Artikel vom Mai 2016

Uganda: Die Hoffnungsträger von Sakiya

Foto: James Ongu

In Sakiya wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um etwas anzubauen. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Freitag, 29. April 2016

Nur wenige Kilometer vor Mbale liegt Sakiya, ein kleines Dorf mit vereinzelten Häusern und Rundhütten, die wie braune Flecken inmitten der üppig grünenden Gärten wirken. Hier wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um Bohnen, Tomaten, Kohlköpfen oder Mais anzubauen. Zweimal im Jahr kann geerntet werden – wenn die Regenzeit  mitspielt und das kostbare Nass im richtigen Maß mit sich bringt, nicht zu viel und nicht zu wenig.

In der Kirche von Sakiya haben sich schon zwei Gruppen versammelt: Vertreterinnen der Selbsthilfegruppen aus verschiedenen Orten, die in einer CLA (Cluster Level Association) die Arbeit eben dieser Gruppen in der Region unterstützen. Und Jugendliche, die von der CLA in einem besonderen Projekt gefördert wurden. Sie alle stammen aus armen Familien, die ihnen keinerlei Unterstützung geben konnten. Sie hatten den Schulbesuch vorzeitig abgebrochen, weil es kein Geld für Essen, Kleidung oder Bücher gab, weil die Eltern starben und sie sich um die kleinen Geschwister kümmern mussten oder weil sie selbst schwanger wurden. Alle hatten sie keinerlei Perspektive, außer sich in das Heer der geschätzt 80 % arbeitslosen Jugendlichen in Uganda einzureihen, für ein Leben auf der Straße. Dass sie dort nicht mehr leben, liegt an den durchsetzungsstarken Frauen der CLA, der Dorfgemeinschaft und dem Kindernothilfe-Partner. Der Dorfvorsteher und die CLA suchten die Jugendlichen aus, sprachen sie an und luden sie ein. Nach den ersten Treffen entschied die Gruppe der Jugendlichen gemeinsam, womit sie sich beschäftigen wollten: Einige wählten zum Beispiel den Anbau von Gemüse. Das würde ihnen ein Einkommen generieren und gleichzeitig den Bedarf des Dorfs decken.

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Moses hat früher auf der Straße gelebt. Foto: James Ongu

Mit Hühnerzucht zum eigenen Auto

Moses entschied sich dafür, Hühner zu züchten.  Das war vor sechs Jahren. Mit einem Lächeln steht er jetzt vor uns und erzählt, was er in der Zwischenzeit erreicht hat: zwei Ziegen hat er, sein Haus ist statt mit Gras jetzt mit Wellblech gedeckt. Und – der Höhepunkt – er hat seit kurzem ein eigenes Auto! Die Eier seiner Hühner, die er verkauft, stehen bei ihm jetzt auch selber auf dem Speiseplan. Und Zucker kann er sich auch leisten, erzählt er. Fesch sieht er aus, wie er da vor uns steht. Stolz weist er uns auf den Pullunder hin, den er über seinem gestreiften Hemd trägt.

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Aidahs Pullover sind heiß begehrt. Foto: James Ongu

Die Strickerin von Sakiya

Auch seine Banknachbarin in der Kirche ist stolz darauf. Von ihr stammt der Pullunder. Aidah wurde vor drei Jahren schwanger. Da war sie 17 und musste die Schule verlassen. Als alleinerziehende Jugendliche ohne familiären Rückhalt  – ihre Eltern sind mittellose Taglöhner –  wurde sie von der CLA für das Projekt ausgewählt. Sie war nicht gesund, litt ständig unter der Kälte der nahen Berge. Und entschied sich deshalb, professionell stricken zu lernen. Die dicken Pullover sollten nicht nur ihre Kunden wärmen, sondern auch sie selbst. Zwei Monate lang besuchte sie mit Hilfe des Kindernothilfe-Partners eine Trainerin in der nächsten Stadt, lernte die Finessen des Arbeitens mit einer Strickmaschine kennen. Mit einem Grundstock aus dem Projekt und den Erträgen der ersten verkauften Pullover finanzierte sie eine eigene, neue Maschine. Wie die funktioniert, zeigt sie uns jetzt in der Kirche. Von den Schulen der Umgebung wird sie mittlerweile engagiert, um ganze Schulklassen mit Westen oder Pullovern zu versorgen. Mit einer Freundin teilt sie sich einen Stand auf dem lokalen Marktplatz, investiert einen Teil ihrer Strick-Einnahmen  in Zwiebeln und Kohl, die sie dort weiterverkauft. Und an die CLA, der sie ihre Ausbildung verdankt und die ihr beratend und begleitend zur Seite steht („wie eine Familie“), zahlt sie für jeden Kunden einen bestimmten Betrag. Denn auch andere Jugendliche sollen von dem Ausbildungsprogramm profitieren können. Einige hat sie selbst erst kürzlich im Stricken mit der Maschine unterrichtet.  „Aber nur solche, die weit genug weg wohnen“, lacht sie. Denn es soll ja keine Konkurrenz in der eigenen Region entstehen.

Uganda: Ein Theaterstück, das das Leben schrieb

Eine Familie leidet unter einem betrunkenen Ehemann. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Donnerstag, 28. April 2016

„Mulembe“, begrüßen mich die Frauen im Chor auf Lumasaba, einer der vielen Sprachen Ugandas. Eine Stunde lang sind wir von der Distriktsstadt Mbale über vom Regen durchweichte, teilweise tief zerklüftete Erdpisten hierher nach Sibanga gefahren. Jetzt sitze ich mit gut 20 Frauen einer Selbsthilfegruppe (SHG) im Kreis, auf niedrigen Hockern, Matten oder auf den Boden gestreuten Blättern. Während sich über uns die nächsten regenschweren Wolken zusammenballen, stellen wir uns gegenseitig vor. Und dann spielen die Frauen Theater – kein fremdes Stück, sondern eines, das ihr Leben schrieb.  Als Bühne dienen zwei nebeneinander in den Sand gemalte große Kreise, in denen sie einmal das Vorher und daneben das Jetzt ihrer Mitgliedschaft in der Gruppe darstellen. Der ersten Bühne nähert sich heftig schwankend eine der Spielerinnen in ihrer Rolle als betrunkener Ehemann. Den Stuhl, den ihr die Ehefrau vor dem angedeuteten Zuhause anbietet, verfehlt sie um mehrere Armlängen. Die Fragen nach Essen für die Kinder, nach Geld für Strom, Schulgeld und Medizin prallen an ihr und ihrem Rausch ungehört ab.

Auf der zweiten Bühne sammeln sich währenddessen die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe im Kreis, erzählen sich die Ereignisse ihrer Woche und zahlen ihren wöchentlichen Sparbetrag in die Gruppenkasse ein, von der Schatzmeisterin im Einlagenbuch säuberlich notiert.  Meine Augen wandern von einem Schauplatz zum anderen. Hier die ratlos verzweifelte Ehefrau vor der Hütte mit den hungrigen Kindern und dem mittlerweile laut schnarchenden Mann. Dort die Frauen, die sich mit Darlehen aus der Gruppenkasse ein kleines Geschäft aufgebaut haben, sich gegenseitig beraten und nächste Ziele stecken.

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Theaterstück mit Happy End: Die Frau wird in einer Selbsthilfegruppe aufgenommen. Foto: James Ongu

Und dann gibt es diesen Moment im Spiel, wo sich die beiden Kreise berühren.

Die Frau aus der Hütte begegnet einem Mitglied der Selbsthilfegruppe. Das hoffnungslose Elend der einen und die zuversichtliche Selbstsicherheit der anderen treffen aufeinander. Und verbinden sich. Das Selbsthilfegruppen-Mitglied erkennt in der anderen nämlich ihre eigene Geschichte. Wird von ihr an die eigene Vergangenheit erinnert, als sie selbst zu den Ärmsten der Armen gehörte, nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen,  ohne Mittel, ohne Stimme und ohne Perspektive.  So lädt sie die Fremde ein in ihre eigene Selbsthilfegruppe.

Als die Frauen an dieser Stelle des Stücks angekommen sind, fallen die ersten dicken Regentropfen, und wir flüchten mit unseren Stühlen und Matten ins Haus einer der SHG-Frauen.  Durchnässt und lachend drängen wir uns in den größeren der zwei Räume des Lehmbaus.

Es berührt mich immer wieder, welch unglaubliche Kraft in den Frauen durch die Selbsthilfegruppen freigelegt wird. Wie die wöchentlichen Treffen, die Bestärkung durch die Gruppe, wie das Sparmodell und das angebotene Training das Leben der Frauen – und das ihrer Familien! – vollkommen verändern können.  Die Frauen hier in Sibanga haben das erlebt und zeigen es mit ihrem Theaterspiel. Damit auch andere die Chance dazu bekommen.

Draußen verwischt währenddessen der Regen die in den Sand gemalten Kreise.

Simbabwe: Was macht einen Menschen aus?

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Marvin hat keine Geburtsurkunde. Ohne diese Bescheinigung darf er später nicht zur Schule gehen. Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Simbabwe

Bulawayo, 05.05.2016

Was macht einen Menschen aus? Das ist in Simbabwe keine philosophische Frage. Die einfache Antwort lautet: die Geburtsurkunde. Denn ohne die Urkunde kann hier kein Kind in die Schule gehen. Wenn großzügige Direktoren den Schulbesuch dennoch gestatten, ist jedenfalls die Teilnahme an Prüfungen nicht erlaubt. Ein Kind ohne Geburtsurkunde darf auch nicht am Sportunterricht teilnehmen. Denn das wahre Alter zeigt nur diese Urkunde. Ein Schüler könnte sich also jünger machen und auf diese Weise Vorteile erschwindeln. Später geht es genau so weiter. Ohne Geburtsurkunde gibt es keinen Personalausweis, keinen Studienplatz, kein Konto, keinen Job in der öffentlichen Verwaltung und keinen Führerschein.

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Der Kindernothilfe-Partner hilft bei der Beschaffung der Papiere. Foto: Christoph Dehn

Von den UN bestätigt: Jedes Kind hat das Recht auf eine Geburtsurkunde

Nun könnte man meinen, was soll’s, dann besorgt man sich eben eine Geburtsurkunde. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt sogar ausdrücklich das Recht eines jeden Kindes auf einen Namen, eine Identität und eine Geburtsurkunde. Aber so einfach ist das eben in Simbabwe nicht. An diesem Morgen sind in der methodistischen Kirche von Mzilikazi, Bulawayo, fast zweihundert Menschen, meist Mütter und Großmütter, zusammengekommen. Der Kindernothilfe-Partner Justice for Children hat einen Beratungstag, eine mobile clinic, angekündigt. Es geht um Hilfe bei der Beantragung von Geburtsurkunden. Caleb, der Direktor, und Patience, die Programmverantwortliche, haben 155 Fragebögen mitgebracht, in die die Mütter und Großmütter die Daten zu ihrem Fall eintragen können. Die Bögen reichen lange nicht aus. Sieben Freiwillige nehmen die Einzelheiten jedes Kindes auf und überlegen mit den Frauen, wie es am besten weitergehen kann. Da ist Lydia mit ihrer Enkelin Mary, einem siebenjährigen Mädchen. Eines Tages im vergangenen Jahr kam Lydias Sohn mit seiner Frau und gab Mary bei seiner Mutter ab. Nur kurz, sie würden das Mädchen bald wieder abholen. Mary und ihre Oma haben seitdem nichts von den Eltern gehört. Vielleicht sind sie nach Südafrika gegangen oder nach Botswana. Vielleicht haben sie sich getrennt. Ob sie überhaupt noch am Leben sind? Aids hat schon so viele Eltern umgebracht. Obwohl Mary keine Geburtsurkunde hat, konnte die Großmutter die Schule überreden, sie aufzunehmen. Aber Prüfungen wird sie nicht machen können, und am Sportunterricht darf sie auch nicht teilnehmen.

Charity möchte für ihren Enkel Marvin eine Geburtsurkunde beantragen. Die Beraterin des Kindernothilfe-Partners hilft ihr dabei. Foto: Christoph Dehn

Eine Geburtsurkunde für Marvin

Bei einer anderen Beraterin sitzt gerade Charity mit ihrem Enkelkind Marvin. Marvin ist vier und hat noch einen zweijährigen Bruder Promise. Die Mutter lebt in Südafrika; ihre Ehe ging in die Brüche, der Mann ist psychisch labil, die Frau mit den Kindern überfordert. Marvin wurde in Südafrika geboren, unter falschem südafrikanischen Namen. Sonst hätte die Entbindung 7.000 Rand gekostet, etwa 450 Euro. Marvin kam illegal über die Grenze zu seiner Großmutter nach Simbabwe. Dafür hat die Großmutter 200 Rand an einen Schlepper gezahlt. Aber das Kind hat natürlich keine Geburtsurkunde und ist noch dazu illegal im Land. Und bald soll die Schule losgehen. Umsichtig erklärt die Beraterin von Justice for Children den mühsamen Weg zu einer Urkunde. Zunächst muss die Großmutter zur Grenzstation fahren und dort eine Provisional Restriction Notification beantragen, ein Papier, das Marvin das Recht gibt, nach Simbabwe einzureisen. Anschließend braucht sie von der Grenzstation den Admission of Entry Report, der bestätigt, dass Marvin tatsächlich eingereist ist und sich legal im Land aufhält. Dafür werden 20 Dollar fällig. 50 Dollar kostet die Beantragung einer Geburtsurkunde für Kinder, die außerhalb des Landes geboren wurden. Außerdem müssen die Geburtsurkunden und Personalausweise der Mutter, der Großmutter und, wenn möglich, auch des Vaters vorgelegt werden. All das zu besorgen, ist teuer, mühsam und zeitaufwändig. Aber wenigstens ist der Weg jetzt klar. Wenn alle Dokumente zusammen sind, kümmert sich Justice for Children um die Ausstellung der Urkunde. Und bis dahin schreiben sie einen Brief an die Schule und bitte um vorläufige Aufnahme; die Geburtsurkunde wird nachgeliefert.

Die Beraterin gibt Charity die Liste mit den benötigten Dokumenten. Die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Als wir fünf Stunden später zur Kirche zurückkehren, warten noch immer ein paar Frauen auf Beratung. Aber das Warten wird sich lohnen.

Uganda: Die Stimme der Frauen hat Gewicht

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Mittwoch, 27.04.2016

Es ist Regenzeit, und in dem Distriktstädtchen Mbale im Nordosten Ugandas erlebe ich sie besonders intensiv. Schwere Wolken hängen tief über den Häusern,  alle paar Stunden schütten sie gewaltige Fluten auf die Erde. Auf den Feldern in der Region herrscht Hochbetrieb: Rindergespanne ziehen tiefe Furchen in den satten Ackerboden,  auf jedem noch so kleinen Stückchen Land sind Frauen mit Spitzhacke am Jäten.  Wer unterwegs vom Regen überrascht wird, sucht sich möglichst schnell einen trockenen Unterstand  oder macht es wie die Schulkinder und pflückt sich von der nächsten Bananenstaude ein großes Blatt als Regenschirm.

Einen Regenschirm der besonderen Art besuche ich heute. Drei Kindernothilfe-Partner, die im Mbale Distrikt in unterschiedlichen Regionen Projekte betreuen, haben sich 2012 zu einer „Umbrella Federation“ zusammengeschlossen. In diesem Verbund arbeiten jetzt 46 delegierte Frauen aus 23 Selbsthilfegruppen-Clustern zusammen, die insgesamt 374 Selbsthilfegruppen (SHG) vertreten.  „Wir sprechen für mehr als 7.000 Frauen“, erklärt die Präsidentin der Federation bei unserem Treffen im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Der Saal wurde ihnen für den heutigen Besuch vom Distriktkommissar zur Verfügung gestellt.

Die Delegierten haben zum Teil mehrere Stunden Anreise hinter sich, dennoch folgen sie den Ausführungen ihrer Präsidentin aufmerksam, unterstützen manche Erklärung mit Applaus oder zustimmendem Gelächter.  In den vier Jahren seit Gründung der Federation haben sie schon einiges erreicht, erfahre ich. So haben sie mittlerweile ein tragfähiges Netzwerk geknüpft, in dem die Regierungsstellen im Distrikt, in den Subdistrikten und genauso Polizei, Krankenhäuser und Schulen  eingebunden sind. Ihre Schulungen, in denen sie die Teilnehmer für Frauen- und Kinderrechte sensibilisieren, bewirkten unter anderem, dass vorher nur für Jungen zugängliche Schulen auch für Mädchen geöffnet wurden. Impfkampagnen,  überregionale Aktionstage wie der „Uganda Human Rights Day“, Kampagnen gegen Kinderarbeit, Bewässerungsprojekte, Errichtung neuer Gesundheitszentren, eine Sekundarschulgründung – die Liste ihrer bisherigen Erfolge ist lang.

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Mindestens genauso lang ist aber auch die Aufzählung der Herausforderungen:

Rund eine Million Waisen leben in Uganda. Entweder haben sie durch HIV und Aids einen oder beide Elternteile verloren, oder der langanhaltende Bürgerkrieg im Norden des Landes hat sie ihnen genommen. Im Mbale Distrikt ist vor allem die Zahl der Aidswaisen dramatisch hoch.  Sie sind bei den mehr als 11.000 Kindern aus den SHGs noch gar nicht mitgezählt. Aber die Federation-Frauen haben sie im Blick und im Herzen, organisieren Strukturen, wie die Gemeinden diese Kinder aufnehmen, schützen und stärken können.  Im Mai werden sie vier neue Cluster-Organisationen gründen und ihnen dann bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen unter die Arme greifen. Und gleichzeitig werden sie ihre Lobby- und Advocacyarbeit verstärken. Sie wissen: Ihre Stimme hat Gewicht, im Distrikt und auch national. Selbst der gerade erst für seine fünfte Amtszeit wiedergewählte Staatspräsident Museveni hat die Federation-Präsidentin schon empfangen.  „Wenn es hilft, würde ich auch wieder nach Kampala gehen“, erklärt die selbstbewusst. Ich glaube ihr sofort, dass sie für mehr staatliche Unterstützung auch diese Reise auf sich nehmen würde – obwohl sie in ihrem Dorf neben den eigenen Kindern noch eine ganze Reihe von bei sich aufgenommenen Waisenkindern zu versorgen hat. Und ich bin mir sicher, dass sie  empfangen werden würde. Die starken Frauen aus Mbale lässt auch ein Regierungschef nicht im Regen stehen.

Was macht Frauen in Uganda glücklich?

Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Fotos: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Sonntag, 24.04.2016

Während meine Familie im winterlich kalten Deutschland friert (eine Freundin postet dazu: „Der kleine November möchte aus dem April abgeholt werden.“) fliege ich zu Projektbesuchen nach Uganda. James, unser Länderkoordinator, erwartet mich am Flughafen Entebbe. Für die 40 Kilometer Strecke von hier bis ins Stadtzentrum Kampala brauche er tagsüber durch die chronisch verstopften Straßen mindestens zwei Stunden, meint er. Jetzt, kurz vor Mitternacht, schaffen wir es in 30 Minuten in die Stadt. Die Sicherheitshinweise an der Hotelzufahrt sind eindeutig: „No firearms allowed beyond this point“ steht an der Schranke über dem Bild einer durchgestrichenen Pistole. Es wird tatsächlich eine ruhige Nacht.

Dienstag, 26.04.2016

Die Frage ist beliebt: Was macht dich glücklich? Auf Facebook erfahre ich, dass es Laura glücklich macht, dass der Pandabär auf Isländisch Bambusbjörn heißt.  In einem mitgebrachten Magazin entdecke ich die Bilder einiger Prominenter, die sich mit ihrem Lieblingsgegenstand fotografieren lassen, von der Massage-Fußbank über Opas Wecker bis zum Porzellanspiegelei. Diese Dinge machten sie glücklich.

Und hier im Osten Ugandas? In Abarilela besuche ich eine Selbsthilfegruppe und frage die Frauen, die sich unter einem großen Mangobaum treffen,  was sie glücklich macht. Sie erzählen mir, wie sich ihr Leben durch die Gruppe verändert hat – und was sie daran glücklich macht:

  • Sonja: Mein Aluminium-Kochtopf macht mich glücklich! Den habe ich mir geleistet vom Verkauf der Tomaten aus meinem Hausgarten.  Die selbstgebrannten Tontöpfe sind immer so schnell kaputtgegangen, ich habe früher manchmal nur auf Scherben gekocht.
  • Lisa: Dass ich hier vor euch aufrecht stehe und mich traue, etwas mit fester Stimme zu sagen und euch in die Augen zu schauen!
  • Grace:  Dass jetzt jedes Haus im Dorf eine eigene Latrine hat – vorher gab es nur zwei Latrinen für alle zusammen. Das haben wir als Gruppe geschafft! Und wir haben jetzt eine Müllgrube.
  • Anett: Wir helfen uns reihum dabei, das Unkraut auf unseren Feldern zu jäten. Alleine war das früher kaum zu schaffen, das ist viel zu viel. Zusammenzuarbeiten und das Ergebnis zu sehen macht mich stolz und glücklich. Und meinen Rücken kann ich jetzt abends noch aufrichten.
  • Margaret: Es macht mich glücklich, dass ich für meine Kinder Schulgeld zahlen kann. Mein Mann ist im vergangenen Jahr gestorben. Von der Gruppe bekam ich ein Darlehen für meine Geschäftsidee, Brot zu backen und zu verkaufen. Jetzt kann ich meine Kinder in die Schule schicken.
  • Joyce: Ich habe jetzt eine Matratze! Jede von uns hat durch die Ersparnisse der Gruppe eine eigene Matratze bekommen!
  • Lois: Winni aus unserer Gruppe hat in einem Kurs gelernt, einen Energiesparofen aus Lehm zu bauen. Sie hat für jede von uns so einen Ofen gebaut, auch für die Nachbarinnen. Es sind schon über fünfzig solche Öfen in unserem Dorf. Ich koche jetzt nicht mehr auf drei Steinen, sondern auf meinem Lehmofen. Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich damit nur noch die Hälfte an Feuerholz brauche und deshalb weniger Holz sammeln und schleppen muss.
  • Anna: Ich bin die älteste hier in der Gruppe. Die anderen Frauen haben für mich eine Rundhütte gebaut und mit Gras gedeckt. Und sie helfen mir bei der Arbeit auf dem Feld. Ich schlafe im Trockenen, habe zu essen und habe Freundinnen: Das macht mich glücklich.
Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Foto: James Ongu