Artikel mit dem Schlagwort Humanitäre Hilfe

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, dass unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, das unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Telefoninterview mit Carmen Alemán, Direktorin der peruanischen Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, über die Lage im Norden des Landes und die von der Kindernothilfe finanzierte Humanitäre Hilfe

„Was sich hier abspielte, war für die Menschen in dieser Landschaft schlicht unvorstellbar! Niemand, auch nicht die ganz Alten, hatte jemals derartige Regenmassen und Überschwemmungen erlebt“: Carmen Alemán, die Direktorin der Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, beschreibt die Lage in den Dörfern rund um die Kleinstadt Moro, 60 Kilometer östlich von Chimbote, in der Region Ancash, auch eineinhalb Monate nach den extremen Starkregenfällen immer noch als extrem prekär und angespannt. Aber sie schildert in diesem Telefoninterview auch Erfahrungen anrührender Solidarität der Betroffenen untereinander, die sie und das APORTES-Team vor Ort während ihrer Humanitäre-Hilfe-Einsätze in den zurückliegenden Wochen erlebten.

Mindestens 72 Menschen kamen durch Schlammlawinen und Erdrutsche im Gefolge der Überschwemmungen Mitte und Ende März in Peru ums Leben, 72.000 Personen verloren ihre Häuser und 600.000 weitere sind durch die Folgen der Katastrophe unmittelbar betroffen. Kindernothilfe stellte 75.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen zur Verfügung.

Warum haben diese Regenfälle denn so verheerende Schäden angerichtet?

Carmen Alemán: Diese Landschaft im Norden Perus, entlang der Pazifikküste, ist normalerweise extrem trocken – es gibt nur ganz wenige Niederschläge. Bachläufe und Flussbetten führen so gut wie kein Wasser. Und es gibt wenig Vegetation. Wenn es regnet, nimmt die Erde keine Feuchtigkeit auf, das Wasser schießt ungebremst zu Tal. Durch die Klimaveränderungen – verstärkt durch das El Niño-Phänomen mit dem aufgeheizten Oberflächenwasser des Humboldt-Stroms – häufen sich extreme Wetterereignisse und entsprechende Katastrophen. Weder die Städte entlang der Küste – und schon gar nicht die kleinen Dörfer im Hinterland mit den Häusern aus Adobe (Lehmziegeln) – hielten diesen Wassermassen stand. Die Menschen in dieser Landschaft sind schlicht nicht auf Starkregen vorbereitet. Sie hatten gegenüber den unglaublichen Kräften der Wassermassen keine Chance.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Wie ist das APORTES-Team vorgegangen, um den Familien bei Moro beizustehen? Um warum konzentrierte sich dieser Humanitäre-Hilfe-Einsatz ausgerechnet auf diese Zone?

Carmen Alemán: Wir haben sehr schnell gesehen, dass sich – wie schon nach dem Erdbeben von Ica und Pisco damals im August 2007 – die Hilfsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und vieler Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Städte fokussierten. Dort ist viel zu tun – das steht außer Frage –, aber Städte sind leicht erreichbar und dort gibt es auch viel Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Die Orte im Hinterland geraten dabei oft ins Hintertreffen. Als APORTES-Team arbeiten wir nun schon seit einigen Jahren im Rahmen eines Projektes mit der Europäischen Union in den extrem armen ländlichen Zonen der Region Ancash. Sofort, als wir mitbekamen, was sich um Moro herum abgespielt hat, war uns klar, dass wir uns hier engagieren müssen. Das Problem während dieser entsetzlichen Tage Mitte März bestand darin, dass die meisten Orte durch Erdrutsche und Schlammlawinen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab keine Chance, zu den Menschen vorzudringen – Telefonleitungen existierten nicht und Handys hatten keine Verbindung mehr.

Und wie funktionierte denn dann die Kommunikation?

Carmen Alemán: Zusammen mit den Dorfgemeinschaften hatten wir seit zwei Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut. Über UKW-Frequenzen konnten uns die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen vor Ort erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren Adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie konnten diese Familien denn durch das APORTES-Team vor Ort erreicht werden?

Carmen Alemán: Das war die schwierigste logistische Herausforderung von allen. Die Wassermassen – sowie die Schlamm- und Gerölllawinen – hatten die Wege zerstört und viele Brücken weggerissen. Bis heute gibt es immer noch Orte, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind. In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Was brauchten die Menschen in dieser Situation denn am allerdringendsten?

Carmen Alemán: Genau das konnten wir am Radio mit den Verantwortlichen in den Dörfern besprechen. Sehr schnell wurde klar, dass es an unverderblichen Lebensmitteln fehlt, an Grundnahrungsmitteln, Milchpulver – aber dann vor allem auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo. Oder auch Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. Viele Menschen berichteten uns, dass sie seit Tagen nur noch aufgefangenes Regenwasser getrunken hätten. In einer zweiten Verteilaktion, dann schon Ende März, Anfang April, konzentrierten wir uns auf Medikamente: Mittel gegen Durchfälle, Magen-Darm-Infektionen, gegen Hauterkrankungen im Gefolge der Arbeit im Schlamm und Wasser. Ganz wichtig war uns aber auch, bei jedem Besuch in einem der Dörfer immer auch Material für die Kinder dabei zu haben: Bälle zum Spielen, Hüpfseile, Malsachen. Das kam extrem gut an. Die Leute sagten uns: „Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken!“

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie ging es den Kindern nach diesen dramatischen Wochen im März?

Carmen Alemán: Wir gewannen den Eindruck, dass viele Kinder noch unter Schock standen. Mädchen und Jungen erzählten uns, dass sie immer noch diesen schrecklichen Lärm der ins Tal schießenden Wassermassen im Ohr hätten, Geräusche, die dann entstehen, wenn Wasser Felsbrocken mit sich reißt und ganze Geröllhalden abstürzen. Die Mütter schilderten, dass die gesamte Familie aufschrecken würde, sobald es wieder zu regnen beginnt – und der Schreck über das Erlebte allen noch in den Knochen steckte. In einem der Dörfer haben die Menschen aus nächster Nähe miterlebt, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde und starb. Deswegen war es so wichtig zu spüren, wie gut es den Familien getan hat, die Kindernothilfe-APORTES-Hilfsaktion gemeinsam mit uns zu organisieren und bei der Verteilung einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Haben denn die Hilfsgüter für alle Betroffenen in diesen 20 kleinen Dörfern gereicht?

Carmen Alemán: Nein. Deswegen ist es in einer solchen Situation ja so entscheidend, dass uns die Menschen vor Ort helfen, diejenigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Aber es hat uns alle vom APORTES-Team extrem berührt mitzuerleben, wie die Familien miteinander teilten, wenn die Hilfsgüter wirklich nicht ausreichten und wir die Lage deutlich desolater vorfanden als am Radio geschildert. Die Frauen schnürten einfach die von uns gepackten mitgebrachten 45 Pakete auf, machten aus einem kit zwei und sorgten so dafür, dass alle Familien etwas erhielten. Diese Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft hat uns alle sehr beeindruckt.

Wie wird es jetzt in diesen kleinen Dörfern bei Moro weitergehen? Was hat sich APORTES überlegt?

Carmen Alemán: Wir müssen realistischerweise sagen, dass die Menschen in diesen Orten von den staatlichen Wiederaufbaumaßnahmen im Norden Perus nicht oder nur sehr wenig profitieren werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf Städte und größere Kommunen. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn die politisch Verantwortlichen vor Ort erreichen könnten, dass die Wege mit schwerem Gerät freigeräumt, Brücken repariert und die beschädigten Gemeindeschulen instandgesetzt werden. Wir als APORTES-Team würden sehr gerne mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten, die am stärksten beschädigten Häuser wieder aufzubauen – und zwar so, dass die traditionelle Lehmziegelbauweise durch Zement verstärkt wird – und die zerstörten Dächer neu gedeckt werden können. Wir haben einen Architekten gefunden, der uns bei diesem Vorhaben unterstützt. Das wäre kein Riesenprogramm, weil ja alles in Eigenbau geschieht, aber eine große Hilfe, um den Familien wieder zu einem bewohnbaren Zuhause zu verhelfen.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

(Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.)

APORTES ist seit dem Jahr 2000 Kindernothilfe-Partner. Die Organisation hat sich u.a. auf ländliche Gemeinwesen-Entwicklungs-Programme, aber auch Initiativen zum Schutz von Kindern vor Gewalt spezialisiert. Carmen Alemán, die APORTES-Direktorin, ist gelernte Betriebswirtin und hat zusätzlich ein Master-Studium in Sozialentwicklung absolviert.

Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

portapimentweb

 

Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.

Nordwest-Haiti: Schutzzentren für 1.200 Kinder

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Die Verwüstungen durch den Hurrikan „Matthew“ haben in Haiti Menschen getroffen, die schon vor der Katastrophe zu den Ärmsten der Armen gehörten. Jetzt ist die Welt komplett aus den Fugen geraten – vor allem für die Kinder. In speziell für sie eingerichteten Schutzzentren helfen wir ihnen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und wieder fröhlich zu sein. Ihre Unbeschwertheit steckt auch die Erwachsenen an, berichtet Demeter Russafov von unserem Partner AMURT:

Das Dorf Coridon im Nordwesten Haitis wurde besonders schwer vom Hurrikan getroffen. Deshalb haben wir dort das erste Kinderschutzzentrum eingerichtet. Die Mädchen und Jungen singen und spielen und werden pädagogisch betreut. Zu essen gibt es auch genug – die Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich für die Kinder.

Haiti: Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Ohne sie blieben die Mägen leer: Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich das Essen für die Kinder.

Insgesamt unterhalten wir im Department Artibonite im Nordwesten Haitis bereits vier Kinderschutzzentren: in Coridon, Point des Mangle, Gran Savanne und Savanne Naje. Zwei weitere nehmen nächste Woche ihren Betrieb auf. Das heißt, wir erreichen rund 1.200 Kinder allein in dieser Region Haitis.

Durch das Schutzzentrum in Coridon hat sich die Stimmung vor Ort in den letzten 14 Tagen deutlich aufgehellt – die Menschen blicken hoffnungsvoller in die Zukunft. Die Kinder wirken glücklich, das Dorf sieht trotz der Zerstörungen sauber und aufgeräumt aus.

Haiti: Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Derzeit bauen wir drei öffentliche Toiletten in verschiedenen Teilen des Dorfes. Außerdem haben wir feste Tage eingeführt, an denen sich die Bewohner zusammentun, um Straßen, Strand und öffentliche Plätze von den Trümmern freizuräumen. Wir haben das Dach der Schule repariert, eine der Wände wiederaufgebaut, die Küche fertiggestellt und die Zisterne repariert.

Das Dorf-Komitee, das uns dabei unterstützt, arbeitet sehr organisiert und zeigt viel Initiative. Es trifft sich regelmäßig, um die verschiedenen Aktivitäten zu steuern. Die Betreuer im Kinderschutzzentrum sind allesamt Ortsansässige, die mit großer Begeisterung daran gehen, das, was sie letzte Woche in einer vorbereitenden Schulung gelernt haben, nun umzusetzen.

Haiti: Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Überhaupt läuft in Coridon alles sehr koordiniert ab und der Wille, neu anzufangen, ist groß. Bei unseren Gesprächen mit den Eltern sind wir jedesmal beeindruckt davon, wie positiv sie das Kinderschutzkonzept aufnehmen und wie gut sie es finden, dass Ortsansässige ihre Kinder betreuen. Weitere Schulungen zur Kinderbetreuung sind geplant und stoßen auf großes Interesse.

Haiti: Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Der Erfolg zeigt Wirkung: Andere Dörfer möchten gern auch bei sich Kinderschutzzentren einrichten. Alle Beteiligten – Kinder wie Erwachsene – knüpfen daran hohe Erwartungen.

Neben den Dörfern an der Nordwestküste arbeiten wir auch im Süden Haitis mit der Strategie der „Child friendly Spaces“ (Kinderzentren). Dort – in dem am 4. Oktober von „Matthew“ zu 90 Prozent verwüsteten Ort Port-à-Piment – erreicht dieses Humanitäre Hilfe-Programm noch einmal über 500 weitere Kinder in insgesamt zehn Zentren.

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon/Haiti

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon

 

Ecuador nach dem Erdbeben: Hilfe für die Kinder von Muisne

Der kleine Ort Muisne an der Nordwestküste von Ecuador

Der kleine Ort Muisne an der Nordwestküste von Ecuador

Eine Woche ist es her, dass ein extrem schweres Erdbeben die beiden Küstenprovinzen Manabí und Esmeraldas im Nordwesten von Ecuador verwüstete. Wahrscheinlich starben 700 Menschen, Zehntausende wurden obdachlos. Inzwischen wird immer deutlicher, wie ungleich sich die zur Verfügung stehende Hilfe verteilt – und wie dringend es ist, den Überlebenden auch abseits der großen Städte beizustehen.

Die Kindernothilfe entschied mit ihrer lokalen Partnerorganisation Fundación Juan Pablo II bereits 48 Stunden nach der Katastrophe, sich auf Muisne, einen Ort am Pazifischen Ozean mit 11.000 Einwohnern, zu konzentrieren. Muisine wurde zu zwei Dritteln zerstört und hatte bereits vor dem Beben mit extremen Armutsproblemen zu kämpfen. „Espacio Seguro“ (deutsch: „Sicherer Ort“) heißt das Projekt, durch das 350 Mädchen und Jungen zwischen drei und zwölf Jahren begleitet und betreut werden. Mauricio Bonifaz, der Koordinator der Kindernothilfe in Ecuador, ist seit Freitag, 22. April, vor Ort. Mit ihm telefonierte Jürgen Schübelin, der Leiter des Kindernothilfe-Referats Lateinamerika und Karibik.

Kindernothilfe: Wie geht es den Kindern von Muisne eine Woche nach dieser Katastrophe?

Mauricio Bonifaz: Ein Junge wollte unbedingt, dass wir zu dem Haus gehen, in dem er und seine Familie bis Samstag gelebt hatten. Nur zwei der Außenmauern standen noch. Das Schlimmste war, dass die Erde gar nicht mehr aufgehört hat zu schwanken“, sagte er. Schon während unseres ersten Besuches kam es zu mehreren Nachbeben, sofort begannen Kinder und Erwachsene zu weinen. Andere wurden ganz still oder zitterten.

Zwei Drittel der Häuser von Muisne hat das erdbeben zerstört

Zwei Drittel der Häuser von Muisne hat das erdbeben zerstört

Kindernothilfe: Wo sind die Menschen von Muisne jetzt?

Mauricio Bonifaz: Dieser Ort besteht aus zwei Teilen: Einer Insel, auf der 6.500 Personen leben – und dem Festlandteil, mit 4.500 Einwohnern. Dazwischen ein 400 bis 500 Meter breiter Fluss, der nur mit Booten und einer kleinen Fähre überquert werden kann. Von allen Häusern und Hütten, die es in Muisne gab, sind rund zwei Drittel eingestürzt oder akut einsturzgefährdet. Pfahlbauten rutschten einfach ins Meer. Wir schätzen, dass es mindestens 6.000 Obdachlose gibt. Ein Teil von ihnen ist in Notlagern untergebracht, zum Beispiel in einer kleinen Schule oder in Zelten. Derzeit entsteht ein weiteres großes Lager auf einem freien Gelände etwas außerhalb von Muisne.

Kindernothilfe: Wie werden sie betreut und versorgt?

Mauricio Bonifaz: Die staatlichen Institutionen sind in Muisne bisher kaum präsent. Wir beobachten, dass ganz viel Hilfe in die Küstenstädte von Manabí und die Touristenorte mit den Hotels kanalisiert wird. Von dort aus berichten auch die Fernsehkanäle und andere Medien intensiv. Die eher abgelegen Zonen in der Provinz Esmeraldas – wie die Küste bei Muisne – erhalten hingegen kaum Aufmerksamkeit. Hier werden zwar auch etwas Lebensmittel und Wasser verteilt – und das Umweltministerium versucht, den Aufbau eines neuen Großlagers für 6.000 Personen zu koordinieren. Aber es fehlt ganz eindeutig an Sicherheitskräften und medizinischem Personal. Fairerweise muss man sagen, dass diese Katastrophe eine Dimension erreicht, auf die dieses Land einfach nicht vorbereitet war. Viele Menschen können die Insel auch deswegen nicht verlassen und Hilfe suchen, weil sie nicht über die 25 Cent verfügen, die eine Überfahrt kostet.

Kindernothilfe: Wo genau befindet sich das Espacio Seguro-Projekt, das von Kindernothilfe unterstützt wird?

Mauricio Bonifaz: Wir dürfen auf dem Gelände eines der Lager einen Bereich für die Arbeit mit den Kindern reservieren. Jetzt geht es darum, dass alle Erwachsenen in dem Notlager akzeptieren, dass sie auf diese Areal keine Zelte und Notquartiere aus Planen errichten können. Ganz wichtig für uns ist dabei Lucety Delgado, eine tolle, beeindruckende Persönlichkeit, auf die die Menschen hören! Lucety Delgado ist bereits über 60 Jahre alt und arbeitet seit drei Jahrzehnten als Lehrerin in der Inselschule von Muisne. Ihr ist es zu verdanken, dass sich die Menschen praktisch sofort nach dem Erdbeben zu organisieren begonnen haben – und sie hat sich sehr für das „Espacio Seguro“-Projekt stark gemacht.

Die Menschen leben in Notlagern. Ein Kinderschutzzentrum kommt nun hinzu

Die Menschen leben in Notlagern. Ein Kinderschutzzentrum kommt nun hinzu

Kindernothilfe: Was braucht es denn jetzt am dringendsten an professionellen Ressourcen und Material?

Mauricio Bonifaz: Zu dem Team der Fundación Juan Pablo II, die ihren Sitz 82 Kilometer von Muisne entfernt in der Provinzhauptstadt Esmeraldas hat, gehören sehr engagierte, erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die den Aufbau dieses Kinderzentrums in Muisne in die Hand genommen haben. Sie haben unter anderem viel Expertise in der Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, die jetzt hier dringend benötigt wird. Allein in dem Lager mit dem “Espacio Seguro“ haben wir sechs Kinder mit schweren Behinderungen kennengelernt. Eines von ihnen wurde bei dem Erdbeben verletzt. An Material benötigen wir im Moment am dringendsten ein Großzelt, damit die Kinder Schatten haben und nicht im Regen sitzen. Tagsüber ist es hier extrem heiß und schwül, aber zwischendrin schüttet es eben auch. Ganz entscheidend in dieser Phase: Die Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Zuwendung, eben einen „sicheren Ort“, damit sie sich etwas von dem Stress lösen können, unter dem die Erwachsenen stehen. Das bedeutet dann für die Familien insgesamt eine wichtige Entlastung.

Kindernothilfe: Die Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Projekt mitwirken, werden nicht überall gleichzeitig sein können. Wie kann es trotzdem gelingen, alle Kinder aus Muisne, die jetzt mit ihrem Familien obdachlos geworden sind, angemessen zu schützen?

Mauricio Bonifaz: Wir haben jetzt schon damit begonnen, mit denen, die den Aufbau dieser Notlager koordinieren, intensiv über den Schutz der Kinder vor Gewalt und Missbrauch zu sprechen. Es wurden Sicherheitsregeln vereinbart und Lucety Delgado, diese tolle Lehrerin, hat mit den Elternkomitees der Inselschule geredet. Auch Vertreter der Nachbarschaftsorganisationen, die versuchen, die Familien in den Notunterkünften zusammen zu halten, haben ein Auge auf die Kinder. Aber natürlich braucht es zusätzlich Polizei, um den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Der Staat muss hier seiner Verantwortung gerecht werden!

Die Wucht der Erdstöße zeigt sich überall in Muisne

Die Wucht der Erdstöße zeigt sich überall in Muisne

Kindernothilfe: Wie ist es insgesamt um die Solidarität innerhalb Ecuador bestellt?

Was uns wirklich beeindruckt, ist, wie die Familien zusammenarbeiten und versuchen, auch im Lager die Nachbarschaftsgemeinschaften zusammen zu halten und sich gegenseitig zu helfen. Das ist auch ein wichtiger Schutz für die Kinder. In zwei Tagen werden dann auch Kollegen der Kindernothilfe-Partnerorganisation JUCONI aus Guayaquil mit einem kleinen Lastwagen zu uns stoßen und weiteres Arbeitsmaterial mitbringen. Überhaupt ist es überwältigend, wie solidarisch die Menschen hier in Ecuador mit dieser humanitären Krise umgehen. Ehe wir in Riobamba aufbrachen, um über zehn Stunden lang hier runter zur Küste zu fahren, brachten uns Bauernfamilien aus den Kindernothilfe-Hochlandprojekten Lebensmittel, Mais, Kartoffeln, Bohnen, Eier, Kleidungsstücke, Spielsachen für die Kinder und Windeln, um sie hierher nach Muisne mitzubringen. Das hat uns tief berührt.

Spenden unter dem Stichwort „Erdbeben Ecuador“ werden weiterhin dringend erbeten auf

Spendenkonto Kindernothilfe e.V.

Bank für Kirche und Diakonie eG (KD-Bank)

IBAN: DE92 3506 0190 0000 4545 40

BIC: GENODED1DKD

Mauricio Bonifaz arbeitet seit elf Jahren für die Kindernothilfe. 2015 übernahm er die Leitung des KNH-Büros in Riobamba. Der 37-jährige Betriebswirt hat ein Masterstudium in Sozialprojekt-Management und Menschenrechts-Bildung absolviert.