Artikel vom November 2014

Äthiopien: „Diese Waisenkinder haben mein Leben verändert“

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann mit äthiopischen Schülern. Fotos: Karl Pfahler

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann mit äthiopischen Schülern. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Donnerstag, 28. November 2014

Es ist heiß und jeder Schritt auf der unebenen Staubstraße wirbelt eine kleine Sandwolke auf. Gerade haben wir eine Grundschule besucht, in der Kinder mit Behinderungen in den Regelunterricht integriert werden. Was uns beinahe selbstverständlich erscheint, ist hier in Hawassa, einer Provinzhauptstadt knapp 400 km südlich von Addis Abeba, eine absolute Ausnahme. Unsere Partnerorganisation JeCCDo musste eine Menge Aufklärungsarbeit leisten, führte Schulungen mit den Lehrern durch – und setzte sich nicht zuletzt bei den Eltern dafür ein, dass die ihren Kinder den Schulbesuch erlauben. Meine Sprachkenntnisse in Amharesh, der Hauptsprache des Landes, sind nach drei Tagen in Äthiopien noch nicht wirklich besser geworden. Aber nach dem Besuch der Integrationsschule kann ich mich immerhin mit einem Gruß in der hiesigen Gebärdensprache verabschieden.

Wir sind auf dem Weg zu einigen „Guardians“ – Pflegeeltern, die Waisen oder gefährdete Kinder bei sich aufgenommen haben. Mehr als 1.500 Kinder in Hawassa sind Vollwaisen. Mehrere tausend Kinder leben auf der Straße. Was sind das für Menschen, die ihr Haus öffnen, um elternlose Kinder aufzunehmen? Schon bei der ersten Familie, die wir besuchen, erkenne ich: Es ist kein Haus, das die Familie öffnet, sondern ein einziges Zimmer. Durch eine mit Wellblech verkleidete Tür betreten wir einen winzigen Innenhof. Alle Räume, die ringsum von dem Hof abgehen, sind einzeln vermietet – an jeweils eine Familie. Gebückt treten wir über die aus Ziegelsteinen zusammengeschobene Schwelle in den ersten Raum. Es misst sicher nicht mehr als 10 Quadratmeter.

Mit Unterstützung der Kindernothilfe können auch Waisenkinder eine Schule besuchen.

Mit Unterstützung der Kindernothilfe können auch Waisenkinder eine Schule besuchen.

Auf drei Hockern sitzen wir der Frau des Hauses gegenüber. Sie habe eine eigene Tochter, erzählt sie, die ist gerade sechs geworden. Zwei Waisenkinder hat sie aufgenommen, die gehen mittlerweile in die vierte und sechste Klasse. „Seit sie bei mir sind, hat sich mein Leben verändert“. Vor Glück? Wir schauen uns um. Und hören, wie das Unterstützungsmodell unserer Partnerorganisation das Leben der Frau auf eine völlig neue Basis stellte. Vorher hielt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten als Taglöhnerin mehr schlecht als recht über Wasser. Dann trat sie einer Selbsthilfegruppe bei, lernte dort ein Spar- und Kleinstkreditmodell kennen und übernahm die Pflegschaft für die zwei Kinder, Geschwister, deren Eltern kurz hintereinander verstorben waren. Im ersten Jahr wurde beiden mit Mitteln der Kindernothilfe der Schulbesuch ermöglicht. Sie erhielten Schulmaterial, medizinische Versorgung und – zumindest im ersten Jahr – eine monatliche Unterstützung. Parallel dazu wurde die Pflegemutter geschult, wie sie sich selbst ein Einkommen erwirtschaften kann. Mit einem Kleinstkredit von 2.000 Birr, umgerechnet etwa 80 Euro, begann sie Ankauf und Weiterverkauf von getrocknetem Mais.

Ihre Geschichte überzeugt mich restlos: Nach einem Jahr war sie in der Lage, den weiteren Schulbesuch und aller Kinder selbst zu finanzieren. Die Befriedigung darüber ist ihr anzusehen, lachend erzählt sie ohne Punkt und Komma von der Entwicklung. Vorsichtig frage ich, ob sie denn ganz allein für den Familienunterhalt verantwortlich sei? Nein, erklärt sie, ihr Mann schaffe es als Taglöhner, die 320 Birr für die Zimmermiete, umgerechnet circa 15 Euro, zum Haushalt beizusteuern. „Und ich sorge für den Rest.“ Zu fünft lebt diese Familie in dem Zimmerchen, ein Vorhang trennt das Bett der Eltern vom Eingangsbereich ab, in dem nachts die Matratzen der Kinder auf den Boden gelegt werden. Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Aber ich verstehe jetzt die Frau, wenn sie sagt: Diese Waisenkinder haben mein Leben verändert.

Äthiopien: Ankunft im Jahr 2007

Kindernothilfe-Direktorin Katrin Weidemann bei einer Frauen-Selbsthilfegruppe in Äthiopien. (Quelle: Karl Pfahler)

Kindernothilfe-Direktorin Katrin Weidemann bei einer Frauen-Selbsthilfegruppe in Äthiopien. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Montag, 24. November 2014

Nach mehr als vier Monaten an der Spitze der Kindernothilfe der erste Projektbesuch. Es geht in ein Kernland unserer Arbeit: nach Äthiopien. Mit im Reisegepäck habe ich die Erfahrung von fünf Jahren Leben und Arbeiten in Tansania.  Jetzt bin ich gespannt auf dieses für mich neue Land Afrikas. Zusammen mit Karl Pfahler, dem für Afrika zuständigen Referatsleiter, verlasse ich Duisburg im Morgengrauen.

Ankunft am Flughafen Addis Abeba kurz vor 22 Uhr Ortszeit. Nein, nach lokaler Zeit ist es die vierte Stunde Nacht. Der Tag beginnt hier  bei Sonnenaufgang um 6 Uhr morgens und zählt 12 Stunden Tag und dann 12 Stunden Nacht. Ich zähle ab jetzt also anders. Auch die Jahre. Man schreibt hier das Jahr 2007. So rechnet es der in Äthiopien verwendete Julianische Kalender.  Beim ersten Schritt aus dem Flugzeug spielt das keine Rolle. Es riecht nach Holzfeuer, ein warmer Wind umschmeichelt uns, zeitlos vertraut. Wie schön, hier zu sein.

 

Äthiopien: Eine Schule für die Kinder von Langano Shalla

Die äthiopischen Kinder freuen sich über den Besuch von Katrin Weidemann. (Fotos: Karl Pfahler)

Die äthiopischen Kinder freuen sich über den Besuch von Katrin Weidemann. (Fotos: Karl Pfahler)

Treffen mit Schulkomitees, Elternvertretern und Lehrern.

Treffen mit Schulkomitees, Elternvertretern und Lehrern

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 26. November 2014

Heute ist Sportfest und deshalb kein Unterricht in der Schule von Langano Shalla. Ich treffe mich mit Mitgliedern des Schulkomitees, Elternvertretern und Lehrern in dem flachen Schulgebäude, während draußen die Mädchen und Jungen über den Fußballplatz rennen. Dass sie hier, entlang des afrikanischen Grabenbruchs im südlichen Äthiopien überhaupt eine Schule besuchen können, ist eine besondere Erfolgsgeschichte. Denn Langano Shalla ist eine der am meisten unterversorgten und von Armut betroffenen Gemeinden der Region. Lange gab es weder Schulen noch andere Infrastruktur.

Bis unser Kindernothilfe Partner ein erstes Lernzentrum startete. Das klingt imposant, tatsächlich trafen sich die Kinder anfangs unter dem großen Schattenbaum, um lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Der Baum reichte bald nicht mehr aus, bei Regen war an Unterricht nicht zu denken. Also zog die Gruppe übergangsweise in die Kirche. Und jetzt half die ganze Dorfgemeinschaft mit. Sammelte Feuerholz, zimmerte Bänke. Zusammen mit unserem Partner schafften sie es, ein kleines Schulzentrum für ihre Kinder zu errichten.

Unterricht in der Schule von Langano Shalla.

Unterricht in der Schule von Langano Shalla

Stolz erzählen uns die Delegierten die Entstehung „ihrer“ Schule. Die mittlerweile übrigens schon um weitere fünf Klasszimmer erweitert werden musste. Und – das ist besonders beeindruckend – die nach langen, mühevollen Verhandlungen schließlich vom Distrikt als staatliche Schule übernommen wurde. 2.500 Kinder haben so in Langano Shalla Zugang zu formaler Bildung erhalten. Und die Schule wächst weiter…

 

Äthiopien: 16 Frauen, 16 besondere Geschichten

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann bei einer Frauen-Selbsthilfegruppe in Äthiopien. (Fotos: Karl Pfahler)

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann bei einer Frauen-Selbsthilfegruppe in Äthiopien. (Fotos: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Dienstag, 25. November 2014

Heute soll ich das Erfolgsmodell Selbsthilfegruppe (SHG) kennenlernen. Wie organisieren sich Frauen in Selbsthilfegruppen? Wie funktioniert ihr Sparmodell? Welche Ziele geben sie sich? Wie wirkt sich ihr Engagement auf ihre Kinder aus? Den ersten Theorieinput bekam ich gestern schon im Flieger. Zwischen Jeddah und Addis einen Powervortrag über Gemeinwesenprojekte im Allgemeinen und Selbsthilfegruppen im Speziellen. Heute Vormittag liefern die Mitarbeiter unserer Partnerorganisation im Viertelstundentakt eine Präsentation nach der anderen. Vor allem zu SHGs. Mehr als 9.000 Gruppen gibt es in Äthiopien. Mit ganz genau  166.291 Mitgliedern. 440.000 Kinder profitieren davon. Die will ich jetzt kennenlernen! Zuvor noch ein Gespräch mit Mulu. Sie ist Leiterin einer Partner-NGO in Addis und wurde kürzlich ausgezeichnet als eine der „most influental women in Africa“. Eine beeindruckende Frau, die sich für die Ärmsten der Armen starkmacht!

Katrin Weidemann bekommt von den Kindern ein Ständchen getrommelt. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann bekommt von den Kindern ein Ständchen getrommelt.

Nachmittags bei der Society for Women and Aids in Africa. Ihr Name mag irreführend sein (wer wird hier unterstützt, wer bekämpft?), ihr Ziel  ist klar und eindeutig: in drei Jahren einen  spürbaren Beitrag zu leisten, HIV/Aids in Äthiopien zu bekämpfen und die Situation der Betroffenen zu verbessern. Wir besuchen ihren Stützpunkt, der mitten in einem sozialen Brennpunkt liegt.  Prostitution und Gewalt gegen Frauen und Kinder sind hier an der Tagesordnung. Die Kinder der Trommel und Tanzgruppe empfangen uns. Manche nutzen die Angebote des Hauses schon seit Jahren. Ihre mit Fell umwickelten Trommeln auf Blecheimerbasis bearbeiten sie mit Konzentration und offensichtlicher Freude. Was ihnen am meisten im Center gefällt? Die gut 20 Kinder und Jugendlichen sind sich einig: ihre Trainer! Die zeigen ihnen nicht nur den Umgang mit den Drums und die richtigen Tanzschritte. Die hören ihnen auch zu! Die  nehmen sich Zeit für ihre Fragen. Und geben ihnen mit Ernährungstipps und Hinweisen zur Gesundheitsfürsorge hilfreiches Wissen für ihr Überleben. „Das sind Lebenstrainer“. Für diese Kinder entscheidende Ankerpersonen, die ihnen Selbstvertrauen und  Perspektive geben. Und herzlichen Dank für das Center an die Kindernothilfe, das singen uns die Mädchen und Jungen vielstimmig zu!

Katrin Weidemann schneidet ein äthiopisches Brot an. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann schneidet ein äthiopisches Brot an.

Im Takt ihrer Trommeln schneide ich ein wagenradgroßes Brot an. Ganz wichtig: in Kreuzform! Wir essen alle davon, Kinder, Mitarbeiter, Gäste, und nicht nur das Brot an diesem Nachmittag macht uns satt.
Die SHG Frauen warten. 16 Frauen, 16 besondere Geschichten. Vor fünf Jahren lebten sie buchstäblich von der Hand in den Mund. Trauten sich kaum, laut darüber nachzudenken, ob sie das könnten: ihr Leben und das ihrer Familie verbessern. So fing es an. Maleda nannten sie ihre Gruppe – Morgendämmerung.

Das Sparheft der Frauengruppe

Das Sparheft der Frauengruppe

Sie lernten das SHG Sparmodell kennen. Centbeträge zurücklegen. Jede Woche. Ins grüne Heft kommen die Cents für Notfälle. Sie dürfen nur bei Krankheit angetastet werden oder wenn der Schulbesuch des Kinds sonst an der fehlenden Schuluniform scheitern würde. Im gelben Heft werden die Spareinlagen für das eigene kleine Geschäft notiert. Für die Wollfäden, die zu Tuch verwebt werden können Für Lehm, aus dem sich Deckel für die traditionellen Fladenöfen töpfern lassen. Es sind kleine Beträge für kleine Geschäftsideen. Sie bewirken bei diesen Frauen Großes. Während sie erzählen, trinke ich den vierten nach traditioneller äthiopischer Zeremonie zubereiteten Kaffee an diesem Tag. Mein Herz klopft deutlich schneller als sonst. Nicht wegen des Kaffees, da bin ich mir sicher. Es ist die pure Freude.

Handarbeit de Frauengruppe

Handarbeit der Frauengruppe

 

„Unsere Schule war wie ein totes Tier“

Drei Glockenschläge, dann eine Pause, und noch einmal holt der schmächtige Junge mit dem Klöppel aus und schlägt an die kleine Glocke. Noch vor einem Jahr stand hier, am Strand von Asgad in der Gemeinde Salcedo, eine eindrucksvolle Kirche. Dann, am frühen Morgen des 8. November 2013, walzte ein gigantischer Wirbelsturm über die Insel Samar und schlug eine Schneise der Verwüstung quer durch die Philippinen. Vor sich her schob er baumhohe Flutwellen, die die Kirche von Asgad in wenigen Augenblicken zur Ruine machten. Noch sind die Toten, die Taifun Haiyan, der hier Yolanda genannt wird, forderte, nicht endgültig gezählt. Es werden zwischen 6.000 und 10.000 sein. Allein hier, im Dorf Asgad und dem Nachbardorf Jagnaya, verloren 21 Menschen in Sturmflut und einstürzenden Gebäuden ihr Leben.

Anstelle der stolzen Kirche dient nun ein niedriger Behelfsbau aus verblichenem Sperrholz als Gottesdienstraum. Vor dem Eingang hängen, mit rostigem Armiereisen befestigt, die beiden kleinen Glocken der alten Kirche. Drinnen stehen die lädierten, notdürftig geflickten Heiligenfiguren. Es ist der 8. November 2014. Die Gemeinde hat sich versammelt, um ein Jahr nach der Katastrophe ihrer Toten zu gedenken und einen Sinn in all dem zu finden.

Bei meiner Fahrt nach Salcedo habe ich noch viele eingestürzte Häuser gesehen, Schulen, deren Dächer mit grauen Plastikplanen notdürftig abgedichtet waren, Zelte, die als Klassenzimmer dienen. Mehrere internationale Organisationen bauen gerade auf den Inseln Leyte und Samar, die von dem Taifun besonders schwer betroffen waren, Behelfshäuser aus Bambusmatten und Wellblech. Wie lang werden diese Hütten dem tropischen Wetter mit seiner schwülen Hitze und den unberechenbaren Stürmen standhalten?

Die zerstörte Grundschule im November 2013. (Quelle: Kidlat de Guia)In Salcedo und den Nachbargemeinden Mercedes und Guiuan ist etwas ganz anders. Zwei Tage zuvor bin ich in der großen Grundschule in Salcedo gewesen, an der 585 Kinder in sechs Klassenstufen und einer Vorschulklasse unterrichtet werden. Im November 2013 hatte ich hier in Ruinen gestanden. Die meisten Dächer waren davongeflogen, die eisernen Dachkonstruktionen hatten sich wie ein Haufen Spaghetti ineinander verdreht. Edgar, ein munterer Sechstklässler, beschreibt seinen Eindruck so: „Als ich das erste Mal nach dem Taifun zurück kam, sah die Schule aus wie ein totes Tier.“

Aber nun herrscht Feststimmung. Die Bühne auf dem Schulhof ist bunt dekoriert, ein Lehrer hält eine Rede, die Kinder führen Tänze auf, ein elfjähriger Junge in glänzendem dunklen Anzug singt herzzerreißend schön. Alle danken sie der Kindernothilfe und unseren Spenderinnen und Spendern für den Wiederaufbau der Schule, und vor allem für das neue, zweistöckige Gebäude mit sechs Klassenzimmern, das auch als Versammlungshalle für die Gemeinde und – noch wichtiger – als Evakuierungszentrum genutzt werden kann. Edgar und seine Klassenkameradin Cylla erinnern sich an die Zeit im Schulzelt. Da war es heiß und stickig, sie konnten sich kaum konzentrieren. Nun, in den neuen und wiederhergestellten Klassenzimmern, ist es viel kühler. Und es gibt ordentliche Toiletten, wie sie betonen. Edgar fügt noch hinzu: „Ich wollte immer auf eine Privatschule gehen, weil die zweistöckige Schulgebäude haben. Nun haben wir in unserer Schule auch so ein Gebäude!“ Der Stolz ist ihm anzusehen.

Der philippinische Präsdient Aquino begrüßt Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn. (Quelle: Kidlat de Guia)Auch in Guiuan, dem Ort, in dem der Taifun zum ersten Mal auf Land traf, und der fast völlig zerstört wurde, hat unsere Partnerorganisation AMURT mit ihrem genialen Organisator Kurt Behringer die East Central Elemetary School für ihre 2.075 Schülerinnen und Schüler wieder aufgebaut. Dazu mussten 16 Klassenzimmer neu gebaut und 25 weitere, sowie zwei Büroräume, repariert und renoviert werden. Nun ist alles fertig und strahlt in frischen Farben. Das ist auch der Regierung nicht entgangen, und so kommt am Morgen vor dem Jahrestag der Katastrophe der philippinische Staatspräsident Benigno S. Aquino zu Besuch. Bei seinem Rundgang durch die Schule habe ich Gelegenheit, ihm die Arbeit der Kindernothilfe zu erläutern. Der Präsident bedankt sich herzlich und lobt bei seiner späteren, von den nationalen Fernsehstationen übertragenen Pressekonferenz die Kindernothilfe für ihre Wiederaufbauarbeit.

Mit den Mitteln der vielen Tausend Spenderinnen und Spender der Kindernothilfe sind in weniger als einem Jahr 23 Kindergärten in der Gemeinde Salcedo neu gebaut oder repariert und renoviert worden. Außerdem sind in den Gemeinden Salcedo, Mercedes und Guiuan insgesamt 228 Klassenzimmer an 23 Schulen neu gebaut oder repariert worden. Wie der wendige Schulrat der Provinz Samar, Bernardo Adina, etwas bedrückt zugeben muss, sind das fast genau doppelt so viele Schulräume wie das Erziehungsministerium in der Provinz bisher neu gebaut hat. Zudem kostet der Neubau eines Klassenzimmers durch AMURT mit Mitteln der Kindernothilfe exakt die Hälfte dessen, was das Erziehungsministerium braucht. Wo genau der Differenzbetrag hingeht, darüber braucht man in den Philippinen nicht lange nachzudenken.

Das Neubaugebiet Jagnaya. (Quelle: Kidlat de Guia)Die Gemeinde Salcedo verfügt seit einigen Wochen auch über eine neue Touristenattraktion. In den Dörfern Jagnaya und Asgad sind mit aktiver Beteiligung der Gemeindeverwaltung unter ihrem tatkräftigen und unbestechlichen Bürgermeister Melchor Melgar zwei Neubaugebiete entstanden. Hier, in sicherer Entfernung vom Meer, aber nur wenige Hundert Meter von den alten Häusern entfernt, die der Taifun mit sich gerissen hatte, sieht man die neuen, sturmfesten und erdbebensicheren Häuser. AMURT hat mit Mitteln der Spenderinnen und Spender der Kindernothilfe 115 Wohnhäuser neu gebaut. Während in vielen anderen Gemeinden noch Behelfshütten entstehen, werden hier in wenigen Wochen alle Familien, die ihr Heim verloren hatten, in die neuen Häuser mit Bad, Toilette, Küche und kleinem Garten eingezogen sein. Außerdem wurden 59 Häuser in den beiden Dörfern repariert.

Ivan, der Sohn einer Familie, die schon in ihr neues Haus eingezogen ist, erinnert sich nicht mehr gern an die Monate im Zelt. Da war es stickig; wirklich dicht hielt die Plane nicht, und bei Sturm hatte er immer Angst, dass auch das Zelt, wie zuvor das Haus, wegfliegt. Nach Taifun Haiyan sind in den Katastrophengebieten der Philippinen insgesamt 452 permanente Häuser neu gebaut worden. Ein Viertel davon durch Kindernothilfe/AMURT.

Bei der Feier zum Jahrestag des Taifuns in der Grundschule in Guiuan singen die Lehrerinnen und Lehrer der Kindernothilfe ein Danklied. Es geht um ihre Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht in den Trümmern, die der Wirbelsturm hinterlassen hatte. Und darum, wie mit der Hilfe der Kindernothilfe auch Hoffnung und Zuversicht bei ihnen wieder eingekehrt sind. Ich sehe die strahlenden Kinder in den hellen neuen Klassenzimmern und weiß: Der neue Anfang, hier ist er gelungen.

Manila, den 10.11.2014
Christoph Dehn

 

Äthiopien: Bilanz der Regionalen Konferenz zum Individualbeschwerdeverfahren

Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe

Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe

Es waren zwei volle Konferenztage. Nach der Eröffnung durch die Organisatoren der Konferenz – Antje Weber (Kindernothilfe) und Flore-Anne Bourgeois-Prieur (Plan International) für die Koalition RatifyOP3 und den Landesdirektoren von Save the Children und Plan International gab Kathryn Leslie vom Büro der UN-Sonderbeauftragten zu Gewalt gegen Kinder einen Überblick über den Inhalt des neuen Individualbeschwerdeverfahrens und seinen Mehrwert für die Verwirklichung von Kinderrechten weltweit. Dr. Benyam Mezmur, äthiopisches Mitglied im UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes, erläuterte zum einem, dieses Verfahren ergänze bestehende Mechanismen auf regionaler und internationaler Ebene sinnvoll. Zum anderen machte er deutlich, dass auch der UN-Ausschuss noch in den Kinderschuhen stecke, was die Durchführung des Verfahrens angeht und das Wohl des Kindes bei der Durchführung an höchste Stelle setzen wird.

Der deutsche Botschafter, Joachim Schmidt, und Marie Delicat von der Botschaft Gabuns gaben anschließend einen hilfreichen Einblick in die Prozesse und Faktoren, die zur Ratifizierung durch ihre Staaten beitrugen. Nach diesen wertvollen Beiträgen machten sich die Teilnehmer/-innen an die Arbeit. In zwei Workshops erarbeiteten sie Strategien, wie sie sich auf nationaler Ebene für die Ratifizierung des Zusatzprotokolls durch ihre Regierungen einsetzen können, welche Schritte dafür geeignet sind und welche Akteure einbezogen werden sollten. „Diese Diskussionen haben uns wirklich die Augen geöffnet. Wir können gemeinsam eine ganze Menge bewegen, und in Ruanda haben wir den Anfang bereits gemacht. Das setzen wir nun mit noch mehr Energie fort“, berichtet Gladys Mihigo von der Kindernothilfe-Partnerorganisation African Evangelistic Enterprise. Sie ist eine von 18 Partnerorganisationen aus sechs Partnerländern der Kindernothilfe, die an der Konferenz teilnahmen.

„Ich bin wirklich begeistert von den vielen intensiven Debatten über die Chancen und Grenzen des Beschwerdeverfahrens“, resümiert Kindernothilfe-Mitarbeiterin Antje Weber, Initiatorin der Konferenz. „Die Teilnehmer sind unglaublich motiviert, und ich bin gespannt, wie die Umsetzung der Länderstrategien weitergeht. Ich bin zuversichtlich, dass Mädchen und Jungen in diesen Ländern die Möglichkeit erhalten werden, das Beschwerdeverfahren zu nutzen.“

Statements der Kindernothilfe-Partner zur Konferenz:

Mercy Chidi, Direktorin von Ripples International (Kenia): „Die Konferenz war sehr informativ und es war fruchtbar, mit den Kollegen aus Kenia gemeinsam die nächsten Schritte zur Realisierung des Individualbeschwerdeverfahrens zu planen.“

Theresa Kabeka, Executive Director, Children in Need Network (Sambia): “Ich habe jetzt ein klares Bild, wie wir für uns die Ratifizierung des Zusatzprotokolls durch unsere Regierung einsetzen können, und wir werden uns stärker vernetzen, um das zu erreichen.“

Peter Njuguna, Direktor, St. Johns Community Centre (Kenia): “Vor der Konferenz kannte ich das neue Individualbeschwerdeverfahren nicht. Ich habe nun einen sehr guten Überblick und möchte mich stärker dafür einsetzen, dass es für Kinder in Kenia Wirklichkeit wird.“

Anslem Wandega, Executive Director, African Network for the Prevention and Protection against Child Abuse and Neglect (ANPPCAN) (Uganda): “Die Konferenz hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Ich habe viel über das neue Beschwerdeverfahren gelernt und werde mich für die Ratifizierung durch unsere Regierung einsetzen.“

Robina Ssentongo, Direktorin, Kitovu Mobile Aids Organization (Uganda): “Wir haben sehr gute Informationen aus erster Hand erhalten. Die Beispiele aus Deutschland und Slowenien waren sehr motivierend.“

Ruth Namwese, Masulita CDP (Uganda): „Das Individualbeschwerdeverfahren hat viel Potenzial und birgt die Chance, Kindern auf internationaler Ebene Gerechtigkeit zu ermöglichen. Ich werde diese neue Wissen mit meinen Kollegen teilen und mich für die Realisierung einsetzen.“

Gladys Mihigo, African Evangelistic Enterprise (Ruanda): “In Ruanda setzen wir uns bereits sehr stark für die Ratifizierung des Individualbeschwerdeverfahrens ein. Ich nehme viele neue Ideen und Inspirationen mit, wie wir noch besser und erfolgreicher werden können und freue mich darauf, sie umzusetzen.“

Chantal Ingabire, Acting Field Office Director, International Justice Mission (Ruanda): “Ich gehe mit der Botschaft nach Hause, dass wir uns in Ruanda noch starker für die Realisierung des neuen Beschwerdeverfahrens einsetzen können und werde meinen Teil dazu beitragen.”

Access to Justice for Children in Africa

Konferenz zum Individualbeschwerdeverfahren in Äthiopien

Antje Weber (links) bei der Konferenz in Addis

Antje Weber (links) bei der Konferenz in Addis

Rund 100 Teilnehmer aus 12 Ländern des südlichen und östlichen Afrikas haben heute in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, gemeinsam den Startschuss für eine regionale Konferenz zum Individualbeschwerdeverfahren zur UN-Kinderrechtskonvention gegeben. Darunter sind auch 19 Partner der Kindernothilfe aus 6 Ländern.

Das Individualbeschwerdeverfahren trat am 14. April 2014 in Kraft. Es gibt Mädchen und Jungen weltweit die Möglichkeit, sich bei einer Verletzung ihrer Rechte vor dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes in Genf zu beschwere. Dafür müssen „ihre“ Staaten das entsprechende Zusatzprotokoll jedoch ratifizieren. 14 Länder haben sich weltweit bisher zu diesem Schritt entschlossen, viele weitere sollen folgen.

Doch wie läuft das Verfahren genau ab? In welchem Verhältnis steht es zu den bestehenden Verfahren auf nationaler und regionaler Ebene in Afrika? Und welche Erfahrungen machen die Länder, die bereits ratifiziert haben und das Verfahren nun national umsetzen? All diese Fragen diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft am 5. und 6. November in Addis Abeba. Eingeladen hat die International Koalition RatifyOP3 – ein Zusammenschluss aus über 80 Nichtregierungsorganisationen weltweit, die sich für die Ratifizierung des Verfahrens einsetzen. Die Konferenz wird freundlicherweise finanziert vom Auswärtigen Amt.

Ein Individualbeschwerdeverfahren für Kinder – was soll das sein?

Der Begriff „Individualbeschwerdeverfahren“ klingt auf den ersten Blick sperrig. Was soll das sein? So sachlich es auch klingen mag, allein in dem Wort steckt viel drin. Seit dem 14. April 2014 ist ein solches Verfahren ergänzend zur UN-Kinderrechtskonvention in Kraft getreten und ermöglicht Kindern einen Beschwerdeweg vor einem internationalen Gremium. Wie soll das genau laufen?

Minderjährig sind nach der UN-Kinderrechtskonvention alle Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Sie dürfen sich künftig beschweren, wenn ihnen Unrecht angetan wurde. Dieser so lapidar klingende Satz birgt viel Tiefgang, wurden Kinder doch lange Zeit als „kleine Erwachsene“ und Objekte von Schutz und Fürsorge ihrer Eltern angesehen. Mit der UN-Kinderrechtskonvention trat hier ein Wandel ein, denn erstmals wurden die Rechte der Kinder 1989 verbindlich festgeschrieben. Seither liegt es nicht im Ermessen der Staaten, wie sie mit den Mädchen und Jungen auf ihrem Territorium umgehen, sondern sie können selbst ihre Rechte einfordern, wenn sie durch Handeln oder Unterlassen des Staates verletzt wurden. Das neue Individualbeschwerdeverfahren bekräftigt die eigenständige Persönlichkeit der Kinder somit, denn sie können nun ganz eigenmächtig vor ein internationales Expertengremium, den UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes in Genf, treten und ihr Anliegen darlegen. Das stärkt ihre Eigenständigkeit und verwirklicht ihr Recht, an allen Dingen beteiligt und gehört zu werden, die sie betreffen.

Im Entstehungsprozess dieses Verfahrens wurde auch ein „Kollektivbeschwerdeverfahren“ diskutiert. Das hätte Kindern die Möglichkeit einer Sammelklage gegeben, die auch anonym stattfinden darf. Die internationale Staatengemeinschaft konnte sich zu diesem weiterreichenden Schritt aber nicht durchringen,und so blieb es bei der Möglichkeit, individuell unter Nennung des eigenen Namens gegen einen Staat Beschwerde einzulegen. Der zuständige Ausschuss prüft den Fall und spricht Empfehlungen an den Staat aus. In besonders schweren Fällen kann der Ausschuss auch eine tiefergehende Prüfung im Land selber vornehmen. Für die Verwirklichung der Kinderrechte weltweit ist dies ein Meilenstein.

Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe, zurzeit Addis Abeba