Artikel vom Dezember 2009

Der Tsunami 2004.
Als das Unfassbare Wirklichkeit wird

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Heute ist Montag, der 28. Dezember 2009. Während das Jahr dem Ende zugeht, sitze ich alleine als Vertreterin der Pressestelle in unserer Duisburger Zentrale. Es ist ruhig hier im Büro. Viele der Kollegen sind bei ihren Familien und Freunden geblieben. Draußen plätschert der Regen gegen die Scheibe – von weißer Weihnacht kann kaum die Rede sein. Ich aktualisiere unsere Webseite, arbeite mich durch lange liegen gebliebene Mails der Vorweihnachtszeit und organisiere die Produktion des anstehenden Januar-Magazins. Nebenbei schaue ich immer wieder die aktuellen Nachrichten durch. Alles ruhig. Einigermaßen. 

Vielleicht fragen Sie sich: Was mache ich eigentlich hier? Könnte ich nicht auch nach Hause gehen, wo doch alles ruhig ist? Falls Sie Zeit haben, lassen Sie uns doch einige Jahre in die Vergangenheit blicken. Um genau zu sein: 5 Jahre….

Es ist Sonntagmorgen, der 26. Dezember 2005. Gemeinsam mit meinem Mann sitze ich im Auto Richtung England. Wir haben einen Zug durch den Eurotunnel für Mittag gebucht. Wir wollen unsere Verwandtschaft in Birmingham besuchen, so wie jedes Jahr. Gerade sucht mein Mann einen passenden Sender, als wir durch Belgien fahren und wir hören erstaunt auf eine Meldung: Vor Sumatra hat es ein Seebeben gegeben, einen Tsunami. Es ist von hunderten Toten die Rede, darunter viele Touristen. Ich schaue meinen Mann an und nehme mechanisch das Telefon aus der Tasche, melde mich bei meinem Chef, der auch schon davon gehört hat. Eins ist klar: Die Kindernothilfe wird hier handeln müssen, zu groß scheint die Katastrophe. Aus meinen Weihnachtsgedanken gerissen, gehen wir die Sache an. Während in Deutschland die Drähte heiß laufen, fahren wir schon einmal den nächsten Rastplatz an, ich suche mir einen Internet-Zugang, um in unser Redaktionssystem zu gelangen. Noch eine Stunde später gibt unser Pressesprecher mir mündlich eine erste Eilmeldung und eine erste Soforthilfe der Kindernothilfe durch, die ich online setze.

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Danach geht die Fahrt erst einmal weiter. Die Opferzahlen erhöhen sich von Stunde zu Stunde und bald wissen wir, dass 300.000 Menschen der Katastrophe zum Opfer gefallen sind. Die indisch-australische Erdplatte hat sich unter die Sumatra-Platte geschoben und ein Beben der Stärke 9,1 auf der Richterskala erzeugt – das stärkste seit vier Jahrzehnten. So beschreibt es zumindest nüchtern die Wissenschaft.

Für uns bedeutet die Katastrophe etwas Anderes: Wir erhalten Bilder, dpa-Fotos, aber auch Bilder unseres eigenen Fotografen, später auch von unseren Partnern vor Ort. Sie zeigen Zerstörung, Traumata und Verzweiflung. Tod und Verlust. Viele Bilder können wir später nicht verwenden, weil sie die Grenze der Menschenwürde überschreiten. Die Bilder haben sich in meinem Kopf festgesetzt und werden dort immer bleiben.

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Was neben der Hilfe aus aller Welt folgt, ist eine unglaubliche Spendenbereitschaft in Deutschland. Das ist auch bei der Kindernothilfe nicht anders: In die Soforthilfe fließen 4,4 Millionen Euro, in den langfristigen Wiederaufbau insgesamt zwölf Millionen Euro. Für traumatherapeutische Maßnahmen gab die Kindernothilfe 1,3 Millionen Euro aus. Profitiert haben davon in Indien 237.157 Menschen, in Sri Lanka 133.424 sowie in Indonesien 26.740.  Auch heute noch mal ein herzliches Danke dafür.

Für die Kindernothilfe bedeutet das Geschehen in Südostasien auch eine Wende in der Katastrophenhilfe, in der sie sich zukünftig stärker als vorher engagiert. Der Blick liegt dabei auf den Kindern und Jugendlichen: Denn sie leiden ganz besonders unter den Folgen von Katastrophen. Oft sind die Erwachsenen so sehr damit beschäftigt, das Überleben an sich zu sichern, dass sie fast keine Zeit haben, sich über die seelischen Verletzungen ihrer Kinder zu Gedanken zu machen. Aber am einfachsten ist es, wenn die Mädchen und Jun gen die traumatischen Erlebnisse verarbeiten, indem sie schnell zu einem sicheren Umfeld und einem vertrauten Tagesablauf zurückkehren. Wo immer es möglich ist, errichten unsere Partner vor Ort Schutzräume für Kinder, wo sie spielen und lernen können sowie psychologisch betreut werden.

Mein Weihnachten in England war in jenem Jahr anders als sonst. Statt abends mit der Familie ein Glas Wein zu teilen und die Rede der Queen zu schauen, saß ich vor dem Computer, um Meldungen über neue Opferzahlen und weitere Warnungen zu aktualisieren und gemeinsam mit dem Webmaster darauf zu achten, dass die Kindernothilfe-Website wegen der vielen Besucher nicht zusammenbrach. Es hat mir nichts ausgemacht, wer war man mit den Gedanken und dem Herzen nicht sowieso bei den Menschen in Südostasien. 

In dieser Zeit haben wir gelernt, dass Katastrophen keine Rücksicht auf unsere Feiertage legen. Deswegen ist seither auch an zwischen Weihnachten und Neujahr unsere Pressestelle besetzt. Sicher ist sicher. Zurück am Schreibtisch in Duisburg plätschert der Regen immer noch gegen die Fensterscheibe und eine kleine Kerze leuchtet neben meinem PC. Spätzer fahre ich zurück zu meinen Kindern, um den Nachmittag gemeinsam zu genießen. Ein Blick in die Nachrichten zeigt: Es ist weiterhin überall ruhig und ich wünsche mir, dass es so bleiben wird.  

Simone Orlik
Redakteurin Kindernothilfe
pressestelle@knh.info

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