Artikel mit dem Schlagwort 1 Jahr nach Taifun Haiyan

„Unsere Schule war wie ein totes Tier“

Drei Glockenschläge, dann eine Pause, und noch einmal holt der schmächtige Junge mit dem Klöppel aus und schlägt an die kleine Glocke. Noch vor einem Jahr stand hier, am Strand von Asgad in der Gemeinde Salcedo, eine eindrucksvolle Kirche. Dann, am frühen Morgen des 8. November 2013, walzte ein gigantischer Wirbelsturm über die Insel Samar und schlug eine Schneise der Verwüstung quer durch die Philippinen. Vor sich her schob er baumhohe Flutwellen, die die Kirche von Asgad in wenigen Augenblicken zur Ruine machten. Noch sind die Toten, die Taifun Haiyan, der hier Yolanda genannt wird, forderte, nicht endgültig gezählt. Es werden zwischen 6.000 und 10.000 sein. Allein hier, im Dorf Asgad und dem Nachbardorf Jagnaya, verloren 21 Menschen in Sturmflut und einstürzenden Gebäuden ihr Leben.

Anstelle der stolzen Kirche dient nun ein niedriger Behelfsbau aus verblichenem Sperrholz als Gottesdienstraum. Vor dem Eingang hängen, mit rostigem Armiereisen befestigt, die beiden kleinen Glocken der alten Kirche. Drinnen stehen die lädierten, notdürftig geflickten Heiligenfiguren. Es ist der 8. November 2014. Die Gemeinde hat sich versammelt, um ein Jahr nach der Katastrophe ihrer Toten zu gedenken und einen Sinn in all dem zu finden.

Bei meiner Fahrt nach Salcedo habe ich noch viele eingestürzte Häuser gesehen, Schulen, deren Dächer mit grauen Plastikplanen notdürftig abgedichtet waren, Zelte, die als Klassenzimmer dienen. Mehrere internationale Organisationen bauen gerade auf den Inseln Leyte und Samar, die von dem Taifun besonders schwer betroffen waren, Behelfshäuser aus Bambusmatten und Wellblech. Wie lang werden diese Hütten dem tropischen Wetter mit seiner schwülen Hitze und den unberechenbaren Stürmen standhalten?

Die zerstörte Grundschule im November 2013. (Quelle: Kidlat de Guia)In Salcedo und den Nachbargemeinden Mercedes und Guiuan ist etwas ganz anders. Zwei Tage zuvor bin ich in der großen Grundschule in Salcedo gewesen, an der 585 Kinder in sechs Klassenstufen und einer Vorschulklasse unterrichtet werden. Im November 2013 hatte ich hier in Ruinen gestanden. Die meisten Dächer waren davongeflogen, die eisernen Dachkonstruktionen hatten sich wie ein Haufen Spaghetti ineinander verdreht. Edgar, ein munterer Sechstklässler, beschreibt seinen Eindruck so: „Als ich das erste Mal nach dem Taifun zurück kam, sah die Schule aus wie ein totes Tier.“

Aber nun herrscht Feststimmung. Die Bühne auf dem Schulhof ist bunt dekoriert, ein Lehrer hält eine Rede, die Kinder führen Tänze auf, ein elfjähriger Junge in glänzendem dunklen Anzug singt herzzerreißend schön. Alle danken sie der Kindernothilfe und unseren Spenderinnen und Spendern für den Wiederaufbau der Schule, und vor allem für das neue, zweistöckige Gebäude mit sechs Klassenzimmern, das auch als Versammlungshalle für die Gemeinde und – noch wichtiger – als Evakuierungszentrum genutzt werden kann. Edgar und seine Klassenkameradin Cylla erinnern sich an die Zeit im Schulzelt. Da war es heiß und stickig, sie konnten sich kaum konzentrieren. Nun, in den neuen und wiederhergestellten Klassenzimmern, ist es viel kühler. Und es gibt ordentliche Toiletten, wie sie betonen. Edgar fügt noch hinzu: „Ich wollte immer auf eine Privatschule gehen, weil die zweistöckige Schulgebäude haben. Nun haben wir in unserer Schule auch so ein Gebäude!“ Der Stolz ist ihm anzusehen.

Der philippinische Präsdient Aquino begrüßt Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn. (Quelle: Kidlat de Guia)Auch in Guiuan, dem Ort, in dem der Taifun zum ersten Mal auf Land traf, und der fast völlig zerstört wurde, hat unsere Partnerorganisation AMURT mit ihrem genialen Organisator Kurt Behringer die East Central Elemetary School für ihre 2.075 Schülerinnen und Schüler wieder aufgebaut. Dazu mussten 16 Klassenzimmer neu gebaut und 25 weitere, sowie zwei Büroräume, repariert und renoviert werden. Nun ist alles fertig und strahlt in frischen Farben. Das ist auch der Regierung nicht entgangen, und so kommt am Morgen vor dem Jahrestag der Katastrophe der philippinische Staatspräsident Benigno S. Aquino zu Besuch. Bei seinem Rundgang durch die Schule habe ich Gelegenheit, ihm die Arbeit der Kindernothilfe zu erläutern. Der Präsident bedankt sich herzlich und lobt bei seiner späteren, von den nationalen Fernsehstationen übertragenen Pressekonferenz die Kindernothilfe für ihre Wiederaufbauarbeit.

Mit den Mitteln der vielen Tausend Spenderinnen und Spender der Kindernothilfe sind in weniger als einem Jahr 23 Kindergärten in der Gemeinde Salcedo neu gebaut oder repariert und renoviert worden. Außerdem sind in den Gemeinden Salcedo, Mercedes und Guiuan insgesamt 228 Klassenzimmer an 23 Schulen neu gebaut oder repariert worden. Wie der wendige Schulrat der Provinz Samar, Bernardo Adina, etwas bedrückt zugeben muss, sind das fast genau doppelt so viele Schulräume wie das Erziehungsministerium in der Provinz bisher neu gebaut hat. Zudem kostet der Neubau eines Klassenzimmers durch AMURT mit Mitteln der Kindernothilfe exakt die Hälfte dessen, was das Erziehungsministerium braucht. Wo genau der Differenzbetrag hingeht, darüber braucht man in den Philippinen nicht lange nachzudenken.

Das Neubaugebiet Jagnaya. (Quelle: Kidlat de Guia)Die Gemeinde Salcedo verfügt seit einigen Wochen auch über eine neue Touristenattraktion. In den Dörfern Jagnaya und Asgad sind mit aktiver Beteiligung der Gemeindeverwaltung unter ihrem tatkräftigen und unbestechlichen Bürgermeister Melchor Melgar zwei Neubaugebiete entstanden. Hier, in sicherer Entfernung vom Meer, aber nur wenige Hundert Meter von den alten Häusern entfernt, die der Taifun mit sich gerissen hatte, sieht man die neuen, sturmfesten und erdbebensicheren Häuser. AMURT hat mit Mitteln der Spenderinnen und Spender der Kindernothilfe 115 Wohnhäuser neu gebaut. Während in vielen anderen Gemeinden noch Behelfshütten entstehen, werden hier in wenigen Wochen alle Familien, die ihr Heim verloren hatten, in die neuen Häuser mit Bad, Toilette, Küche und kleinem Garten eingezogen sein. Außerdem wurden 59 Häuser in den beiden Dörfern repariert.

Ivan, der Sohn einer Familie, die schon in ihr neues Haus eingezogen ist, erinnert sich nicht mehr gern an die Monate im Zelt. Da war es stickig; wirklich dicht hielt die Plane nicht, und bei Sturm hatte er immer Angst, dass auch das Zelt, wie zuvor das Haus, wegfliegt. Nach Taifun Haiyan sind in den Katastrophengebieten der Philippinen insgesamt 452 permanente Häuser neu gebaut worden. Ein Viertel davon durch Kindernothilfe/AMURT.

Bei der Feier zum Jahrestag des Taifuns in der Grundschule in Guiuan singen die Lehrerinnen und Lehrer der Kindernothilfe ein Danklied. Es geht um ihre Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht in den Trümmern, die der Wirbelsturm hinterlassen hatte. Und darum, wie mit der Hilfe der Kindernothilfe auch Hoffnung und Zuversicht bei ihnen wieder eingekehrt sind. Ich sehe die strahlenden Kinder in den hellen neuen Klassenzimmern und weiß: Der neue Anfang, hier ist er gelungen.

Manila, den 10.11.2014
Christoph Dehn