Kampf gegen das Chaos: Ein Rückblick auf das Beben in Haiti

Gestern Abend bei einem prominenten Nachrichtenmagazin: Der Beitrag, der zum Thema Haiti läuft, dauert exakt 30 Sekunden und läuft irgendwo am Rande der  Nachrichtenlage. Man hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, neues Filmmaterial einzusetzen. Ich bin schier ensetzt: Es hat keine 2 Wochen gedauert, da ist eine Katastrophe eines solchen Ausmaßes schon wieder aus den Medien verschwunden.

Meine Kollegin Gunhild Ayiub und ich produzierten just zum Zeitpunkt der Katastrophe unser aktuelles Spendermagazin. Einige von Ihnen kennen es vielleicht. Aus aktuellem Anlass revidierten wir einen Artikel und schrieben einen neuen Text zur Lage in Haiti.  Um uns die Bilder noch einmal vor Augen zu halten, wie schlimm die Tragödie für das arme Land Haiti ist, lassen wir Sie noch einmal mit uns zurückblicken.

Dienstag, 12.01.2010
Es ist später Abend, als die ersten spärlichen Meldungen im Fernsehen, Rundfunk und Internet laufen: In der Hauptstadt Haitis, Port-au- Prince, hat es ein Erdbeben der Stärke 7,0 gegeben. Verletzte und Tote überall. Viele Kindernothilfe-Mitarbeiter hören von der Nachricht an diesem Abend. Geschockt. Besorgt. Unruhig. Sechs Kindernothilfe-Projekte sind in und um Port-au-Prince angesiedelt. Mitarbeiter versuchen Alinx Jean-Baptiste, Koordinator von KNH-Haiti, zu erreichen. Das Telefon bleibt tot.

Mittwoch, 13.01.2010
Das Ausmaß der Zerstörung wird erst jetzt richtig sichtbar. Die Meldungen überschlagen sich: Port-au-Prince liegt in Schutt und Asche. Tausende von Toten und Verletzten. Drei Millionen Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Kindernothilfe-Paten rufen in der Zentrale an und wollen Informationen über ihr Patenkind. Aber die Kindernothilfe hat keine Informationen aus erster Hand. Denn Alinx Jean-Baptiste, bei jeder Katastrophe ein Fels in der Brandung, meldet sich nicht. Die Sorge in der Kindernothilfe-Zentrale, dass er sowie viele Mädchen und Jungen in den Projekten tot sein könnten, ist groß. Die Kindernothilfe sagt eine Soforthilfe von 50 000 Euro zu und beginnt mit der Koordinierung der Hilfe vor Ort.

Donnerstag, 14.01.2010
Am nächsten Morgen die Erleichterung: Jean-Baptiste meldet sich per Mail. Er und seine Familie haben überlebt. Später berichtet er: „Als das Beben begann, war ich mit unserem Buchhalter im Büro. Wir rannten auf die Straße, um uns zu retten. Wir rannten um unser Leben.“ Die Gebäude der Heilsarmee-Projekte in Port-au-Prince, die seit Jahrzehnten von der Kindernothilfe gefördert werden, sind schwer beschädigt worden, erfahren wir. Aus einem Projekt in Carrefour, in dem 400 Restavèks (Kinder, die in fremden Haushalten arbeiten müssen) betreut werden, fehlt jede Nachricht. Auch Angaben über Tote oder Verletzte unter den Patenkindern gibt es noch nicht. Da ist zum Beispiel das Patenkind der evangelischen Gemeinde in Warendorf. Sie unterstützt den Jungen seit vielen Jahren. Was aus ihm geworden ist, weiß bislang niemand.

Die Kindernothilfe stockt ihre Soforthilfe auf 100 000 Euro auf und beschließt eine Zusammenarbeit mit humedica, einem Verein, der sich mit Hilfe von Ärzten und Schwestern um die medizinische Versorgung in Katastrophenfällen kümmert. Der Kindernothilfe-Koordinator Ruben Wedel, der drei Jahre lang in Haiti gelebt hat, begleitet die Mediziner. Donnerstagabend bricht das Team, bestehend aus vier Ärzten, einer Krankenschwester, einem Pfleger sowie zwei Koordinatoren und Ruben Wedel, vom Frankfurter Flughafen auf Richtung Haiti. Im Gepäck: Medi-Kits, mit denen bis zu 3 000 Patienten erstversorgt werden können: Knochenbrüche, Wundversorgung, Not-OPs. Tabletten für die chemische Wasseraufbereitung für bis zu 100 000 Liter sind auch dabei. Ein kleiner erster Schritt auf einem langen Weg der Nothilfe. Abends berichten die Medien von der zunehmend angespannten Sicherheitslage. Weil die Nothilfe nur langsam anlaufe, seien viele Überlebende wütend und verzweifelt. Es komme auch zu Plünderungen. Die Menschen versuchen immer noch mit bloßen Händen, Überlebende auszugraben.

In der Geschäftsstelle stehen die Telefone nicht still. Immer mehr Menschen – Paten, Unternehmen, Gemeinden, Privatpersonen –  wollen sich engagieren, kündigen Aktionen an, um Spenden zu sammeln, bitten um Poster und Spendendosen. Die Online-Spenden haben die 100 000 Euro-Marke überschritten.

Freitag, 15.10.2010
Am nächsten Morgen steht der telefonische Kontakt mit Alinx Jean-Baptiste, der auf Hilfe drängt. Er berichtet von einer chaotischen Situation. Es fehle an Wasser, Medikamenten und an Treibstoff. Einer seiner Mitarbeiter habe mehrere Stunden wegen Benzin angestanden. Ohne Erfolg.
Das Ärzteteam und Ruben Wedel sind in der Zwischenzeit in der Dominikanischen Republik gelandet. Dort beladen sie ihren Konvoi mit den Hilfsmitteln und decken sich für zwei Wochen mit Lebensmitteln, Wasser und Treibstoff ein. Der Weg über den Zoll läuft reibungslos. Am frühen Nachmittag twittert Ruben Wedel: „Wir stehen jetzt im Stau und kommen nur langsam voran. Hoffen, Port-au-Prince noch heute zu erreichen.“ Von Deutschland aus hat die Kindernothilfe ihre Soforthilfe auf 200 000 Euro aufgestockt. Die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ und viele andere sagen ihre Hilfe zu.

Samstag, 16.10.2010
Vier Tage sind jetzt seit dem Beben vergangen. Doch die Hilfe erreicht die Überlebenden nur schleppend. Für viele Verschütteten kommt jede Hilfe zu spät. Leichen liegen auf den Straßen, Verwesungsgeruch breitet sich über der Stadt aus. Die Regierung berichtet von bislang 50 000 Toten. Wie hoch die Zahl am Ende sein wird, wagt niemand zu sagen. Auf den Straßen befinden sich immer mehr unbeaufsichtigte Kinder. Aus Angst vor dem Ausbruch von Seuchen versucht man, die Leichen zu beseitigen. Auf dem Weg durch die Stadt kommen Ruben Wedel und Alinx Jean-Baptiste an einem Friedhof vorbei: „Hier verbrennen sie die Menschen einfach.“ Das Ärzteteam von humedica hat ein Notfallzentrum im „Krankenhaus der Hoffnung“ eingerichtet, behandelt Verletzte. Darunter ein Mädchen, das drei Tage unter den Trümmern begraben lag und schließlich gerettet wurde. Es gibt auch solche Augenblicke, die Hoffnung machen. Auch im College Verena, einer von der Kindernothilfe geförderten großen Heilsarmee-Schule für 2 000 Mädchen und Jungen, ist Hilfe dringend angezeigt. Die Helfer schlafen kaum und wenn, dann mit den Verletzten auf einem Fußballfeld unter freiem Himmel.

Air Berlin und die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ sagen zu, einen Hilfstransport mit rund 30 000 Tonnen Hilfsgütern in das Krisengebiet zu organisieren. Ein Anfang. Doch was kommt danach? So lautet die bange Frage. Für Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, den Vorstandsvorsitzenden der Kindernothilfe, ist eines besonders wichtig: „Unser Mandat sind die Kinder!“ Weil die Infrastruktur in Haiti komplett zusammengebrochen sei, dauere die Erstversorgung hier länger als bei anderen Katastrophen. Dennoch: „Haiti ist das Land der Restavèks. Wir müssen uns vor allem jetzt um die Mädchen und Jungen kümmern, die in dieser dramatischen Lage völlig schutzlos sind. Leider kommt es gerade in diesen Situationen immer wieder zu Übergriffen von Gewalt und Missbrauch.“

Sonntag, 17.01.2010
Die Arbeit in der Kindernothilfe-Zentrale in Duisburg geht für einige Mitarbeiter weiter. Journalisten werden informiert, Stiftungsrätin Christina Rau wird abends in der ARD-Talkshow bei Anne Will Rede und Antwort über die Situation der Kindernothilfe-Projekte stehen. Die Kindernothilfe ist Partner des Bündnisses „Entwicklung hilft“, für das während der Sendung zu Spenden aufgerufen werden soll. Die Online-Spenden über die Kindernothilfe-Website gehen mittlerweile im Zwei-Minuten-Takt ein und überschreiten am Nachmittag die 200.000 Euro-Marke.

Schätzungsweise 400 Familien sind auf dem Gelände des College Verena untergebracht. Jean-Baptiste: „Die Heilsarmee versorgt sie, so gut sie kann. Der Schulkomplex hatte auch eine Großküche mit einem Lebensmittellager – Reis, Öl, Bohnen. Heute wurde die letzte Mahlzeit gekocht – jetzt haben wir nichts mehr.“

Auf dem Gelände des College Verena bekommen Frauen unter freiem Himmel Kinder. 20 Meter weiter laden Menschen immer wieder Leichen vor der Tür der Heilsarmee ab. Die humedica-Ärzte arbeiten bis zur Erschöpfung. „Gestern, das war die Hölle“, sagt Alinx, „bis abends haben die Ärzte 500 Kinder und Erwachsene behandelt. Jetzt sind alle Medikamente verbraucht. Wir warten dringend auf Nachschub.“

Der ist auf dem Düsseldorfer Flughafen angekommen. In einem logistischen Kraftakt stellen die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ und die Luftfahrtgesellschaft Air Berlin einen Hilfstransport für humedica und Kindernothilfe nach Puerto Plata in der Dominikanischen Republik bereit. 30 Tonnen, darunter Wasserfilter, Babynahrung, medizinische Versorgung, Nahrungsmittelzusätze und Hygiene-Artikel. 15 humedica-Ärzte begleiten die Hilfsgüter. Von der Dominikanischen Republik aus geht es auf dem Landweg weiter nach Haiti. Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik, ist vor Ort, um den Weitertransport zu organisieren. Auf dem Flughafen in Port-au-Prince landen zwar auch Maschinen mit Hilfsgütern. Doch an der Koordination scheitert es noch. „Es ist schwierig, Transportmöglichkeiten nach Haiti zu finden“, berichtet er aus Santo Domingo. „und wenn, dann nur zu horrenden Kosten.“ Aber er hat auch Positives beobachtet: „Die Katastrophe hat die Einstellung vieler Menschen und der Politiker hier, die den Haitianern bisher mit Ablehnung und Rassismus begegneten, verändert. Es gibt große Solidaritätsaktionen, viele Menschen engagieren sich, spenden Geld und Lebensmittel. Alle Fahnen hängen auf Halbmast…“

Dann erreicht uns eine Meldung von Ruben Wedel. Das Kindernothilfe- und humedica-Team hatte sich gestern bis nach Carrefour durchgekämpft. Ein nicht von der Kindernothilfe gefördertes Projekt und das Wohnhaus der „Kleinen Schwestern“, einem der Kindernothilfe-Partner, sind eingestürzt. 130 Schüler und einige Schwestern konnten nur noch tot geborgen werden.  Die Überlebenden sind so stark traumatisiert, dass sie bisher noch keine Nothilfe für die anderen Projekte organisieren konnten.. Die sechs Bildungszentren der Kindernothilfe in den Bergen sind auch alle eingestürzt. Gott sei Dank wurden keine Kinder verletzt. Das Verwaltungsgebäude eines weiteren Partners im Stadtzentrum sowie seine von der Kindernothilfe unterstützte Schule und die dazu gehörige Klinik in Carrefour wurden komplett zerstört. Es gibt immer noch kein Lebenszeichen von den Mitarbeitern dort.

Wen das ganze Magazin mit seinen lesenwerten Beiträgen interessiert: http://www.kindernothilfe.de/magazin_uebersicht-path-2,8.html

Gunhild Aiyub und Simone Orlik,
Redakteurinnen, pressestelle@knh.info

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