspektive kämpfen, um nicht mehr völlig rechtlos und ohne jegliche Bezahlung fremden Familien den Haushalt führen zu müssen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in Haiti rund 250.000 Mädchen und Jungen dieser uralten Form ausbeuterischer Kinderarbeit ausgesetzt sind.

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