Artikel vom September 2015

Im Kosovo bleiben wollen

Angelika Bachmann (Salut Salon) und Bernd Baumgarten von der Diakonie Kosovo in der Schneiderwerkstatt des Ausbildungszentrums ©Schiller

Angelika Bachmann (Salut Salon) und Bernd Baumgarten von der Diakonie Kosovo in der Schreinerwerkstatt des Ausbildungszentrums ©Schiller

Von Stephanie Schiller

Nur 1.400 Kilometer entfernt von Düsseldorf befindet sich das ärmste Land Europas – der Kosovo. Gerade einmal 1 Euro verdient hier täglich, wer Arbeit hat. Aber längst nicht jeder hat Arbeit. 50 % der Menschen sind ohne Job. Unter den Jugendlichen im Kosovo ist die Zahl mit 56 % noch höher. Der Grund dafür liegt in der mangelnden Ausbildung. Deshalb sind Projekte wichtig wie das in Mitrovica – am Bahnübergang, mitten im Ort. Neben Traumazentrum, Kindergarten, Behindertenwerkstatt und Jugendzentrum hat hier auch das Diakonie Training Center (DTC) seinen Sitz, das von der Kindernothilfe unterstützt wird. Dort lernen jedes Jahr rund 300 Jugendliche die Grundlagen eines Handwerks – und damit auch wichtige Grundlagen für eine Zukunft in ihrem Heimatland.

Elektrik, Trockenbau, Wasser- und Heizungsinstallation, Zimmerei, Fliesenlegen Computerkurse und Englischunterricht… „Hier im Trainings Center bieten wir nur Gewerke an, die die Jugendlichen auch gebrauchen können“, sagt Bernd Baumgarten, Leiter der Diakonie in Mitrovica. Er ist seit 2007 im Kosovo, nachdem er zuvor in Deutschland als Leiter der Diakonie in Trier gearbeitet hatte. Warum er auf dem Balkan hilft? „Es fängt im Kopf an“, sagt Bernd Baumgarten. „Und dann folgt das Herz.“

Ihrem Herzen ist an diesem heißen Sommertag im August 2015 auch die Hamburger Geigerin Angelika Bachmann gefolgt. Immer wieder besucht sie Projekte der Kindernothilfe überall auf der Welt – nicht nur die Escuela Popular de Artes, ein Musik- und Sozialprojekt in dem Armenviertel Achupallas, Viña del Mar, Chile, für die sie zusammen mit ihrem Quartett Salut Salon vor mehr als zehn Jahren die Patenschaft übernommen – und seitdem über eine halbe Million Euro zusammengetragen hat. Sie war bei verschiedenen Kindernothilfe-Partnerorganisationen in Ruanda zu Gast, in diesem Frühsommer auch in Brasilien in einem Favela-Projekt am Rande von Rio de Janeiro – und jetzt in Mitrovica, Kosovo. Ob vom Angebot im DTC auch junge Frauen profitieren, will sie wissen. Bernd Baumgarten schmunzelt: „Wir hatten in 15 Jahren nicht eine junge Frau in der Ausbildung. Deshalb haben wir vor Jahren mal eine Ausbildung zur Sekretärin angeboten. Aber auch dafür gab es keine Anmeldungen.“ Warum? „Wir mussten lernen, dass im Kosovo jede Frau per se als Sekretärin gilt. Sie braucht dafür keine Ausbildung, nur einen Onkel in der Regierung.“ Mittlerweile sind dies Anekdoten. Realität ist der Schneider-Kurs, der in das Trainings Center integriert wurde. Hier lernen junge Frauen, eigene Kleidung zu entwerfen und zu nähen. Die Effizienz des Angebots ist unglaublich hoch. „Im Schneider-Kurs ist zurzeit zum Beispiel auch ein Roma-Mädchen“, sagt Bernd Baumgarten. „Wenn sie heiratet, wird sie mit dem, was sie hier gelernt hat, ihre ganze Familie ernähren können.“ Nun kam auch eine Spende von der Kindernothilfe Luxemburg. Davon soll ein Ausbildungskurs für Friseurinnen eingerichtet werden.

Die Menschen in Mitrovica kämpfen wie im gesamten Kosovo ums Überleben. Dafür, jemanden nach Deutschland zu bringen, verlangen Schleuser 1.800 Euro. Gut 8.000 Euro kostet die organisierte Flucht in die USA. Vor Menschen, die bleiben, hat Bernd Baumgarten Respekt. Auch vor denen, die zurückkommen. Unlängst waren das wieder rund 11.000 Menschen, die zuvor nach Deutschland geflohen waren. Der Kosovo gilt als „sicheres Land“. Wer ohne Visum in Deutschland lebt, wird zurückgeschickt. „Dass die Menschen trotz schwerster Bedingungen versuchen, sich in ihrer Heimat eine Zukunft aufzubauen, finde ich sehr bewundernswert!“, sagt Angelika Bachmann, die sich in ihren eigenen Projekten vor allem um Kinder kümmert. „Die Arbeit mit Menschen ist so sinnvoll, weil sie Verbindungen schafft, die das Leben besser machen“, sagt sie – und freut sich, als Bernd Baumgarten sie in die Schreinerei des DTC führt. Da werden gerade Stühle in Kleinformat von den Teilnehmern der Ausbildungseinheit angefertigt, auf denen in Zukunft die Kinder des Kindergartens sitzen werden.

Das Ausbildungszentrum. Foto: Stephanie Schiller

Das Ausbildungszentrum. Foto: Stephanie Schiller

Manchmal kann Bernd Baumgarten verstehen, dass die Menschen in Deutschland, die für Projekte wie das Diakonie Ausbildungszentrum spenden, nach 15 Jahren müde sind. 95 % des Budgets der Diakonie Kosovo kommen aus Deutschland und Luxemburg – von der Regierung wie von verschiedenen Partnern, wie der Kindernothilfe, anderen Nichtregierungsorganisationen und vielen privaten Spendern. Er plädiert für Geduld – 16 Jahre nach Ende des Krieges. „Die Arbeit braucht Zeit“, sagt er. „Aber wenn Deutschland nicht mehr zahlt, ist diese Arbeit hier sofort vorbei.“

Neulich habe ein ein General der deutschen Kfor-Truppen, die nahe Mitrovica stationiert sind, gefragt, wie lange sie seiner Meinung nach noch im Land bleiben sollen. Und Bernd Baumgarten hat geantwortet: „Nochmal 20 Jahre!“ Warum? „Weil die Hoffnung dieses Landes die jungen Menschen sind.“ Und die müssten erst einmal in das Alter kommen, in dem sie zur Wahl gehen dürfen und über die Zukunft des Landes mitbestimmen. Die jungen Menschen sind seiner Meinung nach auch der Garant für die Versöhnung, die der Kosovo so nötig hat. Im Jugendzentrum, das mit Hilfe von Regierungsmitteln aus Deutschland direkt an der gesperrten Brücke zwischen dem albanischen Teil von Mitrovica und dem serbischen Teil der Stadt errichtet wurde, arbeitet die Diakonie daran: Hier treffen sich Jugendliche aller Stadtteile und Ethnien, tanzen, spielen, malen und diskutieren – irgendwie immer auch über die Zukunft eines Landes, in dem sie bleiben wollen.