Valérie (11) – eine Kinderarbeiterin in Port-au-Prince

Trauma-Arbeit mit Restavèk-Kindern in Haiti

Text: Antonie Hutter und Katja Anger, Kindernothilfe
Foto: Katja Anger

Jeden Morgen legt die elfjährige Valérie einen Gewaltmarsch zurück. Barfuß mit nur ein paar Fetzen Kleidung am Leib, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Ihr Ziel ist die Wasserstelle in Wharf Jérémie, der Armengemeinde in Cité Soleil – dem größten Elendsviertel von Port au Prince. Valérie ist eines von tausenden Restavèk Kindern in Haiti.

In dem Inselstaat arbeiten derzeit bis zu 300.000 Mädchen und Jungen unter sklavenähnlichen Bedingungen in fremden Familien. Bereits vor dem Erdbeben hat die Kindernothilfe Schutz und Bildung von rund 450 Restavèks gefördert. Nach dem Beben hat sich ihre Situation noch verschlimmert. Fern von ihrer Familie haben die meisten Restavèk Kinder das Beben überlebt. In sogenannten Gastfamilien verrichten sie Erwachsenenarbeiten wie das Schleppen von Wasser, Putzen, Kehren; ausgemergelt, geschwächt, die meisten krank.

Das Kinderzentrum in Wharf Jeremie
Um die kleinen Hausarbeiter von der Straße zu holen, hat die Kindernothilfe ein Sofortprogramm gestartet. Zusammen mit dem haitianischen Partner Mocosad bietet sie bis zu 400 Kindern Zuflucht in einem Gemeindehaus für Restavèk-Kinder im Zentrum von Wharf Jeremie. Nach dem Beben war das Gebäude völlig zerstört. Heute steht auf dem Gelände ein Kinderzentrum, gebaut aus Wellblech, Steinen und Planen.

Die Kleinen bekommen eine warme Mahlzeit am Tag, werden pädagogisch betreut und medizinisch versorgt. Einige der Kinder leiden an Hautkrankheiten, vor allem Skabies- Krätze, aber glücklicherweise immer weniger an Unterernährung. „Die größte Überraschung und das schönste Erlebnis waren, dass es viel weniger unterernährte Kinder gibt als ich dachte. Die meisten Kinder die ich gesehen habe, haben eine starke Widerstandskraft“, schätzt Günther Eidelloth, Mediziner der KNH-Landsaid Kooperation die Lage ein. Im Gemeindezentrum übernehmen Kindernothilfe-Mitarbeiter die Ausgabe von Medikamenten und Aufbaunahrung. Rund 15 Lehrer und Lehrerinnen verteilen Schulmaterialien wie Hefte, Bücher und Stifte. Außerdem sind Vorbereitungen für den erdbebensicheren Wiederaufbau des Gemeindezentrums und einer Schule in vollem Gange.

„Ich komme gerne hierher“
Auch Valérie kommt seit vier Monaten zum Unterricht. Seit sie jeden Tag zur Schule geht, hat sie sich gut erholt. „Ich komme gerne hierher. Rechnen ist mein Lieblingsfach.“, lächelt sie. Pädagogen unterstützen sie und die anderen Kinder bei den Hausaufgaben, ermutigen sie, über das Erdbeben zu sprechen und Traumata aufzuarbeiten.

Die Kindernothilfe schenkt diesen entwurzelten Kindern einen Zufluchtsort, und hilft ihnen, die Schule zu beenden, um später eine Arbeit zu finden.

309.000 Kinder leben immer noch in Auffanglagern
Mehr als 180.000 Menschen sind bei den Erdstößen am 12. Januar in Port au Prince und Umgebung ums Leben gekommen, rund 1,5 Millionen Menschen leben noch immer in Auffanglagern und Camps, darunter etwa 309.000 Kinder. Besonders hart getroffen hat es die Randgruppe der Restavèks. Viele dieser Mädchen und Jungen sind seit dem Beben komplett auf sich alleine gestellt. Hier in Notschule und Gemeindezentrum werden sie aufgefangen. „Es sind kleine Erfolgserlebnisse, wie die Tatsache dass Mädchen wie Valérie jeden Tag zu uns kommen, die uns immer wieder in unserer Arbeit bestätigen“, erklärt Madame Sylvie, die Sekundarstufenlehrerin.

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