Artikel vom September 2016

Nepal Stories V: Volkstheater mit Lerneffekt

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Plötzlich wird die Straße zur Bühne. Die Menschen bleiben stehen, sind wie gebannt – und kommen dabei ins Grübeln. Was sie so fesselt, sind Geschichten aus ihrem Alltag. „Als würde ich einem Nachbarn beim Streit mit seiner Frau zugucken“, sagt eine Zuschauerin staunend. Die Schauspieler sind Künstler, aber auch Schüler. Ermuntert und bei ihren Aufführungen begleitet hat sie unser Partner AMURT.

Zwanzig Schulkinder der Setidevi-Sekundarschule in Pangretar begeistern die Dorfbewohner seit einigen Monaten immer wieder mit ihren selbstgeschriebenen Stücken. Im ihrem neuen Theaterstück geht es um eine ganz normale Familie. Der Sohn darf die Schule besuchen, die Tochter muss im Haushalt helfen und wird viel zu früh verheiratet. Da sie keine Mitgift hat, wird sie von ihrer Schwiegermutter terrorisiert. Als sie schließlich ein Kind bekommt, stirbt sie bei der Geburt.

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!"

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!“

Die tragische Geschichte lässt die Zuschauer bei der Aufführung Mitte Juni tief beeindruckt zurück. „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden“, findet etwa Bipana Roka, eine Achtklässlerin. „Keine Schule, jung heiraten und dann auch noch geschlagen werden – das geht nicht!“ Tatsächlich hat das Theaterstück auch lustige Momente und regt so gleichermaßen zum Lachen und Weinen an – vor allem aber zum Denken. Schließlich sind im Dorf und auch unter den Eltern und Kindern der Setidevi-Schule viele der angesprochenen Probleme noch immer an der Tagesordnung. Das Kinderrechte-Komitee der Schule, das das Stück aufführt, will genau das ändern.

Missstände anprangern

Ebenfalls im Juni verwandelte eine Gruppe von Künstlern den zentralen Markt von Khadichour in ein Straßentheater. An die 300 Menschen sahen ganze zwei Stunden lang gebannt dabei zu, wie dort auf der „Bühne“ eine Familie auseinanderfiel.

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Der alkoholsüchtige Vater macht seiner Frau das Leben zur Hölle. Der einzige Sohn ist dem Kartenspiel verfallen. Eine der Töchter fällt im Internet einem Menschenhändler zum Opfer, die andere wird in der Familie ihres Ehemannes derart schlecht behandelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Zum Glück rettet sie die Polizei und die Familie kommt wieder zusammen.

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Bus verpasst

Einer der Zuschauer, der bis zum Ende ausharrt, ist Arjun Oli. Er kommt gerade aus der Hauptstadt Kathmandu zurück und ist eigentlich nur auf der Durchreise. Doch die ungewöhnlich große Menschenmenge auf dem Khadichour-Basar weckt seine Neugier. Oli stieg aus dem Bus aus, sieht, dass ein Theaterstück auf dem Platz aufgeführt wird – und verpasst seinen Bus nach Hause.

„Ich habe einiges gelernt beim Zuschauen“, sagt er hinterher. „Ein neuer Bus kommt bestimmt – aber eine solche Gelegenheit zum Lernen kommt nicht so oft.“

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Nepal Stories IV: Die Leseratten von Tekanpur

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

In Deutschland schwer vorstellbar: Wenn an der wiedererrichteten Kalika-Sekundarschule im nepalesischen Tekanpur morgens die Schulglocken läuten, sind viele Kinder schon längst in der schuleigenen Bibliothek und lesen. Freiwillig!

Selbst Bhakta Dhoj Bohara von der Schulbehörde wundert sich jeden Tag aufs Neue über die Büchervernarrtheit der Schüler. „Die Kinder streifen nicht mehr ziellos umher“, sagt er glücklich. „Sie lernen und konzentrieren sich jetzt viel besser.“ Tatsächlich ist es für die Kinder in Tekanpur wichtig, endlich wieder eine Anlaufstelle zu haben – und eine Beschäftigung fernab der harten Realität.

Nach den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres waren Bücher in Nepal nämlich erst mal zweitrangig. Schulen und Wohnhäuser waren zerstört – es ging ums Überleben. Doch mit Hilfe unseres Partners AMURT kehren nun wieder Bildung und Freizeit ins Leben der Kinder zurück.

An der Kalika-Sekundarschule hat AMURT nicht nur den Wiederaufbau der Schule in die Wege geleitet, sondern auch die Bibliothek errichtet, die es in dieser Form vor dem Erdbeben gar nicht gab. AMURT lieferte Gedichtbände und bunt illustrierte Geschichten, dazu englische und nepalesische Wörterbücher und viele andere Lernmaterialien. Für die passende Wohlfühlatmosphäre sorgen rote Teppiche, etliche Sitzkissen, vier Rundtische und zwei große Bücherregale.

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

Und der Plan scheint aufzugehen. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor einigen Monaten haben sich die Gewohnheiten der Schüler vollkommen verändert – gerade, wenn es um ihre Freizeit geht. „In der Pause spielen wir eigentlich gar nicht mehr“, sagt einer der Schüler. „Wir essen extra schnell, um in die Bibliothek zu kommen.“

Nepal Stories III: Es werde Licht!

Wie man Kerzen zieht, haben diese Frauen aus Nepal kürzlich gelernt. Nun tragen sie damit zum Familieneinkommen bei.Wenn Binda Bohara und die sechs anderen Frauen aus ihrer Selbsthilfegruppe Kerzen ziehen, hat das auch Symbolcharakter: Aus flüssigem Wachs entsteht eine feste Form, die Wärme, Geborgenheit und Licht spendet. Feste Formen und Geborgenheit – das alles stürzte in Nepal bei den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres zusammen. Doch im Dorf Tekanpur, in dem Binda wohnt, bauen sich viele Bewohner langsam ein neues Leben auf – mit Hilfe unseres Partners AMURT.

Binda Bohara ist eine von ihnen. Die Erdbebenkatastrophe hat sie und ihre Familie hart getroffen. Jetzt nahm sie mit einigen anderen Frauen des Dorfes an einem AMURT-Workshop zur Kerzenherstellung teil. Die Frauen waren begeistert: „Mit den Kerzen lässt sich gutes Geld verdienen“, sagt Binda. „Aber auch zuhause kann ich sie super gebrauchen, um es uns endlich wieder gemütlich zu machen.“

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

AMURT lieferte den Frauen eine Maschine, acht Kilogramm Wachs sowie Fäden und Zwirn – um den Rest kümmern die Frauen sich seither selbst. Schon wenige Wochen nach dem Workshop schlossen sie sich zusammen und machten aus dem neu erlernten Handwerk ein Gewerbe. Die Kerzen verkauften sie auf den Märkten der Umgebung und verdienten innerhalb von zwei Wochen rund 3.000 Rupien (etwa 25 Euro). Vom Gewinn wollen die Frauen nun mehr Wachs und Fäden anschaffen, um ihr Kerzengeschäft voranzutreiben.

So langsam nimmt das Leben in Nepal wieder Form an. Binda und die anderen Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Durch ihr Zusatzeinkommen tragen sie dazu bei, dass ihre Kinder mit vollem Magen ins Bett gehen –  bei Kerzenschein, versteht sich.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Der gemeinsame Erfolg macht selbstbewusst: Ein einfacher Kerzen-Workshop hat die Perspektiven der Frauen deutlich verbessert.

Erneut „verlorene Dekade“ für Lateinamerika?

Die Koordinatoren, die die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika koordinieren, zu Besuch bei uns in der Geschäftsstelle Duisburg

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ein Treffen mit Seltenheitswert: 14 Experten aus unseren Lateinamerika-Büros kamen für sieben Tage in die Kindernothilfe-Geschäftsstelle nach Duisburg und diskutierten mit uns über Strategien und Arbeitsansätze der gemeinsamen Programm- und Projektarbeit. Überwiegend pessimistische Einschätzungen gab es dabei im Hinblick auf politische Entwicklungen, die Situation der Kinderrechte und den Kampf gegen die Armut in Lateinamerika. Eine wichtige Rolle spielte aber auch das Thema der Weiterentwicklung des Kinderrechts-Ansatzes in der Arbeit mit den lateinamerikanischen Partnerorganisationen.

Die Zahl armer und extrem armer Menschen in Lateinamerika steigt wieder. Grund dafür sind vor allem die eingebrochenen Erlöse aus Öl- und Bergbauexporten. In Teilen der Region – vor allem Haiti, Guatemala und Honduras – nimmt die Zahl der unter- und mangelernährten Kinder besorgniserregend schnell zu. Dort ist der Hunger zurückgekehrt! Vielfach, so berichteten die Teams aus Lateinamerika, fehlen den Regierungen die Mittel, um begonnene Investitionen in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialprogramme fortzuführen. Hinzu kommen politische Umwälzungsprozesse wie derzeit in Brasilien, wo konservative Eliten neuerdings wieder eine extrem neoliberale Politik verfolgen. Menschen- und Kinderrechte oder Maßnahmen gegen die Schere zwischen Reich und Arm sind für sie kein Thema.

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Gewalt nimmt dramatisch zu

Die mit Abstand gravierendste Bedrohung für die Menschen und die gemeinsame Projektarbeit sahen die Experten aus Lateinamerika in der dramatischen Zunahme von Gewalt. Unter den zehn gefährlichsten Städten der Welt befinden sich mittlerweile acht lateinamerikanische Metropolen. Nirgendwo ist der Anteil der Menschen, die jedes Jahr einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, so hoch wie in Mittelamerika und Teilen Brasiliens. Gewalt und Armut könnten Lateinamerika wieder einmal eine „verlorene Dekade“ bescheren – mit verheerenden Folgen für die Zukunft von Millionen Kindern und Jugendlichen.

Kinderrechte stärken durch Mitwirkung

Großen Raum nahm bei dem Expertentreffen der Kinderrechts-Ansatz ein. Gemeint sind damit unter anderem Anstrengungen, den Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch durch die aktive Mitwirkung betroffener Mädchen und Jungen, ihrer Familien und der gesamten Nachbarschaft zu verbessern. Auch die Politik steht dabei in der Pflicht. Intensiv diskutierte die Expertenrunde darüber, wie die Wirksamkeit der gemeinsamen Arbeit erhöht werden kann. Wie das am besten sichtbar zu machen wäre und welche Möglichkeiten es gibt, Kinder an diesem Prozess beteiligen, war ein weiteres Diskussionsthema.

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Das letzte Treffen aller Lateinamerika-Koordinatoren in Duisburg liegt zwei Jahrzehnte zurück. Dazwischen gab es immer wieder Arbeitstreffen an wechselnden Orten in Lateinamerika selbst. Diesmal jedoch wollten Vorstand und Lateinamerika-Referat der Kindernothilfe ein Zeichen setzen – mit einem intensiven Arbeitsaustausch, der die Beteiligten vor Ort mit Kollegen aus verschiedenen Referaten der Duisburger Geschäftsstelle zusammenbrachte. Mit zum Programm gehörte auch eine Einladung der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde in Duisburg-Buchholz, die die Gäste aus Lateinamerika bat, sich und ihre Arbeit im Rahmen eines Sonntagsgottesdienstes in der Jesus-Christus-Kirche vorzustellen.

Die Kindernothilfe kooperiert seit 1971 mit Partnern und Projekten in Lateinamerika. Im vergangenen Jahr förderte sie auf dem Subkontinent fast 88.000 Kinder und Jugendliche in 148 Projekten, verteilt auf die derzeit acht Partnerländer Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Haiti, Honduras, Guatemala und Peru. Das Finanzvolumen der Kindernothilfe-Lateinamerikaarbeit umfasste 2015 rund 12,7 Millionen Euro.

[Fotos: Johanna Kunz]

Nepal Stories II: Satt und schlau – das Schulessen ist fertig!

Mittagessen ist fertig! Seit die Schüler im bergdorf Attarpur in Nepal mittags verpflegt werden, kommen sie regelmäßiger zum Unterricht.

Mit knurrendem Magen in der Schule: Für Sujan, Achtklässler in der abgelegenen Shanti-Udaya-Schule, war das vor dem Erdbeben 2015 eine alltägliche Zitterpartie. Wenn seine Eltern ihm kein Essen mitgeben konnten oder Kleingeld, um sich etwas zu kaufen, nagte spätestens ab Mittag der Hunger an ihm. Nach dem Erdbeben stellte sich die Frage gar nicht mehr: Die Not war so groß, dass Sujan immer ohne Essen auskommen musste.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

Unser Partner AMURT erkannte die Situation und richtete eine Schulkantine ein, in der fortan täglich für die Kinder gekocht wird. „Das hat die Schule und ihr gesamtes Umfeld nachhaltig verändert“, sagt Karl Andersson, Projektkoordinator unserer Partnerorganisation AMURT. Das sieht auch Schulleiter Amir Lal Shrestha so: „Bevor wir für die Kinder Mittagessen anbieten konnten, gab es immer Schüler, die wegen des Nahrungsmangels gar nicht erst zur Schule kamen. Jetzt fehlt keiner mehr“.

Händewaschen nicht vergessen

Jeden Tag um 13 Uhr ist es dann soweit: In der Schule im Bergdorf Attarpur ist das Essen fertig. Es gibt Reis, Brot, verschiedene Hülsenfrüchte und Haluwa-Gemüse. „Wenn die Kinder das Essen woanders kaufen müssten, würde sie das jeden Tag 40 Rupien (etwa 34 Eurocent) kosten“, erklärt der Schulleiter. „Zu viel für die Menschen in dieser Region“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Bevor sich die Schüler vor der Essenausgabe anstellen, waschen sie sich sorgfältig Hände und Mund. Nach dem Essen tun sie dasselbe. Für den Schulleiter ist das ein wichtiger Aspekt: „Die Schüler achten seitdem besser auf ihre Hygiene und Gesundheit“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gesundheitsvorsorge inklusive: das Händewaschen gehört immer dazu!

Das Schulessen ist Teil unseres Programms zum Wiederaufbau zerstörter Schulen in Nepal. Dazu gehören auch Schuluniformen, Schultaschen und Schreibmaterial, die unser Partner AMURT an die Schüler verteilt hat.