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„Die Leidenschaft, für Kinder zu arbeiten – das verbindet uns!“

Projektreise Südafrika: Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Ehrenamtlichen bei DurbanVon Niklas Alof, Referat Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, zurzeit mit Kindernothilfe-Ehrenamtlichen auf Projektbesuch in Südafrika

Es ist der dritte Projektbesuch unserer Reise. Wir sind in unserem kleinen Bus auf dem Weg in eine ländliche Region namens Umbumbulu, ca. 45 Kilometer außerhalb von Durban. Es regnet und ist erstaunlich kalt, auch machen sich die vielen Eindrücke der letzten Tage bemerkbar, die auf uns eingeprasselt sind.

Die Stimmung ist nicht mehr ganz so euphorisch wie an den Tagen zuvor. Besonders die große Ungleichheit, die einem in Südafrika begegnet, geht vielen von uns wirklich nah. Einerseits sieht man prachtvolle Straßenzüge und Villen, hat eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur und bestaunt tolle Landschaften. Andererseits kommt man innerhalb weniger Minuten, weniger Kilometer in Gebiete, die man zwar aus Berichten und Bildern kennt, deren reale Existenz aber überwältigend ist. Die Armut und Ausgrenzung, die die Menschen in den Townships und den ländlichen Regionen erfahren ist, krass. Manche leben in kleinen vom Staat finanzierten Steinhäusern, andere bauen sich aus Wellblech und anderen Behelfsmitteln kleine Hütten. Es gibt manchmal Strom über Solaranlagen, Toiletten sind teilweise auch zu erkennen. Es sind Dixi-Klos oder selbstgebaute Hütten.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei einer kleinen Schule an; ein Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Sinani empfängt uns und führt uns in einen Raum, in dem eine 15-köpfige Gruppe von ehrenamtlichen Community Childcare Workers (vergleichbar mit Jugendarbeitern) auf uns wartet. Langsam treten wir ein, die sprachlichen und kulturellen Hürden lassen sich nicht leugnen, alle sind etwas schüchtern und warten ab. Wir setzen uns in einen großen Kreis, begrüßen einander und stellen uns vor. Alles wirkt leicht steif und zurückhaltend. Nach ein paar offiziellen Worten der Begrüßung von beiden Seiten können Fragen gestellt werden. Jetzt wird die Runde lebhaft – von unserer Seite kommen viele Fragen: Welche Hauptprobleme begegnen euch bei der Arbeit mit den Kindern? Wie kommt ihr mit den Eltern in Kontakt, wie kooperieren diese? Wie viele Haushalte werden von Kindern geführt? Wie vereinbart ihr eure ehrenamtliche Arbeit mit euren anderen Jobs und Aufgaben?

Projektreise Südafrika: gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter beeindrucken und machen betroffen

Die Gewalterfahrungen der Kinder sind so vielfältig, dass man sie kaum aufzählen kann, hören wir aus den Antworten. „Gewalt in der Familie und der Großfamilie, in der direkten Umgebung, es gibt sehr gefährdete Kinder in den Communities, viele wurden durch HIV und Aids zu Waisen“, zählen die Jugendarbeiter auf. Aids und seine Folgen sind ein riesiges Arbeitsfeld für die freiwilligen Mitarbeiter. „Ich machte einen Hausbesuch bei einer Familie“, berichtet eine Ehrenamtliche, „und treffe dort auf 15 Waisenkinder, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.“ In diesem Gebiet werden schätzungsweise nahezu ein Drittel der Haushalte von Kindern geführt. Eine unvorstellbare Zahl! Viele der Kinder haben – auch aufgrund ihrer kulturellen Erziehung – nicht gelernt, ihre Gewalt- und Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Manche können durch die Jugendarbeiter erstmals eine enge Beziehung aufbauen und über ihre Trauer und Probleme sprechen. Dabei gehen die Sinani-Ehrenamtlichen sehr vorsichtig vor. Keines der Kinder soll dadurch stigmatisiert werden, dass es sich öffnet und seine Probleme aufzeigt. Auch soll diese Offenheit nicht zu Konflikten mit den Eltern führen. So besuchen die Jugendarbeiter auch immer wieder die Eltern, berichten von ihrer Arbeit, versuchen sie zu überzeugen.

Die Eltern begegnen den Ehrenamtlichen anfangs mit großer Skepsis. Es erfordert Offenheit und Mut, dem eigenen Kind zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. „Aber“, so berichten sie, „der nachhaltige Erfolg überzeugt dann doch viele von ihnen. Die Kinder werden besser in der Schule, entwickeln sich gut, blühen auf. Auch bekommen sie durch die Betreuung eine Mahlzeit – nicht zuletzt eine gute Art, Eltern zu überzeugen.“

Die Sinani-Jugendarbeiter verbinden ihre ehrenamtliche Arbeit mit all ihren anderen Jobs, ihrer eigen Familie, ihren eigenen Aufgaben. Sie sagen, dass sie sich Schlupflöcher suchen, in denen sie ihre Arbeit machen können, sei es auch ein Samstag.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Tausende Kilometer voneinander entfernt und doch eine gemeinsame Vision

Eine Mitarbeiterin spricht aus, was alle Anwesenden verbindet: „Man braucht Leidenschaft, um sich für hilfsbedürftige Kinder einzusetzen. Das ist kein einfacher Job – es ist eine Aufgabe, die Leben verändern kann!“ Ein toller Moment für alle, die hier zusammensitzen, denn wir sehen, wir leben zwar Tausende von Kilometern voneinander entfernt und doch haben wir die gemeinsame Vision: Lasst uns Kinder zu ihren Rechten verhelfen!

Die Stimmung ist mittlerweile viel lockerer, es entsteht ein reger Austausch. Auch wir können berichten, welche Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet wird. Wie wir immer wieder Menschen davon überzeugen wollen, sich für andere einzusetzen. Wie wir immer wieder Menschen bewegen möchten, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Das verbindet, und es ist toll zu wissen, dass es diese Verbindung quer über die halbe Erdkugel gibt.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Es werden nun fleißig Selfies und Fotos jeder Art gemacht. Wir stehen zusammen, unterhalten uns irgendwie auf Englisch, Zulu und Deutsch, manche übersetzen. Ein toller Spirit macht sich breit! Dafür sind wir da. Wir wollen direkt erleben, wie die Arbeit vor Ort läuft. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stecken. Und das passiert ganz wunderbar an diesem kalten und regnerischen Tag in der Nähe von Durban: Wir verstehen einander, wir stärken und motivieren uns. Für Kinder. Weltweit.

Südafrika: Besuch im Tennyson House in Durban

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Kindernothilfe zu Besuch im Tennyson House in Durban, SüdafrikaEin Bericht von Cornelie Haag, Arbeitskreis Dresden, zurzeit mit einer Gruppe von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kindernothilfe auf Projektreise in Südafrika (Fotos: Niklas Alof)

Manchmal braucht es ein Springseil, um die Stimmung aufzulockern. So war es jedenfalls im Straßenkinderprojekt Tennyson House in Durban. Was unsere Ehrenamtlichen dort erlebt haben, beschreibt Cornelie Haag.

Die Mitarbeiter des Straßenkinderprojekts Tennyson House, das die Kindernothilfe seit Jahren unterstützt, begleiten uns zu einem großen Raum, in dem sich rund zehn Kinder aufhalten. Da es regnet, sind es wohl weniger Kinder als sonst. Einige waschen am Eingang unter dem Vordach ihre Kleider. Ich beobachte ein Mädchen, das aus einem kleinen Rucksack Kleider herauszieht, sortiert und festlegt, welche sie waschen wird. Als sie sich bückt, rutscht ihr Pullover etwas nach oben, und ich sehe Narben auf ihrem Rücken. Sind es Narben von Zigaretten? Oder geht jetzt meine Fantasie mit mir durch?

Ich weiß ja nicht, was diese Kinder durchgemacht haben, warum sie von zu Hause weggelaufen sind und auf der Straße leben. Die anderen Mädchen und Jungen im Raum spielen. Ein Puzzle liegt auf dem Tisch, es gibt einen Tischkicker und einen kleinen Billardtisch, an dem zwei Kinder spielen. Der Junge hat dies schon öfters gemacht, er erklärt dem Mädchen, was zu tun ist, und macht bei ausweglosen Spielsituationen geschickte Stöße, um die weiße Kugel wieder frei zu bekommen.

 Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Sport und Musik bringt Menschen zusammen

Es ist schwer, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Eine aus unserer Gruppe nimmt ein Springseil und hüpft sehr gekonnt damit herum. Das lockert die etwas steife Atmosphäre auf, und zwei andere Kinder nehmen es nun auch in die Hand und springen auf und ab. So einfach entsteht über ein Spiel Kontakt über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.

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Ein Springseil als Türöffner der Herzen

Nachmittags treffen wir die 14 Straßenmädchen zwischen zehn und 18 Jahren, die derzeit im Tennyson House leben. Sie haben sich entschieden, von der Straße wegzukommen, ihre Freiheit als Straßenkind aufzugeben. Sie wollen versuchen, eine Familie zu finden, die sie aufnimmt, wollen wieder zur Schule gehen, später einen Beruf erlernen.

Zuerst sind sie – wie auch wir – schüchtern und gehemmt. Sie singen uns zwei afrikanische Lieder vor – die wunderschönen, kraftvollen Stimmen der Mädchen bewegen uns sehr. Dann tragen sie zwei Gedichte vor, eines berührt uns besonders, es handelt von  Flüchtlingen und wie sie in der Gesellschaft aufgenommen werden. Wir erfahren, dass in Südafrika viele Flüchtlinge aus den umgebenden Staaten leben. Sie hoffen, hier bessere Bedingungen zu haben als in ihren Heimatländern. Südafrika, so erzählen uns die Mädchen, behandelt diese Flüchtlinge nicht immer gut.

Ein Rap-Song sorgt für Stimmung

Die Mädchen fragen uns, ob wir Lust haben, mit ihnen im Aufenthaltsraum zu spielen. Natürlich wollen wir, und dann passiert so etwas Wunderbares, wie ich es selten erlebt habe. Die Tische werden beiseite geräumt, wir bilden einen großen Kreis, und dann geht es los: Ein Mädchen ist die Vorsprecherin und im Stile eines Rap-Songs machen wir alle mit.

Alle machen mit

Alle machen mit – und haben Spaß dabei! (Foto: Wiebke Weinandt)

Welches Leid steckt hinter den fröhlichen Gesichtern?

Und so geht es weiter, der nächste Song, einige akrobatische Einlagen der Mädchen. Sie ziehen dann auch eine von uns in den Kreis und fordern sie auf, mitzumachen. Sie schwingt die Beine wie die Mädchen, wenn auch nicht so hoch. Wir alle lachen, sind fröhlich und verbringen eine wunderbare Stunde mit den Mädchen.

Und doch, wenn ich in diese Mädchengesichter schaue, überfällt mich immer wieder der Gedanke, welche Probleme hinter dem jetzt lachenden Gesicht verborgen sind: schwere Konflikte mit den Eltern, die die Sozialarbeiter versuchen zu lösen innerhalb des Jahres, die die Kinder hier sind. Verlust von Eltern, gibt es noch Großeltern, zu denen sie zurückgehen können? War es Missbrauch, das dieses lachende Mädchen vor einiger Zeit auf die Straße getrieben hat? Doch jetzt sind die Mädchen fröhlich, spielen, gehen zur Schule, bekommen einen Teil ihrer gestohlenen Kindheit zurück, und das ist viel wert.

Die Verabschiedung am Ende des Treffens ist herzlich: Die Kinder kommen auf uns zu, und wir umarmen uns. Ich wünsche ihnen allen eine gute Zukunft für ihr Leben.

Cornelie Haag, Kindernothilfe-Arbeitskreis Dresden

Ein gelungenes Treffen der Gruppen Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung

Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung…