Artikel vom November 2013

Philippinen: Wie geht’s denn jetzt weiter?

Die Menschen haben Heiligenfiguren geborgen und mitten in den Trümmern aufgestellt. Fotos: Kidlat de Guia

Das Ziel unserer Reise war es, die Orte zu identifizieren, die besonders schwer getroffen und von Hilfsmaßnahmen bislang nicht erreicht wurden. Unsere vorabbestehende Vermutung, dass Panay und Ost-Samar besonders hart getroffen wurden, hat sich bestätigt. Darüber hinaus sind wir in diesen Regionen auf viele Dörfer gestoßen, in denen bislang zwar notdürftig und oft unregelmäßig Hilfsgüter ankommen, jedoch keinerlei Hilfsorganisationen präsent sind. Das wird sich jetzt ändern, denn wir starten hier unsere Hilfe.

Arbeiten ohne Strom, Benzin, Handynetz
Doch wie läuft das genau ab? In Salcedo im Osten Samars werden wir gemeinsam mit unserer Partnerorganisation AMURT die Projekte beginnen. Oft haben wir schon erfolgreich kooperiert, so zum Beispiel in Myanmar und Haiti oder aktuell auch im Libanon. Kurt Behringer und Sylvia Kabanban von AMURT sind mit uns letzte Woche nach Ost-Samar geflogen und direkt dort geblieben. Sie haben sich ein kleines, halbwegs intaktes Zimmer angemietet, das nun als Büro fungieren wird. Der Raum ist winzig und dunkel, aber funktional und leider die Heimat vieler hungriger Mücken. Es herrschen erschwerte Arbeitsbedingungen. Strom gibt es nicht, Benzin und Mietautos ebenfalls nicht. Lebensmittel sind eingeschränkt verfügbar. So gibt es Reis und Nudeln, Gemüse und Obst bekommt man jedoch kaum. Auch das Handynetz wird noch etwa 2 Monate auf sich warten lassen, so dass sie zunächst mit dem Satellitentelefon kommunizieren. Das Büro dient zeitgleich auch als Unterkunft, denn intakte Räume sind rar, an Mietwohnungen gar nicht zu denken. So werden Isomatte und Schlafsack für die kommenden Wochen herhalten.

Am Montag startet die Trauma-Arbeit mit den Kindern
Im Landkreis Salcedo beginnen wir mit dem Wiederaufbau von 10 Kindertagesstätten und psychosozialer Betreuung für die Kinder. Später sollen auch der Wiederaufbau und die Reparatur von Schulen und Wohnhäusern sowie die Unterstützung der Fischer mit Booten hinzukommen. Daher stellen Kurt Behringer und Sylvia Kabanban in den nächsten Tagen als erstes Personal an. Eine Psychologin ist bereits gefunden, und am Montag fängt die psychologische Aufarbeitung der schlimmen Erlebnisse mit den Kindern am Zentralkindergarten in Salcedo an. Auch zwei Baufachleute gibt es bereits, die nun Pläne für Reparatur und Wiederaufbau der Kindertagesstätten erstellen werden. Ganz praktische Probleme treten hier trotzdem auf: Wie kommen die Psychologen beispielsweise zu den Therapieorten, wenn es weder Benzin noch Mietautos gibt? Kurt Behringer wird hier kleine Motorräder anschaffen oder mieten und regelmäßig Benzin aus Tacloban anfordern müssen. 400 Liter Diesel sind bereits von AMURT aus Cebu eingetroffen. Auch die Architekten stellt all das vor Herausforderungen – die Pläne für Neubau und Reparatur werden zunächst per Hand angefertigt. Im nächsten Schritt bedarf die Beschaffung von Baumaterialien sorgfältiger Planung. Da viele Gegenden in Samar zerstört sind, ist die Nachfrage groß und der Transport über zerstörte Straßen langwierig. Den National Highway zwischen Borongan und Salcedo kann man beispielsweise nur noch schwer als solchen erkennen.

Die Bevölkerung packt mit an
Doch egal, welche Probleme in den nächsten Tagen auch auftreten werden – Kurt Behringer und Sylvia Kabanban sind nicht allein. Die Bevölkerung des Landkreises Salcedo hat uns bereits bei unserem Besuch in der letzten Woche herzlich willkommen geheißen und packt schon aus eigenem Antrieb emsig mit an. Der Bürgermeister, Melchior Mergal, ist bestens organisiert und wird den Projektstart nach Kräften unterstützen. Auch unsere Kollegen in der Geschäftsstelle der Kindernothilfe in Duisburg tragen jeden Tag mit großem Engagement dazu bei, die Arbeit vor Ort zu erleichtern und die notwendige Administration zu regeln. All das, damit die Kinder von Salcedo bald wieder zuversichtlich nach vorne schauen können.

Überall in den Katastrophengebieten suchen Kinder ihre Kuscheltiere aus den Trümmern, die dann gewaschen und aufgehängt werden.

Philippinen: Kinder im Chaos

Die philippinischen Kinder reagieren unterschiedlich auf die Katastrophe, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Kinder leiden unter Katastrophen immer am schlimmsten. Die mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln schwächt den im Wachstum begriffenen Körper und hemmt die Entwicklung. Sie führt dazu, dass Kinder anfälliger für Krankheiten werden. Besonders schlimm ist unreines Trinkwasser, es führt zu Durchfall, Infektionen und kann langfristige Schäden hervorrufen. Vielfach ist hochkalorische Spezialnahrung gerade zu Beginn notwendig, um den Kindern die notwendigen Nährstoffe zuzuführen. Auch psychologisch ist die Situation für Kinder extrem belastend. Ihr gewohntes Umfeld ist zerstört, viele haben Familienmitglieder verloren und schreckliche Bilder vor Augen. Manche Kinder landen ohne Begleitung auf der Straße und sind schutzlos Gewalt und Missbrauch ausgeliefert.

All das trifft auch auf die Situation im Osten Samars zu. Hier sieht man viele Kinder in den zerstörten Dörfern zwischen den abgeknickten Palmen, die seit der Katastrophe dieselben Klamotten tragen, sich aufgrund des fehlenden Wasserzugangs nicht ausreichend waschen können und schlimmstenfalls das dreckige Wasser trinken. Spricht man sie an, reagieren die Mädchen und Jungen ganz unterschiedlich. Manche sind völlig offen, teilen gerne ihre Erlebnisse und sind neugierig, woher der Besuch stammt. Sie fragen mich, wie lange man von Deutschland aus reist, bis man ihren Heimatort erreicht und starren mich ungläubig an, wenn ich Ihnen die Distanz erkläre. Vor der Kamera scheint jedes Kind aufzublühen, posiert in der Gruppe oder reckt zwinkernd die Finger zum Victory-Zeichen in die Höhe. Manche Kinder stehen mit wackligen Beinen auf den Bretterbergen, die vormals ihr Zuhause waren, und lassen mit verschmitztem Gesicht aus Müll gebastelte Drachen steigen.

Gistang hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert.

Der 14-jährige Gistang nutzt die Zeit des Aufräumens und Wiederaufbaus lieber für seine Erfindungen. Er hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert und zeigt den anderen Kindern stolz, wie er sich beim Fahren im Wind dreht. Die zwölfjährige Klarita in Salcedo stapft fröhlich summend durch die Trümmer ihrer Schule und erklärt mir ohne Zögern, dass sie mit ihrer Familie während des Taifuns gebetet hat und deshalb niemand verletzt wurde. Immer, wenn sie Überbleibsel ihrer Schulzeit unter den Resten ihrer Schule findet, ruft sie aufgeregt ihre Mitschüler herbei und zeigt ihre Funde.

Andere Kinder wirken verschlossen, den Tränen nahe und ziehen sich bei Besuch zurück. Jedes Kind ist anders und geht entsprechend auch anders mit der Katastrophe um. Die siebenjährige Shila in Garawon bringt kein Wort heraus und wirkt den Tränen nahe. Kein Wunder, sie wurde drei Stunden unter dem Schlamm verschüttet und durch Zufall von ihrem Vater entdeckt und gerettet. Die vierjährige Audrey mag gar nicht reden, scheint aber doch interessiert an mir zu sein. Statt hektisch nach meinen Händen zu greifen oder meine blonden Haare zu berühren, wie viele Kinder es machen, läuft sie mir einfach stumm hinterher, während ich durch ihr Dorf Asgad gehe, und drückt mich zum Abschied.

Jedes Kind ist anders und geht auf seine Weise mit der Katastrophe um. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie alle brauchen trotz des Taifuns die Chance auf eine Zukunft. Mit umfassender psychologischer Betreuung und dem Wiederaufbau der Tagesstätten und Kindergärten werden wir genau dafür sorgen.

Katastrophe auf philippinisch

Die Zerstörung ist immens in Jagnaya an der Ostküste Samars. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Die Zerstörung durch Yolanda muss die Menschen in den Philippinen in die pure Verzweiflung stürzen. So stellte ich mir das zumindest vor meiner Abreise vor. Und natürlich ist das bei der überwältigenden Mehrheit auch so. Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie ihr Hab und Gut und schlimmstenfalls auch Familienangehörige verloren haben. Viele sind stark traumatisiert und kaum in der Lage, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Doch in jedem Ort trafen wir auch auf Menschen, die sich trotz der gigantischen Katastrophe ihren Humor bewahrt haben.

„Wir brauchen Essen“, steht auf vielen Schildern, die Kinder am Straßenrand hochhalten. Andere Schilder ergänzen scherzhaft: „Wir brauchen Essen, Häuser, einen Swimming-Pool und einen Garten“. Der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal , beschreibt die Situation in seiner Stadt mit den Worten: „What you see is what you get“, und sein Berater Ray Uzhmar C. Padit erklärt uns auf dem Weg in die Fischerdörfer an der Küste, dass Yolanda ihnen einen weißen, weitläufigen Sandstrand „geschenkt“ hat. „Hier kann man sicher gut surfen“, ergänzt er.

Auf Bantayan Islands fahren wir mit Noe Ichechavez Briones nach Madridejos, eine völlig zerstörte Stadt im Nordwesten. Er ist als Freiwilliger unterwegs, versucht zu helfen, wo er kann. Als wir mit ihm im Auto sitzen, spielt er den Pausenclown. Er reicht eine Tüte mit Brötchen an alle Insassen, „Bread for Life“, ruft er laut lachend dazu. Dann fängt er an, ein Taifunopfer zu mimen – „Oh my God. Es war so schlimm“, er schlägt die Hände vors Gesicht und schildert die Situation einer Familie. Auch manche Kinder nehmen die Situation mit Humor. „Wir sind eine gute Touristenattraktion – guck, wir haben gar kein Haus mehr“, erzählen sie mir lachend in Garawon im Landkreis Hernani.

Christoph Dehn und Antje Weber im Gespräch mit dem Berater des Bürgermeisters, Ray Padit.

Die Menschen hier gehen auf philippinische Art mit der Katastrophe um. Und das ist ihre große Stärke. Der Humor und das Vertrauen in die Schaffenskraft ihrer Landsleute geben vielen Menschen genau die Energie, die für den Wiederaufbau benötigt wird. Nicht umsonst sieht man in jedem Ort eifrige Philippinos, die mitten im Chaos ihr Haus wieder aufstellen, Müll beiseite schaffen oder ihre Wäsche waschen. Padit erklärt mir, dass sie angesichts dieser Situation nun eben kreativ sein müssen, „Zeit zum Jammern haben wir nicht.“ So werden die Bürger Salcedos kurzerhand per Megaphon darüber informiert, dass sie im Rahmen eines „Food for Work“-Programms ihre Lebensmittel bekommen, sobald sie rund um ihre Häuser die Trümmer weggeräumt haben. Auch die völlige Zerstörung der Kokosplantagen kann man positiv oder negativ sehen. Dramatisch ist, dass die Ernte auf Jahre vernichtet ist, denn Kokospalmen brauchen fünf bis sechs Jahre, bis sie ihre jetzige Größe erreicht haben. Andererseits macht Padit deutlich, dass sie nun auch die Chance haben, landwirtschaftlich umzuschwenken auf den Anbau lukrativerer Sorten wie beispielsweise Cassava oder Süßkartoffeln. „Daran war vorher ja gar nicht zu denken“, hebt er die Vorteile hervor. Mit dieser Einstellung werden die Philippinos noch weit kommen.

Wie hatten sich die Menschen auf den
Taifun vorbereitet?

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Jagnaya ist völlig zerstört.

Jagnaya ist völlig zerstört. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hat eigentlich niemand vorgesorgt? Diese Frage wird mir momentan oft gestellt. Am Beispiel der Region Salcedo im Osten Samars lässt sich der Ablauf sehr gut veranschaulichen und für diese, vom Taifun mit am schwersten betroffene Region, lässt sich sagen: „Die Menschen haben ihr Möglichstes getan“.

Wetterexperten machten frühzeitig auf das Risiko eines Supertaifuns aufmerksam. Diese Information ging weiter an die Bürgermeister, die den Auftrag hatten, ihre Bewohner bestmöglich zu schützen. Auch der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal, 39 Jahre, wurde informiert und traf sofort umfassend und kenntnisreich Vorsorge für seine Bürger. Ein dreistufiges System sollte dafür sorgen, dass Yolanda so wenig Schaden wie möglich anrichtet in der 20.000 Einwohner-Stadt. In einem ersten Schritt wurden Evakuierungszentren etabliert, ein Großteil davon in Schulen. Parallel dazu wurden bereits am Donnerstag, also einen Tag vor dem Taifun, die ersten Hilfspakete gepackt, da mit geringfügigen Schäden gerechnet wurde. Bürgermeister Mergal ging persönlich zu seinen Bürgern, um sie über die Evakuierungszentren und den nahenden Taifun zu informieren. In einem zweiten Schritt warnte die Polizei die Bürger per Megaphon erneut und bat alle, sich rechtzeitig in die als sicher identifizierten Steinhäuser zu begeben. Schließlich wurde in einem dritten Schritt ein Emergency Response Team eingerichtet, das den Startschuss für den Rückzug in die Zentren gab.

Als dieser Startschuss am Donnerstagabend ertönte, war das Wetter jedoch unverändert schön. Klarer Himmel, kein Regen und nur schwacher Wind ließen nicht erahnen, welche Katastrophe wenige Stunden später über Salcedo hereinbrechen würde. Die Bewohner fanden sich daher nur langsam in den Evakuierungszentren ein. Sie alle gingen bis dahin von Regen und Wind aus. Die Warnung vor einer Sturmflut erreichte Major Mergal erst kurz bevor Yolanda auf die Ostküste traf. Er reagierte schnell, warnte seine Bürger über Facebook und Twitter vor den Wellen. Doch hier kamen zwei tragische Umstände zusammen. Zum einen haben die Menschen in den Fischerdörfern an der Küste kein Netz und konnten diese kurzfristige Nachricht nicht mehr rechtzeitig empfangen. Zum anderen ist der Begriff der Sturmflut im philippinischen Sprachgebrauch nicht gängig, so dass die Menschen schlichtweg nicht verstanden, was er ihnen sagen wollte.

Lagebesprechung Foto: Kidlat de Guia

Lagebesprechung. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um 4 Uhr morgens erreichte Yolanda mit über 300km/h die Küste und wütete über 3 Stunden. Major Mergal machte sich noch während des Taifuns zu Fuß auf den Weg, um die Küstenbewohner vor der Sturmflut zu warnen. „Er lief durch den Ort während Trümmerteile durch die Luft flogen“, erzählt Patricia Quirante Birongoy, eine gute Bekannte des Bürgermeisters uns. Doch die drei Wellen hatten zu diesem Zeitpunkt die Küstenorte Jagnaya und Asgad bereits erreicht. Die höchste Welle hatte etwa 10m, sie riss 29 Menschen mit in die Fluten. Ganze Häuserreihen wurden am Küstenstreifen weggeschwemmt. Verzweifelt versuchten die Menschen sich hinter den wenigen Steinmauern zu schützen oder banden sich und ihre Kinder an Kokospalmen, um nicht weggeweht zu werden.

Mit einem solchen Ausmaß hatte in Salcedo niemand gerechnet. Eine Woche nach dem Taifun bezeichnet Major Mergal seine Stadt als „Ground Zero“. Alle 5200 Haushalte sind zerstört oder beschädigt. Wo früher Kokospalmen grünten, sieht man kilometerweit nur verdorrte, abgeknickte Palmen. Strom, Benzin, Autos oder ausreichend Nahrungsmittel gibt es nicht. Die Ernten sind zerstört. Es wird Jahre dauern, bis Salcedo sich erholt hat. Die Kindernothilfe fängt hier deshalb sofort an: mit dem Wiederaufbau von 10 Kindertagesstätten, psychosozialer Betreuung für die Kinder sowie dem Aufbau von Schulen und Wohnhäusern. Damit die Menschen langfristig wieder selbst ein Einkommen haben, braucht es darüber hinaus neue Fischerboote.

 

Philippinen: Leben und Tod liegen manchmal nah beieinander

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Der kleine Ort Garawon im Landkreis Hernani wurde um 4 Uhr morgens von Taifun Yolanda getroffen. Im Unterschied zu dem benachbarten Landkreis Salcedo waren die Menschen hier schlechter vorbereitet. Warum? Ihr Bürgermeister kam erst am Tag zuvor zurück in die Kreisstadt Hernani und wurde selbst vom Unglück überrascht. Es war kaum noch Zeit, die Menschen zu warnen. Und erneut wurde auch hier nur von Wind und Regen, nicht aber von einer Sturmflut gesprochen. So schlief die siebenjährige Shila, als Yolanda sich näherte. Zuerst gab es starken Wind, gefolgt von kräftigem Regen. Dann schlugen drei riesige Sturmwellen erbarmungslos über das kleine Fischerdorf hinweg.

Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt

„Bis zur Spitze der Kokospalmen ging die dritte und höchste Welle“, berichtet mir Myrna, 31 Jahre. Ich schaue hoch – das müssten etwa zehn Meter sein. Myrna wohnt in einem kleinen, aber vor dem Sturm sicher ansehnlichen Holzhaus mit Wellblechdach und einer kleiner Vorratskammer neben dem Eingang. Ihr Haus liegt unterhalb eines Hügels, so dass sich ihre Familie schnell in Sicherheit bringen konnte. Die Wellen spülten große Teile des Dorfes weg. 157 Familien verloren ihr Hab und Gut, neun Menschen starben. Auch Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt. Nur zufällig erkannte ihr Vater sie am T-Shirt, als er versuchte, sich mit ihrem dreijährigen Bruder den kleinen Hügel hinauf zu retten. Sofort griff er nach ihr, befreite sie aus dem Schlamm. Drei Stunden waren da bereits vergangen, Shila war schon ganz blau angelaufen.

Doch jetzt steht sie vor mir, klein, zierlich und den Tränen nahe. Sie hat überlebt. Kratzer und Schnitte an Beinen, Armen und dem Rücken zeugen von dem Unglück. Ansonsten hat sie keine schwerwiegenden Verletzungen. Zumindest äußerlich. Innerlich wirkt sie völlig aufgelöst, leidet sehr unter den Erlebnissen der vergangenen Wochen. Sie braucht dringend psychosoziale Betreuung.

Während ich mit Shila spreche, nähert sich auch ihr Vater. Ob er nicht unglaublich erleichtert sei, dass er seine Tochter in letzter Minute retten konnte, frage ich ihn. „Natürlich“ sagt er, schaut jedoch betreten zu Boden. „Aber mein kleiner dreijähriger Sohn fiel vom Arm, während ich Shila ausgrub. Er ist ertrunken“. Mir fehlen die Worte. Leben und Tod liegen manchmal so nah beieinander.

Die Menschen brauchen schnellstmöglich psychosoziale Betreuung

Die Gespräche machen eines deutlich: In Ost-Samar haben sich unvorstellbare Szenen abgespielt. Es ist wichtig, dass wir hier schnellstmöglich psychosoziale Betreuung anbieten und mit dem Wiederaufbau beginnen. Zwei Mitarbeiter unseres Partners AMURT bleiben deshalb direkt vor Ort und beginnen mit der Arbeit. Schon in den nächsten Tagen werden sie in einem ersten Schritt Psychologen und Architekten anstellen und die Beschaffung von Baumaterialien klären. Nur so können wir Kindern wie Shila helfen, mit ihren Erlebnissen umzugehen. Gerade sie müssen eine Zukunft haben.

Philippinen: Neuanfang für Ost-Samar

Foto: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Taifun Yolanda (Haiyan) schlug zuerst an der Ostküste der Insel Samar auf. Es traf Guiuan, eine kleine quirlige Stadt mit rund 50.000 Einwohnern. Zahlreiche Kokospalmen säumen hier die Straße, Bars und Pubs beschallen abends mit Musik die Straße, und die Strände laden zum Verweilen ein. Zumindest erzählen mir die Einwohner, dass es früher so war. Seit Yolanda die Philippinen heimsuchte, ist alles anders. Der Supertaifun prallte mit 300km/h auf und wehte die Stadt buchstäblich weg. Zurück bleiben riesige Trümmerberge, geisterhafte Straßen und tausende Menschen ohne Obdach. Mittlerweile rollt langsam die Hilfe an. Am Flughafen kommen täglich Hilfsgüter an, Nichtregierungsorganisationen tummeln sich und erste Hilfszentren werden eingerichtet.

Völlig vorbei geht dieser Rummel am Landkreis Salcedo, rund 20 km nördlich von Guiuan, sowie den weiter nördlich gelegenen Fischerdörfern. Zu Unrecht, denn die Ortschaften sind ebenso zerstört. Hilfsgüter kommen mittlerweile an, doch noch sind keine Planungen für den Wiederaufbau angelaufen und internationale Hilfe nicht in Sicht. Bürgermeister Melchior Mergal , der in seiner ersten Amtszeit kaum vor größeren Herausforderungen stehen könnte, macht aus der Situation in seiner Stadt keinen Hehl. „What you see is what you get“, erklärt er uns bemüht scherzhaft mit philippinischem Humor. Mehr als 5000 Familien haben hier alles verloren, 29 Todesopfer hat Yolanda gefordert. Trotz der enormen Belastung wirkt er sehr gut sortiert, hat die Daten und Fakten zu seinem Landkreis bereits übersichtlich zusammengefasst und steht uns Rede und Antwort. Bislang wurde Salcedo von Nichtregierungsorganisationen völlig vernachlässig, das wollen wir ändern.

Um mit der genauen Planung beginnen zu können, brauchen wir ein genaues Bild der Lage. Deshalb fahren wir die Küstenorte Jagnaya und Asgad ab, deren rund 160 Familien besonders hart getroffen wurden. In Begleitung des Beraters des Bürgermeisters, Ray Uzhmar C. Padir – genannt King Padit – nähern wir uns der Küste. „Der Strand war gesäumt mit Hütten, sie wurden alle weggeschwemmt“, erklärt Padit. Ich kann kaum glauben, dass hier Menschen wohnten, nichts deutet mehr darauf hin. Mit philippinischem Humor fährt er fort. „Wir verbieten den Neubau an dieser Stelle, viel zu gefährlich. Hier könnten besser Touristenzentren entstehen, die werden wenigstens schnell evakuiert.“ Dann weist er uns auf den nun frei geräumten Strand hin, „ein Geschenk des Sturms“ bezeichnet er ihn scherzhaft, schließlich ist der Blick auf den weißen Sandstrand nun nicht mehr durch Kokospalmen versperrt und so weiß wie jetzt war der Sand auch noch nie.

Foto: Kidlat de Guia

Beide Orte sind gänzlich zerstört, rund 45 Häuser müssen renoviert und 90 neu gebaut werden. Schulen und Kindergärten kommen hinzu. Von den Kindern lasse ich mir ihre neue Bleibe zeigen. In der Schule sind sie untergekommen. Als ich sie frage, wo sie schlafen, deuten sie verlegen auf den Boden. Decken und Matratzen gibt es nicht. Ob sie wieder zur Schule gehen wollen, frage ich sie. Ein lautes „Ja“ hallt mir entgegen. Den Kindern merkt man das Trauma der letzten Wochen an. Viele haben Verwandte verloren oder sind selbst verletzt worden. Sie alle brauchen psychosoziale Betreuung, um die Erlebnisse zu verarbeiten.Nach dem Besuch der einzelnen Dörfer ist schnell klar: Wir werden helfen. Die entlegenen Gebiete rund um Salcedo sollen nicht länger von internationaler Hilfe vernachlässigt werden. Gemeinsam mit unserem Partner AMURT bauen wir in den nächsten Wochen 10 Kindertagesstätten wieder auf, stellen umfassende psychologische Betreuung für die Kinder sicher und bauen langfristig auch Schulen und Häuser auf. Darüber hinaus brauchen die Dörfer neue Fischerboote, sonst wird es ihnen unmöglich bleiben, ein Einkommen zu erzielen.

„Ich wünsche mir, dass es nie wieder einen so starken Taifun wie Yolanda gibt“

Foto: Christoph Dehn

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

„Da vorne stand unser Shop“, die neunjährige Shaine zeigt mir aufgeregt, wo früher der kleine Lebensmittelladen ihrer Großmutter stand. Taifun Yolanda, wie er hier vor Ort genannt wird, hat alles zerstört. Unter den Brettern sind noch einige Lebensmittel, aber die Familie kommt nicht dran.

An unserem dritten Tag sind wir auf der Insel Bantayan, ein kleines Urlaubsparadies vor Cebu. Die Insel hat es schwer getroffen. Schon von der Fähre aus sieht man die abgeknickten Palmen. Auf dem Weg nach Madridejos, einer Stadt mit 40.000 Einwohnern im Nordwesten Bantayas, werden immer mehr Schäden offenbar. Sämtliche Mais- und Bananenplantagen sind zerstört, die Kokospalmen abgebrochen. Die Häuser sind eingestürzt, nur bei wenigen Steinbauten erkennt man noch das Gebäude. Bantayan ist im Chaos versunken, 8.000 Familien haben ihr Heim verloren. Drei Menschen sind gestorben. Hier wird es nicht nur darum gehen, die Infrastruktur wieder aufzubauen, sondern auch die Landwirtschaft wieder aufleben zu lassen. Für die kommenden Monate fehlt hier die Perspektive.Wenig hier auf Bantayan hielt dem Taifun stand.

Foto: Kidlat de Guia

„Es war zehn Uhr morgens, als es anfing zu stürmen“, erzählt Shaine mir. Sie lebt mit ihrer 71-jährigen Großmutter Irthel und ihren sieben Geschwistern in Madridejos. Drei Stunden wütete Yolanda, die kleine Insel war schutzlos ausgeliefert. Während dieser Zeit stand die Familie dicht gedrängt an einer Steinmauer, um sich zu schützen. „Die Kinder haben geweint, Shaine hatte fürchterliche Angst“, sagt Irthel. Es war nicht ihr erster Sturm, die Philippinen werden regelmäßig von Taifunen heimgesucht. Shaine berichtet mir, dass Yolanda ihr dritter Taifun war – mit Abstand der stärkste.

Doch es gibt Hoffnung. In Madridejos trudelt langsam internationale Hilfe ein. Es herrscht ein emsiges Treiben in jedem Winkel. Überall wird geräumt, gehämmert und für den Wiederaufbau geplant. Der Bürgermeister zeigt sich zuversichtlich. „Am Montag beraten wir gemeinsam mit den Lehrern, wann der Unterricht beginnen kann“, sagt Major Salvador de la Fuente. 800 Zelte sind als Notunterkünfte unterwegs und warten im Hafen von Cebu auf die Überfahrt. Lebensmittelverteilungen laufen, zum Teil auch organisiert von Angehörigen der Einwohner und privaten Initiativen.

Wenig hier auf Bantayan hielt dem Taifun stand.

Wenig hier auf Bantayan hielt dem Taifun stand.

Foto: Kidlat de Guia

„Ich wünsche mir, dass es nie wieder einen so starken Taifun wie Yolanda gibt“, sagt Shaine mir zum Abschluss. Das kann zwar niemand von uns beeinflussen, aber wir können durch einen nachhaltigen Wiederaufbau für die Zukunft besser vorsorgen.

„Wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir gar nichts mehr“

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Caesar inmitten der Trümmer, die der Taifun von seinem Haus übrig gelassen hat. Fotos: Kidlat de Guia

Caesar hat der Taifun hart getroffen. Der 62-jährige lebt mit seiner Frau, 3 Kindern und 4 Enkelkindern auf einem kleinen Hügel im Norden Cebus. Der Sturm hat das Haus zum Einsturz gebracht. Außer ein paar Habseligkeiten, 7 Ziegen, 2 Schweinen und ein paar Hühnern ist ihm nichts geblieben. Zum Glück ist die Familie wohlauf. Untergebracht sind sie in einem Flüchtlingslager. Nur Caesar hat sich eine Plane zwischen den Palmen gespannt und hält eisern die Stellung. „Wenn ich nicht aufpasse, verliere ich auch noch mein Vieh. Dann bliebe uns gar nichts mehr“, erläutert er uns im Gespräch.

Wir treffen viele Schicksale dieser Art auf unserer Fahrt in den Norden Cebus. Viele Familien haben alles verloren, der Wasserverbrauch ist zum Erliegen gekommen oder die Stromversorgung abgerissen. In Tabaytay erzählen uns die Kinder, dass das Dach ihrer Schule eingestürzt ist. Der Schulbetrieb ist somit nicht möglich. Auch müssen sie 10km bis zur nächsten Wasserstelle laufen, denn ihre Leitung ist zerborsten. Aber wir sehen auch viel Positives. Die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln ist unter anderem durch Verteilungen unseres Partners AMURT gesichert, die Straßen geräumt, einzelne Häuser sind bereits wieder aufgebaut. Verletzte oder gar Tote sieht man nicht. Fröhlich begrüßen uns die Einheimischen in ihren Dörfern, schildern uns offen die Ereignisse und ihre bisherigen Bemühungen.

Die heutigen Besuche und Gespräche zeigen: Es gibt viel zu tun in den Philippinen und wir werden die nächsten Tage nutzen, um gemeinsam mit unserem Partner AMURT die besonders von Hilfsmaßnahmen vernachlässigten Gebiete zu bereisen und Hilfe für Kinder und ihre Familien zu organiseren.

Philippinen: Anpacken angesagt

Fotos: Kidlat de Guia

Kindernothilfe-Mitarbeiterin Antje Weber berichtet von den Philippinen

14. November 2013

Die Berichte über die Folgen des Taifuns reißen nicht ab. Zu recht. Noch immer sind viele Gegenden unerschlossen, tausende Menschen ohne Dach über dem Kopf und voller Verzweiflung. Haiyan hat derart gewütet, dass noch immer nicht das ganze Ausmaß der Schäden bekannt ist. Um einen besseren Überblick zu bekommen und um gemeinsam mit Mitarbeitern unseres lokalen Partners AMURT die Orte zu identifizieren, an denen wir unsere Hilfsmaßnahmen ausbauen wollen, habe ich mich am Dienstag mit meinem Kollegen Christoph Dehn auf den Weg in den Inselstaat gemacht. Nach einer langen Reise sind wir nun in Cebu. Der Norden dieser Insel ist vom Taifun nahezu gänzlich zerstört und von Hilfsmaßnahmen bislang nicht erreicht worden. Morgen werden wir diese Region erkunden, um geeignete Orte für Schutzzentren zu identifizieren, in denen besonders die Kinder Zuflucht finden können.

Begleiten werden wir auch eine Lebensmittelverteilung an rund 1.000 Menschen – und die will vorbereitet sein. Vor meiner Zimmertür türmen sich zu später Stunde Reissäcke, Nudelpakete und Suppen. Eine Gruppe Einheimischer packt mit Feuereifer Familienrationen ab. Sie alle sind selbst oder im weiteren Familienumfeld vom Taifun betroffen. Sie alle hätten Grund zur Verzweiflung. Erst vor zwei Wochen erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,1 die Insel und sorgte für Chaos. Starke Regenfälle kamen hinzu, schließlich zerstörte Taifun Haiyan den Norden der Insel.

Doch statt Verzweiflung verbreitet sich hier eine enorme Energie. Sie alle packen bis in die späten Abendstunden an, um den Betroffenen zu helfen. Der Zusammenhalt der Philippiner ist beeindruckend. Sie verteilen nicht nur Lebensmittelpakete, sie senden auch Boote mit Hilfsgütern in die Regionen, in die kaum jemand vordringt. Per Handy und Social Media tauschen sie permanent Neuigkeiten aus, geben sich gegenseitig Rat oder organisieren Freiwilligeneinsätze zur medizinischen Versorgung entlegener Regionen. Auch die Mitarbeiter unseres Partners AMURT sitzen bis tief in die Nacht zusammen, um die nächsten Schritte zu planen. Anpacken ist hier angesagt – und das werden auch wir in den nächsten Tagen tun.

Chile: Erneute Anwendung der Antiterror-Gesetzgebung auf einen Jugendlichen

Obwohl der chilenische Staat sich bereits 2010 nach einem 82-tägigen Hungerstreik von Inhaftierten und internationalen Protesten verpflichtet hatte, keine Prozesse gegen  Jugendliche mehr nach der Antiterror-Gesetzgebung durchzuführen, wurde jetzt erneut auf diese menschenrechtswidrige Praxis zurückgegriffen.  Anstatt gemäß der geltenden Regelungen das Jugendstrafrecht anzuwenden, wurden im Prozess gegen einen jugendlichen Mapuche-Aktivisten Aussagen von anonymen Zeugen als gültig zugelassen.

Die indigenen Mapuche, die mit Landbesetzungen versuchen, ihre Besitzrechte durchzusetzen, sind seit Jahren Opfer extremer und menschenrechtswirdiger Repressalien von Polizei und Justiz.

Der Kindernothilfepartner ANIDE und das chilenische Netzwerk der Kinderrechtsorganisationen verurteilen die aktuelle Praxis  der Justiz in einer gemeinsamen Deklaration und fordern die Rückkehr zu einem rechtsstaatlichen Vorgehen.

Hier der komplette Text der Deklaration in spanischer Sprache:

http://libertadninos.wordpress.com/2013/11/12/ante-nuevo-intento-de-aplicar-ley-antiterrorista-a-joven-mapuche-3/