Artikel mit dem Schlagwort Chile

Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Chile: Der steinige Weg der mutigen Familien aus Agüita de la Perdiz

Quelle: Jürgen SchübelinText und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Der Name klingt fast poetisch El Agüita de la Perdiz (frei übersetzt: Der Ort, wo das Rebhuhn Wasser trinkt). Das ist in Lateinamerika oft so: idyllische, romantische Bezeichnungen für eine Realität, die äußerst brutal sein kann. 1957 waren zehn Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Perspektive für sich und ihre Kinder vom Land nach Concepción gekommen. Dort fanden sie aber nur extreme Armut und keinerlei Möglichkeit, irgendwo menschenwürdig zu wohnen. Sie entschlossen sich zu einem mutigen Schritt: Sie besetzten in einem kleinen, engen Tal mit steilen Hängen ein Stück Land, das ihnen nicht gehörte. Sie rodeten das Unterholz, beseitigten Müll und Unrat und bauten mit Abfallmaterial, das sie in Concepción zusammentrugen – Wellblech, Holzreste, Pressspan, Pappe – winzige Hütten.

Die erste Selbsthilfeaktion in ganz Lateinamerika?
Dass dieser Verzweiflungsakt in die Geschichtsbücher eingehen würde, konnte niemand der Beteiligten ahnen. Heute streiten sich die Historiker in Chile und den Nachbarländern darüber, ob die toma, die Landnahme von Agüita de la Perdiz, die erste Selbsthilfeaktion dieser Art in ganz Lateinamerika war – oder vielleicht doch die zweite, nach La Victoria, im Südwesten der Hauptstadt Santiago, die praktisch zeitgleich stattfand. Victor Jara, den unvergessenen chilenischen Liedermacher und Sänger, der im September 1973 fünf Tage nach dem Pinochet-Putsch bestialisch ermordet wurde, beeindruckte die Geschichte der Familien aus Agüita de la Perdiz und ihrer Kinder jedenfalls derart, dass er ihnen in seinem Album La Población (Die Armensiedlung) eine Cueca mit dem Namen Sacando Pecho y Brazo (etwa: „In die Hände gespuckt und angepackt“) widmete. Darin ahmen die Musiker mit ihren Stimmen und Instrumenten den Bau der Hütten nach. Video

Staatliche Schikane
Quelle: Jürgen SchübelinEin Jahr nach der toma, am 13. April 1958, gelang es den Familien, ihre kleine Siedlung trotz aller Widrigkeiten offiziell bei der Stadtverwaltung Concepción einschreiben zu lassen. Damals regierte der Konservative Jorge Alessandri das südamerikanische Land. Seine soziale Basis bildeten u.a. die mächtigen Großgrundbesitzer. Eine selbstorganisierte Landnahme durch Wohnungslose, das war in ihren Augen so etwas wie ein Staatsverbrechen. Folglich tat dieser Staat dann auch alles, um den Menschen in Agüita de la Perdiz möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Es gab kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Abwasserentsorgung, keine Müllabfuhr und natürlich keine Straßen. Die Zeitungen und das Bürgertum in Chile nannten die nach und nach auch an anderen Orten entstehenden Notsiedlungen verächtlich callampas (aus dem Boden schießende Pilze).

Trotzdem wuchs die Zahl der Menschen, die in dem engen, steilen Tal nach einem Ort zum Wohnen suchten, bis 1973 auf fast 3.000. Am Ende waren ganz Concepción und seine Nachbarkommunen von derartigen Notsiedlungen umgeben. Und noch heute konzentriert sich auf die Provinz Concepción die größte Zahl an campamentos (selbsterrichteten Armensiedlungen) in ganz Chile. Aus diesen Gründerjahren stammt einer dieser Sätze, die man, wenn man in Agüita die steilen Treppen zu den Hütten und Häusern hochsteigt, immer wieder hört: „Wir sind hier wie eine Familie!“ Hätten die Menschen damals dem Druck nicht gemeinsam standgehalten, sich gegenseitig in allen Belangen unterstützt, gäbe es ihre Siedlung nicht mehr.

Besonders hart waren die ersten Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973. Dem Pinochet-Regime war die rebellische Siedlung, von der aus man in weniger als einer Viertelstunde zu Fuß zum Campus der Universität von Concepción und in die Innenstadt der zweitgrößten chilenischen Stadt gelangt, zutiefst verhasst. Die Militärs schikanierten die Familien mit allen Mitteln: Zwangsräumungen, Zerstörung der selbstgebauten Hütten, erzwungene Umsiedlungen von Familien in andere Viertel. Aber mit all dieser Repression konnten sie nicht verhindern, dass angesichts der extremen Armut im Land für jede aus Agüita vertriebene Familie sofort eine andere nachströmte.

Der erste Ort in ganz Chile mit demokratischen Strukturen während der Diktatur
Quelle: Jürgen Schübelin
In diese Zeit fällt die mutige Entscheidung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Concepción, ausgerechnet an diesem Ort ein Zentrum zu gründen, um gegen die chronische Unterernährung von Babys und Kleinkindern anzukämpfen. Vier Jahre nach dem Putsch, am 5. September 1977, startete das Centro Comunitario Luterano Agüita de la Perdiz mit seiner Arbeit. Sehr schnell wurde klar, dass ein Ernährungsprogramm allein noch keine hinreichende Strategie bildet, um der extremen Armut und der Arbeitslosigkeit entgegen zu treten. Zu der Kinderkrippe kamen deshalb nach und nach ein Kindergarten, eine Kindertagesstätte und die intensive Arbeit mit den Eltern, um mit ihnen gemeinsam Einkommens- und Arbeitsperspektiven zu entwickeln. Los Sobrinitos (die kleinen Nichten und Neffen) nannten die Mitarbeiter und Eltern das Projekt.

Wie entscheidend es war, in diesen bleiernen Jahren unter dem Pinochet-Regime über einen – wenn auch nur sehr bescheiden ausgestatteten – geschützten Ort zu verfügen, um mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten zu können, Netzwerk-Fäden zusammen zu halten und zivilgesellschaftliches Engagement zu ermöglichen, zeigte sich Anfang der achtziger Jahre: Agüita de la Perdiz war der erste Ort in ganz Chile, dessen Bewohner mitten in der Diktatur freie, gleiche und geheime Wahlen für die Leitung ihrer Nachbarschaftsorganisation organisierten und abhielten.

Das Projekt ist das Herz des Stadtviertels
Die Erfahrung, alles erkämpfen zu müssen: das Recht, auf dem besetzten Stückchen Land bleiben zu dürfen, die erste Trinkwasserleitung, die selbstverlegten Stromanschlüsse und die Befestigung der calle Michimalongo, die das Viertel durchzieht, das alles hat die Menschen von Agüita de la Perdiz geprägt. Auch nachdem am 11. März 1990 endlich das Militärregime nach einem verlorenen Plebiszit abtrat und den Weg für den Übergang zur Demokratie freimachte, sahen sich die Familien in Agüita nicht plötzlich auf Rosen gebettet. 13 lange Jahre sollte es noch dauern, bis sich der chilenische Staat endlich dazu durchringen konnte, den Bewohnern dieser Siedlung auch die Eigentumstitel für die kleinen Grundstücke, auf denen ihre Hütten und Häuser stehen, zu gewähren.

Das Projektteam des Centro Comunitario unterstützte bei all diesen Auseinandersetzungen die Familien der 120 Kinder, die hier tagtäglich aus und eingehen, und ihre Nachbarn aus Agüita engagiert, kreativ und ohne Angst anzuecken. „Dieses Zentrum“, sagt eine Nachbarin in einem youtube-Interview, das Studenten der Universität von Concepción aufzeichneten, „das ist das Herz unseres Viertels. Es ist das Beste, was wir je erreicht haben.“

Ein neues Gebäude dank Kindernothilfe-Spender
Quelle: Jürgen Schübelin
Nach drei Jahrzehnten Arbeit unter wirklich extrem beengten Verhältnissen in mehreren ineinander verschachtelten Holzhütten konnte das Projekt 2008 endlich in ein neues, dreigeschossiges Gebäude umziehen, für das Kindernothilfe-Spender den größten Teil der benötigten Mittel aufgebracht hatten. Wer damals die Erzieherinnen erlebte, wie sie jeden Tag mit den Bauarbeitern stritten, um jeden Ansatz von Pfusch am Bau von vornherein zu unterbinden, dem wurde klar, mit welcher Ernsthaftigkeit um dieses Projekt gekämpft wurde. Der Standort blieb der gleiche – und die bauliche Qualität des neuen Zentrums war am Ende so gut, dass bei dem schweren Erdbeben vom 27. Februar 2010, das mit einer Stärke von 8,8 auf der Richter-Skala gewaltige Schäden in Concepción und Umgebung verursachte, außer ein wenig abblätternder Farbe und einigen umgestürzten Möbeln keine Beeinträchtigungen zu vermelden waren.

Trotzdem wurde dieses Erdbeben zur nächsten großen Bewährungsprobe für die Familien in Agüita de la Perdiz. Obwohl auch in der eigenen Siedlung viele Hütten und Häuser schwer beschädigt wurden, Mauern und Dächern einstürzten, organisierten die Nachbarn spontan eine eindrucksvolle Kleider-, Essens- und Geldsammlung, um den Bewohnern des Armenviertels Santa Clara in der Nachbarstadt Talcahuano beizustehen – dort hatte im Gefolge des terremoto auch noch ein Tsunami heftige Verwüstungen angerichtet und Todesopfer gefordert. Die vor allem von der Regionalverwaltung und einschlägigen Medien angeheizte Hysterie, dass Horden von Armenviertelbewohnern plündernd durch Concepción ziehen würden – mit der Konsequenz der Verhängung des Ausnahmezustands und vom Militär überwachten Ausgangssperren – traf die Familien in Agüita de la Perdiz bis ins Mark. Plötzlich standen sie alle wieder unter Generalverdacht, wie ganz am Anfang ihrer Geschichte, als potenzielle Diebe, Plünderer, Kriminelle.

Heute herrschen Unsicherheit und Misstrauen
Quelle: Jürgen Schübelin
„Heute ist unsere Arbeit natürlich anders als während der Diktaturzeit“, sagt Graciela Silva, die Direktorin des Centro Comunitario. Die Probleme sind andere – und auch die verschiedenen Manifestationen von Armut. Aber noch immer geht es um Ausgrenzung, um Das-nicht-dazu-Gehören, um Mechanismen, die das Wirtschafts- und Sozialmodell im Nach-Pinochet-Chile verfestigt hat, damit sich Menschen unter völlig prekären Arbeitsbedingungen – und immer überschuldet – tagaus-tagein verausgaben, um mit ihren Kindern irgendwie über die Runden zu kommen.

„Das hat auch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft erodieren lassen“, erklärt Graciela. „Nur noch wenige möchten sich für das Gemeinwohl engagieren. Die Unsicherheit und das gegenseitige Misstrauen sind gewachsen.“ Einige Fälle von schwerer Kriminalität und Gewalt, die es zuletzt gegeben hat – und zwar im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel, der sich wie ein Krebsgeschwür in das Viertel frisst –, reichten aus, um die Nachbarschaft auseinanderbrechen zu lassen.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Situation der Kinder: Die Fälle häuslicher Gewalt sind wieder angestiegen. Besonders junge Paare und Familien leiden darunter, „was natürlich emotionale und psychische Störungen bei unseren Kindern verursacht“, berichtet Graciela Silva. Und: „Viele können sich nicht mehr wie früher auf ihre familiären Netzwerke verlassen.“

Engagement gegen die Gewalt
Quelle: Jürgen Schübelin
Das Centro Comunitario-Team hat auf diese Herausforderungen reagiert. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet jetzt auch ein Psychologe im Projekt, spezialisiert auf die Arbeit mit Familien in Krisensituationen und soziale Brennpunkt-Konflikte. Die Erzieherinnen selbst haben sich intensiv weitergebildet, um mit schweren Kinderrechtsverletzungen, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt in allen ihren Ausdrucksformen, die sie an den Mädchen und Jungen wahrnehmen, professionell umgehen zu können.

Der chilenische Staat, ist – obwohl seit Jahren eingefordert – noch immer nicht in der Lage, ein nationales Jugendschutzgesetz zu verabschieden. Folglich gibt es seitens der politisch Verantwortlichen auch keine Unterstützung für das Team um Graciela Silva, um über das Engagement für die Kinderrechte auch die Erwachsenen immer wieder zu motivieren, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und erneut das notwendige Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sie so dringend an ihre Kinder weitergeben müssten. „Als Nichtregierungsorganisation, die sich für Kinderrechte engagiert“, sagt die Direktorin des Centro Comunitario, „müssen wir dafür sorgen, dass Gewalt und Aggressivität, Zurückweisung und Vernachlässigung gegenüber Kindern nie als ‚normal‘ betrachtet werden, sondern es in Agüita de la Perdiz und anderswo immer Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen und alles dafür geben, die Dinge, so wie sie sind, zu verändern“.

Wie das gelingen kann, haben die zehn pobladores-Familien vor 59 Jahren gezeigt, mit deren Mut und Entschlossenheit in Agüita de la Perdiz alles begann.

(Projekt 92040)

Quelle: Jürgen Schübelin