Artikel vom November 2010

Samstagabend, 27. November 2010 – Ankunft in Cancún

Ein vollkommen überbuchter Anschlussflug und eine unplanmäβige Übernachtung in Amsterdam, verlorenes Reisegepäck, ein unfreiwilliger Aufenthalt auf Kuba aufgrund eines Flugzeugschadens sowie ein abgebrochener Landeanflug über Cancun machten die Anreise zur 16. UN-Klimakonferenz zu einem unerwarteten Abenteuer. Trotz aller Schwierigkeiten bleibt jedoch die Hoffnung, dass diese Anreise kein schlechtes Omen für die bevorstehenden Verhandlungen des Klimagipfels sein wird.

Nach der offiziellen Registrierung am Vortag prägte ein allgemeines Verkehrschaos den Veranstaltungsbeginn am heutigen Montag. Das weiträumig hermetisch abgeriegelte Konferenzgelände befindet sich im Nordosten der Yukatan-Halbinsel zwischen den beliebten Tourismusdestinationen Cancun und Playa del Carmen.

Türkisfarbenes Meer, moderne Hotelanlagen mit allem Komfort, hervorragende Restaurants und ein reges Nachtleben machten den Küstenabschnitt in den vergangenen Jahren zu einer der meistbesuchten Urlaubsregionen Mexikos.

Wie die Aussagen von Einheimischen und Touristen bestätigen, zeigt sich Cancun seit mehreren Tagen für Viele von einer bislang unbekannten Seite. Allgegenwärtige Polizei- und Militärpräsenz, unzählige Sicherheitskontrollen sowie ein erhöhtes Verkehrsaufkommen kündigten den Klimagipfel auf ihre Art an.

Stefan Ernst

Klassik Radio baut Kindertagesstätte in Chile wieder auf: Ein Reisebericht von Moderatorin Linda Marschall

Linda Marschall machte sich mit vielen Fragen im Gepäck auf die Reise, um sich ein eigenes Bild zu machen:

(Oktober 2010) Wir bauen eine Kindertagesstätte in Chile, Concepción wieder auf. In einem Gebiet, das besonders schwer unter dem Erdbeben vor 8 Monaten gelitten hat. Schon vor meiner Abreise, nach vielen Gesprächen mit unserem Partner, der Hilfsorganisation Kindernothilfe, bin ich davon überzeugt, dass dieses Projekt ein ganz, ganz wichtiges ist. Aber wie ist die Situation tatsächlich Vorort, wie sind die Menschen, denen wir helfen wollen und wie leben sie?  

Ich fliege…!
… um die halbe Welt und eine gefühlte Ewigkeit! Von Hamburg nach Paris und dann einmal quer über den Atlantischen Ozean zur Westküste Südamerikas in die Hauptstadt Chiles: Santiago. Fragen Sie mich nicht wie lange ich unterwegs war! In jedem Flughafen ca. 4 Stunden Aufenthalt und dann gäbe es ja noch die Zeitverschiebung zu berücksichtigen. Zuviel Mathe für einen müden Kopf! Als mein 3. Flugzeug dann endlich in Concepción landet, bin ich hellwach. Nicht nur weil ich mich im Flugzeug mit einer netten chilenischen Studentin angeregt auf Englisch unterhalten habe. Sondern weil die Vorfreude auf den Grund meines Chile-Besuchs immer größer wird: „Unsere“ Kindertagesstätte „Hermanos en Cristo“, die wir gemeinsam mit der Kindernothilfe wieder aufbauen möchten, werde ich besuchen.

Festen Boden unter den Füßen
Am Flughafen von Concepción angekommen, empfangen mich eine Mitarbeiterin der Kindernothilfe und Claudia V. von ANIDE (der lokalen Partnerorganisation der Kindernothilfe). Claudia wird uns in den kommenden Tagen als Koordinatorin und Übersetzerin zur Seite stehen.
Auf dem Weg per Taxi zum Hotel sind die katastrophalen Schäden, die das Erdbeben, angerichtet hat, unübersehbar. Man stelle sich vor, 8 Monate danach! In einigen Gebieten sieht es noch so aus, als sei es erst gestern passiert. Viele Blechhäuser in den Armenvierteln sind durch den Erdrutsch komplett auseinander gerissen worden, die Dächer sind kaputt oder komplett zerstört. Durch die Erschütterung hat nahezu jedes Haus Risse, auch die Häuser, die erdbebensicher gebaut wurden.
Wir fahren an einem Wohnkomplex vorbei, der erst neu gebaut worden war, aber seit dem Erdrutsch unbewohnbar ist. Auch hier konnte das Fundament des Hauses dem starken Beben nicht standhalten.

Mit dem Van querfeldein
Nachdem ich mein Gepäck ins Hotel gebracht habe, geht’s gleich weiter: Wir machen eine Rundfahrt mit Rebeca Alarcón, der Leiterin der Kindertagesstätte „Hermanos en Cristo“. Wir fahren zu den stark zerstörten Gebieten, die an der Küste liegen. Die Bewohner der Küste wurden nicht nur vom Erdbeben aus dem Schlaf gerissen, sondern auch von der Tsunami-Welle überrascht. Die Häuser wurden überflutet und das Hab und Gut der Menschen einfach weggeschwemmt. Rebeca erzählt, dass die Bewohner mit ihren Angehörigen auf die umliegenden Hügel geflüchtet sind. Die Versorgung war komplett unterbrochen: Es gab weder Wasser noch Strom, das Telefonnetz funktionierte nicht. Rebeca hat das nötigste einpackt und ist mit Mann und Kindern und zwei Zelten auf die Hügeln geflüchtet.
Chiles damalige Präsidentin Michelle Bachelet rief sofort den Katastrophenzustand aus. Plünderer überfielen Supermärkte und Tankstellen, Raubüberfälle und Vandalismus machten die Gesamtlage sehr gefährlich.
Die Regierung entsandte 14 000 Soldaten, das Militär verhängte eine Ausgangssperre. Erst 4 Tage nach dem Erdbeben trafen die ersten Hilfsgüterlieferungen ein. Insgesamt wurden eine halbe Millionen Wohnhäuser zerstört, der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern…

Wo ist das Meer?
Das Epizentrum des Erdbebens lag nur 105km von Concepción entfernt, d.h. die Verschiebung der Erdplatten ist an der Küste erkennbar: Das Meer hat sich um viele Meter nach hinten verschoben. Somit ist das was vorher Meeresboden war, freigelegt; erkennbar durch Algen und Steine. Diese „neue Küste“ bietet ein tristes Bild: Überall liegen Autoteile und Plastikmüll herum, Schiffe sind auf Grund gelaufen und rosten auf dem ehemaligen Meeresboden vor sich hin. Wo früher aberhunderte Menschen arbeiteten, herrscht heute Friedhofsruhe: Die Fischverarbeitungsfabriken sind menschenleer und rotten vor sich hin.
Das ist besonders tragisch, denn Fischerei und Fischverarbeitung galten als Hauptertragsquellen vieler Menschen in Chile. Mit der Tsunami-Welle kam ihr endgültiger Tod. Der Gestank des faulen Fisches sei unerträglich gewesen, sagt Rebeca. Und mittendrin lagen Tote und Verletzte.
Während wir Fotos machen und Rebeca erzählt, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich bin froh als wir die Küste verlassen. Im Hotel wieder angekommen kann ich trotzdem die Bilder und Gedanken an die Katastrophe nicht abschütteln…

Herzlicher Empfang in der Kita „Hermanos en Cristo“
Am nächsten Tag haben wir eine wichtige Verabredung: Natürlich mit den Kindern und Erzieherinnen „unserer“ Kindertagesstätte! Als das Auto um die Ecke biegt, strahlt mich ein quietsch-grünes Gebäude an. Über dem Eingang ist ein Regenbogen aufgemalt und darunter der Name der Kita „Hermanos en Cristo“. Als wir ankommen, erscheint ein Begrüßungs-Komitee für uns! Viele kleine Kinder, einige Teenager und natürlich die Erzieherinnen. Die Leiterin begrüßt uns und stellt dann die Kinder vor, die gleich für uns tanzen. Mit traditionellen Trachten bekleidet, führen die Kinder einen nordchilenischen Tanz auf. Applaus, Applaus!  Und dann überraschen die Erzieherinnen alle, und treten als Tiere verkleidet auf und führen eine kleine Choreographie vor. Am Ende tanzen alle mit!
Schließlich wird noch ein Geschenk für die Klassik Radio Redaktion überreicht. Ein Tuch, das die Kinder bemalt haben, zeigt Jesus in der Krippe. Ich bedanke mich und Claudia übersetzt ins Spanische. Immerhin, ein „muchas gracias“ bekomme ich hin!

Zu Tisch, zu Tisch!
Die Erzieherinnen und Rebeca, die Leiterin, laden uns zum Frühstück ein. Wir unterhalten uns lange und ausgiebig. Sie sind alle sehr offen und erzählen viel über die Kita, über die Familien der Kinder, und über das Erdbeben; aber sie möchten nicht nur von sich erzählen, sondern auch viel von uns wissen: über Deutschland, über Klassikradio und über mich.
Übrigens wo wir gerade beim Essen sind: Die Kinder bekommen mehrere Mahlzeiten in der Kita, darunter immer eine warme Mahlzeit. Viele, die aus ärmeren Familien kommen, wissen nicht wie man sich gesund ernährt, da sie das zu Hause nicht vorgelebt bekommen und oft aus finanziellen Gründen keine ausgewogene Ernährung erhalten.

Kitas braucht das Land!
Die Kindertagesstätte hat einen wichtigen Stellenwert in Chile. Vor, aber eben auch besonders nach dem Erdbeben. Mutterschaft ist dort selbstverständlich, dabei spielt es oft keine Rolle, ob das Kinderkriegen in die Lebens- und Arbeitsplanung passt. Und auch die Höhe des Einkommens ist nicht ausschlaggebend für die Familienplanung. Auch wenn eine Frau keine Ausbildung hat und keine Arbeit, sobald sie Mutter ist, hat sie eine Beschäftigung und wird als „Vollzeitmutter“ respektiert; der Status der Mutterschaft wird hochgehalten. Chile hat daher viele Großfamilien. Das älteste Kind muss sich oft um die kleinen kümmern, während die Eltern/der alleinerziehende Elternteil arbeiten/arbeitet. Für viele Kinder natürlich eine Belastung und zu viel Verantwortung. In der Kita können die älteren Geschwister ausspannen und auch mal Verantwortung abgeben, sie und ihre jüngeren Geschwister werden dort, wenn sie nicht in der Schule sind, bis nachmittags/abends betreut. „Hermanos en Cristo“ nimmt viele Kinder aus alleinerziehenden Familien auf.
Eine richtige Erfolgsgeschichte haben mir die Erzieherinnen erzählt: Eine junge Frau aus sehr, sehr armen Verhältnissen hat ein Kind bekommen, aber hat sich durchgekämpft und ihre Schule mit Auszeichnung bestanden. Mittels eines Stipendiums (denn Unis sind sehr teuer) kann sie jetzt Medizin studieren. Das geht nur Dank der wichtigen Arbeit „unserer“ Kita „Hermanos en Cristo“: Hier kann sie tagsüber ihre kleine Tochter in die Betreuung geben.
Die Erzieherinnen arbeiten bei der Kindererziehung eng mit den Eltern zusammen, das ist oberstes Gebot. Denn nur so können die Erzieherinnen wirklich etwas erreichen, vor allem bei der schulischen Karriere der Kinder. Bei den Eltern muss die Einsicht greifen, dass Bildung das wichtigste Gut für ihre Kinder ist. Die meisten schaffen gerade mal so mit Ach und Krach die Grundschule. Daher ist es wichtig, dass die Kinder individuell gefördert werden, um auf die Oberschule zu kommen. In Problemfächern wie Mathe bekommen sie dann z.B. in der Kita Nachhilfe und werden bei den Hausaufgaben betreut. In „Hermanos en Cristo“ gibt es sogar einen Computer mit Internetzugang –ein Luxus, von dem viele Familien nur träumen können.

„Hermanos en Cristo“ – Eine 2. Familie…
„Tia!“ heißt zu Deutsch „Tante“. So rufen die Kinder ihre Erzieherinnen – und wie eine Familie fühlt sich das auch hier an. Nestwärme und Geborgenheit kennzeichnen den Alltag. Die Kinder werden umarmt, umsorgt und geherzt.
Das prägt, denn sie verbringen in derselben Kita viel Zeit, Tag aus und Tag ein. Und das über viele Jahre ihres Lebens. Alle werden betreut, von der Kinderkrippe für die Kleinkinder bis hin zur Hausaufgabenhilfe für die Jugendlichen. Und dafür braucht man natürlich viele gute Erzieherinnen. Sie sind feste Bezugspersonen im Leben der Kinder. Es gibt 4 Hierarchien, ganz bewusst durch unterschiedliche Uniformen sichtbar gemacht: Die Leiterin der Kita ist Rebeca Alarcón, sie trägt das gleiche grüne Kostüm wie die „Tanten“, die ausgebildeten, d.h. studierten Erzieherinnen. Dann gibt es die Kinderpflegerinnen, in grün-rot-kariertem Blazer oder Kostüm. Die Praktikanten schließlich, die entweder zur Schule gehen oder schon Erziehungswesen studieren, tragen hellblau. Auch sie sind feste Größen im Leben der Kinder: ihr Praktikum machen sie meist mehrere Semester während ihres ganzen Studiums.
Und genau das ist eine der Kernkompetenzen von „Hermanos en Cristo“: Konstanz. Kein ständiges Kommen und Gehen, alle die hier arbeiten, von der Chefin bis zum Praktikant, bleiben lange. Sie sind eine, wenn nicht die wichtigste Konstante im Leben der Kinder und Jugendlichen. „Hermanos en Cristo“ wird zur 2. Familie. Hier wurden sie aufgefangen, nachdem das verheerende Erdbeben ganz Chile erschütterte. Hier fühlen sich Kinder wohl.

Concepción wird erschüttert…
Als am 27. Februar die Erde bebt, ist keines der Kinder im Kita-Gebäude, denn das Erdbeben ereignete sich nachts um 3:34h Ortszeit mit einer Stärke von 8,8 auf der Richterskala.Familien werden aus dem Schlaf gerissen, dramatische Szenen spielen sich bei der Flucht ab. In der Dunkelheit kann niemand die Tsunamiwelle sehen. Menschen werden unter und in ihren Häusern begraben. In großer Eile packen die Bewohner ihr Hab und Gut zusammen, bzw. den kläglichen Rest davon. All das, was Erdbeben und Tsunami nicht genommen haben. Viele retten nur das allerwichtigste: das eigene Leben und das der Familienmitglieder.

„Hermanos en Cristo“ – Glück im Unglück
Das Gebäude steht noch. In all dem ganzen Unglück für Rebeca Alarcón eine Nachricht, die ihr dennoch die Tränen in die Augen treiben, denn das Gebäude ist stark beschädig: Jede Wand hat mehrere Risse, die Holzböden sind unstet, ohne zusätzliche Stützpfeiler würden manche Zimmer einstürzen, alle Räume sind von Schimmel befallen. Das Gebäude ist in höchstem Maße baufällig und nach deutschen Sicherheitsbestimmungen dürfte man es gar nicht betreten. Die Kinder und Erzieher der Kita haben allerdings keine Alternative: die Betreuung muss weitergehen, jetzt sogar noch viel mehr als vor der Katastrophe. Die Kinder sind jetzt länger hier, die Kita ist ihre „Fluchtburg“. Ihr Zuhause ist oft noch stärker zerstört als ihre Kita, ihre Eltern sind mit dem Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser beschäftigt. Viele wohnen in provisorischen Unterkünften, die die Stadt ihnen zur Verfügung gestellt hat. D.h. leben auf engstem Raum mit Dixie-Toiletten. Aus dem Provisorium wird in den meisten Fällen eine dauerhafte Bleibe.
Die Kita ist also ein zusätzlicher Lebensraum. Und hier können die Kinder ein Stück weit ihr Erdbeben-Trauma bewältigen, sich ihren Kummer von der Seele reden und ihre Erlebnisse spielerisch verarbeiten.
Die Sicherheit der Kinder steht bei „Hermanos en Cristo“ an erster Stelle. Die Architektin Valentina Torres hat sich der Renovierung und Sanierung der Kita angenommen. Das Gebäude soll wieder stabil werden und natürlich Erdbeben-sicher. Zugleich auch offener, heller, moderner.

Ein Koffer voller Eindrücke…
Nach drei Tagen heißt es, Abschied nehmen. Von den Kindern der Tagesstätte, von den Erzieherinnen, Rebeca Alarcón und allen, die am Wiederaufbau beteiligt sind. Im Koffer habe ich das Geschenk für unsere Klassik Radio Redaktion: Das bemalte Tuch von den Kindern aus „Hermanos en Cristo“. Auf dem langen Rückflug habe ich genug Zeit um über das Erlebte nachzudenken und mir wird bewusst wie viele Luxusprobleme wir in Deutschland haben. Im Vergleich zu vielen Menschen in Chile, die Familienmitglieder oder ihr Hab und Gut durch das Erdbeben verloren haben und in Armut leben, geht es uns hierzulande ziemlich gut.
Ich kann es kaum erwarten die ganzen Fotos und die Interviews mit den Kollegen und schließlich mit unseren Hörern zu teilen!

„Muchas Gracias…“ (= Vielen Dank…)
An die Jungen und Mädchen in „Hermanos en Cristo“, die mir ganz tapfer alle Fragen im Interview beantwortet haben!An die Erzieherinnen und an Rebeca Alarcón für den herzlichen Empfang, die vielen Gespräche und das leckere Essen!An alle Beteiligten, die für und in „Hermanos en Cristo“ arbeiten. Dank ihrer Arbeit haben viele Kinder und Jugendliche die Chance auf ein besseres Leben.

Mehr Informationen:

http://www.kindernothilfe.de/klassikradio.html