Artikel vom März 2014

Vor einem halben Jahrhundert begannen Brasiliens 21 bleierne Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Schübelin, Leiter unseres Referates für Lateinamerika und die Karibik, erinnert an die Opfer der Militärdiktatur in Brasilien, die vor 50 Jahren mit einem Putsch begonnen hatte.

Vor 50 Jahren, am 31. März 1964, riss eine Gruppe brasilianischer Generäle durch einem Putsch gegen Präsident João Goulart die Macht an sich, um sie über zwei Jahrzehnte lang, bis 1985, nicht mehr aus der Hand zu geben. Hunderttausende litten unter der blutigen Repression, mit der das Militärregime das Land überzog. Allein während der ersten zwölf Monate nach dem Staatsstreich wurden 50.000 Menschen verhaftet, Tausende gefoltert – und Hunderte ermordet.

Der von dem Heeresgeneral Olympio Mourão Filho im brasilianischen Herbst 1964 angezettelte Putsch gegen Präsident Goulart und gegen seine Pläne für eine Agrarreform sowie für ein demokratischeres Wahlrechts bildete den Auftakt für die Machtübernahme der Militärs in fast allen lateinamerikanischen Staaten und der Beginn der dunklen Jahrzehnte des kontinentalen Staatsterrorismus mit Hunderttausenden von Opfern. In Brasilien installierte das Regime der Generäle einen effizienten Unterdrückungsapparat, der als Erstes Wahlen und politische Parteien verbot – und dann die Jagd auf diejenigen eröffnete, die als Regimegegner eingestuft wurden: Oppositionspolitiker, Gewerkschafter, Menschen aus sozialen Organisationen – und engagierte Christen aus der brasilianischen Basisgemeinden-Bewegung, die sich mit der Theologie der Befreiung identifizierten.

Für all diese Gewalt gegen das eigene Volk gab es ein starkes Motiv. Eduardo Galeano, der uruguayische Journalist und unbeugsame Chronist der Abhängigkeits- und Unterdrückungsgeschichte Lateinamerikas, formuliert es so: „Es ging darum, die sozialen Reformen, die von der demokratisch gewählten Regierung von João Goulart gerade durchgeführt wurden – um das ungerechteste Land der Welt etwas gerechter zu machen – ein für alle Mal zu beenden und zu begraben.“

Zu den bekanntesten Opfern der Repression gehörte der Dominikaner-Priester Frei Betto. In ihm sahen die Militärs einen gefährlichen Terroristen, weil er – zusammen mit weiteren Dominikaner-Padres – und -Schwestern – sowie Angehörigen anderer Ordensgemeinschaften – Verfolgten, deren Leben bedroht war, half, über die Grenze nach Uruguay oder Argentinien zu fliehen. Verhaftete Geistliche und Ordensangehörige wurden sadistisch gefoltert. Frei Betto selbst bezahlte sein Engagement mit über vier Jahren Kerkerhaft. Auch die heutige Staatspräsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, geriet als junge Frau in die Fänge der Geheimpolizei und ihrer Terrorbrigaden, wurde entführt, gefoltert und wegen ihres politischen Engagements jahrelang inhaftiert.

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf (ÖRK) richtete als Antwort auf die Praktiken des Militärregimes ein Dokumentationszentrum ein, in dem bereits sehr früh Belege und Aussagen über Menschenrechtsverbrechen in Brasilien gesammelt wurden. Die ÖRK-Dokumente belegen, dass in dem Land zeitweise bis zu 242 Folterzentren betrieben wurden. Ähnlich wie wenige Jahre später in den Nachbarländern Uruguay, Chile und Argentinien wurde Folter von den Militärs als Terrorinstrument und Strategie zur massiven Einschüchterung der gesamten Bevölkerung eingesetzt. Eine der in den ÖRK-Papieren dokumentierte Methoden bestand darin, Regimegegner in Gegenwart ihrer Ehepartner, teilweise sogar ihrer Kinder, zu foltern und – 20 Jahre vor Srebrenica und den Verbrechen der Balkankriege –  die systematische Vergewaltigung von weiblichen Gefangenen ebenfalls als bewusste Terror-Technik einzusetzen.

1971 rang sich endlich auch die UN-Vollversammlung zu einer Menschenrechts-Resolution gegen die brasilianischen Militärherrscher durch, die sich unter dem Schutz der USA, aber auch dem ihrer Verbündeten in vielen europäischen Regierungen und zahlreichen internationalen Konzernen – darunter Volkswagen und  Mercedes-Benz – unantastbar fühlten. Solidarität und Engagement mit und für die Verfolgten und die Opfer der dramatischen Verarmung im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftspolitik des Regimes gab es vor allem aus den Kirchen und der internationalen Zivilgesellschaft: So begann etwa Kindernothilfe ab 1971 in Kooperation mit ihrem damaligen Partner diacononia, einem ökumenischen Zusammenschluss von sozial engagierten Kirchen, Kindertagesstätten-Programmen vor allem in den Favelas urbaner Ballungszentren – aber auch in verarmten ländlichen Regionen – aufbauen zu helfen. Innerhalb weniger Jahre entstand ein Netzwerk von Projekten, die der wachsenden Verelendung und der prekären Ernährungs- und Gesundheitssituation von Kindern durch eine engagierte Sozialarbeit entgegentreten wollten – aber auch die Funktion hatten, dort, wo andere Organisationsstrukturen verboten waren, einen gewissen Schutz für nachbarschaftliches Engagement zu bieten.Nach Schätzungen der brasilianischen Bischofskonferenz starben während der Zeit des Militärregimes im Nordosten des Landes im Gefolge einer Dürreperiode zehn Millionen Kinder an Hunger, Durst und Mangelkrankheiten. Als 1985 die Generäle endlich abtraten und eine Phase des demokratischen Übergangs möglich wurde, fiel die soziale Bilanz dieser bleiernen 21 Jahre – und der Gleichgültigkeit des Regimes gegenüber sozialen Problemen –  katastrophal aus: Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzte 1985, dass zwei Drittel der brasilianischen Bevölkerung unterernährt sind – und die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kindes aus einer Favela auf 46 Jahre abgesunken war. Nach einer Untersuchung der Universität Campinas verfügten zu diesem Zeitpunkt 45 Prozent aller Haushalte über keinerlei ersichtliche Einkommensquellen. Die Armen standen in einem tagtäglichen Überlebenskampf, den sie oft genug verloren.

Es kostete Jahrzehnte, um die Armut zurückzudrängen und das System der Korruption, das für das Finanzgebaren des Militärregimes so charakteristisch war, zu bekämpfen. Vieles ist seit 1985 erreicht worden. Unbestreitbar und augenfällig ist Brasilien heute ein anderes Land. Aber im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Gesellschaften, die sich viel früher und sehr viel engagierter um die Aufklärung und Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen während der Diktaturjahre bemühten, gelang es erst 2012, auch in Brasilien eine Wahrheitskommission zu konstituieren, die die Menschenrechtsverletzungen zwischen 1964 und 1985 untersuchen soll. Anders als in Argentinien, Uruguay oder Chile, wo in Morde und andere Verbrechen verwickelte Offiziere und Folterer zu teilweise langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, gewährt in Brasilien ein 1979 von den Militärs selbst verabschiedetes Amnestiegesetz den Tätern von damals lebenslange Straffreiheit. Alle Versuche der überlebenden Opfer, daran etwas zu ändern, sind bislang gescheitert.