„Blau ist die Farbe der Hoffnung.“ Ein Beitrag von Helmut Michelis

217.000 Todesopfer, 250.000 zerstörte Häuser, Hunderttausende Menschen warten noch immer verzweifelt auf Hilfe. Die Zwischenbilanz ist erschreckend. Aber es gibt unübersehbare Fortschritte. Auch ins Epizentrum des Erdbebens, nach Leogane, sind inzwischen deutsche Helfer vorgestoßen.

Das Grau der Trümmer wird auf den Luftbildern von der haitianischen Hauptstadt mehr und mehr mit leuchtend blauen Flecken durchsetzt: von den Hilfsorganisationen gelieferte Plastikplanen. Damit schützen sich die in Parks, auf Sportplätzen und auf der Straße lebenden Erdbebenopfer vor der Sonne – und vor dem mit Schrecken erwarteten Regen. „Das Leid ist immer noch unvorstellbar“, berichtet Steffen Richter von der Hilfsorganisation Humedica (Kaufbeuren), die sich für Haiti mit der Duisburger Kindernothilfe zusammengeschlossen hat.

Die 30 deutschen Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern operieren an drei Stellen im Stadtgebiet noch immer fast ohne Pause. Neuestes Projekt ist eine Prothesen-Werkstatt im Krankenhaus „Espoir“, die den vielen amputierten Erdbebenverletzten das Leben erleichtern soll. Die Kindernothilfe plant mittlerweile ein viertes Zentrum für die jüngsten Opfer des furchtbaren Bebens vor einem Monat.

Humedica-Helfer sind unterdessen als erste Mediziner ins verwüstete Epizentrum des Bebens, Leogane, vorgestoßen. Das Team bietet in einem Zeltlager ärztliche Basisversorgung an. „Bereits um fünf Uhr früh warten die ersten Patienten geduldig. Häufigste Beschwerden sind Durchfallerkrankungen, Pilzinfektionen und Lungenentzündungen“, berichtet Humedica-Mitarbeiterin Ruth Bücker.

Die Einheimischen seien Smog, Dreck und Sonne ausgeliefert, ihr Immunsystem werde dadurch stark geschwächt. Bücker: „Dass sie nicht genug zu essen und keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, erschöpft die Menschen zusätzlich. In der bevorstehenden Regenzeit rechnen wir vermehrt mit Fällen von Malaria und Dengue-Fieber.“

Trotzdem sind die Helfer optimistisch. „Unsere Arbeit macht ständig Fortschritte. Wir spüren, wie willkommen die Hilfe bei der Bevölkerung ist“, sagt der Einsatzleiter des Technischen Hilfswerks (THW) in Port-au-Prince, Stefan Tahn. „Das ist unser größter Lohn.“ Seit dem 18. Januar laufen die THW-Trinkwasseranlagen in Haiti rund um die Uhr, inzwischen auch in Leogane. „Wir haben bislang 3,5 Millionen Liter Wasser aufbereitet“, so Tahn. Trinkwasser gehöre weiterhin zu den am dringendsten benötigten Versorgungsgütern.

„Die Menschen sind sehr dankbar“, bestätigt Ruth Bücker, die gerade eine Verteilaktion von Babynahrung begleitet hat. Berichte von Aggression und Gewalt könne sie nicht bestätigen. „Bei uns läuft alles friedlich.“

„Am Anfang habe ich nur darüber nachgedacht, was medizinisch gemacht werden musste“, berichtet die Mönchengladbacherin Britta Merten. Die Chirurgin, die am Krefelder Helios-Klinikum arbeitet, ist gerade aus Haiti zurückgekehrt. Erst nach einigen Tagen habe sie Zeit gefunden, mit Patienten ins Gespräch zu kommen.

Die Schicksale von Menschen, die stundenlang verschüttet waren, oder die Geschichte eines jungen Mädchens, dessen rechte Hand nicht mehr zu retten war, hätten sie schon sehr berührt. Inzwischen belebe sich die Stadt wieder, „Ich fand es eher schade, wieder gehen zu müssen. Andere deutsche Ärzte übernehmen nun meine Aufgabe.“

Humedica und Kindernothilfe richten sich auf einen zweijährigen Einsatz in Haiti ein und haben dafür ein gemeinsames Büro in Port-au-Prince eröffnet. Ein größeres Projekt ist die Verteilung von Werkzeug und Baumaterial an Familien. „Damit können sie sich zumindest für die nächsten Monate behelfsmäßig eine geschützte Unterkunft schaffen“, so Richter.

In zwei Kinderzentren im Stadtzentrum betreut die Kindernothilfe 800 Mädchen und Jungen von drei bis sechs Jahren und schützt sie so auch vor sexuellen Übergriffen. Ein drittes Zentrum in der Nähe der zusammengestürzten Schule „Francois de Sales“ bei Carrefour sowie ein viertes an der Grenze zur Dominikanischen Republik seien geplant.

„Zum Teil sind die Kinder ohne Begleitung und sehr aufgewühlt. Wir müssen ihnen Schutz und Sicherheit bieten und mit ihnen gemeinsam das Erlebte überwinden“, so Vladimir Constantin, Psychologe der Kindernothilfe, die Herausforderung. 

Der massive Einsatz internationaler Helfer in Port-au-Prince sorgt auch für skurrile Nachrichten. So tauchte im „Espoir“ ein US-Fernseharzt der Serie „The Doctors“ auf, vertrieb mit Erlaubnis der Klinikleitung die deutschen Ärzte aus dem Operationssaal und führte vor laufenden Kameras eine Schönheits-Operation an einer Stirnnarbe eines kleinen Jungen durch. Das Humedica-Team um Norman Hecker, Anästhesist am St. Marien-Krankenhaus in Ratingen, schäumte vor Wut. Denn draußen mussten 18 Schwerverletzte warten.

Helmut Michelis ist Mitarbeiter der RP und hat die Arbeit der Kindernothilfe und Humedica beobachtet.

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