Artikel vom Oktober 2014

„Eine eigene Schule ist das Beste, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben können“

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit Haiti

Duisburg/Daveau – Haiti (11.10.2014) Das Ziel ist nicht zu verfehlen: Die leuchtendblau gestrichene neue Schule von Daveau auf dem Sattel zwischen zwei Bergkämmen sieht man bereits aus mehreren Kilometern Entfernung. Trotzdem sind es gerade die letzten 250 Höhenmeter beim Aufstieg über einen steilen, unangenehm steinigen Pfad, die noch einmal alle Kraft und Konzentration verlangen. Zum größten Ereignis in der Geschichte der kleinen Bauerngemeinde von Daveau kamen dennoch alle Nachbarn und auch Gäste aus den anderen Dörfern dieser kargen Gebirgslandschaft im Süden der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. „Kinder, nutzt diese Schule aus“, rief Christoph Dehn, der Programm- und Projektvorstand der Kindernothilfe, der zur Schuleinweihung nach Daveau aufgestiegen war, den 125 Mädchen und Jungen aus den sechs Klassen zu, „sie wird euch eine gute Grundlage für alles, was ihr aus eurem Leben macht, geben.“

Genauso sahen das auch die Eltern, als sie vor über zwölf Jahren ein Komitee gründeten und nach Unterstüt- zungspartnern für ihren Plan suchten, in Daveau eine Schule zu errichten. Jolice Cicero, der Elternbeirats-vorsitzende, erinnerte an diese Zeit, als die Mädchen und Jungen um fünf Uhr aufbrechen mussten, um über fünf Kilometer zur nächsten Schule zu laufen und abends völlig erschöpft erst nach 17 Uhr wieder nach Hause zurückkehrten. Mehrere Kinder aus Daveau kostete damals dieser extrem gefährliche Schulweg das Leben, als sie in der Regenzeit bei dem Versuch, den Momance-Fluß zu durchqueren, von den Wassermassen mitgerissen wurden. 2006 errichtete die Gemeinde ein erstes provisorisches Schulgebäude aus Holz mit einem Wellblechdach. Die Kindernothilfe finanzierte das Gehalt der Lehrer und die Baumaterialien. Als bei dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 diese Holzkonstruktion einstürzte, konnte der Unterricht nur noch unter Zeltplanen und im Schatten von Bäumen stattfinden. Und während der Regenzeit war es praktisch überhaupt nicht möglich, mit den Kindern zu arbeiten.

„Wieder haben wir die Kindernothilfe gefragt, ob sie uns helfen könnte“, berichtet Monsieur Cicero vom Elternkomitee. Bereits wenige Wochen nach dem Erdbeben reifte der Plan, mit Unterstützung der Eltern all die kleinen Bergschulen, die ähnlich wie in Daveau zerstört wurden, nach und nach wieder auf zu bauen. Im Betriebsrat von ThyssenKrupp, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort sowie bei der Geschäftsleitung fand die Kindernothilfe einen solidarischen und engagierten Partner, um dieses logistisch aufwändigste und komplizierteste Projekt in der 55-jährigen Kindernothilfe-Geschichte anzugehen.  Bereits Ende 2010 war mit Coupeau die Pilotschule wieder aufgebaut.  Danach folgten Bois Matin, Dicou, Volant und jetzt Daveau. Das Arbeitsprinzip war bei allen Schulen immer das Gleiche: Die Kindernothilfe finanzierte die Baumaterialien und den Lohn des Baumeisters und seiner Poliere sowie einen Teil der Kosten für den Materialtransport. Die Menschen in den Dörfern steuerten das Gelände für die Schule und ihre Arbeitskraft bei, um die neuen Schulgebäude zu errichten.

Anderthalb Jahre dauerten die Bauarbeiten in Daveau. Jeder Zementsack, das gesamte Baumaterial, die Dachplatten – und am Ende auch die Tafeln und Schulbänke – hatten auf dem Rücken von Eseln und Maultieren und auf den Schultern und Köpfen der mitarbeitenden Eltern über zwei Bergrücken hinweg und durch zwei Flüsse hindurch nach Daveau transportiert werden müssen. Jedes Kind, das vom Tal hinauf zum Unterricht unter den Zeltplanen kam, brachte jeden Tag rund acht Liter Wasser mit, um den Zement für die Fundamente anrühren zu können. Engagiert legten aber auch Nachbarn aus den Gemeinden, deren Schulen bereits zu Ende gebaut worden waren – und diejenigen aus Bouvier, wo derzeit noch gearbeitet wird, immer wieder mit Hand an. Combit nennt man in Haiti dieses eindrucksvolle System von Hilfe auf Gegenseitigkeit.

Errichtet wurde die neue Schule von Daveau in einer Kombination aus soliden Fundamenten, einer Fachwerkkonstruktion mit Holzwänden und einer Wellblechverschalung zum Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Liebevoll hatten die Handwerker traditionelle haitianisch-kreolische Bauelemente, wie die geschwungenen Holzverzierungen an den Dächern, eingebaut. Neben den vier Klassenzimmern gibt es einen Schlafraum für die vier Lehrer, die die Woche über in Daveau unterrichten, einen kleinen Raum für die Schulleitung sowie Sanitäranlagen für Kinder und Lehrer. Teil des Projektes ist – wie in allen Bergschulen – aber auch ein Schulgarten, den Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam bestellen.

Eingeweiht wurde die Schule von Daveau mit einem feierlichen Gottesdienst, vielen Liedern, der von den Kindern inbrünstig vorgetragenen haitianischen Nationalhymne und einem ganztägigen Fest, das die 125 Kinder aus den sechs Klassenstufen, Eltern und Lehrer gemeinsam vorbereitet hatten. Christoph Dehn berichtete in seiner Einweihungsrede von den 50.000 Großplakaten, auf denen auch Kinder aus Haiti zu sehen sind, mit denen die Kindernothilfe in Deutschland auf Straßen und Plätzen mit dem Satz „Bildung ändert alles“ für das Menschenrecht auf Bildung wirbt. „Dass es,“ so Dehn, „diese Schule an diesem Ort gibt, zeigt, wie wichtig uns dieses Anliegen ist.“

Jetzt liegt vor dem Team von Wilner Jean-Baptiste, dem Baumeister im Kindernothilfe-Haiti-Büro in Port-au-Prince, gleich die nächste Herausforderung: gemeinsam mit den Eltern auch noch vollends die Schule von Bouvier wieder aufzubauen. Waren es in Daveau vier bis fünf Stunden, die man für den steilen Aufstieg benötigt, sind es in Bouvier volle zehn Stunden. Anfang 2015 soll dann auch diese Aufgabe abgeschlossen sein. Damit verfügen fast 500 Mädchen und Jungen aus sechs Bergdörfern wieder über eine eigene, ordentlich ausgestattete Schule: „Darauf sind wir unendlich stolz, das ist das Beste, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben können“, sagt Monsieur Cicero vom Elternkomitee aus Daveau zum Abschied.