Artikel vom Januar 2015

Mit Bildung und Aufklärung gegen das Restavèk-System

Restavek-Mädchen in Port-au-Prince, Foto: Jakob Studnar

Arme haitianische Familien vom Land geben ihre Kinder an „Gast“-Familien in der Stadt, in dem Glauben, dass sie dort für Mithilfe im Haushalt Unterkunft, Essen und Schulbildung bekommen. Diese Kinder nennt man „Restavèks“, aus französisch „rester avec“, „bei jemandem bleiben“. In Wirklichkeit schuften die Kinder oft unter sklavenähnlichen Bedingungen, zur Schule gehen die wenigsten.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zu den Maßnahmen, die die Kindernothilfe  für die Restavèk-Kinder  und die Beendigung dieser Tradition seit Jahren ergreift.

Die Ausbeutung von Restavèk-Kindern ist in der haitianischen Gesellschaft tief verankert – wie kann man sie jemals beenden?
Nur mit ganz langem Atem. Es muss massiven internationalen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Haiti – und die Reichen und Mächtigen in diesem Land – geben, damit sie diese skandalöse Kinderrechtsverletzung nicht länger als „kulturelles Phänomen“, das es angeblich schon immer gegeben hat, abtun. Wir haben mit unseren haitianischen Partnern Aufklärungsmaterial produziert und Radiospots geschaltet, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, dass diese ausbeuterische Kinderarbeit ein Verstoß gegen die Kinderrechte ist. Mit Unterstützung der Europäischen Union haben wir vor allem mit Lehrern gearbeitet – sie müssen bereit sein, diesen Kindern alternative Bildungsmöglichkeiten anzubieten, beispielsweise spezielle Förderklassen, in denen sie ihre Defizite aufholen können. Eine externe Evaluierung bestätigt, dass unsere Maßnahmen gefruchtet haben. Die haitianische Regierung griff das Thema in einer Plakatkampagne auf, UN-Gremien und internationale Organisationen beschäftigen sich immer wieder mit der Problematik. Letztlich wird aber nur eine Verringerung der Armut, eine Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bildungsmöglichkeiten das Problem wirklich an der Wurzel packen können.

Hat das Erdbeben 2010 diese ausbeuterische Kinderarbeit begünstigt?
Es ist schwierig, empirisch belastbare Zahlen über die Kinder, die Opfer dieses Restavèk-Systems sind, zu bekommen. In den Publikationen schwanken die Angaben ganz erheblich, zum Teil ist von bis zu 300.000 restavèk-Kindern die Rede. Wir haben nach dem Erdbeben festgestellt, dass viele Kinder, die ihre Eltern und andere Angehörige verloren haben, von sich aus in den Notlagern nach Familien suchten, bei denen sie unterkommen konnten und denen sie dafür ihre unentgeltliche Arbeitskraft anbieten mussten. Mit anderen Worten: Das Erdbeben hat vermutliche Tausende von Kindern erst zu Restavèks gemacht – aus blanker Not, einfach, um überleben zu können.

Derzeit lassen wir gemeinsam mit anderen internationalen und nationalen Kinderrechtsorganisationen in Haiti sozialwissenschaftlich untersuchen, wie sich das Restavèk-System weiterentwickelt hat. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns wichtige Hinweise für die Kindernothilfe-Strategie rund um dieses Thema. Das Engagement für die Rechte gerade dieser Kinder ist eine der großen Herausforderungen in der Kindernothilfe-Länderstrategie für Haiti.

Wie viele Restavèk-Kinder nehmen Bildungsangebote der Kindernothilfe in Anspruch?
Das können wir recht präzise sagen: Unser Partner Mouvement vin plis Moun (MvM) erreicht in fünf Armenviertel-Stadtteilen von Port-au-Prince fast 1.600 Restavèk-Kinder mit seinen Kursen und alternativen Unterrichtsangeboten. In der kleinen, von uns nach dem Erdbeben wieder aufgebauten Schule von Wharf Jérémie werden weitere 260 Kinder unterrichtet, und in dem Projekt Tokyo besuchen 120 Restavèk-Kinder Spezialklassen und machen dort auch einen handwerklichen Berufseinstieg – etwa indem sie lernen, Flip-Flops für den örtlichen Markt zu produzieren. Wenn man dann noch die Kinder hinzurechnet, die über eine Förderklasse im Collège Véréna unterstützt werden, kommen wir auf über 2.000 Mädchen und Jungen.

Bekommen Restavèk-Kinder von ihren Arbeitgebern ohne Probleme die Erlaubnis, die Bildungsangebote der Kindernothilfe zu besuchen?
Pastor Luckner von unserem Partner MOCOSAD zieht in Wharf Jérémie zum Beispiel von Hütte zu Hütte, um die Familien davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, dass die Kinder zur Schule gehen und nicht nur 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Er nutzt auch seine Predigten an den Sonntagen in der Kirche, um den Leuten ins Gewissen zu reden. Ganz wichtig ist es, die Familien, die selbst vielfach unter extremer Armut leben, nicht als Feinde zu sehen, sondern – so merkwürdig das in unseren Ohren auch klingen mag – als Partner, um die brutalen Kinderrechtsverletzungen zu beenden. Das bedeutet auch, dass ganz viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit diese Kinder nicht mehr ständig geschlagen werden.

Unserem Partner MvM ist es gelungen, die Arbeitgeberfamilien auch immer wieder bei Veranstaltungen einzubeziehen, ihnen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. MvM informiert sie darüber, was in den Kursen mit den Kindern geschieht, und will sie dazu zu bringen, stolz zu sein, wenn die Mädchen und Jungen im Unterricht oder beim Herstellen von Kunsthandwerksarbeiten erfolgreich sind. Aber uns ist bei alledem natürlich klar, dass es hier überhaupt keinen Anlass gibt, irgendetwas zu idealisieren oder schönzureden. Trotzdem wird sich die Situation nicht in der Konfrontation mit den Familien verbessern lassen, sondern nur im graduellen Wecken von Einsicht und Verantwortungsbewusstsein.

Verbessert Bildung die Zukunftschancen der Restavèk-Kinder?
Ohne Lesen und Schreiben – und vielleicht noch wichtiger – ohne Rechnen zu können, haben alle diese Kinder nicht den Hauch einer Chance, angemessen für ihr eigenes Auskommen sorgen zu können. In der Regel endet die Zeit als Restavèk ja dadurch, dass die Mädchen und Jungen von ihren „Arbeitgebern“ irgendwann einfach weggeschickt werden, weil sie angeblich zu viel essen – oder zu „rebellisch“ geworden seien… Da die Kinder ja in all den Jahren zuvor nie für ihre Arbeit bezahlt wurden, stehen sie in dieser Situation mit leeren Händen da. Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie bestehen in aller Regel seit langem nicht mehr. Die Zeit im Projekt, in der Schule, im besten Fall einige Zeugnisse und Belege für den Unterrichtsbesuch, aber vor allem das, was sie sich in diesen Jahren an Selbstbewusstsein und Über-Lebens-Fähigkeiten angeeignet haben, ist alles, was ihnen bleibt. Damit machen sie sich auf die Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit – ganz oft im Straßenhandel, eventuell in einem Laden, als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle oder im Hafen, oft auch als Kassierer in einem tap-tap, einem Sammeltaxi. Gegenüber Jugendlichen, die nie zur Schule gegangen sind, sind sie bei dieser Arbeitssuche klar im Vorteil.