Haiti: Zwei chilenische Architekten als Therapeuten. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

In den Ruinen der eingestürzten Häuser und Gebäude von Port-au-Prince wird sechs Wochen nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar wieder intensiv gearbeitet: Überall sind Tausende von Männer, Jugendliche und Kinder wie Teile eines riesigen Ameisenheeres damit beschäftigt, alles, was an Metall- und Eisenteilen abzusägen, herauszubrechen oder freizulegen ist, zu ergattern, abzutransportieren und zu verkaufen. Die ganze Stadt gleicht einem gigantischen Steinbruch. Für Schrotthändler ist Port-au-Prince derzeit so etwas wie das El Dorado der Karibik.

Wer in dieser Stadt richtig Geld hat – und das sind vor allem die Banken, einige Supermärkte und Autohändler – aber auch große Firmen wie die alles beherrschenden Telefongesellschaften „Digicel“ und „Voilà“, die den Haitianern mit ihrem pre-paid-Handy-Systemen noch den letzten Gourde aus der Tasche ziehen, lassen ihre beschädigten Gebäude professionell abreissen und den Schutt entsorgen. Die Tages-Mietpreise für einen Bagger oder einen schweren Lastwagen haben astronomische Höhen erreicht. Aber – und das ist unübersehbar – die Schockstarre der ersten Wochen nach der schwersten Katastrophe in der Geschichte Haitis beginnt sich zu lösen, die Ab- und Aufräumphase hat begonnen.

Auch für Kindernothilfe: Während wir einerseits weiter mit aller Kraft daran arbeiten, das Kinderzentren-Programm auszuweiten und mit Notschul- und Trauma-Care-Projekten  inzwischen rund 2.318  Mädchen und Jungen erreichen, haben die beiden chilenischen Kollegen in unserem Team, Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada, in dieser zu Ende gegangenen Woche mit ihren professionellen Ressourcen zur psychologischen Trendwende beigetragen. Pablo und Alvaro sind Architekten, Experten in Stadtteilentwicklung und erdbebensicherem Bauen – aber vor allem auch Kommunikationstalente.

„Wir kommen aus einem Land“, erklärt Pablo den fasziniert zuhörenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Coupeau, einer kleinen Berggemeinde südlich von Carrefour, dort, wo die von Kindernothilfe und der Dorfgemeinschaft selbst gebaute Schule am 12. Januar in sich zusammengestürzt ist, „wo es alle vier Jahre schwere Erdbeben gibt, viele von ihnen schwerer als das, das Ihr erlebt habt“. Die Chilenen, so seine Botschaft, hätten, um zu überleben, lernen müssen, erdbebensicher zu bauen, sich auf Katastrophen vorzubereiten und mit ihnen umzugehen.

Mitten in der Ruine der kleinen Schule, von der nur noch die Stützpfeiler und einige Mauerteile stehen, erläutert er gestenreich, wie beim Wiederaufbau vorgegangen werden muss, damit das Gebäude dem nächsten Erdbeben standhält, mit eisenbewehrten Stützopfeilern, soliden Trägern und Verstreben, die dem Gebäude Stabilität verleihen. „Wir kommen wieder“, verspricht er den Kindern und Jugendlichen – und ihren Eltern, „um mit Euch allen zusammen diese Schule wieder aufzubauen und mit Euch zu lernen, wie das auf eine erdbebensichere Weise geschehen kann.“

Nicht nur die Menschen in Coupeau sind von der Idee, dass aus den Ruinen wieder solide, sichere Gebäude entstehene können, wie elektrisiert: In „Fort National“, dem großen Bidonville (Armenviertel) in Delmas Deux, wo vor der Katastrophe eine der von Kindernothilfe finanzierten Heilsarmee-Schulen von Port-au-Prince funktionierte, beobachten die Nachbarn jeden Schritt, jede Handbewegung der beiden chilenischen Architekten, die sorgfältig Quadratmeter für Quadratmeter der Ruinenlandschaft um die Schule herum mit ihrem Laser-Messgerät abtasten und kartographieren. Ermina Brice (10), eines der Kindernothilfe-Patenkinder aus diesem Projekt und ihr Bruder Rony (12), wollen uns gar nicht mehr gehen lassen – sondern fragen immer wieder, wann denn es denn mit der Schule wieder losgeht. „Diese Schule ist alles, was die Menschen in diesem Armenviertel je hatten“, sagt uns der Pastor, der mit seiner Familie direkt neben dem Ruinenfeld lebt: „Zu sehen, dass Ihr und die Heilsarmee Euch Gedanken darüber macht, diese Schule neu zu erbauen, ist für uns ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.“

Von allen Seiten werden die beiden Architekten bestürmt, zu erklären, wie denn die neue Schule von „Fort National“ aussehen wird. Doch dafür muss erst einmal das alte Gebäude, das angesichts seiner schweren baulichen Schäden nicht mehr zu retten ist, abgetragen – und all der Schutt entsorgt werden. Eine gigantische Aufgabe! „Drei Kinder aus dieser Schule sind gestorben“, sagt uns eine Mutter, „wir würden Alles dafür geben, dass sie noch am Leben wären.“ Insgesamt sind es nach dem bisherigen Erkenntnisstand sogar 19.000 Menschen, die allein in diesem Stadtteil ums Leben kamen. Kindernothilfe hat sich gegenüber ihrem Partner, der Heilsarmee, dafür verbürgt, die „Ėcole Fort National“, die einzige Schule in weitem Umkreis, wieder aufbauen zu helfen. Die beiden chilenischen Architekten, Pablo und Alvaro, werden von den Kindern und Erwachsenen wie Helden verabschiedet, per Handschlag und Umarmung.

Doch das größte und symbolträchtigste Bauvorhaben, zu dem wir uns verpflichtet haben, ist der Neubau einer Schule für 1800 Mädchen und Jungen auf dem Gelände der „Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant Jesus“ in Riviere Froide, im Süden von Carrefour – jenem Ort, an dem 150 Kinder, vier Ordensschwestern, fünf Lehrerinnen und Lehrern unter den Trümmern der komplett eingestürzten alten Schule der „Kleinen Schwestern“ starben. Über vier Wochen nach der Katastrophe hat es gedauert, bis wir mit den Schwestern über dieses Vorhaben sprechen konnten, vier Wochen behutsamer Trauerarbeit, kontinuierlicher Präsenz und diskreter Unterstützung mit dem Lebensnotwendigsten: Wasser, Planen, Lebensmittel. Drei Tage lang begehen Pablo und Alvaro zusammen mit den Schwestern das ausgedehnte Gelände, vermessen, zeichnen, lassen sich sagen, wie sich die tapfere Ordensgemeinschaft, mit der Kindernothilfe seit über acht Jahren kooperiert, ein neues Schulgebäude vorstellen könnte.

Klar ist, dass nicht dort gebaut werden soll, wie die alte Schule all die Kinder, Ordensfrauen und Lehrer unter sich begrub. An dieser Stelle wünschen die Schwestern eine Gedenkstätte, einen Platz mit schönen, großen Bäumen, mit einem Stein, auf dem die Namen aller Toten stehen.  

Die therapeutische Wirkung der Architektenpräsenz auf dem Hügel von Riviere Froide ist augenfällig: Immer engagierter diskutieren die Schwestern mit den beiden chilenischen Kollegen im KNH-Team, immer mehr Ideen und Vorschläge für die Ausgestaltung der neuen Schule werden entwickelt. Und immer mehr Kinder schreiben sich, während an den Plänen für dieses große Projekt geschmiedet wird, für den provisorischen Unterrichtsbeginn unter freiem Himmel und Zeltplanen ein. Am Ende dieser Woche sind es bereits 1200 Mädchen und Jungen.

Trotzdem ist dieser mutmachende Prozess immer wieder auch mit Tränen und Verzweiflung verbunden. Am Samstagabend, nach tagelangen Beratungen, sagt uns Soeur Giséle Chaperon, die tapfere Schulleiterin der Sekundarstufe: „Wir haben verstanden, dass wir am Ende Bagger und schweres Gerät brauchen, um den Schutt und die ganzen Betonteile wegzuräumen.“ Die ganze Zeit über hatten die Schwestern gehofft, dass es möglich sein würde, mit der Unterstützung ihrer Freunde, der Bauernfamilien aus den Dörfern rund um Carrefour, ein „Conbit“, eine Gemeinschafts-Aktion, zu organisieren, die Ruinen der Schule abzutragen und die Leichen der toten Kinder und Erwachsenen einzeln zu bergen.

Pablo Guzmán hatte die ganze Zeit über behutsam versucht, zu erklären, dass das mit aller menschlichen Arbeitskraft der Welt nicht möglich sein würde, dafür sind die tonnenschweren Betonplatten, die da in sich zusammenstürzten, einfach zu schwer. Am Ende verabschieden die Frauen die beiden chilenischen Spezialisten mit Umarmungen und Segenswünschen. Jetzt geht es darum, einen ersten Entwurf für die neue Schule von Riviere Froide zu entwickeln, dann kommen die Architekten wieder, um über die Details zu diskutieren. „Uns ist klar geworden, dass Kindernothilfe es wirklich ernst meint mit dem Neubau dieser Schule“, sagen uns Soeur Giséle und ihre Kollegin, die Schulleiterin der Grundschule, Soeur Evanette, „dieses Projekt ist für uns wie ein Zeichen dafür, dass es nach jeder Nacht einen Morgen gibt – und Gott nicht will, dass die Arbeit mit den Kindern aus Riviere Froide unter diesen Ruinen ein Ende gefunden hat.“

Jürgen Schübelin (21.02.2010)

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