Artikel mit dem Schlagwort Lateinamerika-Tagebuch

Ecuador: Pflöcke im Sumpf

Slum in "Nigeria". Foto: Jürgen Schübelin

Slum in „Nigeria“. Foto: Jürgen Schübelin

1./2. März 2015

Von Duisburg bis nach Guayaquil, der größten Stadt des Andenstaates Ecuador, sind es mit dem Flugzeug nach dreimal Umsteigen gut 22 Stunden Reisezeit. Tropisch heiß und feucht empfängt die Hafenmetropole an der Pazifikküste meine Kollegen Jürgen Borchardt, Jürgen Schübelin und mich kurz vor Mitternacht. Noch herrscht lebhafte Geschäftigkeit auf den Straßen, aber die Zeitumstellung, die uns schwer in den Knochen sitzt, lässt uns zielstrebig ins Hotel fahren.

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Am nächsten Morgen dauert es nur eine knappe halbe Stunde, bis wir vom Stadtzentrum Guayaquils  aus Nigeria erreichen.  Dieses Nigeria liegt mitten in Ecuador. Es ist ein auf Sumpfgebiet entstandenes Stadtviertel, das seinen Namen seiner fast ausnahmslos afro-ecuadorianischen Bevölkerung verdankt.  Die Familien leben auf Pfahlbauten in einfachen Hütten aus Bambusrohr, Plastikplanen oder Wellblech, die weder Schutz vor dem übelriechenden Morast unter ihnen noch vor den Scharen von Mosquitos um sie herum bieten. Ich kann nur ahnen, wie es um die hygienischen Verhältnisse in den Hütten bestellt ist, eine Abwasserversorgung existiert auf jeden Fall nicht.

„Ich bin in Nigeria aufgewachsen“, berichtet Amelia, die wir hier treffen „und ich habe es gehasst. Es stank auf den Straßen,  von den vielen Brücken fielen immer wieder Kinder ins Wasser und ertranken. Wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich aus Nigeria komme, drehte er sich sofort weg“.

Es war vor allem das Schicksal der Kinder, das den Salesianer-Ordnen, seit Jahren Partner der Kindernothilfe in Guayaquil,  2009 in Nigeria aktiv werden ließen. Sie erkannten, dass ein Großteil der Kinder, die in der Stadt auf der Straße leben, aus Nigeria und den angrenzenden Vierteln der Halbinsel „Cooperative Independencia“ stammt.  Die Ursachen, warum sie ihre Familien verlassen hatten, waren meist Vernachlässigung und massive Gewalterfahrungen.  Misshandlungen und Gewalt prägten das Leben in den Familien, Drogenhandel und Prostitution das Leben auf der Straße.  Zug um Zug begannen die Salesianer im Rahmen eines Gemeinwesenentwicklungsprojekts,  die Lebensbedingungen in dem Viertel zu verbessern.  Flächen wurden entwässert,  Straßen angelegt und schließlich Häuser auf dem Festland errichtet.

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

„Die festen Häuser brachten schon eine große Veränderung“, erzählt Amelia.  Aber es ging noch weiter. Eine Vielzahl von Aktivitäten wurde mit Kindernothilfe-Mitteln begonnen:  Fernando zum Beispiel unterstützt Familien beim Anlegen von kleinen Hausgärten. Die verbessern nicht nur die Ernährungssituation der Kinder, sie zeigen den Familien auch, wie Erwachsene und Kinder zusammen etwas unternehmen und schaffen können. Da wird gemeinschaftlich gegraben, gesät, begossen – und die Freude über den sichtbaren und essbaren Erfolg geteilt.  Die Psychologin Carla  berät Eltern, wie sie sich aus manchen alten Verhaltensmustern befreien können. Dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt, Konflikte zu lösen, als mit Gewalt. Und ist wichtige Anlaufstelle für Mädchen, die mit 12 oder 14 Jahren schwanger werden

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Während Amelia erzählt, sitzen wir im großen Versammlungsraum des neuen Gemeindezentrums in Nigeria. Erst vor einem Monat wurde es eingeweiht, in manchen Räumen streichen und fliesen noch Handwerker. Das Zentrum ist der neue Mittelpunkt im Stadtteil. Hier treffen sich die Kinder nach der Schule. Sie machen Hausaufgaben, spielen Fußball, lernen in Musik- und Tanzprojekten die Traditionen ihrer afroamerikanischen Herkunft kennen. Lese- und Schreibkurse für Erwachsene werden hier genauso angeboten wie Trainings für Eltern, in denen sie für die Rechte der Kinder sensibilisiert werden und lernen, ihre Einstellung gegenüber ihren Kindern zu verändern.

Um uns herum sind mittlerweile Marimbas und Trommeln aufgebaut, eine Gruppe Mädchen in ausladenden Tanzkostümen rennt kichernd an uns vorbei. „Unser Viertel hat sein Gesicht völlig verändert“, fasst Amelia ihren Bericht zusammen. „Es gibt noch immer vieles zu verbessern. Aber mittlerweile liebe ich es, in Nigeria zu leben.“

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin