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Brasilien: Aktionen gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder

Demonstrationszug der Schüler 2017 [alle Fotos in diesem Beitrag: © Gláucia Bruce, Coletivo Mulher Vida]

Am 18. Mai begeht Brasilien den Nationalfeiertag zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Unser Partner Cendhec in Recife ist wie immer engagiert dabei. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Aktionen auf dem Schutznetzwerk, das sich gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Pernambuco engagiert und die Opfer sexueller Gewalt betreut.

Die Kampagne 2018 steht unter dem Motto: „Beweg dich! Kinder brauchen ein Schutznetzwerk“. Gleich mehrere Aktionen prangern die hohe Zahl von Gewaltdelikten gegen Kinder an und verlangen fachkundige Hilfe für die Opfer. Den Anfang machte am 10. Mai eine ganztägige Kulturveranstaltung für Jugendliche an der Sizenando-Silveira-Schule im Stadtteil Santo Amaro. Am 18. Mai fordern Aktivist*innen und Unterstützer*innen auf einem Demonstrationszug Maßnahmen für ein Ende der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Den Schlusspunkt der Aktionen bildet der Workshop „Beweg dich! Kinder brauchen ein Schutznetzwerk“. Um möglichst viele Teilnehmer*innen zu erreichen, gibt es gleich zwei Termine: am 23. Mai in Recife und am 29. Mai in Caruaru.

Workshop „Beweg dich! Kinder brauchen ein Schutznetzwerk“ 2017.

Staatliche Hilfen sind lückenhaft

Das Schutznetzwerk will eine starke Allianz zwischen dem Staat, den Kommunen und der Rechtsprechung schmieden, um sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Pernambuco wirksam zu vermeiden und die Betreuung minderjähriger Vergewaltigungsopfer zu verbessern. In den letzten beiden Jahren hat das Netzwerk immer wieder auf die schwierigen Arbeitsbedingungen der bestehenden Hilfsdienste hingewiesen.

Zu den problematischen Hilfsangeboten gehören Programme der CREAS, einer Sozialbehörde, deren Aufgabengebiet unter anderem die Versorgung minderjähriger Missbrauchs- und Gewaltopfer umfasst. Dieselbe Behörde ist mittlerweile aber auch für andere Bereiche zuständig und nicht mehr in der Lage, auf Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder mit der angemessenen Sorgfalt zu reagieren.

Handlungsbedarf besteht auch im Hinblick auf psychologische Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind und ein Anrecht auf staatliche Gesundheitsleistungen haben. Dieses Recht können sie jedoch in den wenigsten Fällen in Anspruch nehmen, weil diese Art der Betreuung gar nicht angeboten wird. Die Stadt Recife ist eines der wenigen Beispiele im Land, das diesen Dienst zur Verfügung stellt. Allerdings besteht das Team in der Polyklinik Lessa de Andrade in Madalena nur aus drei Fachleuten. Für die Nachfrage einer Stadt wie Recife ist das bei weitem nicht ausreichend.

Akuter Mangel an Fachkräften

In Bezug auf die psychologische Betreuung von minderjährigen Opfern sexueller Gewalt ergeben sich zusätzliche dringende Anforderungen. Für Betroffene mit Behinderungen braucht es qualifizierte Fachkräfte, die zur Verständigung die Gebärdensprache beherrschen müssen. Der große Mangel an solchen Fachleuten steht einer angemessenen Betreuung oft im Wege.

Gleichzeitig hat die Polizei ihre Spezialeinsatzkräfte reduziert. Eine Station mit einem Schwerpunkt auf Delikten gegen Kinder und Jugendliche im Distrikt Madalena Recife wurde komplett geschlossen, andere Polizeiteams wurden verkleinert. Im ganzen Land fehlt es an Polizeibeamt*innen, die speziell für den Umgang mit minderjährigen Vergewaltigungsopfern geschult sind.

 

Verbesserungswürdig: Notrufnummer für Menschenrechte

Dazu kommt, dass die Notrufnummer „Wähl 100 für Menschenrechte“ – das wichtigste Mittel zur Meldung von Menschenrechtsverletzungen im Land – in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nicht gut funktioniert. Erst gerade hat die nationale Bürgerbeauftragte des Ministeriums für Menschenrechte für 2017 einen Anstieg der Gewaltdelikte gegen Minderjährige um zehn Prozent bekanntgegeben. Die Mehrzahl der Anzeigen betrifft vernachlässigte Kinder zwischen vier und sieben Jahren. In über 20.000 Fällen wurden zudem Vergewaltigungen gemeldet, jedoch ist in den meisten Fällen nichts über den Ausgang der Anzeige bekannt. Gleichwohl ist die Notrufnummer „Wähl 100“ unverzichtbar im Kampf gegen Kindesmissbrauch und muss dringend verbessert werden.

Die Aktivist*innen vom letzten Jahr.

Die Lage in Pernambuco

Auch Pernambuco verzeichnet einen Anstieg sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Allerdings fehlt es an qualifizierten Statistiken sowie an einer aussagekräftigen Datenbank, weil die Mittel dafür fehlen oder gekürzt werden. Die lückenlose Datenerhebung ist aber Voraussetzung, um geeignete Maßnahmen zur Vermeidung von Kindesmissbrauch zu ergreifen und die Opfer angemessen zu betreuen.

Die Kampagne „Beweg dich! Kinder brauchen ein Schutznetzwerk“ rückt den Kindesschutz in den Fokus. Mit ihren Aktionen appellieren die Aktivisten an die Behörden und die Öffentlichkeit, Kinder und Jugendliche besser vor Gewalt zu schützen und ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen, um den vielen Missbrauchsopfern mit qualifizierter Hilfe zur Seite zu stehen.

[Quellennachweis für alle Fotos: © Gláucia Bruce, Coletivo Mulher Vida]

 

ONG-IDEAs: Kinder bewerten die Wirkung von Projekten

Die Kinder bringen ihre Beobachtungen als Zeichnungen zu Papier. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Wirkungsbeobachtung der Projektarbeit in neun lateinamerikanischen Ländern: Sieben deutsche Organisationen und 38 ihrer Partner haben sich, unterstützt vom Entwicklungsministerium, auf dieses Experiment eingelassen. Die Kindernothilfe und elf ihrer Partner sind mit dabei.

Text: Jürgen Schübelin

Daniela, ihre Freunde nennen sie einfach Dani, ist acht Jahre alt und war in ihrem Leben schon alles Mögliche: Kindermädchen für ihre jüngeren Geschwister, Putzfrau, Köchin, Ziegeleifachkraft, Expertin für Lehm-Stroh-Wasser-Mischungen zur Backsteinherstellung, Spezialistin für das Beladen und Anheizen von Brennöfen – und Akkordarbeiterin in der Nachtschicht mit dem Fachgebiet „Lastwagen-in-kürzester-Zeit-mit-fertig-gebrannten-Ziegeln-und-Backsteinen-Bepacken“. Nur eines war sie noch nie: Ein achtjähriges Mädchen, das einfach nur zur Schule geht und mit seinen Freundinnen und Freunden spielt. Warum das so ist? Dani erklärt es ohne Umschweife: „Wenn die Kinder aus Santa Bárbara nicht in den Ziegeleien arbeiten würden, hätten die Familien nicht genug zu essen!“ Es sind mehrere hundert Kinder aus diesem kleinen Ort in den Bergen bei Cajamarca im Norden Perus, die mit ihrer Arbeit die Subsistenz-Ökonomie, die Überlebenswirtschaft, am Laufen erhalten. Um einen furchtbaren Preis: Den ihrer Gesundheit, ihrer Kindheit und ihrer Zukunft!

Die beiden Mädchen stapeln Ziegel in einem Brennofen. (Quelle: Christian Herrmanny)

Die beiden Mädchen stapeln Ziegel in einem Brennofen. (Quelle: Christian Herrmanny)

Daniela diskutiert darüber intensiv mit ihren Freunden, einmal in der Woche, immer donnerstagnachmittags. Denn seit über einem Jahr hat sie noch eine weitere Aufgabe: Dani beschäftigt sie sich mit Projekt-Monitoring. Um es ganz präzise zu sagen: mit Wirkungsbeobachtung, also mit der Frage, was verändert sich durch das von Kindernothilfe seit dem 1. Dezember 2003 in Partnerschaft mit der peruanischen Organisation IINCAP (Instituto de Investigación, Capacitación y Promoción „Jorge Basadre“) unterstützte Projekt gegen ausbeuterische Kinderarbeit in Cajamarca und Umgebung für die mitwirkenden Mädchen und Jungen und ihre Familien? Gelingt es tatsächlich, immer mehr Kindern aus den Ziegeleien, Steinbrüchen oder aus der Gruppe der Lastenträger vom Markt in Cajamarca dabei zu unterstützen, auch zur Schule gehen zu können? Verbessert sich die Einkommenssituation in den Familien durch die verschiedenen Projekte mit den Müttern, die jenseits der Arbeit in den Ziegeleien kleine Businesspläne entwickeln? Wie ergeht es den arbeitenden Kindern in der Schule? Und wie sieht es in den Familien aus, was die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, was den Respekt füreinander und die häusliche Gewalt anbelangt?

Richar Gutiérrez von IINCAP ist eigentlich von Haus aus Lehrer. Er arbeitet seit Jahren mit den Kindern aus Santa Bárbara. Ihn hat die Idee, dass hier nicht Experten von außen mit langen Fragenbögen das Projektgeschehen evaluieren und diejenigen, um die es geht, bestenfalls als Interviewte eine Rolle spielen, von Anfang an fasziniert: „Natürlich ist es pädagogisch eine Riesenherausforderung, gemeinsam mit den Kindern Methoden einzuüben, die helfen, Veränderungen im eigenen Leben erkennen zu lernen und beschreiben zu können. Aber“, fügt Richar hinzu, „Die Kinder haben auf ganz viele Probleme einen deutlich anderen Blick als Erwachsene – und auch andere Prioritäten.“

Das Experiment

IINCAP nutzt für diesen anderen Blickwinkel seit 2015 die Instrumente zur Wirkungsbeobachtung aus der ONG-IDEAs-Werkzeugkiste (Organización No Gubernamental – Impact on Development, Empowerment and Actions). Hinter diesem Namen verbirgt sich eines der umfangreichsten und komplexesten Qualitätsentwicklungsvorhaben in der bald sechzigjährigen Geschichte der Kindernothilfe: Anfang 2015 startete nach über anderthalb Jahren Vorlauf diese zunächst auf 36 angelegte und danach auf 40 Monate verlängerte Piloterfahrung zur Einführung und Erprobung von Methoden zur partizipativen Wirkungsbeobachtung in Lateinamerika. Dafür hatten sich sieben deutsche Entwicklungswerke – action medeor (Toenisvorst) AWO-International (Berlin), der Internationale Ländliche Entwicklungsdienst – ILD (Bad Honnef), Kolping-International (Köln), terre des hommes (Osnabrück), die Schmitz-Stiftungen (Düsseldorf) und Kindernothilfe (Duisburg) – zu einem Konsortium zusammengefunden und 38 ihrer Partnerorganisationen in neun Ländern des Subkontinents überzeugen können, sich mit ihrer Expertise einzubringen und auf diese gemeinsame Lernerfahrung einzulassen. Finanziell ermöglicht wurde dieses komplexe Vorhaben durch Mittel aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – sowie durch spendenfinanzierte Eigenbeiträge der sieben Konsortialpartner.

Die elf mitwirkenden Kindernothilfe-Partnerorganisationen kamen aus Bolivien, Ecuador, Guatemala und Peru und stehen für ganz unterschiedliche Themen und Arbeitsfelder: Im Fall von IINCAP aus Cajamarca geht es um das Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit und die Unterstützung für arbeitende Kinder, um zur Schule gehen zu können – sowie um die Arbeit mit den Müttern dieser Kinder, um alternative Einkommensquellen zu erschließen. Andere Partner engagieren sich in der ländlichen Gemeinwesen-Entwicklung mit indigenen Communities, andere sind Spezialisten für Inklusionsthemen und den Kampf um die Rechte von Kindern mit Behinderungen und ihren Familien. Weitere Themen bilden die ökologischen Kinderrechte, frühkindliche Bildung und Strategien gegen Mangel- und Unterernährung – sowie das Engagement gegen Gewalt und für Menschenrechte. Fast alle Arbeitsfelder der Kindernothilfe in Lateinamerika – das war das Auswahlkriterium – sind an der ONG-IDEAs-Piloterfahrung beteiligt.

Kinder werden nach ihrer Meinung gefragt. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Kinder werden nach ihrer Meinung gefragt. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die Umsetzung in Lateinamerika

Lateinamerika ist bereits der dritte Kontinent, in dem mit diesen Werkzeugen zur gemeinsamen Beobachtung bei der Zielerreichung gearbeitet wird. Das ONG-IDEAs-Projekt in seiner spanischsprachigen Variante baute auf zwei Vorgängerprojekten auf, die von 2004 bis 2012 zunächst in Asien und danach in Afrika umgesetzt wurden – und dabei ebenfalls auf Unterstützung aus dem BMZ zählen konnten. Im ersten Projekt (2004 bis 2007) entwickelten 14 deutsche Nichtregierungsorganisationen zusammen mit 32 indischen Partnern die – so der englische Name – NGO (Non-Governmental Organization)-IDEAsWerkzeuge zur partizipativen Wirkungsbeobachtung. Komplettiert und verfeinert wurden diese tools dann im zweiten Projekt (2009 – 2012), an dem sich erneut 14 Werke aus Deutschland und 40 Südpartner aus den drei Regionen Ostafrika, Südasien und den Philippinen beteiligten. Konzeptionelle Unterstützung gab es für alle drei Vorhaben vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) und von bengo, der Fachorganisation für die „Beratung und Projektförderung für private Träger in der Entwicklungszusammenarbeit“.

Die Kinder bekommen die Ranking-Tools erklärt. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Geleitet wurden alle drei Projekte von dem Stuttgarter Soziologen und Volkswirt Eberhard Gohl, der sich seit vielen Jahren mit Instrumenten zum partizipativen Wirkungsmonitoring beschäftigt und den dabei vor allem eine sich auf der ganzen Welt in unzähligen Projekten wiederholende Beobachtung antreibt: „Ganz häufig ist es so, dass Nichtregierungsorganisationen mit den Geldgebern konsistente Planungen mit Details zu Aktivitäten und Indikatoren abstimmen, an denen die Zielgruppen aber überhaupt nicht beteiligt sind.“ Und, wenn es darum geht, Kinder und Jugendlichen einzubeziehen, so Gohl weiter, „fehlt bei ganz vielen Organisationen entweder der politische Wille oder das methodische Know-how – oder beides!“ Das Ergebnis: In vielen Projektdokumenten werden erwartete Wirkungen oft nur ganz abstrakt beschrieben und sind nicht operational zu messen – geschweige denn, für diejenigen, um die es geht, zu durchschauen, nachzuvollziehen oder mitzugestalten.

Die 38 Partnerorganisationen aus Lateinamerika, die sich in diesen zurückliegenden 40 Monaten – engagiert unterstützt durch die beiden Regionalberaterinnen Dagny Skarwan (Mittelamerika und Kolumbien) und Rosa Mendoza (Andenländer) – an dem ONG-IDEAs-Projekt beteiligten, wendeten mit ihren jeweiligen Teams und ihren Zielgruppen ein Bündel von vier Methoden an, das es ihnen ermöglichte, Wirkungen selbst beobachten, zu messen, zu diskutieren und Konsequenzen für die weitere Projektarbeit ziehen. Folgende vier Instrumente sind in der Caja de Herramientas – der ONG-IDEAs-Werkzeugkiste – enthalten: Ein Ranking-Tool, das es Gruppen von Erwachsenen, aber auch Kindern und Jugendlichen ermöglicht, Haushalte nach Wohlstand- und Armutsmerkmalen einzugruppieren; zweitens – ein Werkzeug, das Einzelpersonen und Familien hilft, zu beschreiben, was sich für sie ganz persönlich durch die Mitwirkung an dem Projekt verändert hat und wie gesetzte Ziele erreicht werden konnten; drittens – ein Instrument, das Gruppen dabei unterstützt, erlebte Veränderungen zu erkennen und zu messen – sowie schließlich – viertens – ein Tool, mit dem Projektteams und die Verantwortlichen einer Partnerorganisationen Wirkungen vertieft analysieren und ihre Projektarbeit entsprechend nachjustieren können.

Was das Experiment gebracht hat

Ein Kind verarbeitet seine Erlebnisse in Zeichnungen. (Quelle: Eberhard Gohl)

Den beiden Sozialwissenschaftlerinnen Emma Rotondo aus Lima und Claudia Solís aus San Salvador, die das ONG-IDEAs-Projekt 2017 evaluierten, fiel vor allem ein Aspekt dieser kontinentalen Lernerfahrung auf, den sie den sieben beteiligten deutschen Trägerorganisationen ins Stammbuch schrieben: „Selbstevaluierung, Selbstreflektion und das Nachvollziehen-Können von Veränderungen, tragen entscheidend dazu bei, das eigene Selbstwertgefühl zu steigern, sich stark genug zu fühlen, um für die eigenen Rechte einzutreten und notwendige Konflikte zu bestehen.“

Für Richar Gutiérrez und die Kinder aus den Ziegeleien von Santa Bárbara war dieser Prozess eine außerordentlich intensive Erfahrung: „Die Arbeit mit den ONG-IDEAs-tools mit Kindern“, erklärt Richar, der Lehrer, „ist pädagogisch sehr aufwändig und anspruchsvoll – sie bedarf einer intensiver Schulung und Vorbereitung. Die Kinder erwarten, ernst genommen zu werden und ihre inputs aufgegriffen zu sehen. Diese Werkzeuge sind definitiv nichts für Pseudo-Partizipations-Spielchen.“ IINCAP arbeitete dabei ganz viel mit Zeichnungen, die die Kinder erstellten, um zu illustrieren, was sie erlebten und beobachten. Dani, das achtjährige Mädchen, hat durch ihre Beschäftigung mit Methoden der Wirkungsbeobachtung für sich vor allem Eines gelernt: Viel öfter nachzufragen! Auch in der Schule. „Wir können jetzt sagen, wenn es uns besser oder schlechter geht. Und wir wissen, was passiert ist. Nur so kann man etwas verändern.“ Herausgefunden haben sie und ihre Freundinnen und Freunde aber auch, „dass unsere Eltern einfach für ihre Arbeit viel besser bezahlt werden müssen, das ist gut für die ganze Familie“.

Zum Vertiefen:

http://www.impact-plus.de/index.php/konzepte/methoden-und-instrumente/ngo-ideas

http://venro.org/venro/themen-wirkungsbeobachtung03/

https://www.kindernothilfe.de/wirkungsbeobachtung.html

Sowie – auf Spanisch – zwei Video-Reportagen über die Anwendung der ONG-IDEAs-Werkzeuge in Lateinamerika auf der spanischsprachigen Kindernothilfe-Website:

https://www.kindernothilfe.org/es/Nuestro+trabajo/V%C3%ADdeos_Publicaciones-p-366.html

Keine Wunder – aber eine starke Leistung

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Reinhard Schaller (Port-à-Piment) und Jürgen Schübelin

Die Hoffnung ist zurück in Port-à-Piment! Vor anderthalb Jahren, im Oktober 2016, war der kleine Küstenort im Südwesten Haitis, auf der Tiburon-Halbinsel, so etwas wie das Epizentrum der Hurrikan-Matthew-Katastrophe: Neun von zehn Gebäuden zerstört, die Menschen, die die Wirbelsturmnacht mit Windstärken von bis zu 230 km/h überlebt hatten, traumatisiert, die meisten Haustiere getötet, die Bäume entwurzelt – fast die gesamte Vegetation verschwunden. Nach Matthew wollten die, die es sich irgendwie leisten konnten, nur noch weg. Irgendwohin – einfach aus der Zone der Verwüstung heraus. Und die, die dablieben, versuchten, in den Ruinen ihrer Häuser oder in notdürftig errichteten Hütten am Strand unter blauen Plastikplanen Schutz zu finden.

Die kleine Stadt Port-à-Piment im Südwesten von Haiti war so etwas wie das Epizentrum dieser Hurrikan-Katastrophe.

„Es war, als ob der ganze Ort unter kollektiver Depression litt“, beschreibt Ulrike Schaller die Stimmung. Die Physiotherapeutin aus dem Schwarzwald lebt und arbeitet seit über 15 Jahren in Port-à-Piment. Sie betreut Patienten im kleinen Krankenhaus des Ortes. Was für den Stimmungsumschwung gesorgt hat, kann sie ganz genau sagen: „Als hier an der Berufsschule die Wiederaufbauarbeiten richtig losgingen, war das wie eine Adrenalin-Injektion.“ Plötzlich fingen auch die Nachbarn an, ihre Häuser zu reparieren. Und als es dann auch noch im Mai und Oktober 2017 für einigen Wochen regnete – nicht stark, aber ausreichend – war innerhalb ganz kurzer Zeit auch die Vegetation wieder da: Bananenstauden trieben erneut aus, diejenigen Bäume und Sträucher, die vom Hurrikan Matthew im Oktober 2016 entlaubt worden waren, zeigten vorsichtig wieder etwas Grün, und sogar auf den kahlgefrästen Hügeln rund um Port-à-Piment keimte und spross es – ganz so, als ob die Natur ihr eigenes Reparaturprogramm gestartet hätte.

Was konnte die Kindernothilfe leisten?

Die Kindernothilfe ist seit zehn Jahren an diesem Küstenort im Department Sud engagiert. Am Beginn der Kooperation mit dem Partner Centre de Développement sur la Côte Sud d‘Haïti (CDCSH) stand seinerzeit ein anderer Hurrikan, Ike, der im September 2008 in Port-à-Piment schwere Überschwemmungsschäden verursacht hatte. Damals finanzierte die Kindernothilfe ihrem Partner CDCSH den Bau von sieben Tiefbrunnen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit mit der CDCSH-Berufsschule, der einzigen auf der ganzen Tiburon-Halbinsel, immer enger. Nach dem Erdbeben von 12. Januar 2010, als Zehntausende aus der verwüsteten Hauptstadt in den Südwesten Haitis flüchteten, organisierte die Schule erfolgreiche Kompakt-Kurse für Hunderte von Jugendlichen, Mädchen und Jungs, die sich Grundkenntnisse in erdbebensicherem Mauern, Schreinern, Stromleitungen-Verlegen und Schneidern aneigneten und so nicht mit leeren Händen nach Port-au-Prince zurückkehren mussten.

Die unfassbare Gewalt von Hurrikan Matthew, dem stärksten Sturm, der Haiti in über 50 Jahren heimgesucht hatte, machte aus der Vorzeigeschule in dieser Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 2016 eine Ruine: Alle Dächer waren verschwunden, die Mauern eingedrückt und selbst die das Schulgelände umgebende Außenmauern bis auf die Fundamente niedergerissen! Die Starkregenfälle im Gefolge des Hurrikans gaben aber auch den Werkzeugen und Maschinen zur Holzbearbeitung für die Schreiner- und Zimmermannskurse den Rest. Nur ein kleiner Teil der Gerätschaften konnte aus den Trümmern herausgeholt und gerettet werden. In dieser Situation sorgte ein seit vielen Jahren mit Kindernothilfe verbundener Partner für ein ganz starkes Zeichen: Die Futura-Stiftung für Kind, Jugend und Kultur aus Hamburg erklärte sich bereit, den Wiederaufbau der Schule zu finanzieren. Damit konnte dem CDCSH-Team in Port-à-Piment grünes Licht für ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt gegeben werden: Die Neuerrichtung sämtlicher Unterrichtsräume – als lehrplanmäßig organisierte Gemeinschaftsaktion von Schülern und Lehrern!

Der Wiederaufbau

Den Auftakt machten die 55 Jugendlichen aus den drei Maurerklassen. Sie kommen sowohl aus Port-à-Piment als auch aus den Dörfern der Umgebung. Während eines ganzen Jahres nahmen viele von ihnen täglich eineinhalb Stunden Fußmarsch hin und eineinhalb Stunden zurück in Kauf, um beim Unterricht in einer Schule, die es eigentlich gar nicht mehr gab, dabei zu sein. So wie Pétit Medna (17), der aus einem der Dörfer in den Bergen oberhalb von Port-à-Piment kommt: „Ich bin stolz darauf, hier beim Wiederaufbau meiner Schule dabei zu sein“, erklärt der junge Mann. „Ich will ein guter Maurer werden. Solche Leute werden in Haiti immer gebraucht.“ Diesen Satz hat er von seinem Lehrer, Monsieur Denisieux Juste, der mit ernstem Gesicht zuhört. Der Maurermeister war schon vor vierzehn Jahren dabei, damals selbst als Auszubildender, als die Berufsschule von Port-à-Piment zum ersten Mal errichtet wurde.

Schon 48 Stunden nach der Matthew-Katastrophe vom 4. Oktober 2016 hat Denisieux Juste seine Kollegen aus dem Ausbilder-Team der Berufsschule sowie einige ihrer in der Nähe lebenden Schüler zusammengetrommelt, um anzufangen, den Schutt aus den vom Hurrikan völlig zerstörten Unterrichtsräumen heraus zu schaffen und die eingestürzten Mauern und Deckenteile abzutragen. Vor allem ging es ihnen darum, zumindest einen Teil der Werkzeuge, Holzvorräte und weiteren Arbeitsmaterialien zu retten. Und inmitten der Ruinen galt es auch noch eine ganz andere, sehr schmerzhafte Aufgabe zu lösen: Särge für diejenigen zu schreinern, die die Matthew-Nacht nicht überlebt hatten!

Inmitten der Ruine der Schule mussten die Särge für diejenigen gezimmert werden, die die Katastrophe nicht überlebt hatten.

Die Organisation der Bauarbeiten nötigte dem Ausbilder-Team – aber auch den Schülern – Höchstleistungen ab. Fast acht Monate lang war Port-à-Piment von der Stromversorgung abgeschnitten, mit der Folge, dass sämtliche Arbeiten aufwändig und kräftezehrend komplett von Hand ausgeführt werden mussten: Schalungen schneiden, Beton mischen, Teile für die Dächer sägen, Armierungen biegen. Jeden einzelnen Hohlblock-Stein der Schule fertigte das Team vor Ort in Handarbeit. Immer wieder gerieten die Anstrengungen wegen Lieferengpässen bei Zement und Holz, die aus Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis herbeigeschafft werden mussten, ins Stocken.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Vierzehn Monate, vom Oktober 2016 bis Dezember 2017, dauerte der Wiederaufbau am Ende. Bereits drei Monate zuvor, im Oktober, hatte der reguläre Schulunterricht mit neuem, selbst geschreinertem Schulmobiliar, neuen Werkbänken – statt dem früheren Blech jetzt unter einem sturmsicheren Betondach – beginnen können. Es gelang sogar in wochenlanger Fitzelarbeit, die defekten Teile des Stromgenerators der Schule zu ersetzen und das Gerät wieder in Gang zu bringen. Alle vier Fachklassen – Maurer, Schreiner, Schlosser und Klempner sowie die Computer-Kurse – arbeiten jetzt in sturm- und regensicheren Unterrichtsräumen. Reinhard Schaller, gelernter Schlosser, der die CDCSH-Schule jetzt seit fünfzehn Jahren durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist vor allem auf einen Aspekt stolz: „Über 90 Prozent sämtlicher Arbeiten konnten wir mit den lokalen Fachkräften aus der Schule und denjenigen, die in früheren Jahren hier ihre Ausbildung gemacht hatten, schultern! Nur in ganz wenigen Fällen war Hilfe von außerhalb notwendig. Die Leute hier haben sich unglaublich engagiert.“

Aber auch für die Jugendlichen selbst, die ihre eigene Schule wiederaufbauten, wurde dieses Ausbildungsjahr 2017 zu einer ganz besonderen Erfahrung. Monsieur Denisieux, der Maurerlehrer aus Port-à-Piment, ist sich sicher: „Wer hier gelernt hat, dass es möglich ist, auch nach der schlimmsten Katastrophe wieder aufzustehen und neu anzufangen, wer gesehen hat, wie es geht, so einen Wiederaufbau nur mit unserer Entschlossenheit und der Kraft unserer Hände anzugehen und unter uns alle anstehenden Aufgaben selbst zu organisieren, den haut nichts mehr um!“

Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Von Jenifer Girke

Unsere philippinischen Partner setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

Südafrika: 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid

Vor 28 Jahren beendete der damalige Präsident de Klerk mit seiner Rede die Apartheid in Südafrika. Von da an sollte die Trennung nach ethnischen Gruppen aufgehoben sein. Anlässlich des Jahrestages haben wir mit unserem Länderkoordinator in Südafrika, Phil Donnell, über die Zeit während und nach der Apartheid gesprochen. 

Interview: Sophie Rutter, Foto: Frank Peterschröder

Mädchen in einem Projekt in Durban, Südafrika. (Quelle: Frank Peterschröder)

Welche Auswirkungen hatte die Apartheid auf die Projekte der Kindernothilfe?

Die Apartheid wirkte sich in den 1980er Jahren auf verschiedene Weisen auf die Projekte unserer Partner aus. Beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit und die Freiheit, entscheiden zu können, wo man leben und arbeiten möchte, wurden uns verwehrt. Projekte wurden gebremst, da es nicht immer möglich war, Geld von internationalen Spendern und Organisationen zu bekommen. Auch die Hilfe der Regierung für Projekte mit schwarzen Kindern war sehr eingeschränkt, wenn überhaupt existent. Das Sozialsystem, das wir heute kennen und uns, aber insbesondere die Ärmsten der Ärmsten, heute unterstützt, gab es damals leider nicht. Um die Projekte umzusetzen, mussten wir auf die Hilfe und Spenden der Gemeinschaft setzen, denn andere finanzielle Hilfen blieben während dieser Zeit oft aus.

Welche Auswirkungen hatte die offizielle Beendigung der Apartheid in den 1990er Jahren?

Für Südafrika bedeutete die Demokratie, dass die vorherigen Restriktionen aufgehoben wurden und es mehr Freiheiten für alle benachteiligte Gruppen gab. Wir als Kindernothilfe hatten durch die Beendigung auch mehr Möglichkeiten, inländische und ausländische Spendengelder für unsere Projekte zu gewinnen. Bis in die späten 1990er Jahren ermöglichte ein von der Regierung neu erstelltes Sozialsystem es uns, Millionen von benachteiligten Haushalten zu unterstützen und viele unserer Projekte umzusetzen. Einigen Projekten ist es nun möglich, mit anderen Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Regierungsabteilungen zusammen zu arbeiten. Somit kann eine größere Reichweite erreicht werden.

Spüren Sie die Apartheid noch heute? 

Ja, leider schon. Viele der sozial- und wirtschaftspolitischen Ausmaße der Apartheid sind heute noch von unseren Partnern und der Bevölkerung zu spüren.

Aus sozialer Sicht ist die Trennung nach ethnischen Gruppen immer noch dadurch bemerkbar, dass viele Menschen noch wie zur Zeit der Apartheid leben – nämlich geographisch getrennt voneinander. Nur wenige schwarze Südafrikaner haben den Aufstieg geschafft und können sich Grundstücke in hauptsächlich weißen Wohngebieten leisten. Viele Schulen, besonders in den ländlichen und halb-ländlichen Gebieten, werden nur von der gleichen ethnischen Gruppe besucht.

Wirtschaftlich gesehen gibt es auch noch große Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit, die insbesondere die schwarzen Südafrikaner betreffen. Obwohl viele NGOs und die Regierung schon über 20 Jahre an dieser Ungleichheit arbeiten, gibt es für die Südafrikaner kaum Veränderungen. Das Gleiche gilt für die weißen Südafrikaner, denn sie können ihr Leben immer noch im gehobenen Lebensstil genießen. Diese Diskriminierung motiviert aber die Partner vor Ort, weiterhin daran zu arbeiten, dass die heutigen Familien nicht mehr unter den früheren Umständen leiden müssen.

Leider kann die benachteiligte Bevölkerungsgruppe nicht auf die Hilfe aller Politiker zählen, denn vielen werden Korruption und andere Machenschaften vorgeworfen. Diese Zustände gab es auch schon während der Apartheid.

Obwohl die Apartheid in Südafrika nicht mehr existieren sollte, kann man leider immer noch die Diskriminierung und Trennung im Alltag spüren. Aber man kann durchaus eine Veränderung im Land erkennen, auch wenn nicht so viele, wie gewünscht. Es könnte noch einige Jahre dauern, bis die Ungleichheit im Land nicht mehr zu spüren ist.

Philippinen/Indonesien: Melinda, Marester und Andik

Von Jenifer Girke

Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war 2017 für uns in Indonesien und auf den Philippinen und hat viele interessante und starke Persönlichkeiten kennengelernt. Vor Ort hat sie wertvolle Eindrücke gewonnen und erfahren, wie unsere lokalen Partner die Lebenssituation der Menschen verbessern konnten. Die bewegenden Lebensgeschichten von Melinda, Marester von den Philippinen und Andik aus Indonesien haben wir in den vergangenen Wochen auf unseren Social Media-Kanälen vorgestellt. Hier sind alle drei Geschichten im Überblick.

Melinda: Der Traum vom eigenen Geschäft 

Melinda lebt in Guiuan/Eastern Samar auf den Philippinen, einer Provinz geprägt von Armut und regelmäßig wütenden Naturkatastrophen. Zuhause sorgt sie für ihren Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne. Alle drei Männer sind arbeitslos und sie ist somit die Einzige, die den Lebensunterhalt bestreitet. Jede Woche trifft sich die 45-Jährige mit anderen Frauen zu einer von unserer Partnerorganisation Sikat Ngo initiierten Selbsthilfegruppe. Hier entstehen Ideen, wie die Frauen Geld verdienen und die Grundversorgung ihrer Kinder sicherstellen können. Ein grundlegendes Mittel der Selbsthilfegruppen (SHG) ist der Aufbau eines eigenen Fonds. So zahlen die Mitglieder einen kleinen Beitrag (z.B. 10 Peso = 17 Cent) in eine Kasse ein.  Aus dieser können sie sich dann einen Kredit auszahlen lassen, wenn beispielsweise Schulmaterialien oder Medikamente finanziert werden müssen. Damit sie wöchentlich Geld einzahlen kann, verkauft Melinda selbstgebackene Kokosnuss-Pfannkuchen. Langfristig hat sie allerdings etwas viel Größeres vor: „Ich spare, um Kapital für einen eigenen kleinen Laden zu sammeln.“ So möchte sie Schritt für Schritt den Weg in eine sichere Zukunft gehen. Denn die Familienmutter hat sich dazu entschlossen, für sich und ihre Männer zu kämpfen.

Marester: Durch die Selbsthilfegruppe gestärkt

Während des Treffens ihrer Selbsthilfegruppe erzählt Marester, wie gut ihr die Gemeinschaft tut. Hilfe aus der Gruppe anzunehmen, fällt den Frauen leichter, als sich von Außenstehenden oder einer Bank abhängig zu machen. Durch den gruppeneigenen Sozialfond hat jedes Mitglied die Möglichkeit, Geld zu leihen. Maresters Freundin konnte zum Beispiel zur Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus gehen und so ihr Baby retten. Doch für die Frauen geht es nicht nur um finanzielle Hilfe: „Wir reden zuerst über unsere Probleme, dann diskutieren wir, wie viel Geld wir brauchen. Wir hören einander zu, trösten uns und bauen Beziehungen auf. Dadurch ist der Druck nicht so groß wie bei einer Bank, der es nur ums Geschäft geht. Und unsere Zinsen sind viel niedriger.“

Nach der Sitzung verrät mir die 34-Jährige außerdem, wie sehr die Selbsthilfegruppe ihr Leben verändert hat: „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Früher dachte ich, meine einzige Aufgabe im Leben bestünde darin, zu Hause zu sein, meinem Mann zu gehorchen, Kinder zu kriegen und zu kochen. Doch in der Gruppe habe ich gelernt, welche Rechte ich als Frau und Mutter habe. Ich habe angefangen soziale Kontakte zu knüpfen, mich zu öffnen und nicht immer zu allem ‚Ja‘ zu sagen.“ Ihr Mann hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und wollte ihr zunächst verbieten weiterhin zu den Treffen zu gehen. Doch er sah auch, dass das Finanzsystem der Frauen Früchte trägt und so seiner Familie hilft. Wenn das Wetter zu stürmisch zum Fischen ist, er mit leerem Fangnetz nach Hause kommt und weder etwas zum Verkaufen noch etwas zu Essen für die vierköpfige Familie hat, leiht sich seine Frau aus dem SHG-Fond Geld – früher mussten sie in solchen Zeiten hungern. Ihr plötzliches Selbstbewusstsein beeindruckte ihren Mann und auch er fing bald an, neben der Arbeit den Kontakt zu anderen zu suchen, anstatt sich nach Feierabend zu Hause zu verkriechen. „Er machte es mir nach, weil er sah, dass es mir besser ging. Heute sind wir beide viel entspannter und ich bin eine glücklichere Mutter und Ehepartnerin. Vor allem aber bin ich eine selbstständige, starke Frau. Und genau das sollen meine Töchter von mir lernen.“

Andik: Früher lebte er für Drogen, heute lebt er für die Kinder

Als Andik ein Teenager war, begannen seine Freunde Drogen zu nehmen. Wer nicht mitmachte galt als Feigling und wurde ausgelacht. Andik wollte dazugehören und probierte es aus: „Es fing harmlos an mit Kleber und Zigaretten, aber dann machte ich immer weiter – mit Pillen, Crystal Meth und schließlich Heroin.“ Andik führte ein Doppelleben: Er ging zur Schule, machte seinen Abschluss, fing an zu studieren und lebte bei seinen Eltern. Niemand merkte, dass er längst von den Drogen abhängig war. Während des Studiums fing er an zu dealen und die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Er brach daraufhin sein Studium ab und verlor sich in seinen Exzessen: „Irgendwann lag ich auf der Straße und dachte: Ok, das war es jetzt, ich werde hier sterben mit meiner Flasche und einer Nadel im Arm.“ Bis sein Freund Roni ihm von einem Training erzählte, das ihn unterstützen würde, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Jeder, der teilnimmt, werde bezahlt. „Ich war natürlich sofort dabei. Das Training interessierte mich nicht, aber ich brauchte Geld für meine Drogen.“ Nach dem ersten Training folgten weitere  und Andik wurde eingeladen, in Schulen über den Missbrauch von Drogen zu reden: „Die Wahrheit aber sah so aus: Ich erzählte den Kindern wie schlecht Drogen sind und fünf Minuten später setzte ich mir selbst den nächsten Schuss.“ Ein amerikanischer Unicef-Mitarbeiter, David, bemerkte, wie ernst  es um Andik stand. Er erzählte ihm von  einem neuen Auftrag in einem anderen Teil des Landes, der aber gut bezahlt werden würde. Der damals 29-Jährige sagte sofort zu: „Doch als ich dort ankam, wurden mir meine Kleidung und mein Handy abgenommen. Das war kein Auftrag. Das war ein Rehabilitationscenter! Mein Freund David trickste mich aus und rettete mir damit das Leben.“ In der Einrichtung wurde nicht nur Andiks Körper entgiftet, auch seine Einstellung veränderte sich – nach eineinhalb Jahren war er clean und schloss seine Therapie erfolgreich ab.

Dann hatte David tatsächlich ein Jobangebot für seinen Freund: „Ich fing an, in diesem Rehabilitationscenter Abhängige zu beraten und betreute verschiedene Entzugsprogramme.“ Dort hat er seine Frau kennengelernt, die in dem Center ein Praktikum absolvierte. „Mit unserer Verlobung traf ich die Entscheidung, eine andere Richtung einzuschlagen. Drogen waren über 15 Jahre lang Teil meines Lebens gewesen und ich war es leid, mich mit den Problemen zu beschäftigen, die sie in den Leben von Menschen anrichten. Zuerst in meinem eigenen, dann in denen derjenigen, die ich betreute. Außerdem verlor ich so viele Freunde wegen der Drogen – Roni und viele andere starben, die meisten von ihnen an HIV.“ Andik kündigte und war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, bei der er weiterhin anderen helfen und seine Geschichte als Zeugnis einsetzen konnte. Er bewarb sich bei KDM und kann sich noch ganz genau an sein Vorstellungsgespräch erinnern: „Ich sagte ihnen sofort, dass ich zwar keine Ahnung von Straßenkindern habe, aber die Leidenschaft zu helfen und dass ich etwas Neues lernen will. Sie gaben mir eine Chance – das war für mich der Beginn eines neuen Lebens.“

Heute ist Andik 42 Jahre alt, glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen Job, der ihn Tag für Tag mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. „Ich sehe in diesen Kindern mich selbst. Hätte mir damals jemand gesagt, wie schlecht Drogen sind und wie schnell sie dein gesamtes Leben zerstören, wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen. Doch jetzt kann ich diese Person für die Kinder sein. Ich bin die Stütze, die ich selbst nicht hatte. Das macht mich sehr glücklich.“

Den inneren Schweinhund überwinden – für einen guten Zweck

Besonders Anfang des Jahres ist die Motivation noch groß, die sportlichen Vorsätze fürs neue Jahr einzuhalten. Diese Motivation hat die Agentur GID-Projects mit Sitz in Neuss zum Anlass genommen, den ersten Neujahrslauf in Duisburg zu veranstalten. Die Kindernothilfe war mit an Bord.

Von Sophie Rutter, Kindernothilfe-Pressestelle

Es war kalt und grau, aber trotzdem war der Parkplatz am Wolfsee in Duisburg überfüllt. Ob hier etwas stattfindet, fragte der Busfahrer, der anscheinend nichts von der Veranstaltung mitbekommen hat. Auch nicht schlimm, denn schließlich fand heute, am Samstag den 6. Januar 2018, das erste Mal der Duisburger Neujahrslauf an der Sechs-Seen-Platte statt. Über 850 Läufer und Läuferinnen machten sich frühmorgens auf den Weg, um das Jahr 2018 aktiv zu beginnen und den inneren Schweinehund zu überwinden.

Toller Einsatz trotz erschwerter Bedingungen

Die Veranstalter (GID-Projects) mussten noch kurzerhand den Streckenverlauf ändern, da wegen Hochwasser ein Teil der geplanten Strecke nicht mehr passierbar war. Trotzdem liefen die motivierten Sportler und Sportlerinnen eine 3,2 km lange Strecke, die mindestens genauso idyllisch und malerisch war. Die Besonderheit war, dass jeder Läufer und jede Läuferin selbst entscheiden konnte, wie weit er oder sie noch laufen möchte. Um Punkt 9:30 Uhr ging‘s los. 90 Minuten hatten sie Zeit und liefen zwischen einer und sieben Runden. Anfangs kamen die Läufer und Läuferinnen nur schwer von der Stelle, die Masse entzerrte sich aber schon sehr bald. Vielleicht auch weil sich einige für eine kürzere Laufstrecke entschieden. Als Unterstützung, Zuschauer oder Mitläufer hatten viele  von ihnen Freunde und Familie mitgebracht.

Laufen für Straßenkinder in Äthiopien

Auch Kinderwagen und Hunde waren auf der Strecke zu sehen – und alle für einen guten Zweck: Die Veranstalter entschieden sich, pro Finisher einen Euro an die Kindernothilfe zu spenden. Mit 858 Finishern bedeutet das 858 Euro, die die Veranstalter erfreulicherweise auf 900 Euro aufrunden.  Darüber freut sich die Kindernothilfe sehr und möchte sich herzlich bei all den motivierten Teilnehmenden und dem Team bei GID-Projects bedanken. Die Spenden unterstützen ein Projekt in Dire Dawa, Äthiopien,  das Straßenkinder betreut und ihnen Kleidung, Bildung,  aber auch Hoffnung gibt. Die Gewinnerin der ersten Runde, Xenja Hartmuth vom MSV Duisburg 02 Leichtathletik e.V., freute sich, „dass man mit dem Lauf Kindern hilft, denen es nicht so gut geht wie uns“. Sie präsentierte uns stolz ihre Urkunde und die Preise, eine Sporttasche und Kopfhörer, die sie bei der gut besuchten Siegerehrung überreicht bekam. Auch die Pressesprecherin der Kindernothilfe, Angelika Böhling, ließ sich nicht von dem kalten Januarmorgen abhalten und lief mit. Angelika Böhling, zu erkennen an ihrer Kindernothilfe-Kappe, schaute sich die Veranstaltung ganz genau an, denn nächstes Jahr soll die Veranstaltung zusammen mit dem diesjährigen Veranstalter GID-Projects von der Kindernothilfe durchgeführt werden.

 

Begeisterung bei allen Beteiligten

Sie war begeistert von der Veranstaltung und freute sich sehr, dass man so viele Menschen mit dem Lauf ansprechen und motivieren konnte. Auch Paul Ermlich vom Veranstaltungsteam freute sich über die positive Resonanz.

Mitmachen stand im Mittelpunkt

Zur Stärkung standen Fruchtsaftschorle und frisches Obst bereit. Zusätzlich gab es für alle Teilnehmenden eine Gewinnertasse und eine Brötchentüte, denn schließlich sollte jeder belohnt werden. Für viele ging es nicht um die Zeit oder den Sieg, sondern vielmehr ums Mitmachen und darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Nach diesem erfolgreichen ersten Duisburger Neujahrslauf besteht großes Interesse an einer Wiederholung: Dafür wird gesorgt – keine Sorge.

Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.