Artikel vom September 2010

Haiti: Neues Kinderzentrum in Port-au-Prince/Tokyo

Text und Fotos: Katja Anger, Haiti

Am 1.  September öffnete die Kindernothilfe die Türen ihres neuen Kinderzentrums in Tokyo, einem Bezirk im Stadtteil Delmas 2 von Port-au-Prince. Es ist das erste der 16 Kinderzentren, das vom Kindernothilfe-Haiti-Team ohne Partner direkt implementiert wird.

Eine Herausforderung, auf die sich Mericia, Assistentin der Programm Leitung, sehr freut: „Es ist ein ganz tolles neues Projekt, das von Anfang an gut angelaufen ist. Momentan suchen wir noch nach mehr Kindern in den nahe gelegenen Zeltlagern ‚Football’ und ‚Boliman’, die nicht zur Schule gehen und unbedingt einen Ort brauchen, an dem man sich um sie kümmert, wo sie spielen können und ihr Lachen wiederfinden.“

Die Bewohner von Delmas 2 haben der Kindernothilfe das Terrain, welches vorher ein Basketballplatz war, zur Verfügung gestellt, und nun spielen hier seit zwei Wochen 79 Kinder. Die Zahl wird noch auf 250 anwachsen, schließlich ist genug Platz da, und es gibt zehn Betreuer, die größtenteils selbst aus Delmas 2 stammen und von der Kindernothilfe ausgebildet wurden: „Es ist sehr wichtig, die Menschen, die in der Nähe wohnen, in das Projekt einzubinden. Die Gestaltung liegt somit zuallererst in ihren Händen, und es gibt ihnen das Gefühl, Teil dieses Projektes und seines Erfolgs zu sein. Dies wiederum hilft, eine gewisse Kontinuität des Projekts zu garantieren“, erklärt Eva Meyer, die Programmkoordinatorin der Kindernothilfe Haiti.

Wenn man die Kinder fragt, warum sie gerne ins Kinderzentrum kommen, lassen die Antworten nicht lange auf sich warten: „Zum Lernen“, „Mich informieren“, „Sport machen“, „Spaß haben“, „Ablenkung finden“… – und Jolivant, ein kleiner Junge von 12 Jahren, fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Ich bin glücklich hier, und ich habe schon ganz viele Sachen gelernt, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, das es sie gab.“

Er meint die Lieder, die ihm die Betreuer beibringen, die Spiele, die sie spielen, und Aktivitäten wie Malen und Basteln. Aber manchmal leider auch mehr als das.

Nerlyne, die Leiterin des Kinderzentrums, hat bemerkt, dass manche der Kinder nicht lachen können oder nicht verstehen, was es ist zu lachen gibt. Ja, manchmal kennen sie nicht einmal das Wort „Lachen“ (Sourire auf Kreol): „Die meisten Kinder kommen aus der unmittelbaren Umgebung. Die Menschen hier sind sehr arm. Es gibt viele Probleme, viel Gewalt und Kriminalität, weil viele große und schlecht ausgestattete Zeltlager in der Umgebung liegen. Durch das Kinderzentrum haben wir die Möglichkeiten, wenigstens 250 Kinder von der Straße zu holen, sie zum Lachen zu bringen und ihnen Perspektiven zu geben. Darüber bin ich stolz und glücklich.“

Die Kinder aus Delmas 2 und Tokyo haben auch in den letzten acht Monaten sehr unter schlechten hygienischen Bedingungen gelitten, und viele von ihnen sind krank. Deswegen ist auch LandsAid, eine medizinische NGO, mit der die Kindernothilfe momentan die Projekte besucht, letzten Freitag hierher gekommen und hat die Kinder behandelt.

Das KNH Haiti Büro freut sich über den Kinderzentrum-Neuzuwachs!

Haiti: Weniger unterernährte Kinder als gedacht

Kooperation Kindernothilfe Haiti – LandsAid: Innerhalb von zwei Wochen wurden bereits 521 kleine Patientinnen und Patienten versorgt und behandelt.

Text: Antonie Hutter und Katja Anger, Kindernothilfe 
Fotos: Katja Anger

Gemeinsam mit einem haitianischen Assistenzarzt, vier Krankenschwestern, zwei Dolmetschern und einem togolesischen Koordinator besucht ein deutscher Arzt jeden Dienstag und Freitag die Kinderzentren und Notschulen der Kindernothilfe in Haiti. Sie untersuchen und behandeln Mädchen und Jungen – bei 41 Grad Celsius über fünf bis acht Stunden lang! Anschließend geben sie ihnen die nötigen Medikamente, die für die weiterführende Therapie wichtig sind.

Viele der Jungen und Mädchen sind erst drei Jahre alt, daher kommen zur Untersuchung häufig die Eltern dazu – um dabei zu helfen, die Beschwerden der Kinder zu artikulieren und darauf zu achten, dass die Medikamente ordentlich eingenommen werden. Manchmal kommt es vor, dass auch ein Elternteil, vor allem schwangere Mütter, mitbehandelt werden. Doch natürlich nur wenn ausreichend Zeit ist, denn die Kinder haben Vorrang!

Die Kinder haben starke Widerstandskräfte entwickelt
Auf dem Programm stehen Generaluntersuchungen, Wurmbehandlungen sowie freie Medikamentenausgabe. Die Untersuchungen gehen normalerweise morgens gegen 9 oder 10 Uhr los – abhängig vom Anfahrtsweg über die unterschiedlich holprigen Straßen von Port-au-Prince zum Kinderzentrum bzw. zur Notschule. Eigentlich sollten sie nur bis 15 Uhr dauern, was aber meistens nicht eingehalten wird. Im CfS Cineas wird auch schon mal bis 18 Uhr weitergearbeitet. Wie die sehr engagierte Krankenschwester Caro es ausdrückt: „Wenn viel los ist, können wir nicht einfach unsere Sachen zusammenpacken und gehen. Das wäre nicht fair den verbleibenden Kindern gegenüber; die Menschen hier brauchen dringend ärztliche Unterstützung.“

Viele Kinder leiden an Hautkrankheiten, vor allem an Krätze, aber glücklicherweise weniger an Unterernährung. „Die größte Überraschung und das schönste Erlebnis waren, dass es viel weniger unterernährte Kinder gibt als ich dachte“, berichtet Günther Eidelloth, der Mediziner im Team. „Die meisten Mädchen und Jungen, die ich gesehen habe, haben eine starke Widerstandskraft. Das hat auch damit zu tun, dass ihre Abwehrkräfte schon das ganze Jahr über auf Hochtouren laufen.“ Die gesundheitliche Situation in Haiti schätzt er so ein: „Momentan herrscht ein labiles Gleichgewicht, welches jedoch mit zu viel Regengüssen leicht kippen und eine Epidemie verursachen könnte. Wir hoffen auf das Beste.“

Massenandrang bei der ärztlichen Sprechstunde
„Anfangs ging’s auch ein paar mal etwas chaotischer zu,“ erinnert sich Günther Eidelloth, „zum Beispiel in Fort National, einem der meist zerstörten Vierteln von Port-au-Prince. Als die Menschen um das Kinderzentrum in dieser Ruinenstadt erfuhren, dass es freie Behandlungen und Medikamente von einem Ärzteteam im Kindernothilfe-Kinderzentrum gab, kam es zu einem massiven Andrang.“

Mit besänftigen Worten seitens des Kindernothilfe Haiti-Koordinators Jürgen Schübelin konnte eine friedfertige Atmosphäre wiederhergestellt werden. Die weiteren Besuche gingen dann auch sehr friedlich und organisiert vonstatten.

Celine ist eine der Hauptverantwortlichen für einen reibungslosen Ablauf. Sie arbeitet seit Juni 2010 als Krankenschwester und Leiterin des Gesundheit-Departments im Kindernothilfe Haiti Büro. Sie hat ihren Hochschulabschluss an der Adventistischen Universität von Haiti gemacht und danach das Staatsexamen für Krankenschwestern. Über die Kooperation mit LandsAid sagt sie: „Es ist wirklich eine tolle Initiative und eine große Unterstützung, um den Kindern unserer Projekte gesundheitlichen Beistand zu leisten.“

Kindernothilfe Haiti Projekte – Kinderzahlen im August 2010:
17.08 – Fort National: 131 behandelte Kinder
24.08 – Warf Jeremy: 124 behandelte Kinder
27.08 – Delmas 33/ Cineas: 163 behandelte Kinder
31.08 – Fort National: 103 behandelte Kinder

Weitere Infos über die Arbeit von LandsAid in Haiti

Valérie (11) – eine Kinderarbeiterin in Port-au-Prince

Trauma-Arbeit mit Restavèk-Kindern in Haiti

Text: Antonie Hutter und Katja Anger, Kindernothilfe
Foto: Katja Anger

Jeden Morgen legt die elfjährige Valérie einen Gewaltmarsch zurück. Barfuß mit nur ein paar Fetzen Kleidung am Leib, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Ihr Ziel ist die Wasserstelle in Wharf Jérémie, der Armengemeinde in Cité Soleil – dem größten Elendsviertel von Port au Prince. Valérie ist eines von tausenden Restavèk Kindern in Haiti.

In dem Inselstaat arbeiten derzeit bis zu 300.000 Mädchen und Jungen unter sklavenähnlichen Bedingungen in fremden Familien. Bereits vor dem Erdbeben hat die Kindernothilfe Schutz und Bildung von rund 450 Restavèks gefördert. Nach dem Beben hat sich ihre Situation noch verschlimmert. Fern von ihrer Familie haben die meisten Restavèk Kinder das Beben überlebt. In sogenannten Gastfamilien verrichten sie Erwachsenenarbeiten wie das Schleppen von Wasser, Putzen, Kehren; ausgemergelt, geschwächt, die meisten krank.

Das Kinderzentrum in Wharf Jeremie
Um die kleinen Hausarbeiter von der Straße zu holen, hat die Kindernothilfe ein Sofortprogramm gestartet. Zusammen mit dem haitianischen Partner Mocosad bietet sie bis zu 400 Kindern Zuflucht in einem Gemeindehaus für Restavèk-Kinder im Zentrum von Wharf Jeremie. Nach dem Beben war das Gebäude völlig zerstört. Heute steht auf dem Gelände ein Kinderzentrum, gebaut aus Wellblech, Steinen und Planen.

Die Kleinen bekommen eine warme Mahlzeit am Tag, werden pädagogisch betreut und medizinisch versorgt. Einige der Kinder leiden an Hautkrankheiten, vor allem Skabies- Krätze, aber glücklicherweise immer weniger an Unterernährung. „Die größte Überraschung und das schönste Erlebnis waren, dass es viel weniger unterernährte Kinder gibt als ich dachte. Die meisten Kinder die ich gesehen habe, haben eine starke Widerstandskraft“, schätzt Günther Eidelloth, Mediziner der KNH-Landsaid Kooperation die Lage ein. Im Gemeindezentrum übernehmen Kindernothilfe-Mitarbeiter die Ausgabe von Medikamenten und Aufbaunahrung. Rund 15 Lehrer und Lehrerinnen verteilen Schulmaterialien wie Hefte, Bücher und Stifte. Außerdem sind Vorbereitungen für den erdbebensicheren Wiederaufbau des Gemeindezentrums und einer Schule in vollem Gange.

„Ich komme gerne hierher“
Auch Valérie kommt seit vier Monaten zum Unterricht. Seit sie jeden Tag zur Schule geht, hat sie sich gut erholt. „Ich komme gerne hierher. Rechnen ist mein Lieblingsfach.“, lächelt sie. Pädagogen unterstützen sie und die anderen Kinder bei den Hausaufgaben, ermutigen sie, über das Erdbeben zu sprechen und Traumata aufzuarbeiten.

Die Kindernothilfe schenkt diesen entwurzelten Kindern einen Zufluchtsort, und hilft ihnen, die Schule zu beenden, um später eine Arbeit zu finden.

309.000 Kinder leben immer noch in Auffanglagern
Mehr als 180.000 Menschen sind bei den Erdstößen am 12. Januar in Port au Prince und Umgebung ums Leben gekommen, rund 1,5 Millionen Menschen leben noch immer in Auffanglagern und Camps, darunter etwa 309.000 Kinder. Besonders hart getroffen hat es die Randgruppe der Restavèks. Viele dieser Mädchen und Jungen sind seit dem Beben komplett auf sich alleine gestellt. Hier in Notschule und Gemeindezentrum werden sie aufgefangen. „Es sind kleine Erfolgserlebnisse, wie die Tatsache dass Mädchen wie Valérie jeden Tag zu uns kommen, die uns immer wieder in unserer Arbeit bestätigen“, erklärt Madame Sylvie, die Sekundarstufenlehrerin.

Pakistan-Tagebuch: Selbstmordanschlag in Lahore

Detlef Hiller, Kindernothilfe-Koordinator in Pakistan, berichtet täglich aus dem Katastrophengebiet.

2.  September 2010

Befinde mich auf der Fahrt nach Lahore, um von dort wieder zurück in denn Süden zu fliegen. Gestern sprengten sich in Lahore drei Selbstmordattentäter in die Luft. Bis jetzt 27 Tote und 200 Verletzte. Ziel war eine religiöse Prozession der Schiiten, die hier mit 20 % der Bevölkerung eine Minderheit bilden.  Seit Januar 2008 war dies der 20. Anschlag (!) allein in Lahore. Als ob die Mehrheit der friedlichen Menschen hier nicht genug Probleme hätte!

Pakistan-Tagebuch: „75 Prozent der Reisernte ist zerstört“

Detlef Hiller, Kindernothilfe-Koordinator in Pakistan, berichtet täglich aus dem Katastrophengebiet.

1.  September 2010

Gestern haben wir unser zentrales Kindernothilfe-Team in Pakistan um einen Mitarbeiter verstärkt. Er wird uns ab heute unterstützen. Ein sehr erfahrener pakistanischer Entwicklungs- und Katastrophenhelfer. Hier steigen inzwischen die Reispreise. 75 % der Reisernte in den wichtigsten Anbaugebieten wurde zerstört. Da ein ganzer Industriebereich davon abhängt, befürchtet man nicht nur Lebensmittelknappheit und unerschwingliche Preise für die Armen, sondern auch eine Wirtschaftskrise verbunden mit politischen Unruhen.