Helmut Michelis berichtet: Im Krankenhaus der Hoffnung in Haiti

Haiti: So viel Leben retten wie möglich – unter unvorstellbaren Bedingungen kämpfen sich die Ärzte vom Kindernothilfe-Partner Humedica, aus Nordrhein-Westfalen im Hospital „Espoir“ gegen die Zeit. Der Reporter der Rheinischen Post, Helmut Michelis, verbrachte einen Tag in der Klinik in Port-au-Prince.

7.30 Uhr: Die acht Ärzte der Hilfsorganisation „Humedica“ bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Was sie jetzt nicht einpacken, auf das können sie in den nächsten Stunden nicht mehr zurückgreifen, denn Fahrzeuge sind Mangelware für die Helfer und der Weg zu Fuß ist zu gefährlich. Zeitgleich startet ein zweites Team von „Humedica“ mit dem Bonner Arzt Michael Brinkmann zur Erstaufklärung in das Epizentrum des Bebens nach Leograne, ein drittes Team betreibt ein weiteres Krankenhaus in Port-au-Prince.

8.00 Uhr: Abfahrt von der christlichen Schule, die den internationalen Helfern als Stützpunkt dient, zum Hospital „Espoir“ (französisch für Hoffnung) im Ortsteil Delmas, nur etwa drei Kilometer entfernt. Der dominikanische Fahrer der Hilfsorganisation „World Vision“ (man hilft sich untereinander) quält sich über Buckelpisten, vorbei an Zeltlagern für Erdbebenopfer und die Straßen säumende Menschenmassen.

8.14 Uhr: Mehrere laute Knalle sind zu hören. Schüsse? Oder nur eine Fehlzündung bei einem der unzähligen, sich vorwärts quälenden Autos, die aus europäischer Sicht schrottreif sind? Wir fahren einfach weiter, eine Flucht wäre ohnehin nur in Schrittgeschwindigkeit möglich. „Verlassen Sie die Klinik zu Fuß bloß nicht“, rät einer der Begleiter. „Das könnte gefährlich werden.“ Denn die Stimmung derer, die noch keine Hilfe bekommen haben, wird zunehmend aggressiver; schon die „normale“ Gewaltkriminalität ist eine Geißel Haitis.

8.27 Uhr: Ankunft am Hospital, das unerwartet aufgeräumt wirkt: Die Trauben Hilfesuchender der ersten Tage sind verschwunden, auf dem Hof liegen ordentlich aufgereiht unter Zeltdächern die Patienten. Gegenüber dem Tor haben vier haitianische Polizisten mit Gewehren Stellung bezogen. „Das ist schon beruhigend“, meint der Medizinstudent Simon Oeckenpöhler aus Moers, der sich wie alle anderen freiwillig zu diesem Einsatz gemeldet hat. Er hat das Hospital, eigentlich eine Kinderklinik, mit wieder geöffnet: „Das einheimische Personal hat nach dem Beben so lange weitergemacht, bis alles Material aufgebraucht war. Dann ist es geflohen.“

8.29 Uhr: Norman Hecker, Anästhesist aus Ratingen, bereitet die erste Operation vor, wühlt in Regalen und Kisten und meint augenzwinkend: „Das ist hier nicht wie in unserem Sankt-Marien-Krankenhaus.“ Auf dem Boden liegt ein Akku-Bohrer aus dem Baumarkt. Auch damit wird gleich operiert. „Da uns zunächst eine Knochensäge gefehlt hat, mussten wir  in den ersten Tagen Amputationen mit meinem Taschenmesser vornehmen“, berichtet
Oeckenpöhler. An der Decke im Gang klebt ein in der Mitte offenes Pflaster mit einer Glaslinse darin. Dieses einfache Einsturz-Warnsystem haben Experten des deutschen Technischen Hilfswerks im hinteren Gebäudeteil installiert. Fällt das Glas zu Boden, hat sich der Riss so vergrößert, dass das Gebäude schnell evakuiert werden muss.

8.31 Uhr: Der erste Patient wird auf den OP-Tisch gehoben. Der etwa 30-jährige Pierre Jean V. hat einen Oberschenkelbruch durch herabfallende Trümmer erlitten. Es wird langsam unangenehm warm in dem kleinen Raum, geschätzt sind es nach kurzer Zeit bereits 30 Grad. Der Mundschutz erschwert das Atmen zusätzlich.

8.45 Uhr: Die erste Operation an diesem Tag beginnt. Norman Hecker setzt eine Rückenmark-Narkose. Das OP-Team ist siebenköpfig, dazugestoßen sind inzwischen zwei Amerikaner. Deshalb wird Englisch gesprochen. Die Freiwilligen aus aller Welt kommen meist über eine der vielen privaten und kirchlichen Organisationen nach Haiti. Der Zahnarzt Stefan Rodi aus Erlangen ist schon eine Ausnahme: Er hatte kurzerhand auf eigene Faust einen Flug in die Karibik gebucht, als er von der Katastrophe hörte und stieß unterwegs eher zufällig auf das „Humedica“-Team. Es nahm ihn mit offenen Armen auf.

9.15 Uhr: Der Bohrer surrt. Die Mönchengladbacher Chirurgin Britta Merten zieht am Fuß, damit die gebrochenen Knochen sich nicht wieder verschieben. Peter aus Minnesota – hier sprechen sich alle nur mit Vornamen an – lässt sich den tropfenden Schweiß von der Stirn wischen.

9.44 Uhr: „We are finished“, ruft der Hamburger Chirurg Christian Queitsch. „Der Bruch steht jetzt so, dass er gut verheilen kann.“ Queitsch ist sicher, dass dieser Patient überlebt. Die Gefahr von Embolien durch die lange Liegezeit (das Erdbeben war am 12. Januar) wachse allerdings täglich. „Gestern ist ein frisch Operierter an einer Lungenembolie verstorben.“ Wohl jeder zweite noch lebende Schwerstverletzte hat mittlerweise keine Chance mehr.

10.12 Uhr: Mit einer Trage wird Pierre Jean V. aus dem Raum transportiert. Selbst das ist ein Kraftakt, weil es keine ausreichend breiten Türen gibt. Schwester Nancy Schmidt – die Amerikanerin ist mit einem Deutschen verheiratet – hat inzwischen liebevoll einen provisorischen Ruheraum hergerichtet und wird vom OP-Team mit Beifall bedacht.

10.30 Uhr: Ein Wasserfall spritzt von der Decke im Gang. „Beim Nachbeben ist der letzte Tank auf dem Dach geplatzt“, stellt Oeckenpöhler fest, während das Wasser bereits in den OP-Raum läuft. Queitsch schüttelt zornig den Kopf – „Die ganze Stadt hat kein Wasser, und hier läuft es sinnlos aus der Decke.“ Haitianische Helfer versuchen, dass kostbare Nass in Eimern und Schüsseln aufzufangen.

10.35 Uhr: Britta und Peter (er heißt Van Patten mit Nachnamen und stammt aus Oregon) tragen die nächste Patientin auf den OP-Tisch. „Wir könnten noch schneller sein“, meint Oeckenpöhler. „Aber der Engpass ist die Sterilisation der Instrumente.“

10.40 Uhr: Die junge Frau, sie mag um die 16 Jahre alt sein, hat furchtbare Schmerzen und schreit. Hecker legt tröstend den Arm um sie, während die Narkose langsam wirkt.

11.15 Uhr: Nach der Visite hat Ulrich Seemann aus Gifhorn ein paar Minuten Pause und erklärt sein freiwilliges Engagement für Haiti: „Enkelin Jemina-Sophie stammt von hier. Unsere Tochter hat sie als Baby adoptiert, als sie als ausgehungertes Neugeborenes vor die Missionsstation gelegt worden ist, wo unsere Tochter damals als Kinderkrankenschwester gearbeitet hat.“ Inzwischen sei Jemina-Sophie 14 Jahre alt und leide als Dunkelhäutige unter der Ausländerfeindlichkeit in Niedersachsen. „Ihr Traum ist es, wieder nach Haiti zurückzukehren.“

11.22 Uhr: Im Nebenraum hat Irmgard Harms aus Hindelang das OP-Programm für die nächsten Tage fertiggestellt. Die Namen von 20 Patienten stehen darauf. „Wenn wir wieder freie Kapazitäten haben, lassen wir das über das Lokalradio durchgeben.“

11.25 Uhr: Mit einem Fixateur, einem Metallgesell mit Schrauben, ist der Oberschenkelbruch von Natalie S. gerichtet. Vier weitere Operationen folgen. Bernd Domres aus Tübingen listet die Erfolgsliste der letzten Tage auf: „123 Menschen wäre ohne unsere Hilfe verstorben. Leider hatten wir auch vier Todesfälle.“ Über die ungleich höhere Zahl der ambulant Behandelten hat niemand Buch geführt.

17.30 Uhr: Die Arbeit des „Humedica“-Team muss zügig beendet werden: Ein Kleinbus wartet, es wirkt dunkel – um 18 Uhr beginnt die von der UN-Schutztruppe verhängte Sperrstunde. Erschöpft, aber zufrieden kommen die Helfer in die Schule zurück.

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