Artikel vom April 2010

Der haitianische Staat ist wieder da

Von Jürgen Schübelin, Port-au-Prince

Seit Wochen haben wir genau immer wieder das gefordert, was jetzt langsam aber sicher auf den Straßen von Port-au-Prince sichtbar wird: Dass die haitianischen Behörden, der Staat, der am 12. Januar bis ins Mark erschüttert wurde, endlich wieder das Heft in die Hand nimmt, in Erscheinung tritt und seinen Bürgern gegenüber manifestiert: Es gibt auch noch eine nationale Autorität, die sich um euer Wohl Gedanken macht, nicht nur die Internationale Gemeinschaft, nicht nur die US-Soldaten, die UN-Schutztruppe MINUSTAH oder die bunte Schar der Nichtregierungsorganisationen aus aller Herren Länder, die seit Wochen mit ihren Fahrzeugflotten, Fahnen und Logos das Straßenbild prägen.

Der zweifelhafte Politologenwitz, dass man es in Haiti nach dem Erdbeben nicht mit einem „failing state“ (einen versagenden Staat) sondern mit einem gänzlich „fehlenden Staat“ zu tun hätte – der Präsidentenpalast und 23 von 24 Ministerien stürzten in sich zusammen – ist jedenfalls überholt: Jawohl, es gibt sie wieder, die staatliche Autorität der Repiblik Ayití.

Das fängt bei der Einreise an, auf dem internationalen Teil des Flughafens von Port-au-Prince – dort wo vor der Katastrophe vom 12. Januar jeden Tag bestenfalls eine sehr überschaubare Zahl von Maschinen ihren Weg fand, jetzt aber reihenweise Linienflüge aus der ganzen Region angeboten werden, immer voll mit Nachschub an neuen Helfern und weiteren Erdbebeninteressierten. Der haitianische Staat wartet auf die Neuankömmlinge in einem zur Empfangshangshalle umgebauten ehemaligen Warenlager, mit grünen und weißen Formularen, ähnlich denen, die man seit eh und je bei der Einreise in die USA oder einem Transitstopp in Miami ausfüllen muss. Der Unterschied: In Haiti geht alles viel schneller, kein Blick auf den Einreisenden, drei Stempel und zack, der nächste.

Anders als in den Tagen direkt nach dem 12. Januar, als GIs und US-Marines sogar den Verkehr auf den Kreuzungen von Port-au-Prince regelten, präzise und autoritär, immer mit umgehängtem Schnellfeuergewehr, hat jetzt wieder die haitianische Polizei das Heft in der Hand, mit der gewohnten Gelassenheit und Gesten, bei denen man nicht erkennen kann, ob man jetzt losfahren darf – oder besser doch noch nicht. Die US-Soldaten sind zum größten Teil abgezogen, jetzt kontrollieren wieder haitianische Beamten. Wir werden abends, nach Einbruch der Dunkelheit, sogar ein paar Mal angehalten. Nach einem kurzen Blick ins Auto, ob da nicht jemand mit vorgehaltener Waffe ein paar „Blancs“, Weiße, entführt hat, werden wir weitergewunken.

Eine weitere gute Nachricht: Nach einem wochenlangen Nervenkrieg ist es dem KNH-Haiti-Team endlich gelungen, ein zweites Dienstfahrzeug für die Betreuung der inzwischen auf die Zahl von 19 angewachsenen Projekte und Humanitäre-Hilfe-Programme mit 7400 Kindern und Jugendlichen zu beschaffen. Alle internationalen Organisationen brauchen dringend Autos, um ihre Arbeit bewerkstelligen zu können. Der Markt ist leergefegt. Wir haben dank des Verhandlungsgeschicks und der Beharrlichkeit unseres Landesdirektors Alinx Jean-Baptiste Erfolg und ergattern einen Pick-up mit einer ordentlichen Ladefläche, um auch Hilfsgüter transportieren zu können.

Doch die Freude währt nur kurz. Gleich nach drei Tagen wird das Fahrzeug von der Polizei aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das provisorische Nummernschild, von der Autofirma äußerst kreativ fotokopiert und hinten auf die Scheibe geklebt, weil es derzeit einfach keine „roten Nummern“ in Haiti gibt, sei illegal. Das stimmt, wir können nicht widersprechen. Auf dem Depot der zentralen Verkehrspolizeidirektion von Port-au-Prince, dort, wo kurz vor dem Hafen die Delmas-Straße beginnt, wird unser Pick-up also erst einmal an die Kette gelegt, in einer Reihe mit Fahrzeugen von Ärzten ohne Grenzen, Save the Children, World Concern, des örtlichen EU-Büros der und der US-Regierung, die, um Projekte zu begleiten, zusätzliche Fahrzeuge angemietet hat. Auch auf ihren Scheiben kleben kopierte Nummernschilder. Die illustre Nachbarschaft trägt wenig zu unserer Schmerzlinderung bei, zumal die Beschlagnahmung ohne jegliche Quittung erfolgte und bei den täglichen Besuchen auf dem Gelände der Polizei niemand mehr zu sagen vermag, wo eigentlich die Schlüssel des Fahrzeugs aufbewahrt sind.

Alinx und ich schaffen es am fünften, zwangsweise autofreien Tag für Kindernothilfe, immerhin bis zum obersten Chef der Verkehrspolizeidirektion. Wir ziehen alle Register, erklären, warum wir das Fahrzeug wirklich dringend brauchen, dass unsere Arbeit ja nicht einfach per Tap-Tap, den wunderschön bemalten, bunten, ständig überfüllten haitianischen Sammeltaxis, zu bewältigen ist. Dieses Argument leuchtet ein. Als wir in unserem Gespräch mit dem Polizeichef dann bei Jürgen Klinsmann und der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland angelangt sind, wächst bei Alinx und mir die Zuversicht, dass wir unseren Pick-up am Ende mitnehmen dürfen. Wenn bloß nicht in diesem Moment der Besitzer des Autohauses, bei dem Kindernothilfe das Fahrzeug gekauft hat und der in Sachen internationaler Kundschaft angesichts der Massenbeschlagnahmung seiner Autos die Felle davon schwimmen sieht, zur Tür hereingekommen wäre. Die Stimmung kippt: Jetzt macht der Polizeichef den Mann von der Fahrzeugniederlassung vor uns zur Schnecke. Was ihm denn einfalle, seine Kunden mit fotokopierten Nummernschildern auf die Strasse zu schicken.

Der Autohändler antwortet kleinlaut, dass es an keiner Stelle in Port-au-Prince „rote“ Nummernschilder zu beschaffen gäbe und er seit Wochen auf einen Stempel warten würde, der es ihm ermöglicht, seine Steuern zu bezahlen. Die Staatsgewalt in Gestalt unseres Polizeichefs bleibt konsequent: Wir haben nie erfahren, was unser Autohändler an diesem Tag an Strafe bezahlen musste, auf alle Fälle wird unser Pick-up anschließend aus dem Polizeigewahrsam auf das Gelände der Autofirma zurück überführt. Immerhin.

Dann wieder zähe und lange Verhandlungen mit dem Autohaus: Schließlich sprechen wir einmal am Tag in wechselnder Besetzung als KNH-Haiti-Team in den Verkaufsräumen vor, erklären, dass wir endlich unseren Pickup bräuchten. Nach fünf Tagen ist es dann endlich soweit: Wir verlassen mit einem ordentlichen „roten“ Nummernschild das Firmengelände.