Artikel vom April 2014

Feuersbrunst in Valparaiso macht 10.000 Menschen obdachlos

Escuela de Arquitectura Universidad de Valparaíso

Escuela de Arquitectura Universidad de Valparaíso

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik 

Die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Valparaiso wurde an diesem Wochenende von einem der verheerendsten Großbrände in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas heimgesucht: 15 Menschen starben, Hunderte erlitten Rauchvergiftungen, über 2.500 Häuser wurden ein Raub der Flammen – und mehr als 11.000 Bewohner mussten vor dem Feuer fliehen oder evakuiert werden. In den von dem Großbrand verschonten Bereichen der Hafenstadt am Pazifik versuchen die Behörden seit Samstagnacht, Notaufnahmezentren zu improvisieren. Der chilenische Kindernothilfe-Partner ANIDE arbeitet intensiv daran, für die traumatisierten Kinder in den Notunterkünften und den an die zerstörten Viertel angrenzenden Bereiche ein Betreuungsprogramm zu organisieren.Gegenüber der Flammenmauer, die sich – von Pazifikwinden verstärkt – seit Samstagnachmittag in rasender Geschwindigkeit über acht dichtbesiedelte Hügel ausbreitete, waren Feuerwehr und Einsatzkräfte zunächst scheinbar machtlos. Die nationale Katastrophenschutzbehörden Chiles mobilisierte 24 Löschflugzeuge und Hubschrauber aus dem gesamten Land, um die Feuersbrunst zu stoppen. Am Sonntag, dem zweiten Tag der Katastrophe, kämpften bis zu 1.250 Feuerwehrleute  und mehr als 2.000 Polizisten und Soldaten darum, Anwohner zu evakuieren und die Brandherde einzudämmen. Aber auch 48 Stunden nach dem Ausbrechen des Großbrandes entfacht der Wind immer wieder neue Feuernester. Der Direktor der nationalen Natur- und Brandschutzbehörde, CONAF, Aarón Cavieres, erklärte am Dienstagvormittag: „Wir haben das Feuer auf den Hügeln von Valparaiso immer noch nicht unter Kontrolle“.

Das Ausmaß der Feuersbrunst war, wie chilenische Medien berichten, sogar aus dem All zu erkennen. Insgesamt wurden bislang Stadtviertel mit einer Ausdehnung von 1.145 Hektar vernichtet – also dem Sechsfachen der Fläche des Fürstentum Monaco – zum erheblichen Teil mit Siedlungen aus kleinen Holzhäusern, die die Anwohner die steilen Hügeln hinauf errichtet hatten, zum Teil aber auch Bereiche mit einer konsolidierten Baustruktur. Ebenfalls den Flammen zum Opfer fiel ein modernes, erst vor wenigen Jahren eingeweihtes Gesundheitszentrum, eine Polizeiwache – aber auch Schulgebäude und weitere kommunale Infrastruktur.

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet, die bereits am Sonntag mit mehreren Ministern nach Valparaiso reiste, sprach von der vermutlich verheerendsten Katastrophe, die die Hafenstadt am Pazifik in ihrer 470-jährigen Geschichte je erlitten hat. In insgesamt acht Auffangzentren und Notunterkünften werden seit Samstagnacht diejenigen Obdachlos-Gewordenen betreut, die nicht bei Verwandten oder Freunden unterkommen konnten – oder in den Krankenhäusern der Region weiter mit Rauchvergiftungen und Brandverletzungen behandelt werden müssen.

Sozialarbeiterin Silvia Vallejo aus Valparaiso schreibt am Montagabend  in einer Notiz an die Kindernothilfe: „Alles hier ist Desaster, Asche, Verzweiflung, Rauch. Einfach entsetzlich. Das Feuer machte keinen Unterschied zwischen alten und neuen Häusern, zwischen solchen, die aus solidem Material und solchen, die aus Brettern und Holzresten gebaut wurden, so wie eben Valparaiso ist, wo Reiche und Arme in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenleben. Hier organisieren sich die Menschen, um nach und nach ein Haus zu bauen. Sie verschulden sich. Die staatlichen Hilfen decken nur einen kleinen Teil der Baukosten ab. Und jetzt haben sie alles – außer ihren Hypothekenschulden – verloren. Tausende Familien in dieser Stadt stehen vor dem Nichts.“ Sie schildert das Schicksal ihrer Berufskollegin Paulina , die jetzt mit ihren Kindern ihr Haus zum zweiten Mal verlor, nachdem sie es nach dem Erdbeben von 2010 mühsam wiederaufgebaut hatte: „Paulina ist nicht einmal der Schlüssel ihres Hauses geblieben. Auf dem Cerro La Cruz hat kein einziges Gebäude das Feuer überstanden.“

Escuela de Arquitectura Universidad de Valparaíso

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Was genau die Ursache dieser Katastrophe war, ist noch nicht bekannt. Chilenische Medien berichteten am Montag unter Berufung auf die Feuerwehr, dass der Brandherd vermutlich auf einer Müllhalde im Nordosten der Stadt liegt – und sich von dort aus das Feuer angesichts der wochenlangen Trockenheit mit rasender Geschwindigkeit verbreiten konnte. Immer wieder waren die Behörden in den vergangenen Jahren von Fachleuten gewarnt worden, dass die unzureichende Infrastruktur der Viertel auf den Hügeln, die fehlende Stadtplanung und Steuerung der Bebauung zu einer tödlichen Gefahr für die Bewohner werden könnte. Aber auch die vielfach sehr prekäre Ausstattung der freiwilligen Feuerwehr in Chile, wo Feuerwehrleute regelmäßig mit Sammelbüchsen auf den Straßen unterwegs sind, um Spenden für die eigene Ausrüstung zu erbitten, wird in den Medien des Andenlandes seit Sonntag immer wieder als krisenverschärfendes Element benannt.

Von der Kindernothilfe in Chile geförderte Projekte sind durch die Feuersbrunst nicht betroffen. Geographisch am nächsten – in acht Kilometern Entfernung zum Brandherd – liegt die alternative Musikschule „Escuela Popular de Artes“ (Projekt 92003) auf den Hügeln von Achupallas in der Nachbarstadt Viña del Mar. Eine Gefahr für dieses Zentrum besteht jedoch nicht. Seit den frühen Morgenstunden des Montags arbeitet das Team des Kindernothilfe-Partners Fundación AN DE  intensiv daran, mit einer der Organisationen, die bereits nach der Erdbebenkatastrophe vom 27. Februar 2010 gemeinsam mit den von der Kindernothilfe unterstützten Projektträgern in der Region um Concepción engagierte psychosoziale Trauma- und Stabilisierungs-Arbeit mit Kindern geleistet hatte, jetzt ein Soforthilfe-Programm für die Mädchen und Jungen in den Notaufnahmequartieren in Valparaiso auf die Beine zu stellen. „Wir haben“, erklärt José Horacio Wood, der Leiter von ANIDE, am Montagabend am Telefon, „damals nach dem Erdbeben gelernt, uns auf die psycho-pädagogische Arbeit mit den Kindern, die diese Katastrophe überlebt haben, zu konzentrieren. Darin sehen wir auch jetzt in Valparaiso wieder unsere wichtigste Aufgabe.“

Spendenkonto:
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank
IBAN: DE92 3506 0190 0000 4545 40
BIC: GENODED1DKD
Konto: 45 45 40, BLZ 350 601 90
Zweck: Z 7217 Großfeuer Chile

Philippinen: Erfolgreiche Selbsthilfegruppen

Von Ute Rabenau, Referat Asien und Osteuropa

„Mein persönliches Ziel war, einen Kiosk zu eröffnen und dadurch mein Einkommen zu erhöhen. Das habe ich jetzt geschafft.“ Stolz erzählt Tina (Name geändert), Mitglied einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen, was sie durch die Gruppe erreicht hat.

Die Selbsthilfegruppe „Vanda“ hatte sich ein gemeinsames Ziel gesteckt – alle kranken Kinder in ihrem Dorf sollten medizinisch gut versorgt sein. Das Ziel ist erreicht – die Familien im Dorf werden jetzt regelmäßig von Gesundheitshelferinnen besucht und die Kinder können in einem nahe gelegenen Gesundheitszentrum untersucht und behandelt werden.

Wie man sich realistische Ziele setzt, was man tun muss, um sie zu erreichen, und wie man überprüfen kann, wo man auf dem Weg zu seinem Ziel steht, das haben viele Frauen in Selbsthilfegruppen in Asien im letzten Jahr gelernt und setzen es nun erfolgreich um.

Viele solcher positiven Erfahrungen mit den Selbsthilfegruppen in ihren Ländern konnten die Selbsthilfe-Koordinatorinnen der Kindernothilfe aus sechs asiatischen Ländern bei einem Workshop vom 25.Februar bis 4. März auf den Philippinen berichten. An dem Treffen nahmen auch einige Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle in Deutschland teil.

Neben dem Austausch und dem gemeinsamen Lernen beim Besuch von Selbsthilfegruppen ging es auch darum, wie man die bisherigen Erfahrungen mit den Selbsthilfegruppen noch besser auswerten und für andere nutzbar machen und wie man die Arbeit weiterentwickeln kann.

Mit guten Ergebnissen und neuer Motivation ausgestattet für die Weiterarbeit in ihren Ländern fuhren die Kolleginnen und Kollegen wieder zurück.