Artikel vom September 2012

Die neue Schule in Bois Matin

Von Alain Castera

Eine Gruppe von Kindernothilfe-Mitarbeiterin aus Deutschland und Haiti macht sich auf die beschwerliche Wanderung nach Bois Matin in den Bergen Haitis. Dort feiern sie mit den Kindern den Start ins neue Schuljahr in der neugebauten Schule.

5 Uhr: Treffpunkt in Petion-Ville
Das Team der Kindernothilfe sammelt sich am Treffpunkt, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, bevor wir uns auf den langen Weg in die Berge nach Bois Matin machen. Zwei fahrtüchtige Autos mit zwei erfahrenen Fahrern werden uns so weit wie möglich fahren, aber den Rest müssen wir zu Fuß bewältigen. Dabei sind: Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, Michaela Dacken, Alinx P.R. Jean-Baptiste, Ruben Wedel, Alain Castera, Polin Aleandre, Mericia Ilestin, Marceline Belizaire, Wilner Dorlus, Bob Jean-Francois und Franklin Debreus.
Auf der Strecke nach Bois Matin erwarten uns noch zwei Kollegen von der Bauabteilung: Frednel Blanc und Wilner Jean-Baptiste.

Kurz vor 6 Uhr: Abfahrt

Wir fahren wir los. Es ist immer noch dunkel, aber lieber so früh wie möglich losfahren und mit dem Aufstieg zu den Bergdörfern beginnen, weil bald die Sonne aufgeht und damit auch die feuchtschwere Hitze hereinbricht.
Nach einer zweistündigen Fahrt auf einer holperigen Straße erreichen wir unseren Treffpunkt mit Wilner und zwei Bergbewohnern, begleitet von zwei Maultieren.

8 Uhr: Frühstück
Bevor wir uns auf den sehr beschwerlichen Weg in die Berge machen, nehmen wir uns die Zeit für eine Stärkung. Dank der Köchinnen vom KNH-Büro haben wir eine Auswahl an Kaffee, Tee, belegten Brötchen und Früchten. Marceline und Mericia kümmern sich liebevoll um uns alle. Bei mir zu Hause hat man mir immer gesagt, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei. Man sollte gut und gesund essen, um es bis zum Mittag zu schaffen. Gesagt, getan!

9 Uhr: Auf geht’s!
Nachdem wir alle unsere Vorräte (Wasser, Säfte, Brötchen, Bananen, Äpfel usw.) auf die Maultiere geladen haben, machen wir uns auf den langen Weg. Die Bergbewohner brauchen ungefähr anderthalb Stunden, bis sie im Dorf ankommen. Bei uns schätzen sie zwei bzw. zweieinhalb Stunden. Sehr witzig, denken einige von uns. Warum sollten wir es nicht in der gleichen Zeit schaffen wie die Leute aus den Bergen?
Wir machen uns auf den Weg. Zuerst geht es bergab bis zu dem Fluss. Ich bewundere die schöne Landschaft um mich herum. Man vergisst sehr schnell, dass solch schöne Ecken auf dem Land in Haiti existieren. Wenn man in Port-au-Prince arbeitet und wohnt, findet man kaum Zeit, die schöne Natur der Berglandschaft wahrzunehmen. In unserer Gruppe herrscht eine fröhliche Atmosphäre. Einige machen Scherze, andere lernen sich besser kennen und manche pfeifen.
Nach guten 45 Minuten zeigt Wilner uns die Dächer der Schule von Bois Matin aus der Ferne. Die Begeisterung bei Herrn Thiesbonenkamp ist deutlich zu spüren, und er zeigt den anderen die Schule.

Gegen 10 Uhr: Riviere Momance
Eine der Schwierigkeiten bei diesem Weg, der in die Berge führt, ist der Fluss. Abhängig von der Jahreszeit kann er total trocken sein oder voll mit Wasser. Haiti befindet sich zurzeit in der Regen- und Hurrikan-Saison. Das Schwierigste bei dem Ganzen ist, dass wir uns weder auf das Wetter von Port-au-Prince noch auf das Wetter von Bois Matin verlassen können, da sich der Fluss in einem Tal befindet.
Um den Fluss zu überqueren, hat jeder schon eine Idee parat: Einige wechseln die Schuhe, andere gehen lieber barfuß, und eine lässt sich gerne tragen.
Nach dem Fluss wird die Wanderung noch anstrengender, denn jetzt heißt es bergauf gehen!

 

Pause!
Nach ungefähr 30 Minuten Bergaufsteigen finden wir einen schönen Platz im Schatten. Wir machen eine Pause, um Wasser zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.

Ankunft in Bois Matin und Eröffnungszeremonie
Je näher wir unserem Ziel kommen, desto lauter hören wir die Stimmen vom Veranstaltungsort in Bois Matin. Alle mobilisieren die letzten Kräfte in ihren Beinen, um das letzte Stück des Weges zu schaffen.
Gegen 11:30 Uhr erreichen wir die Schule von Bois Matin. Da steht es vor uns, das Ergebnis unserer harten Arbeit. Alles ist schon vorbereitet, Kinder sitzen bereits auf den Bänken, Musik erklingt, und endlich kommen auch die Besucher an.
Nach der Vorstellungsrunde kann die Zeremonie anfangen. Schulleiter M. Damas fordert den Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzenden Dr. Thiesbonenkamp auf, gemeinsam mit dem Schuldirektor das Band durchzuschneiden und damit das neue Schuljahr zu eröffnen. Darauf folgen die Besichtigung der Räume, ein Foto-Shooting und die Fortsetzung des Programms mit Tanzen, Singen und dem Verteilen von Geschenken. Es herrscht eine gute Stimmung, alle sind gut drauf und lachen. Herr Thiesbonenkamp berichtet den Kindern in Bois Matin von der großen Spendenaktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ThyssenKrupp, die uns ermöglicht hat, die Schule zu bauen. Die Mädchen und Jungen von Bois Matin und aus den Nachbardörfern werden dank dieser Schule von einer guten Bildung profitieren.
Was wäre eine Feier ohne Essen? Die Köchinnen haben Hähnchen, Kochbananen, Pommes, Pates und „Pikliz“ (eingelegter Kohlsalat) vorbereitet.
Das Schulgebäude besteht aus 4 Klassenräumen, 1 Büro für die Schulleitung sowie 1 Schlafraum für die Lehrer. Außerdem gibt es Toiletten und 1 Küche mit Lagerraum. Mehr als 70 Kinder bekommen hier eine klassische Schulbildung sowie auch eine Ausbildung in Landwirtschaft und Handwerk.

 

14:30: Abschied von Bois Matin
Obwohl viele von uns gerne noch geblieben wären, um mit der Gemeinde von Bois Matin weiterzufeiern, mussten wir uns nach zwei Stunden schon wieder auf den Rückweg machen. Gegen 14:30 Uhr waren wir alle bereit, denselben Weg zurückzulaufen.
Für die Mehrheit von uns wurde der Rückweg komplizierter und schmerzhafter. Für den Hinweg hatten wir weniger als zweieinhalb Stunden gebraucht, um Bois Matin zu erreichen. Der Rückweg war schlimmer, und einige von uns waren total erschöpft von der ganzen Anstrengung. Aber wir haben es geschafft, genauso wie wir den Bau dieser Schule geschafft haben in einer sehr abgelegenen Gemeinde.

Alain Castera
Kommunikationsbeauftragter Haiti