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World Conference on Child Labour, 8-10 October 2013, Brasilia

Statement von VENRO, vorgetragen von Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe
Dear representatives from governments, workers, employers and civil society all over the world,

thank you very much for the invitation and this great platform to exchange ideas and ways out of the worst forms of child labour. I am proud to speak on behalf of the Association of German Development Non-Governmental Organisations (VENRO) – an organization with more than 100 members from civil society, all of them striving for the realization of children’s rights worldwide.

Our goal is to identify ways for a sustainable eradication of child labour with a special focus on its worst forms. This is a difficult task because the problem of child labour is complex. It requires a complex solution. Thus, we would like to highlight the following four aspects.

  • First of all, we have to be aware that we deal with different types of child labour that make different approaches necessary. The worst forms have to be eliminated immediately according to the ILO Conventions and the UN Convention on the Rights of the Child. But there are also other forms of child labour that need a differentiated approach. Children that work under non-hazardous conditions often show us, that a simple ban is not the right way. As long as their families are poor and in need of their support, they want to help. At the same time they claim their right to education, protection and health. In Latin America and West Africa they even claim their right to work and to unite in trade unions. Thus, we have to find individual solutions focussing on the rights, well-being and best interest of each single child. None of them will solve the problem over night. But until child labour is banned approaches like moving children from the worst forms of child labour to non harmful forms offering decent work conditions, evening classes or protection clothes will help them to realize some of their rights. Simultaneously, it is important to improve their capacities and life skills which will help to realize children’s rights and overcome all forms of child labour in the long-run.
  • Secondly, child labour is not an isolated phenomenon. It is caused by the economic and social poverty facing the children’s families. Anyone interested in finding real solutions must start here. We need a political, socio-economic and legal framework on the national and international level that tackles the root causes of working children and provides decent work opportunities for adults, good educational and health systems, social protection, living wages and an elaborate legal framework to realize children’s rights.
  • Thirdly, we have to put the finger in the wound and focus more on those aspects that have been neglected so far. This includes the effective implementation of the UN Guiding Principles on Business and Human Rights as well as the situation of vulnerable children, domestic labour, hazardous child labour along global value chains and the informal economy where most exploitative child labour is found.
  • Fourthly, despite all the negative aspects we associate with child labour, it does show that children are able to bear responsibility and do a lot to support their families. Anyone wishing to combat child labour can learn from these children. Instead of having to bear their great loads, they could make a huge contribution towards solving the problem they face in their societies and countries. Successful programs are those in which children and adults work side-by-side to find ways of avoiding exploitation, those which facilitate children’s rights to education and health care and which incorporate both families and the social environment, to constantly keep our vision of conquering child labour all over the world in focus. But most of these children live in rural areas, they are not online and they did not have the chance to participate in the Online Dialogues in the forefront of this conference. Thus, let’s invite them to participate in the next Global Conference on Child Labour!

Here in Brasilia we have a unique chance to agree on the next steps – let’s go for it!

Thank you very much!

Antje Weber

„168 Millionen Gründe, unsere Anstrengungen zu erhöhen“

 

Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe, berichtet von der 3. Weltkonferenz Kinderarbeit in Brasilia

Mit diesen Worten hat Guy Ryder, Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gestern die 3. Weltkonferenz Kinderarbeit in Brasilia eröffnet. Das Thema ist brisant, das Ziel klar. Nach neuesten Zahlen der IAO arbeiten noch immer 168 Millionen Kinder weltweit, 85 Millionen von ihnen unter gefährlichen Bedingungen, beispielsweise in Minen, Steinbrüchen oder Zementfabriken. Bereits 2010 hat sich die internationale Staatengemeinschaft angesichts dieser Herausforderung auf einen Fahrplan geeinigt, um gefährlicher Kinderarbeit bis 2016 ein Ende zu bereiten. Nun ist Halbzeit – Zeit, um Bilanz zu ziehen.

Vierköpfige Delegationen von 153 Staaten sind zu diesem Zweck nach Brasilia gekommen – jeweils Vertreter von Regierungen, Arbeitnehmern, Arbeitgebern und der Zivilgesellschaft. Hinzu kommen Vertreter internationaler Organisationen. Mittendrin ist auch die Kindernothilfe als Vertreter der deutschen Zivilgesellschaft für den Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Der Anblick dieser Vielfalt an Kulturen ist wirklich beeindruckend. Langsam füllt sich der Plenarsaal, rund 1000 Menschen jeglicher Couleur, jeglichen Alters und aus verschiedensten Kulturkreisen voller Hoffnungen und Erwartungen an diese Konferenz nehmen Platz. Die Welt ist zu Gast in Brasilia. Nur eine Gruppe fehlt – die Kinder. Vertretern von Kindergewerkschaften, die besonders in Lateinamerika oder Westafrika für ihr Recht auf Arbeit kämpfen, wurde die Teilnahme nicht ermöglicht. Stattdessen sollten sie sich im Vorfeld online beteiligen. Schwierig, denn die Kinder, um die es uns hauptsächlich geht, haben im Steinbruch, der Mine oder auf dem Feld wohl kaum Internetzugang.

Von links: Michael Bergstreser, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststaetten, Dr. Klaus Guenther, BMAS, Anika Woerstdoerfer, Dt. Botschaft in Brasilia, Antje Weber, Kindernothilfe, Manfred Brinkmann, GEW 

Um 10.30 Uhr geht es dann los. Nach der Begrüßung durch Guy Ryder folgt Dilma Roussef, die Präsidentin Brasiliens, und macht besonders auf die Erfolge ihres Landes im Kampf gegen Kinderarbeit sowie die Herausforderungen im Bereich der sexuellen Ausbeutung und Prostitution aufmerksam. Es folgen Statements von Vertretern der Regierungen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber und der Zivilgesellschaft. Im Prinzip sind sie sich einig: Gefährliche Kinderarbeit muss ein Ende haben, jedes Kind hat das Recht, Kind zu sein und entsprechend aufzuwachsen. Es sind spannende Statements dabei, doch mir fehlt die kritische Auseinandersetzung mit nicht-gefährlichen Formen der Kinderarbeit. Ein pauschales Verbot bringt uns hier nicht weiter und geht an der Realität der Kinder vorbei.

Am Vormittag wird auch der Startschuss für die neue Initiative der ILO „Music against Child Labour“ gestartet; Musiker weltweit sind aufgerufen, mit Konzerten und Beiträgen zum Kampf gegen gefährliche Kinderarbeit beizutragen: http://www.ilo.org/ipec/Campaignandadvocacy/MusicInitiative/lang–en/index.htm

Nachmittags bringen verschiedene Workshops Licht ins Dunkel einzelner thematischer Bereiche. Themen sind häusliche Arbeit, Migration, Kinderrechtsverletzungen und die Landwirtschaft. Im Workshop zu Kinderrechtsverletzungen geht es um besonders gravierende Folgen ausbeuterischer Arbeit wie Prostitution, sexueller Ausbeutung oder den Einsatz von Kindern als Soldaten.

Insgesamt eine große Chance, um das Problem ausbeuterischer Kinderarbeit zu diskutieren. Doch leider fehlt mir genau das: Es gibt am ersten Tag keine kontroverse Diskussion über verschiedene Lösungsansätze und Positionen zum Thema. Vielmehr präsentiert man sich gegenseitig die Erfolge seines Landes. Das Abschlussdokument, das als Ergebnis der Konferenz die nächsten Schritte festlegen soll, wird nur am Rande thematisiert. Die große Herausforderung für die folgenden zwei Konferenztage wird es sein, echte Diskussionen zu beginnen, um Best Practice Beispiele zu identifizieren und sich gemeinsam auf die nächsten Schritte zu einigen.

„Mach die Katze“ – Kinder in Haiti können wieder spielen

Kindernothilfe-Mitarbeiter Jürgen Schübelin ist heute aus Haiti zurückgekehrt. Und sofort hat er uns einen aktuellen Bericht gemailt:

Seit Tagen diskutieren Alinx Jean-Baptiste, der Koordinator von KNH-Haiti, Ruben Wedel, Vladimir Constant (der Psychologe in unserem Team) und ich mit wachsender Sorge über die Frage, was aus den Tausenden von Restavèk-Kindern in den Bidonsvilles von Port-au-Prince wird, die sich nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar in einer noch prekäreren Lage als vorher befinden. Diese Kinder – meistens Mädchen – hatten vor dem Desaster vor allem für Familien gearbeitet, die selbst zur Gruppe der Extrem-Armen in diesem Land gehören, und zwar täglich von vor Sonnenaufgang bis in die späte Nacht hinein – gegen ein bisschen Essen und die Möglichkeit, in der Hütte der „Gastfamilien“ auf dem Fußboden in einer Ecke schlafen zu dürfen.

Das Erdbeben hat in ganz vielen Fällen das System zerstört, auf dem ihr eigenes Überleben gründet, weil die Familien, mit denen sie bisher lebten, selbst alles verloren haben und in ihren Notunterkünften am Straßenrand keine zusätzlichen Münder brauchen, um das bisschen Wasser und Essen, das zur Verfügung steht, zu teilen. Uns ist seit Tagen klar, dass diese besondere Gruppe, die seit Jahren in der Haiti-Projektarbeit der Kindernothilfe eine so wichtige Rolle spielt, extrem gefährdet ist.

In dem von uns aufgebauten Kinderzentrum auf dem Compound der Heilsarmee in Delmas Deux sind zwar einige Mädchen dabei, die vor der Katastrophe als Restavèk gearbeitet haben, aber angesichts der gewaltigen Menschenmasse in der Zeltstadt rund um das Gelände der Armée du Salut und den entsprechenden Versorgungsproblemen ist es einfach nicht möglich, systematisch nach all den anderen Kindern zu suchen, die zuvor an dem kleinen Restavèk-Programm im College Verena der Heilsarmee teilgenommen haben.

Wir machen uns also auf den Weg nach Wharf Jérémie, ein – zumindest zu einem wesentlichen Teil – auf einer Müllhalde entstandenes Bidonville am Hafen, dort, von wo aus jeden Tag die Schiffe, vollbeladen mit aus Port-au-Prince fliehenden Menschen, nach Jérémie, an der äußersten Südwest-Spitze von Haiti, in See stechen. Im Hafenbereich herrscht ein unglaubliches Gedränge, schon von Weitem wird klar, dass die Schiffe, die allesamt wie schrottreife Seelenverkäufer aussehen, völlig überladen zu ihrer achtstündigen Fahrt entlang der Küste ablegen werden. Diejenigen, für die es keine Chance gibt, aus Port-au-Prince heraus zu kommen, sind die Bewohner von Wharf Jérémie. Auch in diesem Bidonville sind die Häuser und Hütten Wand an Wand errichtet. Überall, wo mit Stein gebaut wurde, hat das Erdbeben große Schäden verursacht, die elenden Hütten aus rostigem Wellblech und anderen Abfallmaterialien sind hingegen stehen geblieben.

Wharf Jérémie ist ein Ort mit besonders vielen Restavék-Kindern. Mit ihnen arbeitete der Kindernothilfe-Partner MOCOSAD in seiner kleinen Schule bereits lange vor der Katastrophe. Nach dem Erdbeben hat Vladimir Constant, der KNH-Psychologe, zusammen mit Pastor Luckner Guervil von MOCOSAD alle Familien besucht, in denen zuvor Restavèk-Kinder lebten, um möglichst viele Informationen über den Verbleib der Kinder einzuholen. Einige von Ihnen sind inzwischen allein in Wharf Jérémie, weil ihre „Arbeitgeber“ geflohen sind, von anderen fehlt jede Spur, aber ein großer Teil der MOCOSAD-Kinder befindet sich immer noch hier an diesem apokalyptischen Ort zwischen Kloaken und Müllhalden, in den sich vor uns kaum eine Hilfsorganisation hineingetraut hat. Vladimir hat bereits kurz nach dem Erdbeben begonnen, mit einigen der Kinder, die auf ihn einen besonders verstörten, traumatisierten Eindruck machten, zu arbeiten und versucht gerade, als wir uns treffen, einem Mädchen, das seit Tagen nicht mehr aufhört, völlig zusammenhanglos zu sprechen, zu helfen.

Wir wollen unbedingt inmitten dieses Bidonville ein weiteres Kinderzentrum in Gang bringen, aber die Frage laut: Wo? Die Zeit drängt – und deshalb bitten wir Pastor Luckner und sein Team um einen großen Gefallen: Sich dazu durchzuringen, den mit erheblichen finanziellen Mühen von seiner kleinen Kirche aufgebauten Unterrichtsraum – unmittelbar neben dem Gotteshaus, der bei dem Erdbeben schwer beschädigt wurde, niederzureißen, die Fläche vom Schutt zu säubern und an dieser Stelle – indem die Kirche gleich mitbenutzt wird – unter einer großen Zeltplane mit den Kindern arbeiten zu können.

Pastor Luckner ist einverstanden – und ich verpflichte mich per Handschlag, dass die Kindernothilfe ihm dann in einigen Wochen, wenn es in Haiti hoffentlich endlich keine Nachbeben mehr geben wird, helfen wird, das Klassenzimmer komplett wieder aufzubauen und auch die beschädigte Kirchenmauer zu ersetzen. Morgen geht es los, Luckner und MOCOSAD werden mit dem Abriss der Ruine beginnen. Die Kinder hören aufmerksam bei unseren Beratungen zu.

Klar ist, dass wir den Bereich für die Arbeit mit den Kindern, der hier entstehen wird, mit Planen zur Straße hin sichern müssen, um geschützt die Lebensmittel und die Milch für die Kinder, die wir für die Kinderzentren beschafft haben, verteilen zu können – aber vor allem auch, weil die Kinder einen Raum brauchen, in dem sie sich geschützt und unter sich fühlen können.

Die Haltung des kleinen, schmächtigen Pastors und seiner Leute berührt uns zutieftst, er stellt keine Forderungen, sondern will einfach, dass möglich schnell wieder mit den Kindern gearbeitet werden kann und vertraut darauf, dass wir unser Wort halten. Vladimir Constant, der Luckner seit Jahren kennt, ist unser Gewährsmann. Er verbürgt sich für uns.

Indes hat Ingrid Müller, Journalistin beim „Berliner Tagesspiegel“, die uns seit Tagen immer wieder bei unserer Arbeit begleitet, auf ihrer Weise bereits mit dem begonnen, was hier möglichst schnell starten soll: Eine intensive Beschäftigung mit den Kindern, die so dringend Schutz, Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen. Ingrid Müller hat das Katzenspiel erfunden, faucht und bewegt die Krallen, verwandelt sich in eine Katze, die miaut, einen Buckel macht und mit den Augen rollt. Die Kinder sind hellauf begeistert. Auf unserer Tour durch Wharf Jérémie begleitet uns ein ganzer Tross von Mädchen und Jungen, die mit Ingrid Müller Katze spielen. Immer wieder rufen sie: „Katze, Katze, mach die Katze…“ Alinx Jean-Baptiste, der KNH-Koordinator in Haiti, ist voller Begeisterung für die begnadete Entertainerin aus Berlin: „Wenn Du möchtest, kannst Du sofort bei uns anfangen!“ Als wir von Wharf Jérémie zurück nach Delmas Deux aufbrechen, rufen uns die Kinder nach: „Katze, mach die Katze!“

 Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Kampf gegen das Chaos: Ein Rückblick auf das Beben in Haiti

Gestern Abend bei einem prominenten Nachrichtenmagazin: Der Beitrag, der zum Thema Haiti läuft, dauert exakt 30 Sekunden und läuft irgendwo am Rande der  Nachrichtenlage. Man hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, neues Filmmaterial einzusetzen. Ich bin schier ensetzt: Es hat keine 2 Wochen gedauert, da ist eine Katastrophe eines solchen Ausmaßes schon wieder aus den Medien verschwunden.

Meine Kollegin Gunhild Ayiub und ich produzierten just zum Zeitpunkt der Katastrophe unser aktuelles Spendermagazin. Einige von Ihnen kennen es vielleicht. Aus aktuellem Anlass revidierten wir einen Artikel und schrieben einen neuen Text zur Lage in Haiti.  Um uns die Bilder noch einmal vor Augen zu halten, wie schlimm die Tragödie für das arme Land Haiti ist, lassen wir Sie noch einmal mit uns zurückblicken.

Dienstag, 12.01.2010
Es ist später Abend, als die ersten spärlichen Meldungen im Fernsehen, Rundfunk und Internet laufen: In der Hauptstadt Haitis, Port-au- Prince, hat es ein Erdbeben der Stärke 7,0 gegeben. Verletzte und Tote überall. Viele Kindernothilfe-Mitarbeiter hören von der Nachricht an diesem Abend. Geschockt. Besorgt. Unruhig. Sechs Kindernothilfe-Projekte sind in und um Port-au-Prince angesiedelt. Mitarbeiter versuchen Alinx Jean-Baptiste, Koordinator von KNH-Haiti, zu erreichen. Das Telefon bleibt tot.

Mittwoch, 13.01.2010
Das Ausmaß der Zerstörung wird erst jetzt richtig sichtbar. Die Meldungen überschlagen sich: Port-au-Prince liegt in Schutt und Asche. Tausende von Toten und Verletzten. Drei Millionen Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Kindernothilfe-Paten rufen in der Zentrale an und wollen Informationen über ihr Patenkind. Aber die Kindernothilfe hat keine Informationen aus erster Hand. Denn Alinx Jean-Baptiste, bei jeder Katastrophe ein Fels in der Brandung, meldet sich nicht. Die Sorge in der Kindernothilfe-Zentrale, dass er sowie viele Mädchen und Jungen in den Projekten tot sein könnten, ist groß. Die Kindernothilfe sagt eine Soforthilfe von 50 000 Euro zu und beginnt mit der Koordinierung der Hilfe vor Ort.

Donnerstag, 14.01.2010
Am nächsten Morgen die Erleichterung: Jean-Baptiste meldet sich per Mail. Er und seine Familie haben überlebt. Später berichtet er: „Als das Beben begann, war ich mit unserem Buchhalter im Büro. Wir rannten auf die Straße, um uns zu retten. Wir rannten um unser Leben.“ Die Gebäude der Heilsarmee-Projekte in Port-au-Prince, die seit Jahrzehnten von der Kindernothilfe gefördert werden, sind schwer beschädigt worden, erfahren wir. Aus einem Projekt in Carrefour, in dem 400 Restavèks (Kinder, die in fremden Haushalten arbeiten müssen) betreut werden, fehlt jede Nachricht. Auch Angaben über Tote oder Verletzte unter den Patenkindern gibt es noch nicht. Da ist zum Beispiel das Patenkind der evangelischen Gemeinde in Warendorf. Sie unterstützt den Jungen seit vielen Jahren. Was aus ihm geworden ist, weiß bislang niemand.

Die Kindernothilfe stockt ihre Soforthilfe auf 100 000 Euro auf und beschließt eine Zusammenarbeit mit humedica, einem Verein, der sich mit Hilfe von Ärzten und Schwestern um die medizinische Versorgung in Katastrophenfällen kümmert. Der Kindernothilfe-Koordinator Ruben Wedel, der drei Jahre lang in Haiti gelebt hat, begleitet die Mediziner. Donnerstagabend bricht das Team, bestehend aus vier Ärzten, einer Krankenschwester, einem Pfleger sowie zwei Koordinatoren und Ruben Wedel, vom Frankfurter Flughafen auf Richtung Haiti. Im Gepäck: Medi-Kits, mit denen bis zu 3 000 Patienten erstversorgt werden können: Knochenbrüche, Wundversorgung, Not-OPs. Tabletten für die chemische Wasseraufbereitung für bis zu 100 000 Liter sind auch dabei. Ein kleiner erster Schritt auf einem langen Weg der Nothilfe. Abends berichten die Medien von der zunehmend angespannten Sicherheitslage. Weil die Nothilfe nur langsam anlaufe, seien viele Überlebende wütend und verzweifelt. Es komme auch zu Plünderungen. Die Menschen versuchen immer noch mit bloßen Händen, Überlebende auszugraben.

In der Geschäftsstelle stehen die Telefone nicht still. Immer mehr Menschen – Paten, Unternehmen, Gemeinden, Privatpersonen –  wollen sich engagieren, kündigen Aktionen an, um Spenden zu sammeln, bitten um Poster und Spendendosen. Die Online-Spenden haben die 100 000 Euro-Marke überschritten.

Freitag, 15.10.2010
Am nächsten Morgen steht der telefonische Kontakt mit Alinx Jean-Baptiste, der auf Hilfe drängt. Er berichtet von einer chaotischen Situation. Es fehle an Wasser, Medikamenten und an Treibstoff. Einer seiner Mitarbeiter habe mehrere Stunden wegen Benzin angestanden. Ohne Erfolg.
Das Ärzteteam und Ruben Wedel sind in der Zwischenzeit in der Dominikanischen Republik gelandet. Dort beladen sie ihren Konvoi mit den Hilfsmitteln und decken sich für zwei Wochen mit Lebensmitteln, Wasser und Treibstoff ein. Der Weg über den Zoll läuft reibungslos. Am frühen Nachmittag twittert Ruben Wedel: „Wir stehen jetzt im Stau und kommen nur langsam voran. Hoffen, Port-au-Prince noch heute zu erreichen.“ Von Deutschland aus hat die Kindernothilfe ihre Soforthilfe auf 200 000 Euro aufgestockt. Die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ und viele andere sagen ihre Hilfe zu.

Samstag, 16.10.2010
Vier Tage sind jetzt seit dem Beben vergangen. Doch die Hilfe erreicht die Überlebenden nur schleppend. Für viele Verschütteten kommt jede Hilfe zu spät. Leichen liegen auf den Straßen, Verwesungsgeruch breitet sich über der Stadt aus. Die Regierung berichtet von bislang 50 000 Toten. Wie hoch die Zahl am Ende sein wird, wagt niemand zu sagen. Auf den Straßen befinden sich immer mehr unbeaufsichtigte Kinder. Aus Angst vor dem Ausbruch von Seuchen versucht man, die Leichen zu beseitigen. Auf dem Weg durch die Stadt kommen Ruben Wedel und Alinx Jean-Baptiste an einem Friedhof vorbei: „Hier verbrennen sie die Menschen einfach.“ Das Ärzteteam von humedica hat ein Notfallzentrum im „Krankenhaus der Hoffnung“ eingerichtet, behandelt Verletzte. Darunter ein Mädchen, das drei Tage unter den Trümmern begraben lag und schließlich gerettet wurde. Es gibt auch solche Augenblicke, die Hoffnung machen. Auch im College Verena, einer von der Kindernothilfe geförderten großen Heilsarmee-Schule für 2 000 Mädchen und Jungen, ist Hilfe dringend angezeigt. Die Helfer schlafen kaum und wenn, dann mit den Verletzten auf einem Fußballfeld unter freiem Himmel.

Air Berlin und die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ sagen zu, einen Hilfstransport mit rund 30 000 Tonnen Hilfsgütern in das Krisengebiet zu organisieren. Ein Anfang. Doch was kommt danach? So lautet die bange Frage. Für Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, den Vorstandsvorsitzenden der Kindernothilfe, ist eines besonders wichtig: „Unser Mandat sind die Kinder!“ Weil die Infrastruktur in Haiti komplett zusammengebrochen sei, dauere die Erstversorgung hier länger als bei anderen Katastrophen. Dennoch: „Haiti ist das Land der Restavèks. Wir müssen uns vor allem jetzt um die Mädchen und Jungen kümmern, die in dieser dramatischen Lage völlig schutzlos sind. Leider kommt es gerade in diesen Situationen immer wieder zu Übergriffen von Gewalt und Missbrauch.“

Sonntag, 17.01.2010
Die Arbeit in der Kindernothilfe-Zentrale in Duisburg geht für einige Mitarbeiter weiter. Journalisten werden informiert, Stiftungsrätin Christina Rau wird abends in der ARD-Talkshow bei Anne Will Rede und Antwort über die Situation der Kindernothilfe-Projekte stehen. Die Kindernothilfe ist Partner des Bündnisses „Entwicklung hilft“, für das während der Sendung zu Spenden aufgerufen werden soll. Die Online-Spenden über die Kindernothilfe-Website gehen mittlerweile im Zwei-Minuten-Takt ein und überschreiten am Nachmittag die 200.000 Euro-Marke.

Schätzungsweise 400 Familien sind auf dem Gelände des College Verena untergebracht. Jean-Baptiste: „Die Heilsarmee versorgt sie, so gut sie kann. Der Schulkomplex hatte auch eine Großküche mit einem Lebensmittellager – Reis, Öl, Bohnen. Heute wurde die letzte Mahlzeit gekocht – jetzt haben wir nichts mehr.“

Auf dem Gelände des College Verena bekommen Frauen unter freiem Himmel Kinder. 20 Meter weiter laden Menschen immer wieder Leichen vor der Tür der Heilsarmee ab. Die humedica-Ärzte arbeiten bis zur Erschöpfung. „Gestern, das war die Hölle“, sagt Alinx, „bis abends haben die Ärzte 500 Kinder und Erwachsene behandelt. Jetzt sind alle Medikamente verbraucht. Wir warten dringend auf Nachschub.“

Der ist auf dem Düsseldorfer Flughafen angekommen. In einem logistischen Kraftakt stellen die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ und die Luftfahrtgesellschaft Air Berlin einen Hilfstransport für humedica und Kindernothilfe nach Puerto Plata in der Dominikanischen Republik bereit. 30 Tonnen, darunter Wasserfilter, Babynahrung, medizinische Versorgung, Nahrungsmittelzusätze und Hygiene-Artikel. 15 humedica-Ärzte begleiten die Hilfsgüter. Von der Dominikanischen Republik aus geht es auf dem Landweg weiter nach Haiti. Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik, ist vor Ort, um den Weitertransport zu organisieren. Auf dem Flughafen in Port-au-Prince landen zwar auch Maschinen mit Hilfsgütern. Doch an der Koordination scheitert es noch. „Es ist schwierig, Transportmöglichkeiten nach Haiti zu finden“, berichtet er aus Santo Domingo. „und wenn, dann nur zu horrenden Kosten.“ Aber er hat auch Positives beobachtet: „Die Katastrophe hat die Einstellung vieler Menschen und der Politiker hier, die den Haitianern bisher mit Ablehnung und Rassismus begegneten, verändert. Es gibt große Solidaritätsaktionen, viele Menschen engagieren sich, spenden Geld und Lebensmittel. Alle Fahnen hängen auf Halbmast…“

Dann erreicht uns eine Meldung von Ruben Wedel. Das Kindernothilfe- und humedica-Team hatte sich gestern bis nach Carrefour durchgekämpft. Ein nicht von der Kindernothilfe gefördertes Projekt und das Wohnhaus der „Kleinen Schwestern“, einem der Kindernothilfe-Partner, sind eingestürzt. 130 Schüler und einige Schwestern konnten nur noch tot geborgen werden.  Die Überlebenden sind so stark traumatisiert, dass sie bisher noch keine Nothilfe für die anderen Projekte organisieren konnten.. Die sechs Bildungszentren der Kindernothilfe in den Bergen sind auch alle eingestürzt. Gott sei Dank wurden keine Kinder verletzt. Das Verwaltungsgebäude eines weiteren Partners im Stadtzentrum sowie seine von der Kindernothilfe unterstützte Schule und die dazu gehörige Klinik in Carrefour wurden komplett zerstört. Es gibt immer noch kein Lebenszeichen von den Mitarbeitern dort.

Wen das ganze Magazin mit seinen lesenwerten Beiträgen interessiert: http://www.kindernothilfe.de/magazin_uebersicht-path-2,8.html

Gunhild Aiyub und Simone Orlik,
Redakteurinnen, pressestelle@knh.info

Jürgen Schübelin berichtet aus Haiti: „Da, wo keine Hilfe ankommt“

 


Nach Tagen zwischen den Schutthalden und Ruinen hier in der Innenstadt und den Außenbezirken von Port-au-Prince – und, nachdem wir gestern endlich zum ersten Mal den Aufstieg in das Bidonville (Armenviertel) Fort National geschafft hatten, einen Sektor, in dem vermutlich 19.000 Menschen ums Leben gekommen sind, wo Kindernothilfe seit fast 30 Jahren in Partnerschaft mit der Heilsarmee eine kleine Schule und ein Vorschulprojekt unterstützt, das inmitten all der Zerstörungen wie ein Fels in der Brandung – weitgehend unbeschadet – stehen geblieben ist, aber trotzdem vorerst nicht genutzt werden kann, weil die Menschen panische Angst davor haben, geschlossene Räume und Gebäude zu betreten – lautete mein Auftrag heute, Samstag, in eines der Dörfer vorzudringen, in denen Kindernothilfe mit Unterstützung der Europäischen Union eine Reihe von Dorfschulprojekten unterstützt.

Wir fahren von Carrefour aus über extrem beschwerliche, vielfach durch abrutschendes Geröll und Felsbrocken, die nach dem Erdbeben die Steilhänge herunterkamen, beeinträchtigte Wege – alle in einem katastrophalen Zustand.

Rund 20 km südlich von Carrefour geht es dann definitiv nur noch zu Fuß weiter. Unser Ziel, ein kleines Dorf namens Coupeau, erreichen wir nach drei Stunden Fußmarsch unter sengender Hitze, mehreren durchquerten Flüssen und extrem steilen Aufstiegen. Überall eröffnet sich uns das gleiche Bild:

Fast alle Häuser der Kleinbauernfamilien weisen Beschädigungen auf, sind teilweise oder ganz eingestürzt – außer denjenigen Gebäuden, die aus Holz errichtet wurden.

Auch hier in den Bergen zwischen Petite-Riviére und Coupeau wurden bei der Katastrophe am 12. Januar Menschen verletzt und unzählige Häuser vernichtet, trotzdem ist die Situation der Familien und vor allem der Kinder – so unser Eindruck – besser als in der Stadt: Die Wasserprobleme lösst der Fluß, von dort aus tragen die Menschen jeden Tropfen, den sie brauchen, auf den Köpfen nach Hause. Die kargen und steilen Berghänge liefern den Mais für die Familien, die Oberstbäume sind stehen geblieben, mit Organgen, Grapefruits und Kokusnüssen, es gibt einige Hühner und Schweine, sowie einige Ziegen.

Die Menschen wissen sich zu helfen, wie in Port-au-Prince schlafen sie im Freien.

Wir sind das erste Team, das nach der Katastrophe in dieses Gebiet vordringt. Die Menschen führen uns zu den Ruinen ihrer Häuser, zeigen uns Kinder und Erwachsene mit Verletzungen, offene Wunden, die sich zu infizieren beginnen – alle unversorgt.

Wir müssen unbedingt versuchen, über die Kontakte mit den Ärzten in dem Compound, wo wir übernachten, eine Möglichkeit zu finden, dass die Dörfer hoch oben in den Bergen medizinisch ebenfalls betreut werden können.

Dann stehen wir endlich vor der kleinen Schule von Coupeaux, viele Kinder, aber auch zahlreiche Erwachsene – und die örtliche Delegierte der KNH-Partnerorganisation EPPMPH – erwarten uns bereits. Das Dach des Gebäudes ist intakt, von den Mauern stehen dagegen nur noch Reste, die beiden Klassenräume mit den Schulbänken und der Tafel sind unter dem Schutt begraben. Anders als in Carrefour bei den Kleinen Schwestern, wo 150 Kinder ums Leben kamen, haben die Familien hier unglaubliches Glück gehabt, um

16:15 Uhr war an diesem 12. Januar die Schule zu Ende, die Kinder hatten das Gebäude bereits verlassen, spielten auf dem Platz vor dem Gebäude, als die Erde bebte. Nur der Lehrer war noch im Klassenzimmer, konnte sich aber in letzter Minute retten.

Die erste Frage, die uns gestellt wird, lautet: „Helft Ihr uns, damit wir die Schule wieder aufbauen können?“ Aber die Eltern wollen diesmal mit Holz bauen, nicht wieder mit Steinen, weil sie gesehen haben, dass Gebäude aus Holz einfach als erbebensicherer herausstellten. Ja, wir werden helfen können – genau wie beim letzten Mal, als die Schule errichtet wurde, über die Organisation eines „combit“, einer Gemeinschaftsaktion aller Eltern, die die Baumaterialien von Carrefour aus über die Berge nach Coupeau tragen und verarbeiten werden. Kindernothilfe finanziert die Baumaterialien und die Lebensmittel für das traditionelle Gemeinschaftsessen am Ende des Arbeitstages.

Der junge Lehrer hat eine Liste zusammengestellt, mit den 32 Familien aus Coupeaux, deren Häuser am stärksten von den Zerstörungen betroffen sind.

Alinx Jean-Baptiste, der Kindernothilfe-Länderkoordinator in Haiti, und ich überlegen, wie wir den Menschen helfen können – am besten ebenfalls über eine Gemeinschaftsaktion, bei der die benötigten Materialen in einem Rutsch beschafft werden, sobald es wieder Holz und Baustoffe zu kaufen gibt. Die Familien wollen die Gelegenheit auch nutzen, um die Zisterne zum Auffangen des Regenwassers zu Ende zu bauen, mit der sie vor der Katastrophe angefangen haben.

Am Ende sind wir auf dem Platz vor der zerstörten Schule rund 80 Leute, die Kinder, Mütter und Väter – sowie die Mitglieder des örtlichen EPPMPH-Komités. Was wie ein Besuch zur Erhebung der Erdbebenschäden begann, endet mit einem intensiven Gespräch darüber, wie die Arbeit mit den Kindern wieder in Gang gebracht werden soll. Zum Abschied werden wir mit einer herrlich saftigen Grapefruit und einer Kokusnuss zum Trinken beschenkt.

Während des gesamten Rückwegs denke ich darüber nach, dass es nur dann möglich sein wird, dieses Land wieder aufzubauen, wenn die Menschen in Haiti bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielen – und von der internationalen Gemeinschaft, all den Helfern und ihren Organisation mit dem Respekt bedacht werden, den sie verdienen. Es werden die Kleinbauern von Coupeau und hundertausend Andere Haitianer sein, die die Hauptlast für diese Titanenaufgabe tragen. Das muss uns bei allem, was wir hier tun, zu jeder Sekunde bewusst sein.

Jürgen Schübelin,
Leiter Referat Lateinamerika und Karibik

Haiti: „Lasst uns hoffen, dass daraus etwas Gutes wird!“

Als ich heute Morgen meinen Rechner anmache und meine E-Mails abrufe, nimmt die Liste der neuen Mails kein Ende. Was ich besonders beeindruckend finde: Menschen wollen nicht nur spenden, sondern sie überlegen sich auch, wie sie Andere davon begeistern könnten, bei der Hilfe für Haiti mitzumachen. Unternehmen, Künstler, Privatpersonen…..

Da sind zum Beispiel die Schüler vom Albert-Einstein-Gymnasium in Duisburg. Sie hatten vergangenen Samstag einen Tag der offenen Türe an ihrer Schule und haben ganz spontan für Haiti gesammelt. Vorige Tage standen sie dann in der Kindernothilfe-Zentrale und haben die Spendendosen vorbeigebracht:  2456,66 Euro haben sie gesammelt. Ich finde das toll! Danke für Euer Engagement.

Jemand, den sicher viele von Ihnen kennen: Der Gewinner der letzten Staffel bei DSDS:  Thomas Godoj. Er hatte schon vor Weihnachten eine seiner Jacken für die Kindernothilfe versteigert. Jetzt ließ er sich nicht lange bitten: Am 28. Januar gibt es ein Benefizkonzert von Thomas Godoj und der Neuen Philharmonie Westfalen im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen. Tickets gibt es übrigens unter www.imvorverkauf.de

Bei all den Spenden ist es mir wichtig, auch an dieser Stelle zu betonen, was die Kindernothilfe mit den Spenden macht. Auf unserer Webseite liest man viel über die medizinische Notversorgung der Verletzten. Das hat im Fall einer Katastrophe wie der in Haiti immer erste Priorität und geschieht immer noch. Gerade sind weitere Ärzte von Humedica eingetroffen.  Nachdem man aufgrund des Nachbebens das Krankenhaus der Hoffnung evakuieren musste, hat der THW nun das Gebäude begutachtet und Ärzte sowie Patienten können wieder hinein.

Wichtig sind auch Wasser und Lebensmittel. Auch hier ist die Hilfe angelaufen, wenn auch immer noch und leider schleppend. Doch sauberes Wasser ist von immenser Bedeutung, gerade, wenn es um den Schutz vor Durchfall und anderen Infektionskrankheiten geht. Schmutziges Wasser und keine öffentlichen Toiletten sind meist Auslöser dessen.  

Wir als Kindernothilfe  haben natürlich vor allem die Kinder im Auge. Und zwar nicht nur diejenigen, die wir bereits vorher betreut haben. Viele Mädchen und Jungen haben in der Katastrophe ihre Eltern verloren und irren allein durch die Straßen von Port au Prince. Und so sind sie leichte Beute für Übergriffe von Kinderhändlern oder Missbrauch im Allgemeinen.  Unser Mitarbeiter vor Ort, Alinx Jean Baptiste, spricht von 50.000 bis 100.000 Kinder, die elternlos sein könnten. Eine unvorstellbare Zahl.

Um hier einen ersten Schritt zu gehen, hat die Kindernothilfe vor einigen Tagen auf dem Gelände des Projekts College Verena ein Kinderzeltlager errichtet. Im Prinzip handelt es sich hier um eine Bretterkonstruktion, über die man Bettlaken gegen die Sonne gespannt hat. Hier werden Drei – bis Sechsjährige behandelt und betreut. Die Mädchen und Jungen finden dort Schutz bekommen zu essen, ihre Wunden versorgt und durch zwei Psychologen betreut. Ein guter Anfang, den es jetzt auszubauen gilt.

Der Wiederaufbau in Haiti steht über allen Hilfsmaßnahmen und wird von allem am längsten dauern. Wir haben für diejenigen unter Ihnen, die sich langfristig für Haiti engagieren wollen, eine Patenschaft für Haiti eingerichtet, die sich speziell um diesen Wiederaufbau kümmert. Im Gegensatz zur Kinderpatenschaft kostet sie 25 Euro im Monat. Mehr Informationen finden Sie auf unserer Webseite.

Wir stehen jeden Tag im Kontakt mit unseren Mitarbeitern vor Ort und versuchen auch einzuschätzen, wie es Ihnen persönlich geht.  Jürgen Schüelin, Leiter des Referats Lateinamerika und Karibik, betreut gerade den Hilfstransport von Air Berlin und „Ein Herz für Kinder“ vor Ort und erzählt uns gestern am Telefon : „Ich freue mich zu sehen, dass unsere Partner und Mitarbeiter trotz allem so optimistisch sind.“ Man strahle hier Zuversicht trotz der dramatischen Lage aus. Das mache Hoffnung. „In einem Gespräch mit einem Journalisten sagte Kindernothilfe-Partner Alinx Jean Baptiste `Wir sind voller Hoffnung, dass aus dieser Situation etwas Gutes wird`.“

Ich würde uns allen wünschen, dass wir uns alle ein wenig von diesem Optimismus anstecken lassen.

Simone Orlik, Kindernothilfe,
pressestelle@knh.info

130 Kinder aus Schule eines Kindernothilfe-Partners tot geborgen

Um 12 Uhr telefonierte Kindernothilfe-Mitarbeiter Erhard Stückrath, Julia Burmann und Michaela Dacken mit Ruben Wedel. Wedel, Alinx Jean-Baptiste und das humedica-Team hatten sich gestern zu den Projekten in den Bergen rund um Carrefour auf den Weg gemacht. Hier ein  Überblick über die aktuelle Situation dort.

 
Kindernothilfe-Partner EPPMPH (Kleine Schwestern):
Das Gelände rund um das Projektgebäude in Carrefour ist zerstört, die Schwestern sind stark traumatisiert.

Das Kindernothilfe- und humedica-Team hatte sich gestern bis nach Carrefour durchgekämpft. Ein nicht von der Kindernothilfe gefördertes Projekt und das Wohnhaus der „Kleinen Schwestern“, einem der Kindernothilfe-Partner, sind eingestürzt. 130 Schüler und einige Schwestern konnten nur noch tot geborgen werden. Die Überlebenden sind so stark traumatisiert, dass sie bisher noch keine Nothilfe für die anderen Projekte organisieren konnten. 

Gestern war die ISAR Hundestaffel vor Ort, aber die Hunde haben nicht mehr angeschlagen.
Die 6 Bildungszentren der Kindernothilfe in den Bergen sind auch alle eingestürzt. Kinder wurden aber nicht verletzt. Sie sind bei ihren Familien.

Kindernothilfe-Partner FMS
Das Verwaltungsgebäude neben der Kathedrale wurde komplett zerstört. Leichen wurden hier noch nicht geborgen. Bisher konnte noch kein Kontakt zur Leitung von FMS hergestellt werden.
Die von der Kindernothilfe unterstützte Schule und Klinik in Carrefour sind zerstört. Es gibt immer noch kein Lebenszeichen von den Mitarbeitern.

Erdbeben in Haiti: „Dies ist ein Hilferuf!“

 

Wir schreiben heute Tag 5 seit dem schweren Erdbeben in Haiti. Seit vorgestern ist unser Kindernothilfe-Mitarbeiter Ruben Wedel gemeinsam mit dem Ärzteteam von Humedica in Port au Prince. Die Ärzte haben sich mittlerweile im Krankenhaus der Hoffnung mit einer Notklinik eingerichtet.

Bis zur Erschöpfung haben sie bislang 500 Kinder und Erwachsene behandelt. Alinx Jean Baptiste, Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Heilsarmee dazu: „Gestern, das war die Hölle! Die Ärzte haben bis 21 Uhr gearbeitet und schlimme Verletzungen behandelt. Jetzt sind alle Medikamente verbraucht. Bald sollen neue aus der Dominikanischen Republik kommen.

In einem logistischen Kraftakt stellen die Stiftung „Ein Herz für Kinder“ und die Luftfahrtgesellschaft Air Berlin für morgen einen Hilfstransport in die Dominikanische Republik bereit. Humedica und die Kindernothilfe können rund 30 Tonnen an Bord nehmen, Wasserfilter, medizinische Versorgung, Nahrungsmittelzusätze und Damenbinden. Auch an Bord: Weitere Ärzte von Humedica. Von der Dominikanischen Republik aus geht es dann auf dem Landweg weiter nach Haiti. Der Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik, Jürgen Schübelin, ist bereits vor Ort, um den Weitertransport zu organisieren. Auf dem Flughafen in Port au Prince landen zwar mittlerweile auch ständig Maschinen mit Hilfsgütern. Doch an der Koordination scheitert es im Moment meist.

Dass Lebensmittel und Wasser knapp sind, hören wir täglich aus den Medien. Eindringlich bittet auch Alinx Jean Baptiste nochmal um Hilfe: „Wir brauchen Medikamente. Die Kinder brauchen sie. Die besonders! Dies ist ein Hilferuf!“

Eine besonders prekäre Situation: Heute Morgen wurden im Krankenhaus der Hoffnung Zwillinge geboren. Auch auf dem Gelände des Kindernothilfe-Projekts College Verena gebären Frauen unter freiem Himmel immer wieder Kinder, ohne Schmerzmittel, ohne Hygiene. Besonders für die Babys ist dies eine Herausforderung. Sie dürfen kein schmutziges Wasser trinken, sonst bekommen sie Durchfall. Und es gibt keine Milch.

Überhaupt findet das Leben jetzt draußen statt. Alle schlafen draußen, denn keiner traut sich wegen der Nachbeben in die Gebäude. Erst heute Morgen gab es wieder eins. Trotzdem scheint Alinx Jean Baptiste die angespannte Sicherheitslage nicht komplett zu bestätigen. „Wir haben bisher keine gefährliche Situation erlebt. Wenn die Menschen sehen, da ist ein Weißer, denken sie, er ist Arzt und bitten um Medikamente. Aber es ist nicht gefährlich. Was ich beobachten kann, ist eine gute Solidarität unter den Leuten. Der menschliche Umgang miteinander ist sehr gut“.

Die Kindernothilfe hat rund um Port au Prince Projekte, die zum Teil schwer beschädigt wurden. Viele Paten rufen uns an und fragen uns über ihre Patenkinder. Viele der Patenkinder, so Jean Baptiste, deren Häuser zerstört sind und die ihre Eltern verloren haben, halten sich auf dem Schulgelände auf. Die Heilsarmee versorgt sie, so gut sie kann. Die Lebensmittelreserven kommen aus der Schule: Reis, Öl, Bohnen. Jetzt haben sie nichts mehr.

Er erzählt weiter: „Einer unserer Partner, „Die kleinen Schwestern“, haben viele Kinder verloren. Sie haben auch kein Wasser. Ich werde versuchen, auf dem Weg dorthin, Wasser zu organisieren. In den Bergen sind alle unsere Schulen kaputt.“ Trotzdem: Derzeit fällt es schwer, dass sich die Mitarbeiter vor Ort über Projekte, die weiter weg liegen, informieren: Denn es fehlt auch an Treibstoff.

Was die kommenden Tage auf Haiti bringen werden, weiß niemand genau. Hoffen wir auf das Beste von allem, was möglich bleibt.

Gunhild Aiyub, gunhild.aiyub@knh.de
Simone Orlik, presse@knh.info
Online-Redaktion Kindernothilfe