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Simbabwe: Was macht einen Menschen aus?

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Marvin hat keine Geburtsurkunde. Ohne diese Bescheinigung darf er später nicht zur Schule gehen. Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Simbabwe

Bulawayo, 05.05.2016

Was macht einen Menschen aus? Das ist in Simbabwe keine philosophische Frage. Die einfache Antwort lautet: die Geburtsurkunde. Denn ohne die Urkunde kann hier kein Kind in die Schule gehen. Wenn großzügige Direktoren den Schulbesuch dennoch gestatten, ist jedenfalls die Teilnahme an Prüfungen nicht erlaubt. Ein Kind ohne Geburtsurkunde darf auch nicht am Sportunterricht teilnehmen. Denn das wahre Alter zeigt nur diese Urkunde. Ein Schüler könnte sich also jünger machen und auf diese Weise Vorteile erschwindeln. Später geht es genau so weiter. Ohne Geburtsurkunde gibt es keinen Personalausweis, keinen Studienplatz, kein Konto, keinen Job in der öffentlichen Verwaltung und keinen Führerschein.

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Der Kindernothilfe-Partner hilft bei der Beschaffung der Papiere. Foto: Christoph Dehn

Von den UN bestätigt: Jedes Kind hat das Recht auf eine Geburtsurkunde

Nun könnte man meinen, was soll’s, dann besorgt man sich eben eine Geburtsurkunde. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt sogar ausdrücklich das Recht eines jeden Kindes auf einen Namen, eine Identität und eine Geburtsurkunde. Aber so einfach ist das eben in Simbabwe nicht. An diesem Morgen sind in der methodistischen Kirche von Mzilikazi, Bulawayo, fast zweihundert Menschen, meist Mütter und Großmütter, zusammengekommen. Der Kindernothilfe-Partner Justice for Children hat einen Beratungstag, eine mobile clinic, angekündigt. Es geht um Hilfe bei der Beantragung von Geburtsurkunden. Caleb, der Direktor, und Patience, die Programmverantwortliche, haben 155 Fragebögen mitgebracht, in die die Mütter und Großmütter die Daten zu ihrem Fall eintragen können. Die Bögen reichen lange nicht aus. Sieben Freiwillige nehmen die Einzelheiten jedes Kindes auf und überlegen mit den Frauen, wie es am besten weitergehen kann. Da ist Lydia mit ihrer Enkelin Mary, einem siebenjährigen Mädchen. Eines Tages im vergangenen Jahr kam Lydias Sohn mit seiner Frau und gab Mary bei seiner Mutter ab. Nur kurz, sie würden das Mädchen bald wieder abholen. Mary und ihre Oma haben seitdem nichts von den Eltern gehört. Vielleicht sind sie nach Südafrika gegangen oder nach Botswana. Vielleicht haben sie sich getrennt. Ob sie überhaupt noch am Leben sind? Aids hat schon so viele Eltern umgebracht. Obwohl Mary keine Geburtsurkunde hat, konnte die Großmutter die Schule überreden, sie aufzunehmen. Aber Prüfungen wird sie nicht machen können, und am Sportunterricht darf sie auch nicht teilnehmen.

Charity möchte für ihren Enkel Marvin eine Geburtsurkunde beantragen. Die Beraterin des Kindernothilfe-Partners hilft ihr dabei. Foto: Christoph Dehn

Eine Geburtsurkunde für Marvin

Bei einer anderen Beraterin sitzt gerade Charity mit ihrem Enkelkind Marvin. Marvin ist vier und hat noch einen zweijährigen Bruder Promise. Die Mutter lebt in Südafrika; ihre Ehe ging in die Brüche, der Mann ist psychisch labil, die Frau mit den Kindern überfordert. Marvin wurde in Südafrika geboren, unter falschem südafrikanischen Namen. Sonst hätte die Entbindung 7.000 Rand gekostet, etwa 450 Euro. Marvin kam illegal über die Grenze zu seiner Großmutter nach Simbabwe. Dafür hat die Großmutter 200 Rand an einen Schlepper gezahlt. Aber das Kind hat natürlich keine Geburtsurkunde und ist noch dazu illegal im Land. Und bald soll die Schule losgehen. Umsichtig erklärt die Beraterin von Justice for Children den mühsamen Weg zu einer Urkunde. Zunächst muss die Großmutter zur Grenzstation fahren und dort eine Provisional Restriction Notification beantragen, ein Papier, das Marvin das Recht gibt, nach Simbabwe einzureisen. Anschließend braucht sie von der Grenzstation den Admission of Entry Report, der bestätigt, dass Marvin tatsächlich eingereist ist und sich legal im Land aufhält. Dafür werden 20 Dollar fällig. 50 Dollar kostet die Beantragung einer Geburtsurkunde für Kinder, die außerhalb des Landes geboren wurden. Außerdem müssen die Geburtsurkunden und Personalausweise der Mutter, der Großmutter und, wenn möglich, auch des Vaters vorgelegt werden. All das zu besorgen, ist teuer, mühsam und zeitaufwändig. Aber wenigstens ist der Weg jetzt klar. Wenn alle Dokumente zusammen sind, kümmert sich Justice for Children um die Ausstellung der Urkunde. Und bis dahin schreiben sie einen Brief an die Schule und bitte um vorläufige Aufnahme; die Geburtsurkunde wird nachgeliefert.

Die Beraterin gibt Charity die Liste mit den benötigten Dokumenten. Die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Als wir fünf Stunden später zur Kirche zurückkehren, warten noch immer ein paar Frauen auf Beratung. Aber das Warten wird sich lohnen.