Artikel vom Oktober 2016

Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

„Die Leidenschaft, für Kinder zu arbeiten – das verbindet uns!“

Projektreise Südafrika: Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Ehrenamtlichen bei DurbanVon Niklas Alof, Referat Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, zurzeit mit Kindernothilfe-Ehrenamtlichen auf Projektbesuch in Südafrika

Es ist der dritte Projektbesuch unserer Reise. Wir sind in unserem kleinen Bus auf dem Weg in eine ländliche Region namens Umbumbulu, ca. 45 Kilometer außerhalb von Durban. Es regnet und ist erstaunlich kalt, auch machen sich die vielen Eindrücke der letzten Tage bemerkbar, die auf uns eingeprasselt sind.

Die Stimmung ist nicht mehr ganz so euphorisch wie an den Tagen zuvor. Besonders die große Ungleichheit, die einem in Südafrika begegnet, geht vielen von uns wirklich nah. Einerseits sieht man prachtvolle Straßenzüge und Villen, hat eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur und bestaunt tolle Landschaften. Andererseits kommt man innerhalb weniger Minuten, weniger Kilometer in Gebiete, die man zwar aus Berichten und Bildern kennt, deren reale Existenz aber überwältigend ist. Die Armut und Ausgrenzung, die die Menschen in den Townships und den ländlichen Regionen erfahren ist, krass. Manche leben in kleinen vom Staat finanzierten Steinhäusern, andere bauen sich aus Wellblech und anderen Behelfsmitteln kleine Hütten. Es gibt manchmal Strom über Solaranlagen, Toiletten sind teilweise auch zu erkennen. Es sind Dixi-Klos oder selbstgebaute Hütten.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei einer kleinen Schule an; ein Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Sinani empfängt uns und führt uns in einen Raum, in dem eine 15-köpfige Gruppe von ehrenamtlichen Community Childcare Workers (vergleichbar mit Jugendarbeitern) auf uns wartet. Langsam treten wir ein, die sprachlichen und kulturellen Hürden lassen sich nicht leugnen, alle sind etwas schüchtern und warten ab. Wir setzen uns in einen großen Kreis, begrüßen einander und stellen uns vor. Alles wirkt leicht steif und zurückhaltend. Nach ein paar offiziellen Worten der Begrüßung von beiden Seiten können Fragen gestellt werden. Jetzt wird die Runde lebhaft – von unserer Seite kommen viele Fragen: Welche Hauptprobleme begegnen euch bei der Arbeit mit den Kindern? Wie kommt ihr mit den Eltern in Kontakt, wie kooperieren diese? Wie viele Haushalte werden von Kindern geführt? Wie vereinbart ihr eure ehrenamtliche Arbeit mit euren anderen Jobs und Aufgaben?

Projektreise Südafrika: gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter beeindrucken und machen betroffen

Die Gewalterfahrungen der Kinder sind so vielfältig, dass man sie kaum aufzählen kann, hören wir aus den Antworten. „Gewalt in der Familie und der Großfamilie, in der direkten Umgebung, es gibt sehr gefährdete Kinder in den Communities, viele wurden durch HIV und Aids zu Waisen“, zählen die Jugendarbeiter auf. Aids und seine Folgen sind ein riesiges Arbeitsfeld für die freiwilligen Mitarbeiter. „Ich machte einen Hausbesuch bei einer Familie“, berichtet eine Ehrenamtliche, „und treffe dort auf 15 Waisenkinder, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.“ In diesem Gebiet werden schätzungsweise nahezu ein Drittel der Haushalte von Kindern geführt. Eine unvorstellbare Zahl! Viele der Kinder haben – auch aufgrund ihrer kulturellen Erziehung – nicht gelernt, ihre Gewalt- und Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Manche können durch die Jugendarbeiter erstmals eine enge Beziehung aufbauen und über ihre Trauer und Probleme sprechen. Dabei gehen die Sinani-Ehrenamtlichen sehr vorsichtig vor. Keines der Kinder soll dadurch stigmatisiert werden, dass es sich öffnet und seine Probleme aufzeigt. Auch soll diese Offenheit nicht zu Konflikten mit den Eltern führen. So besuchen die Jugendarbeiter auch immer wieder die Eltern, berichten von ihrer Arbeit, versuchen sie zu überzeugen.

Die Eltern begegnen den Ehrenamtlichen anfangs mit großer Skepsis. Es erfordert Offenheit und Mut, dem eigenen Kind zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. „Aber“, so berichten sie, „der nachhaltige Erfolg überzeugt dann doch viele von ihnen. Die Kinder werden besser in der Schule, entwickeln sich gut, blühen auf. Auch bekommen sie durch die Betreuung eine Mahlzeit – nicht zuletzt eine gute Art, Eltern zu überzeugen.“

Die Sinani-Jugendarbeiter verbinden ihre ehrenamtliche Arbeit mit all ihren anderen Jobs, ihrer eigen Familie, ihren eigenen Aufgaben. Sie sagen, dass sie sich Schlupflöcher suchen, in denen sie ihre Arbeit machen können, sei es auch ein Samstag.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Tausende Kilometer voneinander entfernt und doch eine gemeinsame Vision

Eine Mitarbeiterin spricht aus, was alle Anwesenden verbindet: „Man braucht Leidenschaft, um sich für hilfsbedürftige Kinder einzusetzen. Das ist kein einfacher Job – es ist eine Aufgabe, die Leben verändern kann!“ Ein toller Moment für alle, die hier zusammensitzen, denn wir sehen, wir leben zwar Tausende von Kilometern voneinander entfernt und doch haben wir die gemeinsame Vision: Lasst uns Kinder zu ihren Rechten verhelfen!

Die Stimmung ist mittlerweile viel lockerer, es entsteht ein reger Austausch. Auch wir können berichten, welche Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet wird. Wie wir immer wieder Menschen davon überzeugen wollen, sich für andere einzusetzen. Wie wir immer wieder Menschen bewegen möchten, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Das verbindet, und es ist toll zu wissen, dass es diese Verbindung quer über die halbe Erdkugel gibt.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Es werden nun fleißig Selfies und Fotos jeder Art gemacht. Wir stehen zusammen, unterhalten uns irgendwie auf Englisch, Zulu und Deutsch, manche übersetzen. Ein toller Spirit macht sich breit! Dafür sind wir da. Wir wollen direkt erleben, wie die Arbeit vor Ort läuft. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stecken. Und das passiert ganz wunderbar an diesem kalten und regnerischen Tag in der Nähe von Durban: Wir verstehen einander, wir stärken und motivieren uns. Für Kinder. Weltweit.

Honduras-Tagebuch: „Das ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“

Honduras: Carlos' GeschichteVon Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 15.10.2016

Carlos wollte weg aus Honduras. Dort gab es für ihn nur Schläge und Ausbeutung, die Schule musste er frühzeitig verlassen. Sein Ziel: die USA, das „gelobte Land“. Doch an der Grenze wurde er erwischt und wieder zurück nach Honduras gekarrt. Heute lebt er in der Casa Alianza und ist „jeden Tag ein bisschen glücklicher“.

Als die Schüsse fielen, lag Carlos ganz hinten auf dem Dach des Güterwaggons. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Er wurde übersehen. Weiter vorn hatten die Bewaffneten gerade einen Mann erschossen und vom Dach geworfen. Ein paar andere wurden lebend vom Dach des fahrenden Zuges gestoßen. Die Bewaffneten verschwanden mit ihnen. Carlos weiß nicht, was mit ihnen geschah. Aber schwer ist das nicht erraten.

Jedes Jahr macht sich ein kleines Heer von Verzweifelten und Bedrohten auf die Wanderung aus Mittelamerika, aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Sie wollen in die USA, hoffen, die Grenzen unentdeckt zu überwinden und in den Vereinigten Staaten ein Leben ohne Hunger und Gewalt zu beginnen. Unter den Migranten sind auch mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche, viele von ihnen allein, ohne Eltern und erwachsene Begleiter. Einer von ihnen war Carlos (Name geändert).

(Quelle: Jürgen Schübelin)Zuhause fehlte jede Perspektive

Carlos kommt aus einem Dorf in der hunduranischen Provinz. Er hat fünf Geschwister. Vier hat die Mutter in die Familie eingebracht. Carlos und seine jüngere Schwester sind gemeinsame Kinder der Eltern. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter. Wenn samstags der Lohn ausgezahlt wurde, kaufte die Familie ein. Meist gab es dann bis zum folgenden Donnerstag etwas zu essen. Freitags gab es nichts, erst Samstagabend konnte die Familie wieder essen. Als er acht Jahre alt war, bekam Carlos eine Schaufel und eine Hacke und musste anfangen zu arbeiten. Oft war sein Lohn nötig, damit die Familie überhaupt zu essen hatte. Darüber kam die Schule zu kurz. Nach der achten Klasse der neunjährigen Grundschule war Schluss. Carlos musste ganz arbeiten.

All die Jahre war es zu Hause auch nicht lustig. Die Eltern stritten sich häufig, der Streit geriet immer wieder zur Schlägerei zwischen den Eltern. Auch die Kinder wurden oft geschlagen, von beiden Eltern. Kein Leben, mit dem sich ein Junge gern zufrieden gibt. Aber Carlos hatte einen Freund, nennen wir ihn Eduardo. Eduardo hatte es schon einmal versucht, und er war bis McAllen in Texas gekommen, bevor er aufgegriffen und nach Honduras deportiert wurde. In den USA, da gebe es Geld und Arbeit und Freiheit. Carlos war 17, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und ohne Perspektive, als er beschloss, in die USA auszuwandern.

Der Weg in die USA

Er hatte 1.000 Lempiras zusammengespart, etwa 40 Euro. Damit kam er gut voran. Aber an der Grenze zwischen Guatemela und Mexiko waren die Ersparnisse verbraucht. Jetzt gab es kaum mehr etwas zu essen und auch kein Geld für Busfahrten. Sechs Tage lief Carlos zu Fuß, bis er die Eisenbahnlinie erreichte. Als er ankam, bluteten seine Füße, seine Leisten waren entzündet und schmerzten, er war dehydriert. Aber ab hier sollte es mit dem Zug weitergehen. Nicht mit einem Passagierzug natürlich, sondern auf dem Dach eines Güterzugs, der bei den Migranten „Das Ungeheuer“ heißt. 35 Menschen saßen und lagen auf dem Dach seines Waggons, als die Schüsse fielen.

Die mexikanischen Drogenkartelle haben die Migranten auf dem Weg aus Mittelamerika in die USA als lukrative Einkommensquelle entdeckt. Sie nehmen die Menschen in Gruppen gefangen und erpressen die Familien um Lösegeld. Die Höhe schwankt, viele der Gefangenen kommen ja nicht aus wohlhabenden Familien. Aber 5.000 US-Dollar dürften ein normaler Preis für die Freilassung sein. Wenn niemand zahlt, wird die Geisel erschossen.

In der Nähe von Tierra Blanca stieg Carlos mit den übrigen Passagieren vom Zug. Kaum war er abgestiegen, näherte sich ein Wagen und hielt an. Zwei Männer und eine Frau stiegen aus. Die Männer zerrten die Frau ins hohe Gras. Dann hörte Carlos Schüsse und sah die Männer ohne die Frau zurückkommen und davonfahren. Eine Geisel, für die niemand gezahlt hatte?

Mit einer kleinen Gruppe lief Carlos weiter. Bevor sie auf den Zug gestiegen waren, hatten sie sich ein wenig Geld erbettelt. Davon wollten sie nun in einer Cafeteria etwas essen. Keine gute Idee. Denn offenbar bekam die Wirtin mit, dass sie untereinander beratschlagten, wie sie weiter vorgehen sollten. Jedenfalls war ganz schnell die Grenzpolizei da. „Das hier ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“, brüllten die Polizisten. Obwohl die Migranten versuchten zu fliehen, wurden sie alle geschnappt, gefesselt und ins Gefängnis gebracht.

Tage voller Angst: Zurück nach Honduras

Drei Tage Beschimpfungen und Flüche im Gefängnis, dazu verdorbenes Essen, Tage voller Angst. Am zweiten Tag kam der honduranische Konsul vorbei und kündigte an, dass sie am nächsten Tag abgeschoben würden. Am dritten Tag gegen Mitternacht fuhren Busse vor. Die geschnappten Migranten wurden in die Busse verstaut und nur mit kurzen Toilettenpausen 15 Stunden lang nach Honduras zurückgefahren.

In der Nähe von San Pedro Sula, dem honduranischen Wirtschaftszentrum im Norden des Landes, gibt es ein Ankunftszentrum für abgeschobene Migranten. Dreimal in der Woche kommen hier die Buskonvois an. 6.000 minderjährige Migranten sind in den ersten 9 Monaten dieses Jahres bereits ausgeladen worden. Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Casa Alianza kümmert sich dort vor allem um die unbegleiteten Minderjährigen. Auch Carlos erhielt die Telefonnummer von Casa Alianza und den Rat, sich dort zu melden.

Aber Carlos hatte etwas anderes im Sinn. Er wollte nach Hause, in sein Dorf, zu seinen Eltern und Geschwistern. Nur dass ihm nach seiner misslungenen Auswanderung alles noch grauer und hoffnungsloser vorkam. Der Wochenlohn war immer noch zu niedrig, um damit die Grundbedürfnisse für mehr als eine halbe Woche zu decken, der Streit zwischen den Eltern ging immer weiter. Dann wurde die Mutter ernsthaft krank, und Carlos wurde klar, dass zwar die Auswanderung nicht geklappt hatte, dass er aber an seinem Leben etwas grundsätzlich ändern musste.

Jungen spielen Dame. (Quelle: Jürgen Schübelin)Casa Alianza: Unterstützung für Jungen und Mädchen

Er erinnerte sich an die Telefonnummer von Casa Alianza. „Der Anruf zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.“, sagt Carlos. Er solle nach Tegucigalpa kommen, in das Zentrum von Casa Alianza, dort könne er wohnen, essen, die Schule abschließen, eine Ausbildung machen. In dem von der Kindernothilfe unterstützten Zentrum von Casa Alianza leben derzeit 105 Jungen und Mädchen, die schwere Erfahrungen hinter sich haben. Mit verschiedenen Formen von Therapie, Schule, Ausbildung und viel Zuwendung werden hier Straßenkinder, Missbrauchte und gescheiterte Migranten wieder aufgebaut und für ein gutes Leben fit gemacht.

Honduras: Casa Alianza gibt Kindern und Jugendlichen eine Zukunft

Jetzt, etwas über ein Jahr später, sitzt Carlos vor mir mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er hat inzwischen die neunte Klasse abgeschlossen und damit den Schulabschluss geschafft. Im Moment ist er in der nahen Don Bosco-Schule in einer Kurzausbildung zum Trockenbauer. Aber das soll nur ein Zwischenschritt sein. Eigentlich will er Arzt werden. Mit etwas Hilfe von Casa Alianza könnte das schon klappen. Zumindest kann er hier wohnen bleiben, bis er 21 ist.

Ich frage Carlos, ob ich seine ganze Geschichte aufschreiben darf. Er lacht und sagt, ja, bitte, ich möchte, dass viele erfahren, wie es mir ergangen ist, damit es ihnen erspart bleibt. Und dann sagt er: „Ich bin jetzt jeden Tag ein bisschen glücklicher.“

Südafrika: Besuch im Tennyson House in Durban

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Kindernothilfe zu Besuch im Tennyson House in Durban, SüdafrikaEin Bericht von Cornelie Haag, Arbeitskreis Dresden, zurzeit mit einer Gruppe von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kindernothilfe auf Projektreise in Südafrika (Fotos: Niklas Alof)

Manchmal braucht es ein Springseil, um die Stimmung aufzulockern. So war es jedenfalls im Straßenkinderprojekt Tennyson House in Durban. Was unsere Ehrenamtlichen dort erlebt haben, beschreibt Cornelie Haag.

Die Mitarbeiter des Straßenkinderprojekts Tennyson House, das die Kindernothilfe seit Jahren unterstützt, begleiten uns zu einem großen Raum, in dem sich rund zehn Kinder aufhalten. Da es regnet, sind es wohl weniger Kinder als sonst. Einige waschen am Eingang unter dem Vordach ihre Kleider. Ich beobachte ein Mädchen, das aus einem kleinen Rucksack Kleider herauszieht, sortiert und festlegt, welche sie waschen wird. Als sie sich bückt, rutscht ihr Pullover etwas nach oben, und ich sehe Narben auf ihrem Rücken. Sind es Narben von Zigaretten? Oder geht jetzt meine Fantasie mit mir durch?

Ich weiß ja nicht, was diese Kinder durchgemacht haben, warum sie von zu Hause weggelaufen sind und auf der Straße leben. Die anderen Mädchen und Jungen im Raum spielen. Ein Puzzle liegt auf dem Tisch, es gibt einen Tischkicker und einen kleinen Billardtisch, an dem zwei Kinder spielen. Der Junge hat dies schon öfters gemacht, er erklärt dem Mädchen, was zu tun ist, und macht bei ausweglosen Spielsituationen geschickte Stöße, um die weiße Kugel wieder frei zu bekommen.

 Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Sport und Musik bringt Menschen zusammen

Es ist schwer, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Eine aus unserer Gruppe nimmt ein Springseil und hüpft sehr gekonnt damit herum. Das lockert die etwas steife Atmosphäre auf, und zwei andere Kinder nehmen es nun auch in die Hand und springen auf und ab. So einfach entsteht über ein Spiel Kontakt über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.

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Ein Springseil als Türöffner der Herzen

Nachmittags treffen wir die 14 Straßenmädchen zwischen zehn und 18 Jahren, die derzeit im Tennyson House leben. Sie haben sich entschieden, von der Straße wegzukommen, ihre Freiheit als Straßenkind aufzugeben. Sie wollen versuchen, eine Familie zu finden, die sie aufnimmt, wollen wieder zur Schule gehen, später einen Beruf erlernen.

Zuerst sind sie – wie auch wir – schüchtern und gehemmt. Sie singen uns zwei afrikanische Lieder vor – die wunderschönen, kraftvollen Stimmen der Mädchen bewegen uns sehr. Dann tragen sie zwei Gedichte vor, eines berührt uns besonders, es handelt von  Flüchtlingen und wie sie in der Gesellschaft aufgenommen werden. Wir erfahren, dass in Südafrika viele Flüchtlinge aus den umgebenden Staaten leben. Sie hoffen, hier bessere Bedingungen zu haben als in ihren Heimatländern. Südafrika, so erzählen uns die Mädchen, behandelt diese Flüchtlinge nicht immer gut.

Ein Rap-Song sorgt für Stimmung

Die Mädchen fragen uns, ob wir Lust haben, mit ihnen im Aufenthaltsraum zu spielen. Natürlich wollen wir, und dann passiert so etwas Wunderbares, wie ich es selten erlebt habe. Die Tische werden beiseite geräumt, wir bilden einen großen Kreis, und dann geht es los: Ein Mädchen ist die Vorsprecherin und im Stile eines Rap-Songs machen wir alle mit.

Alle machen mit

Alle machen mit – und haben Spaß dabei! (Foto: Wiebke Weinandt)

Welches Leid steckt hinter den fröhlichen Gesichtern?

Und so geht es weiter, der nächste Song, einige akrobatische Einlagen der Mädchen. Sie ziehen dann auch eine von uns in den Kreis und fordern sie auf, mitzumachen. Sie schwingt die Beine wie die Mädchen, wenn auch nicht so hoch. Wir alle lachen, sind fröhlich und verbringen eine wunderbare Stunde mit den Mädchen.

Und doch, wenn ich in diese Mädchengesichter schaue, überfällt mich immer wieder der Gedanke, welche Probleme hinter dem jetzt lachenden Gesicht verborgen sind: schwere Konflikte mit den Eltern, die die Sozialarbeiter versuchen zu lösen innerhalb des Jahres, die die Kinder hier sind. Verlust von Eltern, gibt es noch Großeltern, zu denen sie zurückgehen können? War es Missbrauch, das dieses lachende Mädchen vor einiger Zeit auf die Straße getrieben hat? Doch jetzt sind die Mädchen fröhlich, spielen, gehen zur Schule, bekommen einen Teil ihrer gestohlenen Kindheit zurück, und das ist viel wert.

Die Verabschiedung am Ende des Treffens ist herzlich: Die Kinder kommen auf uns zu, und wir umarmen uns. Ich wünsche ihnen allen eine gute Zukunft für ihr Leben.

Cornelie Haag, Kindernothilfe-Arbeitskreis Dresden

Ein gelungenes Treffen der Gruppen Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung

Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung…

Im Auge des Hurrikans: Port-à-Piment

Das Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Ein Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Von Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Port-à-Piment (14.10.2016) „Mat(thäus) 4.10“ (Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen) und „Sèl Jezi“ (Nur Jesus) hatte der Fischer auf sein Boot geschrieben, das jetzt zerstört am Strand liegt.

Er und seine Familie überlebten die apokalyptische Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nur, weil sie auf den inständigen Rat ihres Schwagers hörten, der von Port-au-Prince aus per Handy unablässig gefordert hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Am Ende retteten die Mauerreste einer vom Hurrikan Matthew schwer beschädigten Kirche den Menschen aus den Fischerhütten am Strand der Ortschaft Torbeck das Leben. „Wir haben die ganze Nacht gezittert und geweint“, sagt Noela (11), „alle dachten wir, dass wir jetzt sterben müssten. Die Nacht, der Sturm und der Regen hörten einfach nicht mehr auf.“

Als es am 4. Oktober endlich dämmerte, war von ihrer Welt und ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Keine der Fischerhütten stand mehr, kein Baum, kein Haustier, kein Vogel hatte überlebt, die Boote am Strand waren zerschellt. Seit 1964 wurden die Menschen in Haiti nicht mehr von einem derart verheerenden Wirbelsturm heimgesucht.

Sehr viele Häuser und Hütten sind zerstört.

Sehr viele Häuser und Hütten sind völlig zerstört.

Epizentrum der Katastrophe

Port-à-Piment an der Südküste der Tiburon-Halbinsel ist zusammen mit der etwas weiter nördlich gelegenen Stadt Jérémie so etwas wie das Epizentrum dieser Katastrophe. Über Port-à-Piment zog das Auge des Hurrikans mit quälend langsamen sieben Stundenkilometern. Hier verwüstete Matthew 90 Prozent aller Häuser und Hütten, die Schulen, den Friedhof und die Kirchen. Meterhohe Brecher zerfetzten regelrecht die Gebäude, die am nächsten am Strand standen. Als die Menschen in die etwas höher gelegene Baptisten-Kirche fliehen wollten, hatte die bereits kein Dach mehr. Pastor Joseph holte so viele völlig durchnässte und verängstigte Menschen, wie sein Haus fassen konnte, zu sich herein: „Wir kauerten alle auf dem Boden, fassten uns an den Händen und beteten. Dabei regnete es unablässig. Der Regen kam nicht von oben, sondern mit dem Sturm vom Meer. Und er war salzig.“

Noch gibt es keine Klarheit darüber, wie viele Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Haitis Übergangsregierung versucht, die Zahlen möglichst niedrig zu halten, spricht von 450 Opfern. Unabhängige Journalisten, die alle Bürgermeister des Landes telefonisch befragt haben, kommen – ähnlich wie verschiedene UN-Organisationen – auf deutlich über 1.000 Tote. Keinen Dissens gibt es indes darüber, dass an der Südküste des Landes mindestens 30.000 Häuser und Hütten zerstört wurden – und insgesamt mehr als 1,4 Millionen Menschen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sind.

Port-à-Piment vor der Katastrophe im Jahr 2010.

Straße in Port-à-Piment im Jahr 2010.

Straße in Port-a-Piment nach Hurrikan Matthew 2016. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Straße in Port-à-Piment nach Hurrikan Matthew 2016.

 

Port-à-Piment war auch vor dieser entsetzlichen Hurrikan-Nacht immer schon ein bescheidener Ort gewesen, mit kleinen, im kreolischen Stil gebauten Häusern mit bunten Holztüren, zwei Kirchen, vielen Bäumen und einem wunderschönen, palmen-gesäumten Strand. Alles in allem zählte die Stadt 35.000 Einwohner. Die Menschen lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und ein bisschen Handwerk. Von all dem ist nichts übriggeblieben. Oder fast nichts.

Brunnen als Lebensretter

Die Kindernothilfe hatte 2008, nach dem Hurrikan Ike, in Port-à-Piment den Bau von sieben Tiefbrunnen finanziert. Fünf von ihnen überstanden die Katastrophe ohne Beschädigungen. Über sie versorgen sich die Menschen mit Trinkwasser. In der schwülen Bruthitze bei tagsüber 31 Grad Celsius ist der Zugang zu sauberem Wasser überlebensnotwendig. Denn die Cholera bedroht auch in Port-à-Piment vor allem die Kinder und die alten Menschen. 62 Infektionsfälle hat die Leitung des kleinen Krankenhauses seit dem Hurrikan registriert, diejenigen Menschen in den abgelegenen Bergdörfern, die es nicht bis hinunter ins Zentrum geschafft haben und gestorben sind, nicht mitgezählt.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Zu den schmerzhaftesten Lücken, die Hurrikan Matthew riss, gehört auch die Berufsschule von Port-à-Piment, das Centre de Développment Côte Sud Haitï (CDCSH), mit dem die Kindernothilfe seit dem Erdbeben 2010 intensiv zusammenarbeitete. 80 junge Frauen und Männer wurden hier pro Jahrgang als Schneiderinnen, Schreiner, Schlosser, Elektriker und Flaschner sowie am Computer ausgebildet. Von hier stammt fast das gesamte Mobiliar der Schulen der Kleinen Schwestern und des Collège Véréna in Carrefour und Port-au-Prince, die die Kindernothilfe nach dem Erdbeben wiederaufgebaut hatte. Das komplette CDCSH-Schulgebäude, mit allen Werkräumen und einem Großteil seiner Ausstattung, ist seit der Nacht zum 4. Oktober nur noch eine Ruine – auch die mit Kindernothilfe-Mitteln geschaffene Computerklasse.

Zwischen Chaos und Schutt

Inmitten des Chaos und der Verwüstung arbeiten konzentriert zwei der Schreinerlehrer. Sie haben eine der Werkbänke gerettet und zimmern jetzt einen Sarg. Bestimmt ist er für einen Nachbarn, der in der Hurrikan-Nacht einige seiner Tiere von einem Feld retten wollte, dann aber selbst vom Wind erfasst und schwer verletzt wurde. Acht Tage nach der Katastrophe ist er jetzt gestorben.

In einer Schreinerwerkstatt: Ein Sarg wird hinausgetragen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ständig kommen ehemalige Schüler des CDSCH auf das Areal und bestürmen Reinhard Schaller, den langjährigen Leiter des Projektes und Fachlehrer für Schweißen, möglichst schnell mit dem Wiederaufbau der Berufsschule zu beginnen. Mehrere Lehrer und Schüler packen einfach sofort an, beginnen mit den Aufräumarbeiten, beseitigen mit bloßen Händen Mauerreste, Wellblechplatten und Schutt. Auf einem Teil des Ruinengeländes soll in zwei Tagen ein Child friendly Space, ein Kinderzentrum, seine Arbeit aufnehmen.

Kinderzentren

In rund 800 Meter Entfernung, im Schatten der schwer beschädigten Kirche von Pastor Joseph, gibt es ein derartiges Kinderzentrum bereits. 60 Mädchen und Jungen singen mit Inbrunst, zehn weitere schauen noch von außen zu. Madame Arnaude hat das Heft fest in der Hand. Sie bringt die Kinder dazu, zu klatschen, zu singen, zu tanzen. Als sie dann die Geschichte von David und Goliath erzählt und erklärt, dass auch die Kleinen, wenn sie mutig sind und auch ein bisschen schlauer als die ganz Großen, sogar die Angst besiegen können, hängen ihr die Kinder gebannt an den Lippen. Vielen Mädchen und Jungen ist das Entsetzen aus der Nacht mit dem Monstersturm noch ins Gesicht geschrieben.

Madame Arnaude verfügt über Kindergottesdienst-Erfahrung. Das ist in dieser Situation Gold wert. Zunächst vier derartige Kinderzentren wird es im Port-à-Piment geben: Das dreiköpfige Organisationskomitee aus Pastor Joseph, dem Leiter der zerstörten Berufsschule, Dulice Nelson, und ihrem Administrator, Bienaime Faner, haben sich mit den Nachbarn beraten und vier verschiedene Orte identifiziert, die allerdings zum Teil erst vom Schutt befreit werden müssen, ehe dort mit Kindern gearbeitet werden kann.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Sobald wie möglich, soll die Arbeit in Kinderzentren dann auch auf die umliegenden Dörfer ausgeweitet werden. Angelegt ist dieses Nothilfe-Projekt für eine Übergangsphase, bis in einigen Monaten die Schule wieder beginnen kann.

Kindernothilfe-Haiti gelang es indes, mit mehreren Fahrzeugen von Port-au-Prince aus jede Menge Kekse, Saft und kalorienhaltige Süßigkeiten nach Port-à-Piment zu schaffen, um den Mädchen und Jungen auch etwas zum Essen und Trinken anbieten zu können. Und aus Léogâne, einem der Orte, der im Januar 2010 bei dem Erdbeben am stärksten verwüstet wurde, wird Madame Edouine, eine begnadete Vorschulpädagogin und Expertin für Kinderzentren von der Kindernothilfe-Partnerorganisation AGREDERP, zu dem Team in Port-à-Piment stoßen, um ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Mädchen und Jungen nach dem Erdbeben weiterzugeben.

Von Glück und Leid

Und noch eine Geschichte hören wir an diesen Tagen in Port-à-Piment gleich mehrfach: Die von einer Familie aus einem der Bergdörfer, in der der Vater mit seiner Frau und den Kindern aus der eingestürzten Hütte vor dem Sturm fliehen wollte und dann miterleben musste, wie ihm der Hurrikan sein einjähriges Töchterchen aus dem Arm riss und durch die Luft schleuderte. Alle verzweifelten Versuche, das Kind zu finden, waren vergeblich. Erst nach zwei Tagen – und mehrere hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem das Kind verloren ging – entdeckten Nachbarn das Mädchen schließlich unter umgerissenen Bäumen und Gestrüpp – weitestgehend unverletzt.

„Matthew hat nichts mit dem Matthäus aus der Bibel zu tun“, sagt Pastor Joseph, der es schließlich wissen muss, „aber er ist eine entsetzliche Prüfung, die die Menschen an dieser Küste bestehen müssen. Und wir wissen, dass das viele Jahre dauern wird. Was wir nicht wissen, ist, wie diese Prüfung am Ende ausgeht“.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

Honduras-Tagebuch: Britany wird Psychologin

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

„2022 bin ich Psychologin“, sagt Britany (Name geändert), eine muntere Fünfzehnjährige mit strahlendem Gesicht. Sie meint das sehr ernst, und das hat mit ihrem bisherigen Leben zu tun.

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 11.10.2016

Britany ist die Jüngste, sie hat einen Bruder und vier Schwestern. Die Älteste ist 32. Als Britany fünf war, trennten sich ihre Eltern. Der Vater war Alkoholiker. Zwei Jahre später brachte die Mutter einen neuen Mann mit. Ein neuer Vater, ein zusätzlicher Versorger, es begann eine wunderbare Zeit. Aber als Britany mit ihrer Mutter bei dem neuen Mann einzog, wendete sich das Blatt. Aus dem liebevollen neuen Partner der Mutter wurde ein gewalttätiger Tyrann. Im Streit setzte er der Mutter eine Machete an den Hals. Als Britany ihrer Mutter helfen wollte, hatte sie plötzlich auch die Machete am Hals.

Gewalt ist in Honduras alltäglich

Honduras, die Heimat von Britany, ist eins der gewalttätigsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden rund 90 von 100.000 Einwohnern umgebracht. Viele davon sind Kinder und Jugendliche. Die Täter werden selten gefasst und noch seltener verurteilt. Fast jede Familie hat schon Angehörige durch Mord verloren, fast jedes Kind hat selbst Gewalt erlebt.

Während ich mit Britany spreche, in einer großen, grauen Halle über dem zentralen Markt von Tegucigalpa, lungern am Treppenaufgang zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen herum. Ich frage Britany, ob die beiden zu unserem Schutz da seien. Nein, Schutz könne man von der Militärpolizei nicht erwarten. Im vergangenen Jahr sei sie von einem unter Drogen stehenden jungen Mann beraubt worden. Der habe ihr ein Messer an den Bauch gedrückt. Direkt daneben hätten zwei Polizisten gestanden und nichts getan. Britany meint, die Polizei stecke eh mit den Banden unter einer Decke, die Beute würde geteilt. Nein, eigentlich sei die Polizei sogar schlimmer, die Banden zeigten wenigstens einen Rest von Respekt vor den Menschen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

Unterstützung für 750 Marktkinder

Respekt der Banden, darauf setzen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alternativas y Oportunidades, einer Organisation im Netzwerk des Kindernothilfe-Partners COIPRODEN. An diesem Nachmittag in der Halle über dem Markt tragen sie orangefarbene T-Shirts mit dem Logo der Organisation. Die schützen sie vor den Angriffen der Banden in den gefährlichen Vierteln um den zentralen Markt der honduranischen Hauptstadt.

Sie sind hierher gekommen, um mit den Kindern aus dem Viertel zu sprechen. Kinder, die vielleicht sieben Jahre alt sind, aber schon arbeiten müssen. Sie helfen ihren Eltern auf dem Markt, tragen die Taschen der Kunden nach Hause oder helfen wie Britany ihren Müttern beim Müllsammeln und Recyceln. Darüber bleibt oft keine Zeit für die Schule. Mit Mitteln der Kindernothilfe unterstützt Alternativas y Oportunidades inzwischen 750 Marktkinder. Es gibt kleine Stipendien, Schuluniformen, Bücher, Hefte, Stifte. Das bedeutet für viele Kinder die Chance, endlich zur Schule zu gehen.

Unterrichtsstoff: Was macht Mädchen und Jungen aus?

Darüber hinaus gibt es hier einmal in der Woche spannenden „Zusatzunterricht“. Vielleicht 40 Sieben- bis Zwölfjährige sprechen darüber, was ein Mädchen und was einen Jungen ausmacht. Sie sortieren Dinge wie Kochen, Bügeln, Penis, Waschen, Kinder Erziehen, Vagina, Putzen danach, was nur zu Männern, nur zu Frauen oder zu beiden gehört. Die Zettel mit den Wörtern kleben sie unter große Wandbilder von Jungen und Mädchen. Schnell sind sie sich einig, dass die meisten Zettel in die Mitte geklebt werden müssen, sowohl zu Frauen wie zu Männern gehören.

Ein paar Schritte weiter liegen kleinere Jungen und Mädchen auf einer Plane und malen ein Bild aus. Darauf stehen ein Junge und ein Mädchen nebeneinander, Hand in Hand, und halten beide das gleiche Spielzeug, ein Buch, ein Köfferchen mit einem Herzen darauf, und eine Ente mit Rädern. Was macht ein Mädchen aus, was einen Jungen?

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Spaß an der Arbeit mit Kindern

Britany hilft jetzt hier schon manchmal aus. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Nach all den furchtbaren Erfahrungen mit ihrem Stiefvater hatte sie fast aufgehört zu sprechen. Sie traute keinem mehr. Sie hatte Angst vor allen. Doch dann nahm eine Freundin sie mit zu COIPRODEN. Da hatte sie eigentlich noch mehr Angst; Angst, ausgelacht zu werden, weil ihre Eltern nur Müllsammler sind. Angst davor, wegen ihrer furchtbaren Erfahrungen verachtet zu werden.

Aber dann wurde es anders. Bei COIPRODEN bekam sie Unterstützung, psychologische Hilfe und ein Stipendium. Sie traf andere Kinder, die ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hatten. Sie wurde in die „School of Leaders“ eingeladen, eine Fortbildungsgruppe für Freiwillige. Nach und nach wurde ihre Angst kleiner. Sie fand heraus, dass es ihr Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten, anderen zu helfen. Und Britany hat gelernt, anderen wieder zu vertrauen. Ich spüre es an ihrer offenen Art, an dem gewinnenden Lächeln, dass Britany eine junge Frau geworden ist, die viel schaffen kann.

Berufsziel Psychologie

Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist durch Britanys Entwicklung besser geworden. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der Stiefvater im Februar nach Mexiko verschwunden ist. Davor hatte er noch einmal eine ganze Nacht lang Britany und ihre Mutter terrorisiert, geschlagen und zu Boden geworfen. Anschließend hatte er die Handys in der Wohnung zerstört, damit die beiden keine Hilfe alarmieren konnten. Aber nun ist er weg.

Jetzt ist Britany in der 10. Klasse. Noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Sekundarschule. Ich frage sie, was sie danach machen will. Ihre Antwort kommt schnell und entschieden: „Ich will studieren. 2022 bin ich Psychologin.“ Da denke ich an den Weg, den sie schon hinter sich hat und bin überzeugt, Britany wird eine sehr gute Psychologin.

Nepal Stories VI: Phönix aus der Asche

Ein Haufen Schutt und Asche. Viel mehr war von der Setidevi Sharada Sekundarschule nach den Erdbeben im letzten Jahr nicht übrig. Jetzt steht die Schule wieder – und natürlich hat sie sich nicht von selbst aus den Trümmern erhoben, wie ein Phönix aus der Asche. Unser Partner AMURT hat da kräftig mitgemischt…

Nepal: Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Die Erdbeben, die Nepal im April und Mai letzten Jahres erschütterten, waren ein Schock für die Kinder und alle anderen Menschen der Region. Die Infrastruktur war zerstört, kaum eine Schule stand noch. Und nur langsam kam die Bildung in den Dörfern des Bergstaates wieder in Fahrt.

Im Falle der Setidevi-Schule in Lamo Sanghu gab es für die vielen Schüler zunächst einmal bloß behelfsmäßige Lernstätten: Einfache Wellblechhütten oder auch Zelte, in denen das Lernen oft schwerfiel. „Im Sommer war es viel zu heiß“, erinnert sich Sonu Pahari, eine Viertklässlerin. „Und in der Monsunzeit hat es ständig reingeregnet – doch am schlimmsten war der Winter: Da sind wir alle zu Eiszapfen gefroren.“

Sicher lernen – und Schulessen gibt es auch!

Für unseren Partner AMURT war klar, dass die Kinder endlich wieder eine richtige Schule brauchten. Auf dem Gelände mussten zuerst die Trümmer der zwei alten Schulgebäude weggeschafft werden – AMURT baute von Grund auf neu. Bis April diesen Jahres dauerten die Bauarbeiten, dann konnte die neue Schule eröffnet werden.

Nepal: Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet - damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet – damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

„Endlich kann ich wieder in einer sicheren Umgebung lernen – ganz ohne Angst!“, sagt Sonu Pahari dazu. Das stimmt: Die neu errichtete Schule ist weitaus stabiler als ihr Vorgänger, der dem Erdbeben zum Opfer fiel. Und gemütlicher ist es auch geworden: AMURT liefert tägliches Schulessen für die über 300 Schulkinder, stattete die Räume der unteren Schulklassen mit Teppichen aus – und auch Taschen und jede Menge Papier gab es für die Kinder.

„AMURT hat uns geholfen, aus Schutt und Asche wiederaufzustehen“, sagt Schulleiter Basu GC dankbar. „Nun liegt es an uns, auch in Sachen Bildung zurück zu alter Stärke zu finden.“

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal