Artikel vom April 2018

Nepal: Der Weg zurück in den Alltag

Vor drei Jahren, am 25. April 2015, bebte die Erde in Nepal, und das mit einer Stärke von 7,8. Weitere Erdbeben folgten noch Wochen später. Mehr als 8.700 Menschen verloren ihr Leben bei der verheerenden Katastrophe, es gab mehr als 22.000 Verletzte – Nepal war im Ausnahmezustand. Das ohnehin schon arme Land musste sich auf die Notsituation einstellen. Die Zerstörung war enorm, und für die meisten Menschen schien die Lage ausweglos zu sein. Drei Jahre sind keine lange Zeit, um die Schäden eines so gravierenden Erdbebens zu beheben. Doch die Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT konnte den Prozess des Wiederaufbaus beschleunigen und viele Projekte zugunsten der Kinder und Frauen realisieren. Den ganzen Beitrag lesen »

Praktikum fürs Leben: Mit YouTubern in Südafrika

Praktikum fürs Leben: Shanti und Dillan beim Interview mit der Praktikantin Ntombifuthi

Shanti und Dillan beim Interview mit der Praktikantin Ntombifuthi

Life Skills – „Lebenspraxis“ – ist in Südafrika ein Unterrichtsfach. Da geht es etwa um den respektvollen Umgang miteinander oder die Förderung der eigenen Fähigkeiten. Doch Kinder, die die Schule abbrechen, weil sie arm sind oder auf der Straße leben, haben keine Chance, Life Skills zu erwerben – es sei denn, jemand hilft ihnen. Der Kindernothilfe-Partner Youth for Christ bildet diese Helfer in einem einjährigen Praktikum aus. Die YouTuber Shanti Tan und Dillan White haben sie besucht – und unterstützen ihre Arbeit mit einer Online-Spendenaktion. Den ganzen Beitrag lesen »

Die Häuserbauerinnen von Moro

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Jürgen Schübelin sowie der Kindernothilfe-Partner Aportes

Señora Cirila hat das Leben immer schon sehr viel abverlangt. Acht Kinder brachte sie zur Welt und musste dafür kämpfen, sie jeden Tag irgendwie satt zu bekommen – an der kahlen, kargen Südseite der Quebrada von Anta, auf die fast das ganze Jahr die Sonne knallt und kaum Landwirtschaft möglich ist, eine Riesenherausforderung! Aber dank der Ziegen, die dann doch noch überall etwas Futter finden, ging es irgendwie. Bis zu jener entsetzlichen Woche im März 2017, als es in der Küstenkordillere in der Region Ancash, die normalerweise im Jahresmittel so gut wie überhaupt keine Niederschläge abbekommt, tagelang nicht aufhörte zu regnen: El fenómeno del Niño Costero nennen Meteorologen diese Klimaanomalie. Die Folgen waren entlang der gesamten Pazifikküste im Norden Perus verheerend: 162 Tote, 19 bis heute Verschwundene, Hunderte Verletzte, 66.000 komplett zerstörte Häuser, fast 400.000 stark beschädigte Wohnungen und Gebäude.

Señora Cirila

Señora Cirilas kleines Haus rissen die Wasser- und Schlammmassen, die die Quebrada von Anta herunterschossen, einfach mit. Mit ihren Kindern schaffte sie es in letzter Minute ins Freie. Aber alle Tiere starben. Alles, was Señora Cirila und ihre Familie je in ihrem Leben besessen hatten, holte sich der Niño Costero. Dazu gehörte auch die kleine Parzelle auf der anderen, der schattigen Seite der Quebrada mit den Kakteen und Maispflanzen, von der der Schlamm und das Geröll nichts übrig ließ. „Dann begann eine ganz schwere Zeit“, erinnert sich Cirila, „wir haben wochenlang gehungert.“ Denn auch die Nachbarn hatten nichts mehr, und Anta, ein kleiner Ort ganz am Ende eines der vier Täler, die den Verwaltungssitz Moro umgeben, war völlig von der Außenwelt abgeschnitten.

Das Warten auf Hilfe

Wie ganz oft nach Katastrophen in Lateinamerika gab es Hilfe für die Überlebenden nur dort, wohin Fahrzeuge und Fernsehteams kamen. Moro und die kleinen Dörfer in den vier Quebradas erfüllten dieses Kriterium nicht. Die Kommunalverwaltung war von der Dimension des Desasters völlig überfordert und verfügte über keine Mittel, um zu den Menschen in den abgeschlossenen Orten vorzustoßen. Carmen Alemán von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Aportes erinnert sich an diese dramatischen Tage: „Telefonleitungen existierten nicht, und die Handys hatten keine Verbindung mehr.“ Aber, weil Aportes im Rahmen eines Kinderrechte-Projektes zusammen mit den Dorfgemeinschaften in den vergangenen Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut hatte, „konnten uns“, so Carmen Alemán, „die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen über UKW-Frequenzen erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem, was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.“

Verteilung der Hilfsgüter

Verteilung der Hilfsgüter

Was dann folgte, war eine extrem aufwändige und logistisch außerordentlich schwierige Hilfsaktion, für die die Kindernothilfe die benötigten Mittel als Sofort-Unterstützung zur Verfügung stellte. Carmen Alemán erinnert sich an alle Details: „In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.“ Sehr schnell wurde klar, dass es vor allem an Grundnahrungsmitteln fehlte, Nudeln, Reis, Milchpulver – aber auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo oder Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. 652 sorgfältig mit all diesen Produkten bepackte Plastiksäcke konnten innerhalb weniger Tage verteilt werden.

Aber bereits während dieser Soforthilfe-Kampagne verstand das Aportes-Team, dass es noch eine ganz andere, viel schwierigere und komplexere Heraufforderung gab: Denjenigen, deren Häuser komplett zerstört wurden und die nicht in der Lage waren, selbst den Wiederaufbau zu bewerkstelligen, wieder zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen! Nachbarn und die ehrenamtlichen Kindesschutzberaterinnen in den kleinen Dörfern halfen mit, die dringendsten und dramatischsten Fälle zu erfassen und dokumentieren: Witwen mit ihren Kindern, Alleinerziehende, Familien mit Kindern mit Behinderungen oder Personen mit schweren, chronischen Erkrankungen, die zu Hause gepflegt werden. Am Ende waren es 33 Familien aus neun verschiedenen Dörfern rund um Moro, die in dieser Dringlichkeitsliste ganz oben standen.

Die Architekten-Zeichnung mit dem Modell für die 33 Häuser

Der Wiederaufbau – eine Herausforderung

Leticia und Henri, zwei erfahrene Architekten, ließen sich auf die Herausforderung ein, besuchten alle Orte, lernten die Familien und ihre Lebensbedingungen kennen, hörten ausführlich zu und entschieden sich dann für einen mutigen Vorschlag: „Wir verstanden“, erklärt Henri, „dass die Häuser – wenn das Ganze auf Akzeptanz stoßen soll – nur mit dem Material wieder aufgebaut werden können, das die Menschen kennen: adobe – selbst gefertigten Lehmziegeln. Ganz traditionell und trotzdem technisch so verbessert, dass die neuen Häuser jeder Witterung standhalten.“ Der von ihnen entwickelte Bauplan sah einen Innengrundriss von 36 Quadratmetern vor, zwei Räume, beide mit Fenstern, und das Ganze bei Bedarf erweiterungsfähig. Für alle 33 Familien bedeutete das eine deutliche Verbesserung gegenüber ihrer bisherigen Wohnsituation.

Die größte Hürde für das Aportes-Team, aber auch für die beteiligten Familien, waren die sich teilweise über Wochen hinziehenden Aushandlungsprozesse und die Überzeugungsarbeit dafür, dass es nicht möglich sein würde, die Häuser exakt am alten Standort wieder aufzubauen, sondern in jedem Einzelfall eine sicherere, vor möglichen zukünftigen Überschwemmungen geschützte Lage gefunden werden müsste. „Es ist den Menschen unwahrscheinlich schwer gefallen, den Ort aufzugeben, an dem die Familien zum Teil über Generationen hinweg gewohnt haben“, räumt Architekt Henri ein. Oftmals halfen Nachbarn mit, für die Einsicht zu werben, dass der neue Standort einfach sicherer sein müsse. Gebaut wurden die 33 Häuser deshalb ganz oft auf kleinen Anhöhen, strategisch so gelegen, dass selbst bei Starkregen das Wasser in zwei Richtungen abfließen kann.

Mit allen 33 Familien schloss Aportes einen Vertrag, in dem sich die Familien verpflichteten, die benötigten adobe-Ziegel selbst herzustellen, angeleitet von Handwerkern, nach präzise Vorgaben, was Maße und die exakte Zusammensetzung der Lehm-Stroh-Mischung anbelangt. Und auch das war Teil des deals: Bei den Bauarbeiten sollte immer die ganze Familie mitanpacken. Die neben den adobe benötigten Materialien, Zement für die Fundamente, Holz für die Dachkonstruktion, das Aluminum-Zinkblech für die Dächer, die Geogitterbewehrung, um die Mauern stabiler zu machen, Gips und Farbe stellte Aportes, finanziert durch die Kindernothilfe – genauso wie die Transport- und die Lohnkosten der beteiligten Handwerker. Rund 5.500 Euro kamen auf diese Weise an finanziellen Aufwendungen für jedes der 33 Häuser zusammen: Autoconstrucción guiada – angeleitetes, fachlich unterstütztes Selbstbauen – nennt man dieses Arbeitsprinzip, das auch vom Programm der Vereinten Nationen für das Wohn- und Siedlungswesen (UN-Habitat) als eine besonders nachhaltige Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Regionen mit großer Armut empfohlen wird.

Señora Cirila mit ihren Adobe-Steinen

Die Frauen packten mit an!

Señora Cirila und ihre Kinder hatten im August die adobe-Ziegel fertig. Danach dauerte es noch drei Monate, bis das neue Haus stand. Ihr Nachbar, don Jorge Máximo, unterstützte die Familie engagiert. „Wir haben von Woche zu Woche gesehen, was dieses Projekt mit den Frauen gemacht hat“, sagt Carmen Alemán: „Es gab eine klare Botschaft an alle: Die Frauen bauen! Und sie können das!“ Dieser Selbstbewusstseins-Schub ist für das Aportes-Team in der traditionell-archaisch geprägten Welt der kleinen Dörfer von Ancash mit der klaren Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen und immer wieder auch ganz viel machistischer Gewalt, ein wichtiges Ergebnis dieses Humanitäre Hilfe-Projektes: „Dass die Frauen gelernt haben, wie es geht, ein Haus zu bauen, macht sie unabhängiger, weniger verletzbar“, ist sich Carmen Alemán sicher.

Mit von der Partie waren während der ganzen Zeit aber auch die Kinder. Sie halfen beim Herstellen der Lehmziegel und dabei, die adobe jeden Tag umzudrehen, um sie in der Sonne trocken und hart werden zu lassen. Sie wichen den maestros, den Handwerkern, nicht von der Seite, als die Fundamente gegossen und die Mauern hochgezogen wurden. Für die achtjährige Amelia, die ganz genau erklären kann, worauf es bei einem guten adobe-Ziegelstein ankommt und wie wichtig es ist, dass er nicht zu früh zu viel Sonne abbekommt, austrocknet und bricht, ist jedenfalls klar, was sie später mal machen will: „Häuser bauen!“

Auf Wiedersehen!

Weitere Infos zur Unwetterkatastrophe in Moro:

 

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

 

 

Keine Wunder – aber eine starke Leistung

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Reinhard Schaller (Port-à-Piment) und Jürgen Schübelin

Die Hoffnung ist zurück in Port-à-Piment! Vor anderthalb Jahren, im Oktober 2016, war der kleine Küstenort im Südwesten Haitis, auf der Tiburon-Halbinsel, so etwas wie das Epizentrum der Hurrikan-Matthew-Katastrophe: Neun von zehn Gebäuden zerstört, die Menschen, die die Wirbelsturmnacht mit Windstärken von bis zu 230 km/h überlebt hatten, traumatisiert, die meisten Haustiere getötet, die Bäume entwurzelt – fast die gesamte Vegetation verschwunden. Nach Matthew wollten die, die es sich irgendwie leisten konnten, nur noch weg. Irgendwohin – einfach aus der Zone der Verwüstung heraus. Und die, die dablieben, versuchten, in den Ruinen ihrer Häuser oder in notdürftig errichteten Hütten am Strand unter blauen Plastikplanen Schutz zu finden.

Die kleine Stadt Port-à-Piment im Südwesten von Haiti war so etwas wie das Epizentrum dieser Hurrikan-Katastrophe.

„Es war, als ob der ganze Ort unter kollektiver Depression litt“, beschreibt Ulrike Schaller die Stimmung. Die Physiotherapeutin aus dem Schwarzwald lebt und arbeitet seit über 15 Jahren in Port-à-Piment. Sie betreut Patienten im kleinen Krankenhaus des Ortes. Was für den Stimmungsumschwung gesorgt hat, kann sie ganz genau sagen: „Als hier an der Berufsschule die Wiederaufbauarbeiten richtig losgingen, war das wie eine Adrenalin-Injektion.“ Plötzlich fingen auch die Nachbarn an, ihre Häuser zu reparieren. Und als es dann auch noch im Mai und Oktober 2017 für einigen Wochen regnete – nicht stark, aber ausreichend – war innerhalb ganz kurzer Zeit auch die Vegetation wieder da: Bananenstauden trieben erneut aus, diejenigen Bäume und Sträucher, die vom Hurrikan Matthew im Oktober 2016 entlaubt worden waren, zeigten vorsichtig wieder etwas Grün, und sogar auf den kahlgefrästen Hügeln rund um Port-à-Piment keimte und spross es – ganz so, als ob die Natur ihr eigenes Reparaturprogramm gestartet hätte.

Was konnte die Kindernothilfe leisten?

Die Kindernothilfe ist seit zehn Jahren an diesem Küstenort im Department Sud engagiert. Am Beginn der Kooperation mit dem Partner Centre de Développement sur la Côte Sud d‘Haïti (CDCSH) stand seinerzeit ein anderer Hurrikan, Ike, der im September 2008 in Port-à-Piment schwere Überschwemmungsschäden verursacht hatte. Damals finanzierte die Kindernothilfe ihrem Partner CDCSH den Bau von sieben Tiefbrunnen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit mit der CDCSH-Berufsschule, der einzigen auf der ganzen Tiburon-Halbinsel, immer enger. Nach dem Erdbeben von 12. Januar 2010, als Zehntausende aus der verwüsteten Hauptstadt in den Südwesten Haitis flüchteten, organisierte die Schule erfolgreiche Kompakt-Kurse für Hunderte von Jugendlichen, Mädchen und Jungs, die sich Grundkenntnisse in erdbebensicherem Mauern, Schreinern, Stromleitungen-Verlegen und Schneidern aneigneten und so nicht mit leeren Händen nach Port-au-Prince zurückkehren mussten.

Die unfassbare Gewalt von Hurrikan Matthew, dem stärksten Sturm, der Haiti in über 50 Jahren heimgesucht hatte, machte aus der Vorzeigeschule in dieser Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 2016 eine Ruine: Alle Dächer waren verschwunden, die Mauern eingedrückt und selbst die das Schulgelände umgebende Außenmauern bis auf die Fundamente niedergerissen! Die Starkregenfälle im Gefolge des Hurrikans gaben aber auch den Werkzeugen und Maschinen zur Holzbearbeitung für die Schreiner- und Zimmermannskurse den Rest. Nur ein kleiner Teil der Gerätschaften konnte aus den Trümmern herausgeholt und gerettet werden. In dieser Situation sorgte ein seit vielen Jahren mit Kindernothilfe verbundener Partner für ein ganz starkes Zeichen: Die Futura-Stiftung für Kind, Jugend und Kultur aus Hamburg erklärte sich bereit, den Wiederaufbau der Schule zu finanzieren. Damit konnte dem CDCSH-Team in Port-à-Piment grünes Licht für ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt gegeben werden: Die Neuerrichtung sämtlicher Unterrichtsräume – als lehrplanmäßig organisierte Gemeinschaftsaktion von Schülern und Lehrern!

Der Wiederaufbau

Den Auftakt machten die 55 Jugendlichen aus den drei Maurerklassen. Sie kommen sowohl aus Port-à-Piment als auch aus den Dörfern der Umgebung. Während eines ganzen Jahres nahmen viele von ihnen täglich eineinhalb Stunden Fußmarsch hin und eineinhalb Stunden zurück in Kauf, um beim Unterricht in einer Schule, die es eigentlich gar nicht mehr gab, dabei zu sein. So wie Pétit Medna (17), der aus einem der Dörfer in den Bergen oberhalb von Port-à-Piment kommt: „Ich bin stolz darauf, hier beim Wiederaufbau meiner Schule dabei zu sein“, erklärt der junge Mann. „Ich will ein guter Maurer werden. Solche Leute werden in Haiti immer gebraucht.“ Diesen Satz hat er von seinem Lehrer, Monsieur Denisieux Juste, der mit ernstem Gesicht zuhört. Der Maurermeister war schon vor vierzehn Jahren dabei, damals selbst als Auszubildender, als die Berufsschule von Port-à-Piment zum ersten Mal errichtet wurde.

Schon 48 Stunden nach der Matthew-Katastrophe vom 4. Oktober 2016 hat Denisieux Juste seine Kollegen aus dem Ausbilder-Team der Berufsschule sowie einige ihrer in der Nähe lebenden Schüler zusammengetrommelt, um anzufangen, den Schutt aus den vom Hurrikan völlig zerstörten Unterrichtsräumen heraus zu schaffen und die eingestürzten Mauern und Deckenteile abzutragen. Vor allem ging es ihnen darum, zumindest einen Teil der Werkzeuge, Holzvorräte und weiteren Arbeitsmaterialien zu retten. Und inmitten der Ruinen galt es auch noch eine ganz andere, sehr schmerzhafte Aufgabe zu lösen: Särge für diejenigen zu schreinern, die die Matthew-Nacht nicht überlebt hatten!

Inmitten der Ruine der Schule mussten die Särge für diejenigen gezimmert werden, die die Katastrophe nicht überlebt hatten.

Die Organisation der Bauarbeiten nötigte dem Ausbilder-Team – aber auch den Schülern – Höchstleistungen ab. Fast acht Monate lang war Port-à-Piment von der Stromversorgung abgeschnitten, mit der Folge, dass sämtliche Arbeiten aufwändig und kräftezehrend komplett von Hand ausgeführt werden mussten: Schalungen schneiden, Beton mischen, Teile für die Dächer sägen, Armierungen biegen. Jeden einzelnen Hohlblock-Stein der Schule fertigte das Team vor Ort in Handarbeit. Immer wieder gerieten die Anstrengungen wegen Lieferengpässen bei Zement und Holz, die aus Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis herbeigeschafft werden mussten, ins Stocken.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Vierzehn Monate, vom Oktober 2016 bis Dezember 2017, dauerte der Wiederaufbau am Ende. Bereits drei Monate zuvor, im Oktober, hatte der reguläre Schulunterricht mit neuem, selbst geschreinertem Schulmobiliar, neuen Werkbänken – statt dem früheren Blech jetzt unter einem sturmsicheren Betondach – beginnen können. Es gelang sogar in wochenlanger Fitzelarbeit, die defekten Teile des Stromgenerators der Schule zu ersetzen und das Gerät wieder in Gang zu bringen. Alle vier Fachklassen – Maurer, Schreiner, Schlosser und Klempner sowie die Computer-Kurse – arbeiten jetzt in sturm- und regensicheren Unterrichtsräumen. Reinhard Schaller, gelernter Schlosser, der die CDCSH-Schule jetzt seit fünfzehn Jahren durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist vor allem auf einen Aspekt stolz: „Über 90 Prozent sämtlicher Arbeiten konnten wir mit den lokalen Fachkräften aus der Schule und denjenigen, die in früheren Jahren hier ihre Ausbildung gemacht hatten, schultern! Nur in ganz wenigen Fällen war Hilfe von außerhalb notwendig. Die Leute hier haben sich unglaublich engagiert.“

Aber auch für die Jugendlichen selbst, die ihre eigene Schule wiederaufbauten, wurde dieses Ausbildungsjahr 2017 zu einer ganz besonderen Erfahrung. Monsieur Denisieux, der Maurerlehrer aus Port-à-Piment, ist sich sicher: „Wer hier gelernt hat, dass es möglich ist, auch nach der schlimmsten Katastrophe wieder aufzustehen und neu anzufangen, wer gesehen hat, wie es geht, so einen Wiederaufbau nur mit unserer Entschlossenheit und der Kraft unserer Hände anzugehen und unter uns alle anstehenden Aufgaben selbst zu organisieren, den haut nichts mehr um!“