Nach dem Erdbeben in Chile: Stress und Gewalt nehmen Kinder jeden Schutz


Können Erdbeben so verschieden sein? Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar und dem in Chile vom 27. Februar? Keine Frage wurde uns in diesen zurückliegenden acht Tagen häufiger gestellt als diese.

Würde man es sich einfach machen, könnte man antworten: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass in Haiti über 220.000 Menschen starben – in Chile am Ende 600 oder vielleicht 800. Das Erdbeben in Haiti erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, das im Süden Chiles 8,8, also den fünfhöchsten Wert, der je registriert wurde. In Haiti konzentriert sich die Katastrophe auf ein Gebiet mit einem Durchmesser von nur 120 km, in Chile erstrecken sich die Zerstörungen und Verwüstungen entlang des gesamten Küstenstreifens Zentralchiles und seinem Hinterland, über eine Distanz von 650 km. Die Kosten in den am stärksten betroffenen Regionen Chiles belaufen sich auf geschätzte 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Betrag ist nicht ein einziger Peso enthalten, um den Familien zu helfen, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben.

Doch der wichtigste Unterschied ist: Chile nimmt Platz 44 ein, wenn es um seine Bestimmung des Armutsgrades geht. Haiti auf Platz 149, eine der letzten Positionen überhaupt. In Chile blieben der Staat und seine Autoritäten im Wesentlichen handlungsfähig und präsent, während sie in Haiti praktisch vollends aufhörte, zu existieren.


In dem regelmäßig von verheerenden Beben und Tsunamis heimgesuchten Erdbebenland Chile (Valdivia 1960: 9,5 Richterskala; Santiago, der Hauptstadt, 1985: 7,7; Concepción/Talca jetzt 2010: 8,8) haben es die Menschen gelernt, Gebäude so zu errichten, dass sie selbst bei schwersten Beben nicht sofort einstürzen, sondern ihren Bewohnern eine realistische Möglichkeit geben, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in Port-au-Prince, in Carrefour oder Léogâne in Haiti hatten die Chance nicht.

Trotzdem erlebten die Überlebenden in Süden Chiles die Hölle auf Erde und durchleiden Angstzustände, die den Bewohnern von Port-au-Prince in Haiti in dieser Form erspart geblieben sind. Denn bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben setzte in Concepción und im benachbarten Talcahuano ein Phänomen ein, das die Zeitungen sehr schnell und unzutreffend mit „sozialer Tsunami“ beschrieben. Horden von Plünderern, aus den zusammengestürzten Gefängnissen entkommene Kriminelle und Hunderte von Leuten, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet zu haben schienen, durchzogen die stockdunklen Innenstädte und Wohnviertel, um Alles zu erbeuten, was ihnen in die Hände fiel: zuerst


Geldautomaten und Kassen in den Supermärkten, Apotheken, Tankstellen. Im Fall von Supermärkten und Geschäften, die durch das dreiminütige Beben beschädigt worden waren, bei denen Mauern oder Eingangstüren fehlten, hatten die Plünderer leichtes Spiel. Im Fall aller anderen „supermercados“, Fachgeschäfte, Großhandelsniederlassungen benutzten die „Besucher“ eine andere Technik: Mit gestohlenen Nutzfahrzeugen und Kleinlastwagen rammten sie die Eingangstore, Seitenwände oder Rollgitter so lange, bis sich eine Bresche auftat und auch diese Lokale ausgeräumt – und, um Spuren zu verwischen – hinterher abgefackelt werden konnten.

Verheerende Konsequenzen hatte in den Tagen nach der Katastrophe die Plünderung der Apotheken von Concepción: Während die Rollkommandos hier die Waren mit einigermaßen Wert abräumten, zerstörten sie die Medikamentenregale und trampelten auf den Arzneimitteln herum, so dass tagelang praktisch keine Versorgung mit Medikamenten möglich war. Viele Menschen, denen es gelungen war, einen Teil ihres persönlichen Besitzes aus den zusammenstürzenden Häusern und Wohnungen auf die Straße zu schaffen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen diese wenigen Habseligkeiten gestohlen wurden.

Als wir, zwei Kollegen der Kindernothilfe-Partner-Organisation ANIDE, sowie ein fünfköpfiges Ärzte- und Helferteam von „humedica“ aus Kaufbeuren – und ich – am Abend des dritten Tages nach der Katastrophe in Concepción eintrafen und dort , während der ersten Nacht bei den Feuerwehrmännern der siebten, der „deutschen Kompanie“ an der Plaza Ecuador, Schutz und Unterkunft fanden, berichteten uns die  Besatzung der Feuerwache, dass in der Nacht zuvor zwei andere „Companias de Bomberos“ überfallen und ausgeraubt worden waren. Aus Angst um ihre Familien brachten viele Feuerwehrleute ihre Frauen und Kinder mit ins Feuerwehrhaus, um sie während ihrer Einsätze in Sicherheit zu wissen.

Am Abend des zweiten Tages nach dem Beben hatte sich Präsidentin Bachelet durchgerungen, Concepción und angrenzende Städte unter Kriegsrecht zu stellen,  dem chilenischen Militär die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übertragen und eine tägliche Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 12 Uhr am nächsten Mittag zu verhängen. Den Truppen gelang es tatsächlich, die Plünderungen zu stoppen, Straßensperren zu errichten und die Ausgangssperre mit Waffengewalt durchzusetzen.

Zur Beruhigung der Menschen in den Notunterkünften oder auf der Straße – vor den einsturzgefährdeten Häusern und Wohnungen – trug diese massive Militär- und Waffenpräsenz jedoch nur bedingt bei. Zu brutal und undifferenziert reagierten viele  Soldaten, allesamt in voller Kampfmontur, auf die Einwohner von Concepción, mit denen sie in Berührung kamen. Jugendliche wurden vor unseren Augen mit Gewalt von Pickups heruntergerissen, mussten sich unter vorgehaltener Waffe mit dem Gesicht in den Dreck und Staub werfen, während sie durchsucht wurden. Obwohl wir selbst mit einem Passierschein und einer Genehmigung des chilenischen Gesundheitsministeriums in zwei eigens gekennzeichneten Fahrzeugen unterwegs waren, bekamen wir an den Kontrollpunkten mehr als einmal den geballten Stress der Staatsmacht ab: „Qué quiraí, huevon?“, brüllte mich einer der Soldaten an  – frei übersetzt: „Was willst denn du Arschloch hier?“, um dann sofort seine Waffe auf uns zu richten.

„Sie mögen vielleicht die Ordnung wieder herstellten, aber Ruhe bringen sie keine“, kommentierte die Leiterin eines der von Kindernothilfe unterstützten Projekte (dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte), ihre eigenen Erfahrungen mit den (Besatzungs)-Truppen.

Fairerweise muss an dieser Stelle ebenfalls berichtet werden, dass wir in diesen Tagen auch zahlreiche Soldaten erlebten, die sich besser unter Kontrolle hatten und den Menschen, die sie überprüften, professionell und mit Respekt begegneten – und uns, ganz persönlich, durch Offiziere des chilenischen Heeres mehrfach wichtige Unterstützung zu Teil wurde, um unsere Mission überhaupt erfüllen zu können. Im Fall des „humedica“-Ärzteteams bestand die Aufgabe darin, in dem in einer Schule untergebrachten Notkrankenhaus von Lota Patienten  zu betreuen und vor allem Wunden zu versorgen.

José Horacio Wood, Ruben Inostroza (beide von ANIDE) und ich hingehen mussten es in kürzester Zeit schaffen, alle zehn von Kindernothilfe in Concepción, San Pedro de la Paz, Coronel, Lota, Talcahuano und Talca unterstützten Projekte zu besuchen, Informationen über die jeweiligen Teams und die Kinder zu sammeln, (leider in einigen Fälle doch sehr erhebliche und nur unter hohem Kostenaufwand zu behebende) Gebäudeschäden zu dokumentieren und – vor allem anderen – zu versuchen, mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen erste Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.

Der extreme Stress, unter dem die Erwachsenen stehen, die Tatsache, dass nachts praktisch nicht geschlafen wird, sondern sich die Nachbarn aus Angst vor erneuten Überfällen und Plünderungen organisieren, die Eingänge zu ihrem Wohnviertel abenteuerlich mit Bauschutt und Möbelresten verbarrikadieren und hinter brennenden Autoreifen Wache schieben, hinterlässt auch bei den Kindern Spuren. Für Kinder haben Erwachsene jetzt keine Geduld und keine Zeit.

Deshalb unsere Strategie: Überall dort, wo es möglich ist, initiieren wir kleine Aktivitäten.  Auf der Straße, auf Plätzen, vor den Gebäuden der Projekte, um die Kinder aus der Stresswolke herauszuholen. Die Initiative wird enthusiastisch aufgegriffen und schnell mit konkreten Plänen und Vorschlägen weiterentwickelt: „Das tut auch uns Erwachsenen gut“, sagt Jeanette Riquelme, Direktorin der durch das Erdbeben beschädigten Kindertagesstätte „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas, „wenn die Eltern sehen, dass wieder Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, wird das auch sie psychologisch entlasten.“

Am meisten haben sich die Pädagogen, Therapeuten mit der „Escuela Especial“ in Talca, einem der großen Projekte mit Kindern mit Behinderungen vorgenommen. Obwohl hier zwei Kinder und ihre Familien ums Leben kamen, wurde hier schon wieder mit dem Betreuungsprogramm begonnen: „Gerade unsere Kinder sind so stark traumatisiert, dass sie Nähe und Beistand brauchen“, sagt Pastor Hugo Nuñez, der sich mit meiner Frau zusammen am 27. Februar nur wie durch ein Wunder aus den Trümmern seiner eingestürzten Wohnung hatte befreien können. „Der liebe Gott hat uns nicht überleben lassen“, fügt er verschmitzt hin, „damit wir jetzt die Hände in den Schoss legen“.


Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

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