Artikel der Kategorie ‘wir’

Äthiopien: Trotz neuem Hoffnungsträger mehr gewaltsame Konflikte

Äthiopien: Menschen auf der Flucht. (Quelle: Dietmar Roller)

Äthiopien: Menschen auf der Flucht

Äthiopiens neuer Ministerpräsident Abiy Ahmed steht für Veränderung. Seine Reformen haben viele positive Entwicklungen in Gang gesetzt und für eine neue Aufbruchsstimmung nach mehr als zwei Jahrzehnten der Unterdrückung gesorgt. Doch die ethnischen Konflikte im Land gehen weiter und könnten zu einer humanitären Katastrophe führen.

Am Horn von Afrika bewegt sich etwas. Die Friedensanstrengungen zwischen Äthiopien und Eritrea lassen viele Bewohner in der Region hoffen. Anfang Juli haben die Staatschefs der beiden verfeindeten Nachbarländer ihren 20 Jahre lang schwelenden Konflikt beigelegt und eine Friedenserklärung unterschrieben. Die Aussöhnung ging von Äthiopiens neuem Ministerpräsidenten Abiy Ahmed aus, der kurz nach seinem Amtseintritt ankündigte, die äthiopischen Truppen aus dem  Gebiet zurückzuziehen, auf das beide Länder Anspruch erhoben .

Abiy Ahmed gilt als Hoffnungsträger für Äthiopien und die Region. Mit ihm wurde die Vorherrschaft der Tigray, einer Minderheit im Vielvölkerstaat, gebrochen. Um ihre Macht im Land trotz der Minderheit zu sichern, setzten die Tigray während der 27-jährigen Amtszeit der Einheitspartei Ethiopian Peoples Revolutionary Democratic Party (EPRDF) auf gezielte Propaganda, die Feindseligkeiten zwischen den vielen verschiedenen ethnischen Gruppen aufgebaut hat – vor allem zwischen den Amharen und den Oromo, den beiden größten Gruppen. Besonders die vergangenen drei Jahre waren von schweren Menschenrechtsverletzungen und Folter geprägt. Es kam immer wieder zu Massendemonstrationen gegen die autoritäre Regierung, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Hunderte Menschen wurden getötet und Tausende festgenommen.

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Haiti: Erfolge bei den Karate-Kids

Text und Fotos: Erhard Stückrath, Manager Humanitarian Assistance

Nachdem Hurrikan „Matthew“ 2016 so viel Zerstörung auf Haiti angerichtet hatte, startete die Kindernothilfe zusammen mit ihrer Partnerorganisation AMURT sogenannte „Child Friendly Spaces“ (Kindesschutz-zentren) an 18 Schulen in sechs Gemeinden. Über 1.200 Kinder profitierten von diesen Zentren, in denen Bildung, Kurse zu Hygiene, Gesundheit und gewaltfreie Kommunikation, Spiel, Sport und eine warme Mahlzeit am Tag angeboten wurden. Die Karate-Kurse kamen bei den Kindern besonders gut an! Den ganzen Beitrag lesen »

Anse Rouge/Haiti: Gute Nachrichten von der Salinen-Anlage

Vor etwa zwei Jahren wütete Hurrikan „Matthew“ mit Windgeschwindigkeiten bis zu 230 Kilometer pro Stunde an der Südküste Haitis und sorgte für verheerende Zerstörungen. Nahrung, sauberes Wasser und Unterkünfte fehlten, und vor allem der Ernteverlust stellte ein weiteres kritisches Problem dar. Die mit großem Einsatz der Bevölkerung aufgebauten Salinen zur Salzgewinnung wurden von den hohen Wellen überflutet. Die Kindernothilfe und ihr Partner AMURT bauten mithilfe der Familien und Selbsthilfegruppen aus der Region die ganze Anlage wieder auf. Im November wird die erste Salzernte erwartet. Den ganzen Beitrag lesen »

Weltaidskonferenz: Erfolge und Rückschläge im Kampf gegen Aids

„Barrieren durchbrechen – Brücken bauen“ heißt das Motto der 22. Weltaidskonferenz, die heute in Amsterdam startet. Bereits jetzt lässt sich sagen: Es gibt trotz vieler Erfolge große Zukunftssorgen. Den ganzen Beitrag lesen »

Honduras‘ Frauen wehren sich gegen zunehmende Gewalt

Zu Besuch in der Duisburger Kindernothilfe-Geschäftsstelle: vier Aktivistinnen für Frauenrechte aus Honduras

Zu Besuch in der Duisburger Kindernothilfe-Geschäftsstelle: vier Aktivistinnen für Frauenrechte aus Honduras

Frauen und Mädchen sind in Honduras vielfach Opfer von Gewalt, auch und gerade innerhalb der Familien. Der Staat schaut weg und setzt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Betroffenen einsetzen, massiv unter Druck. Vier Frauen- und Menschenrechtsaktivistinnen – darunter zwei von unserem Partner CASM (Comisión de Acción Social Menonita) – haben uns bei einem Besuch in Deutschland ihre Arbeit geschildert. Ihr Bericht macht deutlich, wie wichtig es ist, gemeinsam ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen. Den ganzen Beitrag lesen »

Interview mit der Kindernothilfe-Trainerin für Kindesschutz in Afrika

Sinafikish Legesse Tsegaye, Kindesschutz-Trainerin aus Äthiopien

Sinafikish Legesse Tsegaye, Kindesschutz-Trainerin aus Äthiopien

Sophie Rutter von der Kindernothilfe sprach mit Sinafikish Legesse Tsegaye, Kindernothilfe-Trainerin für Kindesschutz in Afrika, die zu Gesprächen in die Kindernothilfe-Geschäftsstelle gekommen war. Den ganzen Beitrag lesen »

Guatemala: 4 Wochen nach dem Vulkanausbruch

Guatemala, Ausbruch des Volcán de Fuego 1974

Wegen seiner steil abfallenden Hänge gilt der Volcán de Fuego als besonders gefährlich.

Es war eine Katastrophe mit Ansage: Der Volcán de Fuego, der „Feuervulkan“ (3.763 Meter ü.d.M.), 35 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Guatemala-Stadt, war bereits über mehrere Monate hinweg aktiv, ehe es am 3. Juni zu einer 16-stündigen Eruption kam. Die Folgen für die Menschen in den umliegenden Dörfern: Tod und großflächige Zerstörungen! Alba de Arzú, Leiterin des Büros der Kindernothilfe in Guatemala, und ihr Kollege Otto Arenales, der KNH-Programm- und Projektberater für das mittelamerikanische Land, schildern im Interview die unverändert angespannte Lage im Katastrophengebiet bei Escuintla, Sacatepéquez und Chimaltenango. Den ganzen Beitrag lesen »

Brasilien: Aktionen gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder

Demonstrationszug der Schüler 2017 [alle Fotos in diesem Beitrag: © Gláucia Bruce, Coletivo Mulher Vida]

Am 18. Mai begeht Brasilien den Nationalfeiertag zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Unser Partner Cendhec in Recife ist wie immer engagiert dabei. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Aktionen auf dem Schutznetzwerk, das sich gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Pernambuco engagiert und die Opfer sexueller Gewalt betreut. Den ganzen Beitrag lesen »

ONG-IDEAs: Kinder bewerten die Wirkung von Projekten

Die Kinder bringen ihre Beobachtungen als Zeichnungen zu Papier. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Wirkungsbeobachtung der Projektarbeit in neun lateinamerikanischen Ländern: Sieben deutsche Organisationen und 38 ihrer Partner haben sich, unterstützt vom Entwicklungsministerium, auf dieses Experiment eingelassen. Die Kindernothilfe und elf ihrer Partner sind mit dabei. Den ganzen Beitrag lesen »

Keine Wunder – aber eine starke Leistung

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Reinhard Schaller (Port-à-Piment) und Jürgen Schübelin

Die Hoffnung ist zurück in Port-à-Piment! Vor anderthalb Jahren, im Oktober 2016, war der kleine Küstenort im Südwesten Haitis, auf der Tiburon-Halbinsel, so etwas wie das Epizentrum der Hurrikan-Matthew-Katastrophe: Neun von zehn Gebäuden zerstört, die Menschen, die die Wirbelsturmnacht mit Windstärken von bis zu 230 km/h überlebt hatten, traumatisiert, die meisten Haustiere getötet, die Bäume entwurzelt – fast die gesamte Vegetation verschwunden. Nach Matthew wollten die, die es sich irgendwie leisten konnten, nur noch weg. Irgendwohin – einfach aus der Zone der Verwüstung heraus. Und die, die dablieben, versuchten, in den Ruinen ihrer Häuser oder in notdürftig errichteten Hütten am Strand unter blauen Plastikplanen Schutz zu finden.

Die kleine Stadt Port-à-Piment im Südwesten von Haiti war so etwas wie das Epizentrum dieser Hurrikan-Katastrophe.

„Es war, als ob der ganze Ort unter kollektiver Depression litt“, beschreibt Ulrike Schaller die Stimmung. Die Physiotherapeutin aus dem Schwarzwald lebt und arbeitet seit über 15 Jahren in Port-à-Piment. Sie betreut Patienten im kleinen Krankenhaus des Ortes. Was für den Stimmungsumschwung gesorgt hat, kann sie ganz genau sagen: „Als hier an der Berufsschule die Wiederaufbauarbeiten richtig losgingen, war das wie eine Adrenalin-Injektion.“ Plötzlich fingen auch die Nachbarn an, ihre Häuser zu reparieren. Und als es dann auch noch im Mai und Oktober 2017 für einigen Wochen regnete – nicht stark, aber ausreichend – war innerhalb ganz kurzer Zeit auch die Vegetation wieder da: Bananenstauden trieben erneut aus, diejenigen Bäume und Sträucher, die vom Hurrikan Matthew im Oktober 2016 entlaubt worden waren, zeigten vorsichtig wieder etwas Grün, und sogar auf den kahlgefrästen Hügeln rund um Port-à-Piment keimte und spross es – ganz so, als ob die Natur ihr eigenes Reparaturprogramm gestartet hätte.

Was konnte die Kindernothilfe leisten?

Die Kindernothilfe ist seit zehn Jahren an diesem Küstenort im Department Sud engagiert. Am Beginn der Kooperation mit dem Partner Centre de Développement sur la Côte Sud d‘Haïti (CDCSH) stand seinerzeit ein anderer Hurrikan, Ike, der im September 2008 in Port-à-Piment schwere Überschwemmungsschäden verursacht hatte. Damals finanzierte die Kindernothilfe ihrem Partner CDCSH den Bau von sieben Tiefbrunnen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit mit der CDCSH-Berufsschule, der einzigen auf der ganzen Tiburon-Halbinsel, immer enger. Nach dem Erdbeben von 12. Januar 2010, als Zehntausende aus der verwüsteten Hauptstadt in den Südwesten Haitis flüchteten, organisierte die Schule erfolgreiche Kompakt-Kurse für Hunderte von Jugendlichen, Mädchen und Jungs, die sich Grundkenntnisse in erdbebensicherem Mauern, Schreinern, Stromleitungen-Verlegen und Schneidern aneigneten und so nicht mit leeren Händen nach Port-au-Prince zurückkehren mussten.

Die unfassbare Gewalt von Hurrikan Matthew, dem stärksten Sturm, der Haiti in über 50 Jahren heimgesucht hatte, machte aus der Vorzeigeschule in dieser Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 2016 eine Ruine: Alle Dächer waren verschwunden, die Mauern eingedrückt und selbst die das Schulgelände umgebende Außenmauern bis auf die Fundamente niedergerissen! Die Starkregenfälle im Gefolge des Hurrikans gaben aber auch den Werkzeugen und Maschinen zur Holzbearbeitung für die Schreiner- und Zimmermannskurse den Rest. Nur ein kleiner Teil der Gerätschaften konnte aus den Trümmern herausgeholt und gerettet werden. In dieser Situation sorgte ein seit vielen Jahren mit Kindernothilfe verbundener Partner für ein ganz starkes Zeichen: Die Futura-Stiftung für Kind, Jugend und Kultur aus Hamburg erklärte sich bereit, den Wiederaufbau der Schule zu finanzieren. Damit konnte dem CDCSH-Team in Port-à-Piment grünes Licht für ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt gegeben werden: Die Neuerrichtung sämtlicher Unterrichtsräume – als lehrplanmäßig organisierte Gemeinschaftsaktion von Schülern und Lehrern!

Der Wiederaufbau

Den Auftakt machten die 55 Jugendlichen aus den drei Maurerklassen. Sie kommen sowohl aus Port-à-Piment als auch aus den Dörfern der Umgebung. Während eines ganzen Jahres nahmen viele von ihnen täglich eineinhalb Stunden Fußmarsch hin und eineinhalb Stunden zurück in Kauf, um beim Unterricht in einer Schule, die es eigentlich gar nicht mehr gab, dabei zu sein. So wie Pétit Medna (17), der aus einem der Dörfer in den Bergen oberhalb von Port-à-Piment kommt: „Ich bin stolz darauf, hier beim Wiederaufbau meiner Schule dabei zu sein“, erklärt der junge Mann. „Ich will ein guter Maurer werden. Solche Leute werden in Haiti immer gebraucht.“ Diesen Satz hat er von seinem Lehrer, Monsieur Denisieux Juste, der mit ernstem Gesicht zuhört. Der Maurermeister war schon vor vierzehn Jahren dabei, damals selbst als Auszubildender, als die Berufsschule von Port-à-Piment zum ersten Mal errichtet wurde.

Schon 48 Stunden nach der Matthew-Katastrophe vom 4. Oktober 2016 hat Denisieux Juste seine Kollegen aus dem Ausbilder-Team der Berufsschule sowie einige ihrer in der Nähe lebenden Schüler zusammengetrommelt, um anzufangen, den Schutt aus den vom Hurrikan völlig zerstörten Unterrichtsräumen heraus zu schaffen und die eingestürzten Mauern und Deckenteile abzutragen. Vor allem ging es ihnen darum, zumindest einen Teil der Werkzeuge, Holzvorräte und weiteren Arbeitsmaterialien zu retten. Und inmitten der Ruinen galt es auch noch eine ganz andere, sehr schmerzhafte Aufgabe zu lösen: Särge für diejenigen zu schreinern, die die Matthew-Nacht nicht überlebt hatten!

Inmitten der Ruine der Schule mussten die Särge für diejenigen gezimmert werden, die die Katastrophe nicht überlebt hatten.

Die Organisation der Bauarbeiten nötigte dem Ausbilder-Team – aber auch den Schülern – Höchstleistungen ab. Fast acht Monate lang war Port-à-Piment von der Stromversorgung abgeschnitten, mit der Folge, dass sämtliche Arbeiten aufwändig und kräftezehrend komplett von Hand ausgeführt werden mussten: Schalungen schneiden, Beton mischen, Teile für die Dächer sägen, Armierungen biegen. Jeden einzelnen Hohlblock-Stein der Schule fertigte das Team vor Ort in Handarbeit. Immer wieder gerieten die Anstrengungen wegen Lieferengpässen bei Zement und Holz, die aus Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis herbeigeschafft werden mussten, ins Stocken.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Vierzehn Monate, vom Oktober 2016 bis Dezember 2017, dauerte der Wiederaufbau am Ende. Bereits drei Monate zuvor, im Oktober, hatte der reguläre Schulunterricht mit neuem, selbst geschreinertem Schulmobiliar, neuen Werkbänken – statt dem früheren Blech jetzt unter einem sturmsicheren Betondach – beginnen können. Es gelang sogar in wochenlanger Fitzelarbeit, die defekten Teile des Stromgenerators der Schule zu ersetzen und das Gerät wieder in Gang zu bringen. Alle vier Fachklassen – Maurer, Schreiner, Schlosser und Klempner sowie die Computer-Kurse – arbeiten jetzt in sturm- und regensicheren Unterrichtsräumen. Reinhard Schaller, gelernter Schlosser, der die CDCSH-Schule jetzt seit fünfzehn Jahren durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist vor allem auf einen Aspekt stolz: „Über 90 Prozent sämtlicher Arbeiten konnten wir mit den lokalen Fachkräften aus der Schule und denjenigen, die in früheren Jahren hier ihre Ausbildung gemacht hatten, schultern! Nur in ganz wenigen Fällen war Hilfe von außerhalb notwendig. Die Leute hier haben sich unglaublich engagiert.“

Aber auch für die Jugendlichen selbst, die ihre eigene Schule wiederaufbauten, wurde dieses Ausbildungsjahr 2017 zu einer ganz besonderen Erfahrung. Monsieur Denisieux, der Maurerlehrer aus Port-à-Piment, ist sich sicher: „Wer hier gelernt hat, dass es möglich ist, auch nach der schlimmsten Katastrophe wieder aufzustehen und neu anzufangen, wer gesehen hat, wie es geht, so einen Wiederaufbau nur mit unserer Entschlossenheit und der Kraft unserer Hände anzugehen und unter uns alle anstehenden Aufgaben selbst zu organisieren, den haut nichts mehr um!“