Artikel vom Juli 2010

Kindernothilfe-Partner senkt HIV-Mutter-Kind-Übertragung auf 2,1%

Kindernothilfe-Aids-Experte Frank Mischo, hier im Bild mit Dr. Glory Alexander vom Kindernothilfe-Partner ASHA-Foundation, berichtet von der Weltaidskonferenz in Wien:

In der Child Networking Zone im Global Village besuchten 40 Interessierte die Verantstaltung zur Mutter-Kind-Übertragung. Dr. Glory Alexander vom Kindernothilfepartner ASHA-Foundation und Jorge Bejarano Villeda,  Direktor von Care in Ecuador, berichteten über die Fortschritte, aber auch die Schwierigkeiten für eine flächendeckende HIV-Präventionsmöglichkeit für Babys und ihre Eltern. Weltweit haben gerade einmal 45% die Möglichkeit, die Übertragung des HI-Virus zu verhindern.

In Indien werden 5,5 Millionen der 27 Millionen schwangeren Frauen getestet. Das sind zur Zeit noch 20%.  Die zentrale Forderung an die indische Regierung lautet deshalb, mehr Mittel für die Verhinderung der Mutter-Kind-Übertragung zu Verfügung zu stellen. Bei den 72.000 von der ASHA Stiftung getesteten und bei Bedarf behandelten Frauen konnte die HIV-Übertragung auf ihre Babys von mehr als 30% auf 2,1% reduziert werden.

Aktuelles von der Weltaidskonferenz 2010 in Wien

Frank Mischo, Aids-Experte der Kindernothilfe, berichtet aus Wien:

Gerade wurde der Stands der deutschen Bundesregierung eröffnet: Die Parlamentarische Staatssekretärin Frau Widmann-Mauz vom Bundesgesundheitsministerium sprach vom starken Engagement der deutschen Bundesregierung nach dem Motto der Weltaidskonferenz Rights Here – Rights now.
Die anwesenden Vertreter der Zivilgesellschaft waren eher sprachlos, besonders angesichts der mangelnden Verantwortung für das Recht auf Leben: Die Bundesregierung hat kurz vor der Eröffnung der Weltaidskonferenz angekündigt, die Leistungen zur Aidsbekämpfung massiv zu kürzen. Das trifft besonders den größten Geldgeber zur Bereitstellung der täglich von HIV und Aids Betroffenen benötigten Medikamente , den Globalen Fonds für Tuberkulose, Malaria und Aids.


Die deutschen im Aktionsbündnis gegen Aids zusammengeschlossenen Organisationen der Aids- und Entwicklungszusammenarbeit kündigten an, die Versuche der Bundesregierung, sich einerseits beim Thema Aids der Verantwortung zu entziehen und andererseits internationale Verpflichtungen nicht zu erfüllen, öffentlich zu machen. Der Direktor für Außenbeziehungen des Globalen Fonds, Christoph Benn, kündigte an, dass es sogar Signale gibt, dass die Bundesregierung die Zahlungen an den Globalen Fonds vollkommen einstellen will. Benn berichtete auch davon, dass Entwicklungsminister Dirk Niebel schon im Januar versucht hatte, den Globalen Fonds-Beitrag für das laufende Jahr auf 142 Millionen Euro zu kürzen.
2007 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel noch zur entscheidenden Geberkonferenz eingeladen: Durch die steigenden Finanzmöglichkeiten gehen in einigen der am meisten von HIV und Aids betroffenen Staaten die HIV-Infektionsraten spürbar zurück – zum Beispiel in Kenia und Ruanda. Wie die meisten Regierungen weltweit hat sich die Bundesrepublik Deutschland den Millenniumszielen verpflichtet.

Norwegens Prinzessin Mette Marit zu Besuch in der Child Networking Zone der Kindernothilfe

Diese Verpflichtung, die Zahl der Armen zu halbieren, fordert auch bis Ende 2010 einen universellen Zugang zu Behandlung, Pflege und Prävention für alle Menschen weltweit. Ohne finanzielle Unterstützung der Industriestaaten für ärmere Staaten rückt dieses Ziel in weite Ferne. Bisher beteiligte sich Deutschland mit 200 Mio. Euro pro Jahr.

Insgesamt kommen in den Jahren 2008-2010 9,7 Milliarden US-Dollar für den Globalen Fonds alleine von den acht größten Industriestaaten. Die kommende Geberkonferenz für den Zeitraum 2011-2013 Anfang Oktober 2010 wird jetzt mit großer Spannung und Skepsis von Seiten der Zivilgesellschaft erwartet. Für 2011 ist schon bekannt geworden, dass Deutschland 200 Mio. Euro ankündigen wird. Während andere G8-Staaten auch Ankündigungen für 2012-2013 machen, schweigt die deutsche Bundesregierung. Karin Roth, die Sprecherin der SPD im Unterausschuss Gesundheit in Entwicklungsländern, vermutet, dass die Regierung angesichts der angespannten Haushaltslage die für die Aidsbekämpfung benötigten Mittel umschichten will, um über fünf Jahre 80 Mio. Euro medienwirksam, wie im Juni 2010 auf dem G20-Gipfel versprochen, zur Bekämpfung der Kinder- und Müttersterblichkeit einzusetzen, ohne reales Geld zusätzlich ausgeben zu müssen. Das Aktionsbündnis gegen Aids, in dem die Kindernothilfe aktiv mitwirkt, will die Folgen der Kürzungen der Bundesregierung Deutschland für die betroffenen Menschen bis Anfang Oktober öffentlichkeitswirksam deutlich machen.

Ein Gruß aus Durban zum Halbfinale

Duncan Andrew und Robyn Hemmens von den südafrikanischen Kindernothilfe-Partnern Thandanani  und Dlalanathi grüßen aus Durban:

Thandanani & Dlalanathi would like to wish you all „Good Luck“ for semi finals on Wednesday!

As you will see in the attached picture we have been firm supporters since the first game against Australia in our fantastic stadium in Durban.

Go Germany – Make it happen!

Thandanani & Dlalanathi would like to wish you all „Good Luck“ for quarter finals tomorrow!

Haiti: Public Viewing inmitten der Ruinen

Liebe Fußballfreunde in Deutschland,

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein. Wenn Ihr glaubt, dass die tollste Feier zum unfassbaren 4:0-Sieg der DFB-Elf vom Samstagnachmittag über die argentinische Selección in Wanne-Eickel, Duisburg oder unter dem Brandenburger Tor stattgefunden hat, täuscht Ihr Euch gewaltig. Ihr habt möglicherweise auch Euren Spaß gehabt, das bestreiten wir ja gar nicht, aber das, was heute hier in Haiti abging, könnt Ihr Euch einfach beim besten Willen nicht vorstellen.

Gestern waren die Menschen nach der brasilianischen 1:2-Niederlage gegen die Niederlande noch am Boden zerstört. Fassungslos. Tränen und betretenes Schweigen. Brasilianischer Fußball ist in diesem Land das Größte. Nur, weil die Menschen in Haiti die brasilianischen Fußballer lieben, bei jeder WM und jeder Copa Libertadora (dem lateinamerikanischen Pendant zur Europameisterschaft)die treuesten aller Fans der brasilianischen Nationalauswahl sind, werden die brasilianischen MINUSTAH-Soldaten im Lande gern gelitten, was man von vielen anderen Kontingenten dieser UN-Schutztruppe nicht behaupten kann. Seit Wochen wurde ganze Straßenzüge in Port-au-Prince mit den brasilianischen Nationalfarben geschmückt. Zwischen den Ruinen hängen Girlanden aus gelben und grünen Plastikflaschen, liebevoll wochenlang aus dem Müll herausgesucht. Die Bierwerbung im Fernsehen macht mit der Präferenz der Fans ihre Geschäfte. Nach jedem Brasilienspiel sind die Straßen von Port-au-Prince stundenlang unpassierbar.

Karnevalsstimmung: Hunderttausende auf der Straße. Die Regierung hat die FIFA-Rechte für alle Übertragungen aus Südafrika gekauft und gratis an sämtliche Fernsehkanäle weitergegeben. Keine andere Entscheidung, die Präsident René Prèval seit der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar getroffen hat, war so populär wie diese.  Überall in den Lagern und Zeltstädten wurden Großleinwände installiert. Die Rechnung ging auf: Während der Fußballweltmeisterschaft hörten die täglichen Demonstrationen gegen Prèval und seine Regierung schlagartig auf. Die Menschen in Haiti, deren eigene Nationalmannschaft 1974 zum allerletzten Mal, damals in Deutschland, selbst bei einer WM dabei war – und wo es derzeit in der Hauptstadtregion keinen einzigen bespielbaren Fußballplatz gibt, weil jede freie Fläche mit Notunterkünften bedeckt ist, fiebern sich kollektiv in Fußballextase.

Wer behauptet, Fußball sei Opium fürs Volk, irrt. Zumindest in Haiti. Hier ist Fußball Therapie. Zum ersten Mal in diesem furchtbaren halben Jahr seit der Katastrophe vom 12. Januar haben die Menschen wieder richtig Spaß, Freude am Feiern. Fußball als Katharsis. Was für ein Geschenk!

Und dann das Unfassbare: Brasilien verliert gegen die Niederlande. In Haiti ist das so etwas wie eine nationale Katastrophe. Doch diesmal dauert die Trauer nur eine Nacht. An diesem Samstagmorgen wachen die allermeisten Brasilienfans als Freunde der deutschen Nationalmannschaft auf: Weil, eines mögen sie nun wirklich nicht: Dass, gestern in ihrer bittersten Stunde, Zehntausende von Argentinien-Anhänger (die gibt es nämlich auch) schadenfroh stundenlang und lautstark den Sieg der Holländer gefeiert haben. Da passt es gut, dass der Tag der Rache nicht lange auf sich warten lässt: Deutschland gegen Argentinien, der Klassiker!

Wir, das sind meine Kollegin Antonie Hutter und ich, sind eigentlich mit dem ARD-Hörfunk-Redakteur Martin Polansky zum Arbeiten unterwegs, Besichtigung der Abrissarbeiten der beim Erdbeben stark beschädigten Fort-National-Schule im Stadtteil Impasse Terrasse. Zum Glück sind wir so früh da, dass wir die wackeren Bauarbeiter der Firma G 3 noch in voller Aktion erleben, mit Vorschlaghämmern, Schaufeln, Schubkarren, Spitzhacken und weißen Schutzhelmen auf dem Kopf. Um neun Uhr haitianischer Zeit ist dann aber erst einmal Schluß mit dem Abriss. Das Spiel Argentinien gegen Deutschland wird angepfiffen. Ganz Impasse Terrasse drängt sich um die Fernsehgeräte, die draußen vor den Häusern, in den engen Gässchen aufgestellt werden. Der Strom kommt aus Autobatterien, die sorgfältig aufgeladen wurden, damit es wirklich für 90 Minuten und eventuell die Verlängerung und das Elfmeterschiessen reicht.

Public Viewing inmitten der Ruinen. Wir stellen uns erst mal ganz schüchtern dazu. Man weiß ja nie, vielleicht sind die Leute hier alle Argentinien-Fans.  Herr Müller mit seinem ersten Tor belehrt uns eines Besseren. Um uns herum brechen lautstarke Jubelstürme los. Frauen, durchaus nicht mehr ganz im Mädchenalter, rennen aus den Häusern, fallen sich um den Hals. Begeisterung pur. Impasse Terrasse brüllt für Deutschland. Müller, Müller, Müller! Der Wahnsinn geht weiter – Klose, Friedrich, Klose. Bei jedem argentinischen Angriff halten sich die Leute die Hände vor die Augen. Bloß kein Tor für Maradonna. Den mögen sie hier nicht, das merken wir sehr schnell.

Ein mutiger Argentinienfan versucht mit seiner Schubkarre verzweifelt, durch die Menschenmenge zu kommen. Weil er aus seinem Ärger über den Spielverlauf keinen Hehl macht, bekommt er von den begeisterten Deutschlandfans die gelbe Karte gezeigt: „Siehst Du, so geht es den Schadenfrohen!“

„Warum um Himmelswillen“, fragt Martin Polansky aus dem ARD-Studio Mexiko die Leute fassungslos, „seid Ihr alle für Deutschland?“ Eigentlich sind wir ja für Brasilien, antwortet Fabienne, die eine ganze Menge von Fußball versteht, „aber, nachdem Brasilien verloren hat, muß Deutschland gegen Argentinien gewinnen!“ Und dann wird sie richtig philosophisch: „Fußball ist das schönste Spiel der Welt. Alle Menschen freuen sich. Und wir vergessen für einen Moment die Ruinen um uns herum.“

Weil wir es immer noch nicht richtig begriffen haben, erklärt uns Fabienne begeistert: „Im Endspiel Deutschland gegen Holland sind wir natürlich für die Holländer, die haben ja schliesslich die Brasilianer besiegt.“

Doch vorher wird in Impasse Terrasse gefeiert. Und wie! Laut hupende Motorradfahrer halten uns begeistert´die Hand mit dem abgewinkelten Daumen und den vier nach oben gestreckten Fingern entgegen: 4:0. Tausende von Menschen tanzen und winken. Dass sie uns nicht noch im Triumphzug durch die Straßen tragen, ist alles. Eine begeisterte Menschenmenge schwenkt die deutsche Fahne. Dass auf der Fort-National-Baustelle nach diesem Fest noch weitergearbeitet wird, können wir getrost ausschliessen.

Die Menschen in Haiti mögen derzeit eine Menge Probleme haben. Aber Eines kann Ihnen niemand nehmen: Sie die sympathischsten Fußballfans der Welt.  Liebe FIFA, falls Sie zufällig nicht wissen sollten, wohin mit der nächsten Fußball WM, wir hätten da einen Vorschlag: Port-au-Prince, Haiti!

Viele Grüße nach Deutschland senden:

Antonie Hutter und Jürgen Schübelin