Artikel mit dem Schlagwort Straßenkinder

„Morgens lernen, nachts betteln“: Straßenkinder in Jakarta

Indonesien boomt. Aber in Jakarta leiden tausende Mädchen und Jungen. Sie leben auf der Straße – freiwillig oder gezwungen, auf jeden Fall aber gefährdet und im Stich gelassen. Unsere Partnerorganisation KDM kümmert sich seit 1972 um diese Mädchen und Jungen. Dieser Beitrag stammt von unserer Korrespondentin Jenifer Girke, einer freien Journalistin aus Berlin, die eine Woche lang unsere Partnerorganisation in Jakarta begleitet hat.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli verliert seine Familie

Marulis Vater hatte einen kleinen Marktstand in Jakarta. Er und sein Bruder gingen regelmäßig mit, mussten um Geld betteln, Menschen bestehlen oder stundenlang für Passanten singen. Eines Tages verlief sich Maruli im Trubel des Markttreibens. Er irrte stundenlang umher, weinte, geriet in Panik und schrie nach seinem Vater. Doch er fand ihn nicht. Nie weder. Das war das letzte Mal in Marulis Leben, dass er seine Familie gesehen hatte. Als „heimatloses, verlorenes Straßenkind“ zog er für Jahre von Stadtteil zu Stadtteil, lebte bei fremden Leuten „zu Hause“ oder mit anderen Jungs in den Gassen, bis er schließlich bei unserer Partnerorganisation Kampus Diakonia Modern (KDM) landete.

Obwohl er dort alles hatte, was er brauchte, lief er fünf Mal davon, um bei seinen Freunden auf der Straße zu sein. „Bei KDM wurde mir immer bewusst, dass ich keine Familie habe. Die meisten Kinder dort kamen aus schlechten Familien, aber sie kannten ihre Eltern wenigstens noch und wussten, wo sie wohnen.“ Maruli aber kann sich bis heute nicht einmal an den Namen seiner Eltern erinnern. Als Teenager war er oft frustriert darüber. Umso mehr bedeutet es dem 20-Jährigen zu wissen, wo er heute hingehört.

Endlich ein Zuhause

Maruli ist erfolgreicher Absolvent aller drei indonesischen Schulabschlüsse. Wer das schafft, hat Aussicht auf attraktive Arbeitsstellen oder kann sich an Universitäten bewerben. Maruli ist seit einem Jahr fest in einem Café angestellt. Hier arbeitet der 20-Jährige nicht nur, für ihn ist das Café sein Leben: „Elise und Jo, die Inhaber des Cafés sind keine gewöhnlichen Chefs. Ich wohne bei ihnen, wir kochen, essen, leben gemeinsam, sie kümmern sich um mich und ich baue das Café mit ihnen auf. Sie sind meine Familie geworden.“ Heute hat Maruli endlich eine Familie, die ihn liebt und die er nie wieder vergessen wird. „Hier werde ich sicherlich nicht weglaufen“, sagt er schmunzelnd.

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Es geht ums Überleben

Maruli ist nur ein Schicksal von vielen. Mittlerweile hat sich die Situation der Straßenkinder allerdings geändert. Die Stadt Jakarta startete mit Unterstützung von KDM und anderen Organisationen mehrere Kampagnen wie etwa „Stop giving money“ („Hört auf, Geld zu geben“). Damit soll verhindert werden, dass Eltern ihre bettelnden Kinder als lukrative Verdienstquelle ansehen. Trotzdem leben immer noch viele Mädchen und Jungen auf der Straße – teils auch, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Dass Straßenkinder zum Alltag gehören, ist vor allem ein kulturelles Problem.

„Es gibt hier in Jakarta eine Reihe von Einrichtungen, die es dulden, wenn Kinder auf die Straße gehen, solange sie auch zur Schule gehen“, schimpft Sotar Sinaga, der 2009 als junger Lehrer zu KDM kam und heute unsere Partnerorganisation leitet. „Morgens lernen, nachts betteln! KDM macht da nicht mit – die Straße ist und bleibt lebensgefährlich. Es geht um das Überleben und um die Zukunft dieser Kinder!“

Fußball als Türöffner

Die Aufgaben- und Wirkungsbereiche von Nichtregierungsorganisationen in Jakarta ändern sich. Momentan erreicht KDM fast 400 Straßenkinder in der indonesischen Hauptstadt, hauptsächlich durch die Bildungseinrichtung, Workshops und Sportprojekte wie Fußballspielen. Statistisch gesehen sinkt zwar die Zahl der Straßenkinder in Jakarta, doch dafür steigt sie in umliegenden Städten, die sich direkt an die Metropole anschließen, etwa Bekasi oder Bogor. Diese Orte wachsen, die Bevölkerung steigt, der soziale Druck und neu entstehende Infrastrukturen schaffen die Bedingungen dafür, dass sich das Problem lediglich verlagert.

Auch die Strategien, wie man Straßenkinder anspricht und ihr Vertrauen gewinnt, müssen stets neu überdacht werden. Das Angebot einer Dusche oder einer warmen Mahlzeit reicht oft nicht mehr aus: „Das, was jeder liebt, ist Fußball. Letztlich sind das Kinder, die Spaß haben wollen. Mit unseren Coaches und Fußballprojekten erreichen wir die meisten von ihnen,“ erklärt Sinaga. Das merkt man auch, wenn man mit KDM-Kindern spricht: Mehr als jeder zweite Junge hat den Traum, einmal Fußballspieler zu werden. „Das ist zwar toll, aber sie könnten sich auch wünschen, Arzt, Richter oder Manager zu werden. Das kennen sie aber nicht. Sie kennen nur die Straße und durch unsere Arbeit auch Fußball. Das zeigt, wie wenig sich die Kinder zutrauen.“

Selbstvertrauen lernen

Genau das ist ein zentraler Baustein bei KDM. Hier lernen die Kinder vor allem eines kennen: sich selbst – und alle Gaben, Interessen und Fähigkeiten, die sie haben. Viele der Schützlinge erzählen, wie überrascht sie waren, als sie das erste Mal ein Bild gezeichnet haben und es gar nicht so schlecht aussah oder als sie ihren ersten Kuchen gebacken haben, der sogar richtig lecker schmeckte. In der Küche zu arbeiten, in einem Restaurant oder Café, ist nicht banal oder eine niedere Beschäftigung, wie oft behauptet wird.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

„Du kannst beim Backen nicht das Ei vor dem Zucker mit dem Mehl vermischen und du solltest genau die Zeit im Blick haben und wissen, wie lange dein Kuchen oder Braten schon im Ofen ist“, betont Sinaga. „In der Küche lernen unsere Kinder ganz wichtige Grundlagen ihres Verhaltens: Geduld, Genauigkeit, Verantwortung, Konzentration. Und am Ende sind sie total stolz, weil sie ein Erfolgserlebnis haben – das sie sogar essen und genießen können“.

Die Eltern ins Boot holen

Das Wissen aus ihrer langjährigen Arbeit möchte KDM mit anderen Organisationen teilen. Die Mitarbeiter reisen dafür zu über zehn verschiedenen Inseln in ganz Indonesien, um dort über Kindesmissbrauch und Kindesschutz zu sprechen. Ein Problem, mit dem sie dabei immer wieder konfrontiert werden, ist die Uneinsichtigkeit der Eltern. Viele Eltern betrachten eine strenge Erziehung als Teil ihrer Kultur. Sie schlagen und misshandeln ihre Kinder, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Die meisten kämen niemals auf die Idee, ihre Kinder zur Schule zu schicken – dort können sie ja kein Geld verdienen.

Um sich für das Thema stark zu machen, schickte KDM einen ihrer Schützlinge, die sechzehnjährige Nanda, als Repräsentantin zum Gipfel der zehn einflussreichsten Nationen Südostasiens (ASEAN) auf die Philippinen. „Ich habe denen ganz klar gesagt, dass das Problem die Eltern sind. Und dass sie härter arbeiten müssen, dass sie überhaupt arbeiten müssen, denn dann können sie Geld verdienen und sich um die Familie kümmern, die sie ja auch selbst gegründet haben, und wir Kinder müssten nicht mehr auf die Straße“, sagt der Teenager mit kräftiger Stimme und Überzeugung.

Sambia: Happyend für Cheswe

Sambia: Slumkinder mit Perspektive – dank der Arbeit unserer Partnerorganisation

Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn ist mit Sambia-Referent Jörg Lichtenberg auf Projektreise. Hier schildert er seine Eindrücke.

Garden, so recht will der Name nicht zu diesem braun-grauen Slumgebiet in Lusaka passen. Wir halten an einem kleinen Platz an, in dessen Mitte die Ruine eines Hauses steht; die blaue Farbe auf den Mauern weist es als ehemalige Polizeiwache aus. Was ist hier geschehen?

Unser Begleiter von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Zambia Civic Education Association (ZCEA) erklärt uns, dass die Bewohner des Viertels vor kurzem die Wache gestürmt und zerstört haben. Ein Mann aus der Nachbarschaft war dort unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

In Sambia liegen Gewalt und Hoffnung dicht beieinander

Wenige Meter hinter der zerstören Wache öffnet sich die Tür zu einem winzigen fensterlosen Büro. Wir treffen Ketu und Daniel, die beiden jungen Mitarbeiter des Beratungsbüros, die sich hier für die Rechte und Belange der Kinder des Viertels einsetzen. Mittel der Kindernothilfe machen es möglich.

Sambia: Das Büro unserer Partnerorganisation in Lusaka

Ketu und Daniel nehmen uns mit zu einem Hausbesuch. So lernen wir Cheswe und ihre Mutter kennen. Cheswe, eine schüchterne 10-Jährige, wäre fast auf der Straße gelandet. Als ihr Vater ihre Mutter und die Geschwister verließ, gab es plötzlich kein Einkommen und kein Essen mehr für Cheswe. Cheswe Mutter verdiente zwar ein wenig Geld mit Wasch- und Putzarbeiten, aber das reichte nicht einmal für das Nötigste.

Ein Straßenkind weniger

Dann hörten sie vom Rechtsberatungs-Zentrum der ZCEA und vertrauten sich Ketu und Daniel an. Den beiden gelang es, den Vater ausfindig zu machen. Sie überzeugten ihn, seine Tochter Cheswe weiter zu versorgen.

Sambia: Ketu und Daniel haben Cheswes Vater ausfindig gemacht

Zunächst kam er einmal in der Woche in das Beratungszentrum und übergab dort eine Tasche mit Lebensmitteln an seine Ex-Frau und ihre Tochter. Bald war klar, der Vater ist zuverlässig. Jetzt liefert er die Lebensmittel wöchentlich direkt bei seiner Tochter ab.

Ein Happyend für Cheswe: Die Drittklässlerin darf weiter in die Schule gehen. Sie hat zu essen. Ein Leben als Straßenkind ist ihr erspart geblieben.