Artikel vom März 2015

Peru: Für eine Kindheit ohne Gewalt

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

11.03.2015

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Unser kleines Hotel im Stadtviertel „Miraflores“  liegt umgeben von palmenbeschatteten Villen, Strandcafés und schicken Boutiquen.  Moderne, in weiß gehaltene Hochhäuser ragen in den oft grau bewölkten Himmel von Lima, ihre gläsernen Balkone sind zum Pazifik ausgerichtet, um möglichst viel von dem grandiosen Blick in die Appartments zu ziehen. Der kontinuierliche Wirtschaftsaufschwung, den Peru in den zurückliegenden Jahren vor allem dank des Bergbaus erlebte, hier ist er deutlich sichtbar.

Unser Fahrzeug reiht sich in den dichten morgendlichen Verkehr Richtung Norden ein. Langsam durchqueren wir die Stadt, in der sich auf einer Fläche knapp größer als das Saarland gut 10 Millionen  Menschen drängen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit landen wir in einer anderen Welt: Wir sind in der Wüste. Nichts erinnert hier, im Distrikt Ventanilla, an den großstädtischen Reichtum Limas. Auf staubigen Sandpisten fahren wir durch die flirrende Hitze, vorbei an mit Bastmatten umwickelten Schlafplätzen, erdfarbenen Hütten aus luftgetrockneten Ziegeln und mit Steinen beschwerten Wellblechdächern.

Knapp 400.000 Menschen leben in Ventanilla, erzählt Ada, die hier seit 16 Jahren für den Kindernothilfe-Partner Kusi Warma arbeitet. In Pachacútec, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile an der Nordperipherie dieser Riesenstadt, ist die Lebenssituation der Kinder besonders schwierig. 180.000 Menschen hausen hier, ein Drittel davon sind unter 18 Jahren. Mehr als  70 Prozent der Bewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Vor manchen Unterkünften stehen deshalb riesige Plastiktonnen, in denen die Nachbarn das Wasser, das sie von Tanklastern kaufen, sammeln.  44 Prozent der Einwohner Parachútecs haben keine Elektrizitätsversorgung, 74 Prozent keine Abwasserleitungen.  In dem kleinen Kusi Warma Büro haben uns Ada, Gloria, Susanna, Sara und Michel diese Zahlen vorgestellt. Als Lehrerin,  Erziehungswissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Psychologe  begegnet ihnen die Armut in Pachacútec jeden Tag.  Und sie begegnen dieser Armut mit einem Projekt der Kindernothilfe.  5.000 Eltern und Lehrer in Pachacútec, das ist ihr Ziel, sollen bis Ende des Projektzeitraums um die Rechte ihrer Kinder wissen und sich dafür einsetzen.

Wie das konkret aussieht, erleben wir als erstes im Kinderzentrum. Dieses mit seinem fröhlichen bunten Wandbild leicht erkennbare Haus liegt zwischen Marktbuden und Unterkünften auf einer hügeligen Sandstraße in Pachacútecs Sektor C. Im rechten Teil des Hauses treffen sich gerade Mütter mit  ihren Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren.  Um frühkindliche Stimulierung geht es da: im Kreis auf einer Matte sitzend wird jedes Kind mit seinem Namen und einem Begrüßungsritual willkommen geheißen, es wird gesungen, gestreichelt und geklatscht. Die Kleinen sind kräftig mit Rasseln und Trommeln dabei, krabbeln bunten Schaumstoffbällen nach oder üben sich mit weichen Stoffwürfeln als Turmbauer. Ein bis zweimal pro Woche treffen sie sich zu dieser spielerischen Frühförderung. Für die Eltern gibt es daneben immer wieder Informations-Angebote: zu Ernährung, zu Gesundheit, zu frühkindlicher Erziehung oder zum Kindesschutz.

 

Nebenan, im linken Hausteil, warten einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gerade auf die größeren Kinder. An drei Tagen pro Woche werden sie künftig die Betreuung der Gruppe der 3- bis 6-Jährigen und die der 7- bis 12-Jährigen übernehmen. Ein Jahr lang haben sie sich mit den Mitarbeitern von Kusi Warma darauf vorbereitet, haben eigenes Material entwickelt, sich Techniken angeeignet, um 60 Klein- und Schulkinder zu fördern und zu fordern.  Und ihnen vorzuleben, wie man gewaltlos miteinander umgeht. Gewalt ist in dieser rauen Umgebung ein drängendes Thema. Den Gesetzen Perus folgend ist „die Ausübung leichter physischer Gewalt durch Eltern“  immer noch erlaubt.  Darum versuchen die Mitarbeitenden von Kusi Warma neben der konkreten Elternarbeit, auch durch Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, durch Arbeit mit der Polizei und mit den kommunalen Behörden Kindesschutzstrukturen aufzubauen.

Auch in den Schulen. In einer von ihnen treffen wir Lorena. Sie ist 15 Jahre alt und Mitglied im Kinderrechtsrat einer kombinierten Grund- und Sekundarschule mit insgesamt 18.00 Schülern. „Por una infancia sin violencia“ steht über der Tür des kleinen Raums, den sich der Kinderrechtsrat mit der Schülermitverwaltung teilt.  Für eine Kindheit ohne Gewalt, dafür setzt sich Lorena bereits im zweiten Jahr ein.  Eng gedrängt sitzen wir Besucher und das Kusi Warma Team zusammen mit den Schülervertretern in dem Zimmerchen, da erscheint auch der Schuldirektor. Er sei zum ersten Mal überhaupt in diesem Raum, bekennt er freimütig. Aber natürlich unterstütze er die Sache der Jugendlichen. Die stellvertretende Schülersprecherin, qua Amt mit einer breiten, himmelblauen Schärpe quer über die Brust geschmückt, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl.  Aber Lorena lässt sich nicht beirren. Klar und selbstbewusst beantwortet sie unsre Fragen. Welche Kinderrechtsverletzungen ihr an der Schule denn am häufigsten begegnen? Das größte Problem, meint sie, ist der Rassismus und die Diskriminierung von Kindern mit dunklerer Hautfarbe, den Indigenas. Sie werden oft benachteiligt, lächerlich gemacht und mit Spottnamen versehen. Aber auch Gewalt sei ein großes Thema, fährt sie fort. Schläge wären häufig,  sexuelle Übergriffe kämen immer wieder vor, und sehr oft verbale Gewalt, Erniedrigung. „Bullying nennen wir das an der Schule,“ berichtet Lorena.  „Das hindert uns daran, selbstbewusst zu wachsen, uns zu verteidigen.“ Viele Einzelgespräche führe sie jede Woche mit Opfern an ihrer Schule. Sie suche dann auch das Gespräch mit dem „Angreifer“, erkläre ihm, was seine Bemerkungen bei dem Mitschüler alles auslösen. „Manchmal war es das dann schon.“ Die nächste Instanz sei sonst der Vertrauenslehrer, an den sie sich wenden könne. Er würde die gravierenderen Fälle weiterverfolgen.

Wie schmerzhaft es ist, Ziel von Angriffen zu sein, hat sie auch schon am eigenen Leib erfahren. Häme, Beleidigungen und grobe Attacken habe sie schon erlebt, weil sie sich im Kinderrat engagiert. Dass sie trotzdem noch dabei ist, verdankt sie den Mitarbeitern von Kusi Warma, die ihr helfen, sie stützen und kontinuierlich weiter schulen.

Es wird schon Abend, als wir uns aus Pachacútec wieder auf den Rückweg nach Lima machen. Pachacútec, den Namen haben sich die ersten Bewohner dieses Stadtteils in der Wüste vor 15 Jahren selbst gewählt. Sie zogen hierher auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Land, wo sie leben konnten, besetzten die Abhänge der Sandhügel.  Der Name des Inkakönigs Pachacútec schien ihnen damals wie eine Verheißung. „Er war ein starker König“, erzählt mir eine Mutter beim Abschied. Im Lauf seiner Regierungszeit machte er sich einen Namen als einer der tapfersten und weisesten Inka-Herrscher überhaupt. Reformfreudig organisierte er die politische und wirtschaftliche Struktur des Landes um und sicherte durch die neue Methode des Ackerbaus auf Terrassen die Ernährung der Bevölkerung nachhaltig. „Der, der die Welt verändert“ bedeutet sein Name auf Quechua. Es ist eine Verheißung, die sich für die Menschen in Pachacútec in vielen kleinen Schritten auch im Jahr 2015 noch realisiert.  Besonders für die Kinder.

Bolivien: „Reden ist besser als schlagen!“

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana“.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo“, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist „Anti-Gewalt-Helferin“

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin“ ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein“ steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die „Veränderungsagenten“

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten“, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!“  „ Reden ist besser als schlagen!“ „Wer nein sagt, meint auch nein“.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen“, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman“ neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.“ Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin

 

Bolivien: Sorojchi-Pillen gegen die Höhenkrankheit

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz (5.3.2015)

Die Anreise nach La Paz ist mühsam:  Der Teilflug von Quito nach Lima hat sechs Stunden Verspätung, in Lima schaffen wir es nachts um vier wenigstens für drei Stunden ins Flughafenhotel. Meine Mitreisenden, beide heißen Jürgen, haben Mühe, der Dame an der Rezeption zu erklären, dass sie kein Doppelzimmer teilen wollen, weil Jürgen nicht ihr gemeinsamer Familienname ist und, nein, sie nicht miteinander verheiratet sind.  Am nächsten Mittag landen wir schließlich auf dem bolivianischen Flughafen von El Alto, der Höhe, in den Hochanden. Es ist der weltweit höchstgelegene zivile Flughafen auf gut 4.200 Metern.

Benedicto, der Kindernothilfe-Büroleiter in Bolivien, empfängt uns fröhlich und versorgt uns ein bisschen weiter unten in La Paz auf ungefähr 3.800 m erst einmal mit Mate-Tee. Schon oft hat er bei Gästen erlebt, dass ihnen schier der Schädel platzt in der dünnen Höhenluft.  Also trinken wir jetzt Mate-Tee, und ungefragt verteilt Benedicto Sorojchi-Pillen. Die gibt es hier in jeder Apotheke, Sorojchi-Pillen für vier Bolivianos das Stück, kaum 50 Cent. Eine gute Investition. Sorojchi heißt in dieser Gegend die Höhenkrankheit.  Etwas langsamer als üblich laufen wir durch die Straßen, schnaufen auf den Treppenabsätzen einmal mehr. Zwei Tage, heißt es, geht das so, dann soll sich der Körper an die Höhe gewöhnt haben.

Ecuador: Pflöcke im Sumpf

Slum in "Nigeria". Foto: Jürgen Schübelin

Slum in „Nigeria“. Foto: Jürgen Schübelin

1./2. März 2015

Von Duisburg bis nach Guayaquil, der größten Stadt des Andenstaates Ecuador, sind es mit dem Flugzeug nach dreimal Umsteigen gut 22 Stunden Reisezeit. Tropisch heiß und feucht empfängt die Hafenmetropole an der Pazifikküste meine Kollegen Jürgen Borchardt, Jürgen Schübelin und mich kurz vor Mitternacht. Noch herrscht lebhafte Geschäftigkeit auf den Straßen, aber die Zeitumstellung, die uns schwer in den Knochen sitzt, lässt uns zielstrebig ins Hotel fahren.

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Am nächsten Morgen dauert es nur eine knappe halbe Stunde, bis wir vom Stadtzentrum Guayaquils  aus Nigeria erreichen.  Dieses Nigeria liegt mitten in Ecuador. Es ist ein auf Sumpfgebiet entstandenes Stadtviertel, das seinen Namen seiner fast ausnahmslos afro-ecuadorianischen Bevölkerung verdankt.  Die Familien leben auf Pfahlbauten in einfachen Hütten aus Bambusrohr, Plastikplanen oder Wellblech, die weder Schutz vor dem übelriechenden Morast unter ihnen noch vor den Scharen von Mosquitos um sie herum bieten. Ich kann nur ahnen, wie es um die hygienischen Verhältnisse in den Hütten bestellt ist, eine Abwasserversorgung existiert auf jeden Fall nicht.

„Ich bin in Nigeria aufgewachsen“, berichtet Amelia, die wir hier treffen „und ich habe es gehasst. Es stank auf den Straßen,  von den vielen Brücken fielen immer wieder Kinder ins Wasser und ertranken. Wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich aus Nigeria komme, drehte er sich sofort weg“.

Es war vor allem das Schicksal der Kinder, das den Salesianer-Ordnen, seit Jahren Partner der Kindernothilfe in Guayaquil,  2009 in Nigeria aktiv werden ließen. Sie erkannten, dass ein Großteil der Kinder, die in der Stadt auf der Straße leben, aus Nigeria und den angrenzenden Vierteln der Halbinsel „Cooperative Independencia“ stammt.  Die Ursachen, warum sie ihre Familien verlassen hatten, waren meist Vernachlässigung und massive Gewalterfahrungen.  Misshandlungen und Gewalt prägten das Leben in den Familien, Drogenhandel und Prostitution das Leben auf der Straße.  Zug um Zug begannen die Salesianer im Rahmen eines Gemeinwesenentwicklungsprojekts,  die Lebensbedingungen in dem Viertel zu verbessern.  Flächen wurden entwässert,  Straßen angelegt und schließlich Häuser auf dem Festland errichtet.

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

„Die festen Häuser brachten schon eine große Veränderung“, erzählt Amelia.  Aber es ging noch weiter. Eine Vielzahl von Aktivitäten wurde mit Kindernothilfe-Mitteln begonnen:  Fernando zum Beispiel unterstützt Familien beim Anlegen von kleinen Hausgärten. Die verbessern nicht nur die Ernährungssituation der Kinder, sie zeigen den Familien auch, wie Erwachsene und Kinder zusammen etwas unternehmen und schaffen können. Da wird gemeinschaftlich gegraben, gesät, begossen – und die Freude über den sichtbaren und essbaren Erfolg geteilt.  Die Psychologin Carla  berät Eltern, wie sie sich aus manchen alten Verhaltensmustern befreien können. Dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt, Konflikte zu lösen, als mit Gewalt. Und ist wichtige Anlaufstelle für Mädchen, die mit 12 oder 14 Jahren schwanger werden

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Während Amelia erzählt, sitzen wir im großen Versammlungsraum des neuen Gemeindezentrums in Nigeria. Erst vor einem Monat wurde es eingeweiht, in manchen Räumen streichen und fliesen noch Handwerker. Das Zentrum ist der neue Mittelpunkt im Stadtteil. Hier treffen sich die Kinder nach der Schule. Sie machen Hausaufgaben, spielen Fußball, lernen in Musik- und Tanzprojekten die Traditionen ihrer afroamerikanischen Herkunft kennen. Lese- und Schreibkurse für Erwachsene werden hier genauso angeboten wie Trainings für Eltern, in denen sie für die Rechte der Kinder sensibilisiert werden und lernen, ihre Einstellung gegenüber ihren Kindern zu verändern.

Um uns herum sind mittlerweile Marimbas und Trommeln aufgebaut, eine Gruppe Mädchen in ausladenden Tanzkostümen rennt kichernd an uns vorbei. „Unser Viertel hat sein Gesicht völlig verändert“, fasst Amelia ihren Bericht zusammen. „Es gibt noch immer vieles zu verbessern. Aber mittlerweile liebe ich es, in Nigeria zu leben.“

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin