Artikel vom Dezember 2015

„Keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel in Honduras“

Treffen zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Tegucigalpa (03.12.2015) – Das Problem der extremen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stand am 2. Dezember im Mittelpunkt eines Fachgesprächs zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und langjährigen österreichischen Nationalratsabgeordneten, Ulrike Lunacek, und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras, Dr. Elmer Villeda. Auch die unverändert prekäre Kinderrechtssituation in Honduras und die Enttäuschung über das Ausbleiben der versprochenen politischen Reformen standen auf der Agenda.

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek hält sich zurzeit im Rahmen einer Delegationsreise von Europa-Parlamentariern in Honduras auf. Sie ließ sich von Elmer Villeda über das Engagement der Kindernothilfe und ihrer Projektpartner für einen besseren Schutz von Kindern vor Gewalt und für das Sichtbarmachen von Kinderrechtsthemen innerhalb der politischen Agenda und öffentlichen Wahrnehmung informieren. Ein wichtiges Thema des Gespräches bildete auch der Austausch über die Anstrengungen des Kindernothilfe-Partners COIPPRODEN, an dem sogenannten UPR-Verfahren (Universal Periodic Review) mitzuwirken, also dem regelmäßigen Überprüfen der Menschenrechtssituation in einem Land durch die UN-Mitgliedsstaaten. Die entsprechenden Beratungen über die Lage in Honduras hatten Mitte dieses Jahres in Genf stattgefunden.

Noch immer führt das kleine mittelamerikanische Land mit jährlich 90 Morden pro 100.000 Einwohner die weltweite Statistik von Gewaltopfern an – und zählt mit nur vier Prozent aller Straftaten, die überhaupt vor Gericht landen, zu den Staaten mit den am wenigsten funktionierenden Rechtssystemen. „Wir sind als Europäische Parlamentarier desillusioniert darüber, dass es in Honduras praktisch überhaupt keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel vom Januar 2014 gegeben hat“, erklärte die Grünen-Politikerin und Europa-Abgeordnete in einem Fernsehinterview. Ulrike Lunacek hatte Ende 2013 bereits die EU-Wahlbeobachter-Mission in Honduras geleitet. Bei ihren Gesprächen mit honduranischen Abgeordneten und Regierungsvertretern drängte sie seitdem immer wieder auf die Umsetzung der zugesicherten Wahlrechts-Reform und auf eine bessere Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Lösung der dringendsten politischen Probleme des zweitärmsten Landes in Lateinamerika.

Die Kindernothilfe ist seit 1981 in Honduras engagiert. Zurzeit fördert  sie bei einem jährlichen Programmvolumen von 914.000 Euro rund 15.300 Kinder und Jugendliche in zehn Projekten. Der thematische Schwerpunkt der Kindernothilfe-Arbeit liegt auf Programmen zur Gewaltprävention, auf der Hilfe für Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, sowie auf ländlichen Gemeinwesen-Entwicklungsprojekten.

Weiterführende Informationen:

Honduras: Unión Europea presiona para acelerar reformas electorales

UPR-Verfahren: „Für Menschenrechte ist kein Weg zu weit“


 

Die Gefängniskinder von Kalutara

Text und Fotos: Christoph Dehn,
stellv. Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzender

Colombo, 03.12.2015

Roshani und Kirusha sitzen im Gefängnis von Kalutara, 40 km südlich von Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Sie leben hinter hohen Mauern, Stahltoren und Stacheldraht. In 14 Monaten werden sie das Gefängnis verlassen können. Dann ist die Strafe abgesessen; nach fast zwei Jahren werden sie sich endlich wieder frei bewegen können. Eigentlich wird den beiden nicht viel vorgeworfen. Roshani ist drei Jahre alt, ihr Bruder Kirusha ist zwei. Ihre Mutter Rethmika wurde zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen des gleichen Delikts sitzt auch ihr Mann im Gefängnis.

Natürlich sind die Namen erfunden. Vielleicht denken die Nachbarn, dass die Eltern für eine Weile der Arbeit wegen woanders hingezogen sind. Im Dorf sollen sie nicht wissen, dass die ganze Familie einsitzt. Und da sich nun niemand um die Kinder kümmern kann, sieht das srilankische Strafrecht vor, dass Kinder bis zu fünf Jahren mit ihren Müttern in die Haft gehen dürfen. Immer wieder werden Kinder auch im Gefängnis geboren. Im Januar nachdem ein Kind fünf geworden ist, muss es in die Schule und deswegen Mutter und Gefängnis verlassen. Manche Kinder sehen dann zum ersten Mal in ihrem Leben die Welt jenseits der Mauern.

Rethmika erzählt ihre Geschichte so: Eines Abends wurde sie auf dem Rückweg von der Arbeit von Männern angehalten, die sie für Polizisten hielt. Die wollten ihren Ausweis sehen und behielten ihn gleich ein. Dann befahlen sie Rethmika, in ihren Van einzusteigen. Der Wagen fuhr an, einer der Männer begann sie zu belästigen. Daraufhin fing Rethmika an laut zu schreien. Schließlich hielt der Wagen, sie konnte entkommen. Aber sie war so schlau, sich das Nummernschild zu merken. Als sie das Fahrzeug ein paar Tage später wieder in der Nachbarschaft entdeckte, rief ihr Mann ein paar Freunde zusammen. Sie stellten denjenigen, der Rethmika den Ausweis abgenommen und sie belästigt hatte. Der Ehemann schlug ihn zusammen und nahm ihm nun seinen Ausweis ab. Wenig später wurden beide zu gleich langen Freiheitsstrafen verurteilt und in getrennte Gefängnisse eingewiesen.

Ob die Männer im Auto Polizisten waren? Wer weiß das schon. Ob die Geschichte sich genau so oder vielleicht ein bisschen anders zugetragen hat, auch das werden wir nicht erfahren. Aber dass Roshani und Kirusha nun mit ihrer Mutter im Frauengefängnis von Kalutara leben, das ist eine Tatsache.

In Kalutara ist einiges anders als in anderen Gefängnissen. Zurzeit gibt es hier 9 Kinder, aber die Zahl ändert sich ständig, denn Kalutara ist auch ein Untersuchungsgefängnis. Die Frauen und ihre Kinder kommen und gehen, meist sind es mehr als jetzt. In diesem Gefängnis und dem von Welikada hat die Kindernothilfe-Partnerorganisation SERVE die Betreuung der Kinder übernommen. Zu essen bekommen die Kinder vom Gefängnis schon; im Vergleich zu anderen Ländern ist das Essen hier nicht einmal schlecht. Aber es ist eben Erwachsenenessen. SERVE sorgt dafür, dass die Kleinen kindgerechte Zusatznahrung bekommen. Aber mindestens so wichtig ist der Kindergarten, den unsere Partnerorganisation betreibt. Hier können Roshani, Kirusha und die anderen spielen, lernen, toben, singen und sich frei entwickeln. Material, Kleidung, Kindermatratzen und Moskitonetze hat die Kindernothilfe zur Verfügung gestellt. Auch die größeren Kinder der Gefangenen, die draußen zur Schule gehen, und ohne ihre Mütter zurecht kommen müssen, erhalten über SERVE Unterstützung.

Wie ist es denn, mit den Kindern weggesperrt zu sein? Rethmika lächelt. Es hilft ihr sehr, die beiden dabei zu haben. Endlich hat sie Zeit für die Kinder, mehr als genug Zeit. Früher hat sie im Krankenhaus gearbeitet, hatte einen langen Weg zum Arbeitsplatz. Um das Essen muss sie sich jetzt keine Sorgen machen. Ihre Kinder werden wunderbar gefördert, dafür ist sie dankbar, wenn sie sich abends in dem Mutter-Kind-Schlafsaal neben die beiden auf den Boden legt.

Und was kommt nach dem Gefängnis? Rethmika hat an ein paar Kursen von SERVE teilgenommen. Sie kann jetzt etwas nähen, kann Briefumschläge und Schulhefte herstellen. Das müsste reichen, um zusammen mit ihrem Mann die Familie durchzubringen. Später sagt der Gefängnisdirektor über einer Tasse Tee in seinem Büro, das Ziel der Freiheitsstrafe sei in allererster Linie Resozialisierung, nicht Bestrafung. Dann ist es vielleicht kein Zufall, dass in seinem Gefängnis überall Büsche und Bäume wachsen und Blumen blühen. Rethmika, Roshani und Kirusha werden jedenfalls vorbereitet sein, wenn sich in 14 Monaten die Gefängnistore für sie öffnen.