Artikel vom Mai 2011

Äthiopien/Debre Tabor: „Die Gewissheit, dass wir füreinander da sind“

Rüdiger Baege aus Essen besuchte mit seiner Familie Patenkind Yayesew. Das Besondere an dieser Reise war: Ihr Reiseführer ist früher ebenfalls durch eine Kindernothilfe-Patenschaft gefördert worden.

Fotos: privat

„Wlle Come“ steht in großen Lettern auf den Hüllen der künstlichen Blumen, die uns unser Patenkind Yayesew schüchtern und zugleich voller Erwartung entgegenstreckt. Was für ein Moment! Wir nehmen die Blumen mit großer Freude entgegen, umarmen uns spontan und unweigerlich schießen uns Tränen in die Augen. Kein noch so phantasiereicher Gedanke konnte im Vorfeld dieses Augenblickes die Emotionen vorhersehen, die in diesen Minuten in uns Purzelbäume schlagen…

WIR, das sind vier von fünf Mitgliedern der Familie Baege, die sich gerade auf den Weg gemacht haben, um ihr äthiopisches Patenkind in seiner Heimatstadt Debre Tabor zu besuchen und endlich persönlich kennenzulernen. Bisher kennen wir uns nur von Fotos und durch regelmäßige Berichte über unser Leben hier und dort. Aber das reichte uns nicht mehr aus und so hatten wir beschlossen, uns ein Bild von den Lebensumständen, von ihm persönlich im Umfeld der ihn unterstützenden Organisation sowie von Land und Leuten zu machen.

Patenkind Yayesew, 9 Jahre, aus Debre Tabor
Die Geschichte dieser Reise beginnt eigentlich schon im Jahre 2002, als wir uns für eine Patenschaft der Kindernothilfe entschieden haben. Die Wahl fiel auf den neunjährigen Yayesew aus Äthiopien. Wir wussten nicht viel von ihm, bloß dass er ein Waisenkind war und damals bei sehr armen Verwandten in Debre Tabor lebte. Als Eltern von drei gesunden Kindern (damals 15, 17, 19 Jahre) fühlten wir uns alle diesem Schicksal besonders verbunden.

Nicht allein die monatliche Unterstützung, sondern vor allem die individuellen Grüße in Form von Briefen und einem jährlichen Weihnachtspäckchen, die zudem regelmäßig freudig bestätigt und beantwortet wurden, ließen bald eine große emotionale Nähe zwischen uns wachsen. Auch die offiziellen Projektberichte der Kindernothilfe gaben uns umfassenden Einblick in die Arbeit der Organisation mit den Kindern vor Ort.

Melkamu – ein ehemaliges Patenkind als Reiseführer
Im Sommer 2009 erfuhren wir von Yayesews erfolgreicher Ausbildung zum Mechaniker, die im Jahr 2010 enden sollte und damit auch die Förderung durch das „Scholarship“-Projekt des lokalen Partners der Kindernothilfe. Spätestens jetzt regte sich in uns der Wunsch, unseren äthiopischen „Sohn“ persönlich kennenzulernen. Ein Reisebericht anderer Paten über Äthiopien im Kindernothilfe-Magazin 4/2009 veranlasste uns, als Familie mit unseren inzwischen erwachsenen Kindern konkret über diesen Traum nachzudenken. Durch Kontaktaufnahme mit den Verfassern des erwähnten Artikels sowie deren ehemaligem Patenkind Melkamu Mamo in Addis Abeba, der sich inzwischen als Reiseleiter selbstständig gemacht hat, haben wir unsere Reiseplanung über etwa sechs Monate per E-Mail gemeinsam entwickelt. Der Besuch unseres Patenkindes in Debre Tabor hatte dabei erste Priorität, war aber eingebunden in eine 18-tägige Rundreise durch Äthiopien. Für unsere Kinder war von Anfang an klar, dass sie ihren „Bruder“ in Afrika unbedingt auch kennenlernen wollten. Leider war einem von ihnen die Teilnahme an dieser Reise aus gesundheitlichen Gründen dann letztlich nicht möglich.

Das ersehnte Treffen mit Yayesew – ein emotionaler Augenblick
Unser Abenteuer begann am 19. September 2010 mit der Anreise nach Addis Abeba, wo wir kurz nach Mitternacht von Melkamu mit frischen Rosen begrüßt wurden. Nach einigen Tagen Aufenthalt in Addis Abeba und Bahir Dar, in denen wir uns bereits mit der äthiopischen Realität von Armut, Elend, Not und Krankheit konfrontiert sahen, kam es endlich am 23. September zu unserem ersehnten Treffen mit Yayesew. Wir waren alle sehr aufgeregt. Aber dann stand dieser hübsche, groß gewachsene junge Mann von fast 18 Jahren vor uns und der Bann war sofort gebrochen. Was war das für ein unglaubliches Gefühl! Nach einigen offiziellen Gruß- und Dankesworten sowohl vom Projektdirektor als auch von uns an die versammelten Mitarbeiter des Partnerprojektes, die selbst emotional sehr ergriffen waren von dieser offensichtlich nicht alltäglichen Situation, übergaben wir unsere mitgebrachten Hefte, Stifte und andere Utensilien für die zu betreuenden Schützlinge. Das löste große Freude aus!

Der weitere Tag stand uns mit unserem Patenkind zur freien Verfügung. Nachdem wir mit einigen persönlichen Geschenken seine Fußballleidenschaft erfreuen und uns beim gemeinsamen Mittagessen etwas näher kommen konnten, führte uns Yayesew anschließend durch seinen Heimatort und die nähere Umgebung. Da blieben wir auf unserem Weg nicht lange allein, hatten bald eine Traube von kleinen barfüßigen Kindern in unserem Schlepptau. Stolz zeigte uns Yayesew seine Kirche, wo er jeden Sonntag zum Gottesdienst geht und mit uns im Gebet verbunden ist. Insbesondere durch unseren Guide Melkamu entwickelten sich mit unserem Patenkind bald sehr tiefgründige Gespräche über sein weiteres Leben. Dabei wurde selbst Yayesew erst klar, was er in Zukunft für sich als wichtig erachtet und welcher Berufung er folgen möchte. Wir sind sehr froh, dass es uns in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit gemeinsam gelungen ist, ganz konkrete Ideen weiterer persönlicher Unterstützung zu entwickeln. Denn es war uns vorher nicht so bewusst, dass mit dem Ende der Förderung durch die Kindernothilfe für die Patenkinder ein Zeitpunkt erreicht ist, an dem wichtige Weichenstellungen für ihre Zukunft nötig sind, um auf eigenen Füßen stehen und damit letztlich in diesem von unbeschreiblicher Armut geprägten Land überleben zu können.

Ein schwerer Abschied
Der Abschied am nächsten Morgen war für uns alle furchtbar schwer! Schließlich hatte Yayesew in den gemeinsam verbrachten Stunden endlich seine einst verloren gegangene Familie wiedergefunden. Aber es bleibt uns eine enge emotionale Nähe und die Gewissheit, dass wir füreinander da sind. So werden wir das Leben unseres Patenkindes Yayesew mit großem Interesse und Gottvertrauen weiter begleiten und im Gebet sowie durch moderne Kommunikationsmittel auch in enger Verbindung bleiben.

Hinweis:
Interessierte, die eine Rundreise durch Äthiopien oder auch nur in einem bestimmten Gebiet des Landes planen, können sich gern mit Melkamu in Verbindung setzen:
http://www.ethiopiagreentour.com
Melkamu Gobezie, E-Mail: tour2006@yahoo.com oder info@ethiopiagreentour.com
Handy 00251.911 625 023