Haiti: Bei den Kindern von Jimaní. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

 

(Port-au-Prince, 11.02.10) In Jimaní kann man sich nicht verfahren: „Da am Ende der Straße, da findet Ihr das Centro de Nutrición“ sagen uns die Frauen, die Früchte auf dem Weg verkaufen. Am Ziel werden wir bereits erwartet. Flavia Floriano und Sonis Pérez wollen uns ihr Projekt zeigen, ein nagelneues, gelbgestrichenes Gebäude mit hellen Räumen und einem schönen Innenhof: „Ein paar Tage vor Weihnachten haben wir dieses Zentrum eingeweiht – und drei Wochen später kam die Katastrophe“, sagt Flavia, die Ältere. Dass wir, als es darauf ankam, dieses Haus zur Verfügung stehen hatten, war wie ein Geschenk, fügt sie leise hinzu.

Bereits am frühen Morgen des 13. Januars, wenige Stunden nach furchtbaren Erdbeben – 100 Kilometer weiter – in Port-au-Prince, kamen die ersten Kinder und auch Erwachsene aus Haiti, die meisten von ihnen schwerverletzt und alle völlig traumatisiert. Menschen, die ein Auto hatten, Lastwagenfahrer, wildfremde Leute mit einem Bus, hatten die Kinder und anderen Schwerverletzten einfach eingeladen und über die Grenze gefahren, nach Jimaní, dem ersten Ort auf dominikanischer Seite. In dem kleinen Krankenhaus wurde während der ersten Tage nach dem Erdbeben praktisch ununterbrochen operiert, Brüche und schwere offene Wunden versorgt – aber auch amputiert, weil die Gliedmaßen nicht mehr zu retten waren. Da das Krankenhaus schon sehr bald an seine Grenzen stieß, wurde das „Centro de Nutrición y Formación Técnica San José“, genannt nach dem Schutzheiligen der Katholischen Pfarrgemeinde von Jimaní, einfach zum Lazarett für Kinder. 38 schwerverletzte Mädchen und Jungen wurden in dem Monat, der seit dem Erdbeben vergangen ist, hier versorgt, nachbetreut, wieder aufgepäppelt. Hinzu kommen all diejenigen, die ohne äußerliche Verletzungen – aber unter Schock und völlig traumatisiert in Jimaní gestrandet sind.

Die Sprachprobleme hat das Team im „Centro de Nutrición“ relativ schnell überwinden können. Zwei junge haitianische Ärzte nahmen sich der Kinder an und auch die Freiwilligen aus der Pfarrgemeinde San José und vom Roten Kreuz in Jimaní, die rund um die Uhr in dem Centro Dienst tun, haben in wenigen Tagen so viel an Kreole gelernt, um sich mit den Kindern verständigen zu können. Aber es gibt auch einige Mütter und zwei Väter, die es mit den verletzten Kindern bis hierher geschafft haben.

Inzwischen schwankt die Zahl der kleinen Patienten. Zum Zeitpunkt unseres Besuches gibt es neun Kinder, deren Wunden versorgt und für die das Projekt die Nachsorge übernommen hat, einige von ihnen mit amputierten Gliedmaßen. Aber es treffen immer noch neue Kinder ein – die entweder aus dem Krankenhaus zur Nachsorge verlegt werden konnten – oder die es irgendwie doch über die mittlerweile wieder abgeriegelte Grenze und gut bewachte Grenze geschafft haben. Für die kommenden drei Monaten will das Team um Padre Roselio Díaz, den Pfarrer der San José-Gemeinde, Blanca Díaz, seine engagierte Assistentin, die so etwas wie das Management des Projektes übernommen hat, in dem eigentlich Jugendliche aus Jimaní hätten ausgebildet werden sollen, Marcus López vom Pfarrgemeinderat, Flavia Floriano und Sonis Pérez – allesamt Freiwillige – ihr Haus weiterhin für die Kinder aus Haiti zur Verfügung stellen.

Ihre kleinen Patienten haben indes nur einen Wunsch: Sie wollen nach Hause, zu ihren Familien. Das ist jedoch gar nicht so einfach: „Zuerst müssen wir herausfinden, wo es Verwandte der Kinder gibt und wo sie werden leben können“, erklärt Flavia. In einigen Fällen ist die Familienzusammenführung bereits gelungen. Eine Reihe von Kindern aus dem Projekt konnte zu Angehörigen in Ganthier oder Croix des Bouquets, zwei Orte entlang der Straße nach Port-au-Prince, wo die Erdbebenschäden nicht ganz so verheerend ausgefallen sind, zurückkehren.

In anderen Fällen wird das nicht möglich sein, weil keine Verwandten gefunden werden können. Padre Roselio, der der Ordensgemeinschaft der Claretiner angehört, hat alle möglichen Kirchenkontakte in Port-au-Prince mobilisiert, um bei Suche nach Lösungen zu helfen. Eine der Aufgaben in den kommenden Wochen und Monate, dann wenn die Wundstümpfe der Kinder mit amputierten Gliedmaßen verheilt sind, wird auch darin bestehen, den kleinen Patienten zu Prothesen zu verhelfen und ihnen bei der Rehabilitation behilflich zu sein. Dazu gehört auch, sie dabei zu unterstützen, den erlittenen Schock zu überwinden. In dem hellen gelben Gebäude, wo die Kinder auf Matratzen am Boden liegen, wird deshalb ganz viel gespielt, gesungen, gelacht. „Wenn wir mitbekommen, dass die Kinder über uns Witze machen, weil wir einfach nicht richtig Kreole sprechen“, freut sich Blanca Díaz, „wissen wir, dass es ihnen langsam wieder besser geht“. Kindernothilfe unterstützt die Pfarrgemeinde San José in Jimaní bei ihrer selbstgestellten Aufgabe. Als wir uns von den Kindern, dem Pflegeteam und den Freiwilligen verabschieden und ich nach Port-au-Prince zurückfahre, sagt Flavia zum zweiten Mal an diesem Tag: „Gottseidank, dass wir es geschafft haben, dieses Zentrum rechtzeitig zu Ende zu bauen. Was für ein Glück!“ Ja, antworte ich, was für ein Glück!

Jürgen Schübelin, Referatleiter Lateinamerika und Karibik, derzeit in Haiti, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin und Christian Jung

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