Artikel vom Mai 2013

Projekt- und Programmberaterin aus Chile in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle

 

Claudia Vera (2.v.r.) mit Jürgen Schübelin, Beate Eckerskorn, und Eva Böckel aus dem Referat Lateinamerika und Karibik

Duisburg / Santiago de Chile. „Wir verfolgen die kontinuierliche Verschlechterung der Kinder- und Menschenrechtssituation in Chile mit größter Sorge“, erklärt Claudia Vera, seit 1991 Projekt- und Programmberaterin beim chilenischen Kindernothilfe-Partner ANIDE und seiner Vorgängerorganisation Programa de Menores (PDM), bei ihrem Besuch in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle in Duisburg. Dass die Justiz des Andenlandes beispielsweise unverändert darauf besteht, auch bei Jugendlichen unter 18 Jahren aus dem Volk der Mapuche die volle Härte der chilenischen Anti-Terrorgesetze mit ihren massiven Einschränkungen der prozessualen und Verteidigungsrechte anzuwenden, ist aus der Sicht von ANIDE ein eklatanter Verstoß gegen internationales Recht.

Während ihres Besuches in Duisburg diskutierte Claudia Vera mit den beiden Vorstandsmitgliedern der Kindernothilfe, Dr. Jürgen Thiesbonenkamp und Christoph Dehn, sowie dem Andenländer-Team im Referat Lateinamerika und Karibik über die widersprüchliche Entwicklung in Chile. Dort stehen sich unbestreitbare makroökonomische Erfolgen einer extrem ungleichen sozialen Entwicklung sowie schmerzhafte Rückschläge beim Schutz von Rechtsstaatsprinzipien und der Menschenrechte gegenüber.

“Die Brutalität und Polizeiexzesse, mit der die Regierung Piñera in den zurückliegenden Wochen auf die erneuten Proteste von Schülern und Studenten gegen das Geschäftsmodell des durch und durch kommerziellens Bildungssystems reagiert hat, macht uns”, so Claudia Vera, “einfach jedes Mal sprachlos.” Der Kindernothilfe-Partner ANIDE gehört in Chile einem Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen an, die sich seit langem für ein besseres internationales Monitoring der aus ihrer Sicht prekären Kinder- und Kinderrechtssituation in ihrem Land einsetzen.

Aber es ist auch der innerfamiliäre Kontext, der Sorgen bereitet: Anfang dieses Jahres dokumentierte eine UNICEF-Studie über familiäre Gewalt gegen Kinder, dass Chile im lateinamerikanischen und internationalen Vergleich unverändert hohe Zahlen an Kindesmisshandlungen, mit schweren psychischen und physischen Verletzungen aufweist. “Es hat auf diesem Gebiet”, so Claudia Vera in Duisburg, “in den zurückliegenden Jahren mehr Rück- als Fortschritte gegeben, trotz aller Sensibilisierungsanstrengungen und Kampagnen gegen Gewalt gegen Kinder.” Die Gründe dafür sieht die Sozialwissenschaftlerin auch in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, dem Alltagsdruck, dem die Erwachsenen ausgesetzt sind – und dem fehlenden Unrechtsbewusstsein gegenüber Gewalt in der eigenen Familie.

Die Kindernothilfe hat sich in Chile seit Mitte des zurückliegenden Jahrzehnts immer mehr darauf konzentriert, Kinderrechtsprojekte – etwa zum Schutz von Mädchen und Jungen aus Mapuche-Gemeinden, die im Zentrum von Landkonflikten stehen – oder zur Verbesserung der legalen Situation von Kindern aus Familien, die als Armutsflüchtlinge nach Chile kommen, zu unterstützen. Derzeit kooperiert die Kindernothilfe mit 18 Projekten; geografische Schwerpunkte bilden die VIII. Region in Südchile mit den ärmsten Kommunen des Andenlandes  sowie die Gebiete mit einem hohen Anteil an Mapuche-Bevölkerung. Chile war 1969 das erste Land Lateinamerikas, zu dem die Kindernothilfe Kooperationsbeziehungen aufbaute.

Text und Fotos: Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik