Artikel vom September 2011

Stolz auf das ehemalige Patenkind

Neun Jahre lang hat Ehepaar Windheuser-Schwarz Tiliahun Bekele in Äthiopien unterstützt. Inzwischen ist er erwachsen, hat seine eigene Familie und wird jetzt als Dozent an der Universität arbeiten. Im August besuchte er seine Paten in Deutschland.

„Mit Freude möchten wir Ihnen sagen, dass im August diesen Jahres unser erstes Kindernothilfe-Patenkind bei uns zu Hause für knapp zwei Wochen unser Gast war, nachdem mein Mann bereits zweimal ihn und seine Familie in Addis Abeba besucht hatte. Der inzwischen erwachsene und dreifache Familienvater Tilahun Bekele absolvierte im vergangenen Jahr im Rahmen eines Stipendiums ein Ergänzungsstudium in England und erhielt im August diesen Jahres seine Diplomierung – wir sind sehr stolz auf ihn. Er wird in Kürze seine Tätigkeit an der Universität seiner Heimatstadt in der Fakultät für wirtschaftliche und soziale Entwicklung aufnehmen – wir sind sehr stolz auf ihn.

Während seines Besuchs konnten wir ihm einige Eindrücke von unserem Land vermitteln – so besuchten wir den Kölner Dom, die Abtei Maria Laach und die märchenhafte Burg Eltz. Besondere Begeisterung rief bei Tilahun einr Fahrt mit einem Schaufeldampfer rund um die Loreley hervor – für ihn in seinem Leben die erste Fahrt mit einem Schiff.

Erstaunt und ergriffen war er bei einem Besuch in einer Pflegeeinrichtung für psychisch Kranke in unserem Ort, nachhaltig für ihn das Gebet in seiner Sprache am Bett eines Wachkomapatienten äthiopischer Herkunft, wir waren wiederholt dort und konnten auch mit der deutschen Ehefrau sprechen.

Ja – und der Sohn von Tilahun wurde auf den Namen meines Mannes Gerhard evangelisch-lutherisch getauft, im November wird der Patenjunge ein Jahr alt.

Tilahun hat auf unseren Wunsch nach seiner Rückkehr nach Äthiopien auch unsere derzeitige Patentochter besucht und unsere Grüße übermittelt. Er konnte mit der Leiterin sprechen und war von der Einrichtung sehr angetan.

Ich plane übrigens einen Besuch in Äthiopien im kommenden Jahr!“
Ulla Windheuser-Schwarz

Chile: Wiederaufbau-Aktivist stirbt bei Flugzeugabsturz – Kindernothilfe und Partner trauern

Felipe Cubillos

Seit Freitagabend, 2. September, stehen die Menschen in Chile wie unter Schock: Beim Absturz einer Propeller-Maschine der chilenischen Luftwaffe vor der Steilküste der zum Juan-Fernández-Archipel gehörenden Robinson-Crusoe-Insel im Südpazifik kamen alle 21 Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben. Unter den Verunglückten befindet sich auch der Unternehmer und Erdbeben-Wiederaufbau-Aktivist Felipe Cubillos, mit dem Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation ANIDE im vergangenen Jahr – nach der „terremoto“- und Tsunami-Katastrophe – bei der Neuerrichtung des völlig zerstörten Kindertagesstätten- und Stadtteilprojektes „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas (92042) intensiv zusammengearbeitet haben.

Cubillos und weitere fünf Mitarbeiter der von ihm nach dem Erdbeben vom 27. Februar 2010 gegründeten Stiftung „Desafío Levantemos Chile“ (Herausforderung Chile-gemeinsam-wieder-auf-die-Beine-zu-bringen) waren zusammen mit einem Team des Fernsehsenders TVN – „Televisión Nacional de Chile“ – sowie des „Consejo Nacional de Cultura y de las Artes“ (Nationaler Rat für Kultur und Künste) zum Juan-Fernández-Archipel geflogen, um dort die Fortschritte beim Wiederaufbau des nach dem Beben von Tsunami-Wellen zerstörten Dorfes San Juan Bautista zu begutachten und weitere Unterstützungsprojekte für die Menschen auf der rund 670 Kilometer vom chilenischen Festland entfernt gelegenen Inselgruppe zu initiieren.

Der Pilot der zweimotorigen Luftwaffenmaschine CASA C-212 hatte am Freitagabend, kurz vor 18 Uhr, chilenischer Zeit, zweimal vergeblich versucht, auf der nur 800 Meter langen Landebahn des Archipels aufzusetzen, war jedoch durch starke Böen abgedrängt worden und verlor danach offenbar die Kontrolle über das Flugzeug, das schließlich ins offene Meer stürzte. Trotz einer umfangreichen Rettungs- und Suchaktion durch die chilenische Luftwaffe und Marine – sowie die Bewohner des Juan-Fernández-Archipels – konnte niemand von den 21 Personen an Bord lebend geborgen werden.

Die zerstörte Kindertagesstätte El Pescador

Als am 27. Februar 2010 ein verheerendes Erdbeben, das mit einer Magnitude von 8,8 zu den sechs schwersten Katastrophen in der Geschichte der seismischen Forschung gehört, das Gebäude des seit Ende der neunziger Jahre von Kindernothilfe geförderten Stadtteil- und Kindertagesstätten-Projektes „El Pescador“ völlig zerstörte – und nur noch die Möglichkeit eines Totalabrisses blieb, bot Felipe Cubillos mit seiner Initiative „Levantemos Chile“ großzügig Hilfe an. Innerhalb weniger Monate gelang es mit vereinten Kräften und dem Engagement von Spendern aus Deutschland, Norwegen und Chile, für den „Pescador“ und die unter äußerst prekären Bedingungen vom Fischfang lebenden Familien aus Lo Rojas zumindest eine Teillösung zu entwickeln. Dank eines innovativen Container-Baukasten-Systems konnte ein halbes Jahr nach dem Erdbeben in einer ersten Phase der Kindergarten-Bereich des Projektes wieder in Gang gebracht werden.

„Wir haben damals, in den dramatischen Wochen nach dem Erdbeben, Felipe Cubillos kennen- und schätzen gelernt“, erinnert sich José Horacio Wood, Direktor des Kindernothilfe-Partners ANIDE, „dieser Mann brannte geradezu für die Aufgabe, Schulen und anderen Projekten mit Kindern aus Armenvierteln zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen und erneut ein Dach über dem Kopf zu haben.“ Dabei war der Unternehmer und leidenschaftliche Hochseesegler eigentlich jemand, dem, was seine familiäre Herkunft anbelangt – sein Vater diente dem Pinochet-Regime als Außenminister –, soziales Engagement nicht gerade in die Wiege gelegt worden war.

Felipe Cubillos unterstützte den Wiederaufbau von El Pescador

Doch Felipe Cubillos hielt sich, wann immer er mit Ungerechtigkeiten konfrontiert wurde, nie zurück: In einer seiner letzten öffentlichen Äußerungen vor dem Flugzeugabsturz kritisierte er mit ätzender Schärfe die betrügerischen Praktiken einiger chilenischer Unternehmen, die vor allem Kunden mit kleinen und kleinsten Einkommen durch manipulierte Kreditverträge auspressen. Cubillos sah sich selbst stets als Brückenbauer in einem Land, in dem es praktisch keine Berührungspunkte zwischen den Lebenswelten der Reichen und denen der Armen gibt. „Die Kinder aus Lo Rojas, ihre Familien und das gesamte Team des Pescador-Projektes haben“, so José Horacio Wood, „diesem Mann, seiner Kreativität und seinem rastlosen Engagement sehr viel zu verdanken.“

Dieser Würdigung und diesem Dank für eine ungewöhnliche Partnerschaft schließen uns auch wir von der Kindernothilfe an.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika,  z.Zt. Santiago de Chile (03.09.2011)