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Indien: Raghu hat das Zeug zum Motorradmechaniker

Text und Foto: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Chennai, 28.01.2017

Dürr ist Raghu (Name geändert) und verschwitzt. Er muss sich anstrengen, er will alles richtig machen. Raghu ist in der Probezeit. Vier Wochen hat er, um den Chef zu überzeugen, dass er das Zeug zum Motorradmechaniker hat. Jetzt hockt er auf der Straße vor einem Motor, den er auseinandergenommen hat, und säubert die Teile mit Öl und einem Pinsel. Werkstatt, das bedeutet in Chennai, der Megametropole in Südindien, etwas anderes als in Duisburg oder Berlin. Hier ist es ein abschließbarer Lagerraum für Ersatzteile und Werkzeug an der Straße. Gearbeitet, auseinandergeschraubt, repariert und wieder zusammengesetzt wird auf dem staubigen Bürgersteig und der Straße davor. Es ist erst Januar, und doch ist es schon heiß. Ein stechender Geruch nach Öl und Urin liegt schwer über der Werkstatt und den angrenzenden Betrieben.

So unscheinbar die Werkstatt aussieht, der Besitzer hat es geschafft. Er hat ein kleines Haus, und seine beiden Töchter haben studiert. Nein, in der nächsten Generation müssen sie nicht mehr mit ihren Händen arbeiten. Aber er bildet aus, um jungen Leuten aus den Slums eine Chance zu geben. Der Werkstattbesitzer gehört zum Netzwerk der Kindernothilfe-Partnerorganisation Codiac. Codiac, gegründet und weiter inspiriert von dem inzwischen 85-jährigen Architekten, Bauherren und Kindernothilfe-Unterstützer J.S. Rajasingh, vermittelt Kinder aus armen Familien in Ausbildungsplätze. Die Organisation knüpft Verbindungen zu kleinen Firmen, wählt die Jugendlichen aus, gibt einen Zuschuss zum Ausbildungsgeld und später vielleicht einen Kredit für den Start in die Selbständigkeit. 40 Firmen machen mit, fast 100 Jugendliche befinden sich zurzeit in der Ausbildung. 4.200 waren es insgesamt in den letzten Jahren. Die meisten Ausbildungen sind informell, fast alle Absolventen werden später in ihren Ausbildungsfirmen angestellt oder finden eine andere gut bezahlte Beschäftigung. Raghu hat Glück, er hat sogar in einem staatlich anerkannten Lehrbetrieb angefangen.

Aber vor dem anerkannten Ausbildungszertifikat muss er erst einmal beweisen, dass er zuverlässig und pünktlich und den Anforderungen der Ausbildung gewachsen ist. „Das wird schon“, sagt er und lächelt. Die Maschinen mag er, Mechaniker werden wollte er schon lange. Mit dem ersten Motor hat es auch schon wirklich gut geklappt, er hat ein Gefühl dafür. Nach der Probezeit kommen zwei Jahre Ausbildung. Und dann, so plant er, die eigene Werkstatt und eine Frau und Kinder und ein kleines Haus. Das wäre dann schon eine ganze Menge für einen aus den Elendsvierteln von Chennai. Und Raghu will es schaffen.

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

50 Jahre Geschichte in zwei Ordnern

Das Ehepaar Knost mit Fotos ihrer Patenkinder

Das Ehepaar Knost mit Fotos seiner Patenkinder

Martin Knost aus Rahden ist einer der ersten Kindernothilfe-Paten: 1959 übernahm er die Patenschaft für das neunte Kind in einem indischen Projekt. Sein Engagement für junge Menschen steckte an – in Familie und kirchlichen Kreisen begann man schon bald, Spenden für weitere Patenkinder zu sammeln.

„Ich war beim Bund und gerade auf Wochenend-Urlaub zu Hause“, erinnert sich der 70-Jährige. „Da zeigte mir meine Mutter eine Patenschafts-Anzeige der Kindernothilfe. Ich hab‘ gleich gesagt: Das ist es! Persönliche Hilfe, die Möglichkeit, die Entwicklung des Kindes zu verfolgen anhand von Briefwechsel und Projektberichten. Und das Kind wird nicht nur ernährt und gekleidet, sondern bekommt eine Schul- und eine Berufsausbildung. Für mich war das die Idealform der Entwicklungshilfe. Und obwohl ich wenig Geld hatte, hab‘ ich gesagt: Das machst du!“ Der 21-Jährige übernahm die Patenschaft für Pansy Francis (9) aus Bhiwani im Punjab. Als er 1960 seine Frau Ingrid kennenlernte, finanzierten die beiden die Patenschaft gemeinsam. 1964 übernahmen sie ein zweites Patenkind. Den ganzen Beitrag lesen »