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Honduras-Tagebuch: „Das ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“

Honduras: Carlos' GeschichteVon Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 15.10.2016

Carlos wollte weg aus Honduras. Dort gab es für ihn nur Schläge und Ausbeutung, die Schule musste er frühzeitig verlassen. Sein Ziel: die USA, das „gelobte Land“. Doch an der Grenze wurde er erwischt und wieder zurück nach Honduras gekarrt. Heute lebt er in der Casa Alianza und ist „jeden Tag ein bisschen glücklicher“.

Als die Schüsse fielen, lag Carlos ganz hinten auf dem Dach des Güterwaggons. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Er wurde übersehen. Weiter vorn hatten die Bewaffneten gerade einen Mann erschossen und vom Dach geworfen. Ein paar andere wurden lebend vom Dach des fahrenden Zuges gestoßen. Die Bewaffneten verschwanden mit ihnen. Carlos weiß nicht, was mit ihnen geschah. Aber schwer ist das nicht erraten.

Jedes Jahr macht sich ein kleines Heer von Verzweifelten und Bedrohten auf die Wanderung aus Mittelamerika, aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Sie wollen in die USA, hoffen, die Grenzen unentdeckt zu überwinden und in den Vereinigten Staaten ein Leben ohne Hunger und Gewalt zu beginnen. Unter den Migranten sind auch mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche, viele von ihnen allein, ohne Eltern und erwachsene Begleiter. Einer von ihnen war Carlos (Name geändert).

(Quelle: Jürgen Schübelin)Zuhause fehlte jede Perspektive

Carlos kommt aus einem Dorf in der hunduranischen Provinz. Er hat fünf Geschwister. Vier hat die Mutter in die Familie eingebracht. Carlos und seine jüngere Schwester sind gemeinsame Kinder der Eltern. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter. Wenn samstags der Lohn ausgezahlt wurde, kaufte die Familie ein. Meist gab es dann bis zum folgenden Donnerstag etwas zu essen. Freitags gab es nichts, erst Samstagabend konnte die Familie wieder essen. Als er acht Jahre alt war, bekam Carlos eine Schaufel und eine Hacke und musste anfangen zu arbeiten. Oft war sein Lohn nötig, damit die Familie überhaupt zu essen hatte. Darüber kam die Schule zu kurz. Nach der achten Klasse der neunjährigen Grundschule war Schluss. Carlos musste ganz arbeiten.

All die Jahre war es zu Hause auch nicht lustig. Die Eltern stritten sich häufig, der Streit geriet immer wieder zur Schlägerei zwischen den Eltern. Auch die Kinder wurden oft geschlagen, von beiden Eltern. Kein Leben, mit dem sich ein Junge gern zufrieden gibt. Aber Carlos hatte einen Freund, nennen wir ihn Eduardo. Eduardo hatte es schon einmal versucht, und er war bis McAllen in Texas gekommen, bevor er aufgegriffen und nach Honduras deportiert wurde. In den USA, da gebe es Geld und Arbeit und Freiheit. Carlos war 17, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und ohne Perspektive, als er beschloss, in die USA auszuwandern.

Der Weg in die USA

Er hatte 1.000 Lempiras zusammengespart, etwa 40 Euro. Damit kam er gut voran. Aber an der Grenze zwischen Guatemela und Mexiko waren die Ersparnisse verbraucht. Jetzt gab es kaum mehr etwas zu essen und auch kein Geld für Busfahrten. Sechs Tage lief Carlos zu Fuß, bis er die Eisenbahnlinie erreichte. Als er ankam, bluteten seine Füße, seine Leisten waren entzündet und schmerzten, er war dehydriert. Aber ab hier sollte es mit dem Zug weitergehen. Nicht mit einem Passagierzug natürlich, sondern auf dem Dach eines Güterzugs, der bei den Migranten „Das Ungeheuer“ heißt. 35 Menschen saßen und lagen auf dem Dach seines Waggons, als die Schüsse fielen.

Die mexikanischen Drogenkartelle haben die Migranten auf dem Weg aus Mittelamerika in die USA als lukrative Einkommensquelle entdeckt. Sie nehmen die Menschen in Gruppen gefangen und erpressen die Familien um Lösegeld. Die Höhe schwankt, viele der Gefangenen kommen ja nicht aus wohlhabenden Familien. Aber 5.000 US-Dollar dürften ein normaler Preis für die Freilassung sein. Wenn niemand zahlt, wird die Geisel erschossen.

In der Nähe von Tierra Blanca stieg Carlos mit den übrigen Passagieren vom Zug. Kaum war er abgestiegen, näherte sich ein Wagen und hielt an. Zwei Männer und eine Frau stiegen aus. Die Männer zerrten die Frau ins hohe Gras. Dann hörte Carlos Schüsse und sah die Männer ohne die Frau zurückkommen und davonfahren. Eine Geisel, für die niemand gezahlt hatte?

Mit einer kleinen Gruppe lief Carlos weiter. Bevor sie auf den Zug gestiegen waren, hatten sie sich ein wenig Geld erbettelt. Davon wollten sie nun in einer Cafeteria etwas essen. Keine gute Idee. Denn offenbar bekam die Wirtin mit, dass sie untereinander beratschlagten, wie sie weiter vorgehen sollten. Jedenfalls war ganz schnell die Grenzpolizei da. „Das hier ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“, brüllten die Polizisten. Obwohl die Migranten versuchten zu fliehen, wurden sie alle geschnappt, gefesselt und ins Gefängnis gebracht.

Tage voller Angst: Zurück nach Honduras

Drei Tage Beschimpfungen und Flüche im Gefängnis, dazu verdorbenes Essen, Tage voller Angst. Am zweiten Tag kam der honduranische Konsul vorbei und kündigte an, dass sie am nächsten Tag abgeschoben würden. Am dritten Tag gegen Mitternacht fuhren Busse vor. Die geschnappten Migranten wurden in die Busse verstaut und nur mit kurzen Toilettenpausen 15 Stunden lang nach Honduras zurückgefahren.

In der Nähe von San Pedro Sula, dem honduranischen Wirtschaftszentrum im Norden des Landes, gibt es ein Ankunftszentrum für abgeschobene Migranten. Dreimal in der Woche kommen hier die Buskonvois an. 6.000 minderjährige Migranten sind in den ersten 9 Monaten dieses Jahres bereits ausgeladen worden. Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Casa Alianza kümmert sich dort vor allem um die unbegleiteten Minderjährigen. Auch Carlos erhielt die Telefonnummer von Casa Alianza und den Rat, sich dort zu melden.

Aber Carlos hatte etwas anderes im Sinn. Er wollte nach Hause, in sein Dorf, zu seinen Eltern und Geschwistern. Nur dass ihm nach seiner misslungenen Auswanderung alles noch grauer und hoffnungsloser vorkam. Der Wochenlohn war immer noch zu niedrig, um damit die Grundbedürfnisse für mehr als eine halbe Woche zu decken, der Streit zwischen den Eltern ging immer weiter. Dann wurde die Mutter ernsthaft krank, und Carlos wurde klar, dass zwar die Auswanderung nicht geklappt hatte, dass er aber an seinem Leben etwas grundsätzlich ändern musste.

Jungen spielen Dame. (Quelle: Jürgen Schübelin)Casa Alianza: Unterstützung für Jungen und Mädchen

Er erinnerte sich an die Telefonnummer von Casa Alianza. „Der Anruf zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.“, sagt Carlos. Er solle nach Tegucigalpa kommen, in das Zentrum von Casa Alianza, dort könne er wohnen, essen, die Schule abschließen, eine Ausbildung machen. In dem von der Kindernothilfe unterstützten Zentrum von Casa Alianza leben derzeit 105 Jungen und Mädchen, die schwere Erfahrungen hinter sich haben. Mit verschiedenen Formen von Therapie, Schule, Ausbildung und viel Zuwendung werden hier Straßenkinder, Missbrauchte und gescheiterte Migranten wieder aufgebaut und für ein gutes Leben fit gemacht.

Honduras: Casa Alianza gibt Kindern und Jugendlichen eine Zukunft

Jetzt, etwas über ein Jahr später, sitzt Carlos vor mir mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er hat inzwischen die neunte Klasse abgeschlossen und damit den Schulabschluss geschafft. Im Moment ist er in der nahen Don Bosco-Schule in einer Kurzausbildung zum Trockenbauer. Aber das soll nur ein Zwischenschritt sein. Eigentlich will er Arzt werden. Mit etwas Hilfe von Casa Alianza könnte das schon klappen. Zumindest kann er hier wohnen bleiben, bis er 21 ist.

Ich frage Carlos, ob ich seine ganze Geschichte aufschreiben darf. Er lacht und sagt, ja, bitte, ich möchte, dass viele erfahren, wie es mir ergangen ist, damit es ihnen erspart bleibt. Und dann sagt er: „Ich bin jetzt jeden Tag ein bisschen glücklicher.“

Honduras-Tagebuch: Britany wird Psychologin

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

„2022 bin ich Psychologin“, sagt Britany (Name geändert), eine muntere Fünfzehnjährige mit strahlendem Gesicht. Sie meint das sehr ernst, und das hat mit ihrem bisherigen Leben zu tun.

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 11.10.2016

Britany ist die Jüngste, sie hat einen Bruder und vier Schwestern. Die Älteste ist 32. Als Britany fünf war, trennten sich ihre Eltern. Der Vater war Alkoholiker. Zwei Jahre später brachte die Mutter einen neuen Mann mit. Ein neuer Vater, ein zusätzlicher Versorger, es begann eine wunderbare Zeit. Aber als Britany mit ihrer Mutter bei dem neuen Mann einzog, wendete sich das Blatt. Aus dem liebevollen neuen Partner der Mutter wurde ein gewalttätiger Tyrann. Im Streit setzte er der Mutter eine Machete an den Hals. Als Britany ihrer Mutter helfen wollte, hatte sie plötzlich auch die Machete am Hals.

Gewalt ist in Honduras alltäglich

Honduras, die Heimat von Britany, ist eins der gewalttätigsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden rund 90 von 100.000 Einwohnern umgebracht. Viele davon sind Kinder und Jugendliche. Die Täter werden selten gefasst und noch seltener verurteilt. Fast jede Familie hat schon Angehörige durch Mord verloren, fast jedes Kind hat selbst Gewalt erlebt.

Während ich mit Britany spreche, in einer großen, grauen Halle über dem zentralen Markt von Tegucigalpa, lungern am Treppenaufgang zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen herum. Ich frage Britany, ob die beiden zu unserem Schutz da seien. Nein, Schutz könne man von der Militärpolizei nicht erwarten. Im vergangenen Jahr sei sie von einem unter Drogen stehenden jungen Mann beraubt worden. Der habe ihr ein Messer an den Bauch gedrückt. Direkt daneben hätten zwei Polizisten gestanden und nichts getan. Britany meint, die Polizei stecke eh mit den Banden unter einer Decke, die Beute würde geteilt. Nein, eigentlich sei die Polizei sogar schlimmer, die Banden zeigten wenigstens einen Rest von Respekt vor den Menschen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

Unterstützung für 750 Marktkinder

Respekt der Banden, darauf setzen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alternativas y Oportunidades, einer Organisation im Netzwerk des Kindernothilfe-Partners COIPRODEN. An diesem Nachmittag in der Halle über dem Markt tragen sie orangefarbene T-Shirts mit dem Logo der Organisation. Die schützen sie vor den Angriffen der Banden in den gefährlichen Vierteln um den zentralen Markt der honduranischen Hauptstadt.

Sie sind hierher gekommen, um mit den Kindern aus dem Viertel zu sprechen. Kinder, die vielleicht sieben Jahre alt sind, aber schon arbeiten müssen. Sie helfen ihren Eltern auf dem Markt, tragen die Taschen der Kunden nach Hause oder helfen wie Britany ihren Müttern beim Müllsammeln und Recyceln. Darüber bleibt oft keine Zeit für die Schule. Mit Mitteln der Kindernothilfe unterstützt Alternativas y Oportunidades inzwischen 750 Marktkinder. Es gibt kleine Stipendien, Schuluniformen, Bücher, Hefte, Stifte. Das bedeutet für viele Kinder die Chance, endlich zur Schule zu gehen.

Unterrichtsstoff: Was macht Mädchen und Jungen aus?

Darüber hinaus gibt es hier einmal in der Woche spannenden „Zusatzunterricht“. Vielleicht 40 Sieben- bis Zwölfjährige sprechen darüber, was ein Mädchen und was einen Jungen ausmacht. Sie sortieren Dinge wie Kochen, Bügeln, Penis, Waschen, Kinder Erziehen, Vagina, Putzen danach, was nur zu Männern, nur zu Frauen oder zu beiden gehört. Die Zettel mit den Wörtern kleben sie unter große Wandbilder von Jungen und Mädchen. Schnell sind sie sich einig, dass die meisten Zettel in die Mitte geklebt werden müssen, sowohl zu Frauen wie zu Männern gehören.

Ein paar Schritte weiter liegen kleinere Jungen und Mädchen auf einer Plane und malen ein Bild aus. Darauf stehen ein Junge und ein Mädchen nebeneinander, Hand in Hand, und halten beide das gleiche Spielzeug, ein Buch, ein Köfferchen mit einem Herzen darauf, und eine Ente mit Rädern. Was macht ein Mädchen aus, was einen Jungen?

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Spaß an der Arbeit mit Kindern

Britany hilft jetzt hier schon manchmal aus. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Nach all den furchtbaren Erfahrungen mit ihrem Stiefvater hatte sie fast aufgehört zu sprechen. Sie traute keinem mehr. Sie hatte Angst vor allen. Doch dann nahm eine Freundin sie mit zu COIPRODEN. Da hatte sie eigentlich noch mehr Angst; Angst, ausgelacht zu werden, weil ihre Eltern nur Müllsammler sind. Angst davor, wegen ihrer furchtbaren Erfahrungen verachtet zu werden.

Aber dann wurde es anders. Bei COIPRODEN bekam sie Unterstützung, psychologische Hilfe und ein Stipendium. Sie traf andere Kinder, die ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hatten. Sie wurde in die „School of Leaders“ eingeladen, eine Fortbildungsgruppe für Freiwillige. Nach und nach wurde ihre Angst kleiner. Sie fand heraus, dass es ihr Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten, anderen zu helfen. Und Britany hat gelernt, anderen wieder zu vertrauen. Ich spüre es an ihrer offenen Art, an dem gewinnenden Lächeln, dass Britany eine junge Frau geworden ist, die viel schaffen kann.

Berufsziel Psychologie

Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist durch Britanys Entwicklung besser geworden. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der Stiefvater im Februar nach Mexiko verschwunden ist. Davor hatte er noch einmal eine ganze Nacht lang Britany und ihre Mutter terrorisiert, geschlagen und zu Boden geworfen. Anschließend hatte er die Handys in der Wohnung zerstört, damit die beiden keine Hilfe alarmieren konnten. Aber nun ist er weg.

Jetzt ist Britany in der 10. Klasse. Noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Sekundarschule. Ich frage sie, was sie danach machen will. Ihre Antwort kommt schnell und entschieden: „Ich will studieren. 2022 bin ich Psychologin.“ Da denke ich an den Weg, den sie schon hinter sich hat und bin überzeugt, Britany wird eine sehr gute Psychologin.

Was Boliviens Jugendliche bewegt

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen (Foto: J. Schübelin)

Raphaela Fischer (19) kam vor drei Monaten mit dem Freiwilligendienst weltwärts nach Bolivien. Dort unterstützt sie unseren Partner Fundación La Paz in der Jugendarbeit. Eine erlebnisreiche Zeit, wie ihr Bericht zeigt.

Die Fundación engagiert sich hier in La Paz in mehreren Bereichen. Das Programm, dem ich als Freiwillige zugeordnet bin – und das im Rahmen einer Kooperation mit der Kindernothilfe entwickelt wurde –, richtet sich gegen sexuelle Gewalt und Geschlechterdiskriminierung. Unser Team arbeitet in drei Themenfeldern: Sensibilisierung und Prävention, Freizeitangebote für Jugendliche sowie psychologische Betreuung für Opfer sexueller Gewalt.

Sexueller Gewalt vorbeugen: Wie geht das?

Hauptsächlich unterstütze ich den Bereich Sensibilisierung und Prävention im Hinblick auf sexuelle Gewalt und begleite dafür meine Kolleginnen an die Schulen (6. – 12. Klasse). Pro Klasse haben wir in der Regel drei Einheiten: Die erste „unidad“ dient der Analyse. Gemeinsam mit den Jugendlichen versuchen wir herauszufinden, welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen.

Den Einstieg bilden meist markige oder provokante Thesen, über die wir mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Außerdem zeigen wir verschiedene Filme mit offenem Ende – als Einladung an die Jugendlichen, eigene Erfahrungen mit den beschriebenen Konfliktsituationen beizusteuern.

Je nachdem, in welchem Bereich wir dabei den größten Gesprächsbedarf erkennen, gestalten wir die nachfolgenden Arbeitseinheiten. Dabei geht es dann sehr konkret um Problem- und  Gefahrensituationen rund um Alkohol und Drogen. Auch das Risiko, im Umgang mit Facebook und anderen sozialen Medien zu viel von sich preiszugeben, kommt häufig zur Sprache. Weitere Themen sind persönliche Erlebnisse mit Geschlechterdiskriminierung, mit Gewalt auf der Straße oder im familiären Umfeld.

Zur Jugendarbeit gehören auch Workshops mit Eltern

Diese Arbeit an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Auch wenn wir gelegentlich doch auch ziemlich unreife oder erschreckende Antworten erhalten, merkt man vor allem in den Kursen, mit denen schon im Vorjahr gearbeitet wurde, wie wichtig diese Arbeit ist und wie intensiv sich die die Schüler mit  dem, worüber wir sprechen, beschäftigen.

Parallel dazu gibt es auch eine Arbeit mit den Eltern – etwa in Form von Workshops, in denen es um Kindererziehung ohne Gewalt geht. Auch zu diesen spannenden Treffen begleite ich meine Kollegen manchmal. Dabei ist es immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich Jugendliche und ihre Eltern zu ein und derselben Fragestellung äußern und welche gegensätzlichen Sichtweisen sie entwickeln.

Kreativität und soziales Engagement

Eines der Teilprogramme dieses Projektes nennt sich MUSARTA (Musik, Kunst und Talente). Das sind Kurse für junge Menschen zwischen 12 und 22 Jahren, in denen sie ihre Kreativität erproben können. Zum Angebot gehören Break Dance, Theater, Gitarrenunterricht, Maskenschminken, das Schreiben von Liedern und Texten – etwa im Hiphop-Stil – und vieles mehr. Meine Aufgabe ist es, an den Schulen Werbung für neue Kurse zu machen, einige Lehrer bei den Kursen zu unterstützen und die monatlichen Talentabende zu organisieren, an denen die Kursteilnehmer ihr Können zeigen.

Talentabend mit Break Dance - eine Bühne für Kreativität

Talentabend mit Break Dance – eine Bühne für Kreativität (Foto: J. Schübelin)

Einmal in der Woche findet unsere „Noche Arte y Cultura“ statt, eine Gesprächsrunde, bei der die Jugendlichen über von ihnen vorgeschlagene Themen diskutieren können. Themen der jüngsten Treffen waren zum Beispiel Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Beziehungen und Trennungen, Sexualität.

Außerdem gibt es verschiedene Jugendgruppen wie die „Comunicadores“ und die „Facilitadores“. Die Comunicadores gehen jeden zweiten Sonntag mit ihrem eigenen Radioprogramm auf einen Platz hier im Stadtteil,  um dort über aktuelle Themen zu sprechen und mit Passanten zu diskutieren. Die Facilitadores ( frei übersetzt „Kontaktknüpfer“) sind eine recht neue Gruppe, die sich gerade „in Ausbildung“ befindet, um uns in Zukunft an die Schulen zu begleiten und mit ihren Altersgenossen über den Umgang mit Gewalt zu sprechen.

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt (Foto: J. Schübelin)

Der enge Kontakt mit den Jugendlichen, den ich bei der Begleitung dieser Gruppen habe, ist für mich eine sehr eindrucksvolle Erfahrung, da ich so unmittelbar erlebe, was bolivianische Jugendliche hier in La Paz eigentlich bewegt.

Nach drei Monaten hier im Team der Fundación La Paz  kann ich sagen, dass diese Arbeit wirklich außerordentlich abwechslungsreich und interessant ist. Ich freue mich schon sehr auf die Erfahrungen, die in den nächsten Monaten auf mich warten.

Peru: Für eine Kindheit ohne Gewalt

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

11.03.2015

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Unser kleines Hotel im Stadtviertel „Miraflores“  liegt umgeben von palmenbeschatteten Villen, Strandcafés und schicken Boutiquen.  Moderne, in weiß gehaltene Hochhäuser ragen in den oft grau bewölkten Himmel von Lima, ihre gläsernen Balkone sind zum Pazifik ausgerichtet, um möglichst viel von dem grandiosen Blick in die Appartments zu ziehen. Der kontinuierliche Wirtschaftsaufschwung, den Peru in den zurückliegenden Jahren vor allem dank des Bergbaus erlebte, hier ist er deutlich sichtbar.

Unser Fahrzeug reiht sich in den dichten morgendlichen Verkehr Richtung Norden ein. Langsam durchqueren wir die Stadt, in der sich auf einer Fläche knapp größer als das Saarland gut 10 Millionen  Menschen drängen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit landen wir in einer anderen Welt: Wir sind in der Wüste. Nichts erinnert hier, im Distrikt Ventanilla, an den großstädtischen Reichtum Limas. Auf staubigen Sandpisten fahren wir durch die flirrende Hitze, vorbei an mit Bastmatten umwickelten Schlafplätzen, erdfarbenen Hütten aus luftgetrockneten Ziegeln und mit Steinen beschwerten Wellblechdächern.

Knapp 400.000 Menschen leben in Ventanilla, erzählt Ada, die hier seit 16 Jahren für den Kindernothilfe-Partner Kusi Warma arbeitet. In Pachacútec, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile an der Nordperipherie dieser Riesenstadt, ist die Lebenssituation der Kinder besonders schwierig. 180.000 Menschen hausen hier, ein Drittel davon sind unter 18 Jahren. Mehr als  70 Prozent der Bewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Vor manchen Unterkünften stehen deshalb riesige Plastiktonnen, in denen die Nachbarn das Wasser, das sie von Tanklastern kaufen, sammeln.  44 Prozent der Einwohner Parachútecs haben keine Elektrizitätsversorgung, 74 Prozent keine Abwasserleitungen.  In dem kleinen Kusi Warma Büro haben uns Ada, Gloria, Susanna, Sara und Michel diese Zahlen vorgestellt. Als Lehrerin,  Erziehungswissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Psychologe  begegnet ihnen die Armut in Pachacútec jeden Tag.  Und sie begegnen dieser Armut mit einem Projekt der Kindernothilfe.  5.000 Eltern und Lehrer in Pachacútec, das ist ihr Ziel, sollen bis Ende des Projektzeitraums um die Rechte ihrer Kinder wissen und sich dafür einsetzen.

Wie das konkret aussieht, erleben wir als erstes im Kinderzentrum. Dieses mit seinem fröhlichen bunten Wandbild leicht erkennbare Haus liegt zwischen Marktbuden und Unterkünften auf einer hügeligen Sandstraße in Pachacútecs Sektor C. Im rechten Teil des Hauses treffen sich gerade Mütter mit  ihren Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren.  Um frühkindliche Stimulierung geht es da: im Kreis auf einer Matte sitzend wird jedes Kind mit seinem Namen und einem Begrüßungsritual willkommen geheißen, es wird gesungen, gestreichelt und geklatscht. Die Kleinen sind kräftig mit Rasseln und Trommeln dabei, krabbeln bunten Schaumstoffbällen nach oder üben sich mit weichen Stoffwürfeln als Turmbauer. Ein bis zweimal pro Woche treffen sie sich zu dieser spielerischen Frühförderung. Für die Eltern gibt es daneben immer wieder Informations-Angebote: zu Ernährung, zu Gesundheit, zu frühkindlicher Erziehung oder zum Kindesschutz.

 

Nebenan, im linken Hausteil, warten einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gerade auf die größeren Kinder. An drei Tagen pro Woche werden sie künftig die Betreuung der Gruppe der 3- bis 6-Jährigen und die der 7- bis 12-Jährigen übernehmen. Ein Jahr lang haben sie sich mit den Mitarbeitern von Kusi Warma darauf vorbereitet, haben eigenes Material entwickelt, sich Techniken angeeignet, um 60 Klein- und Schulkinder zu fördern und zu fordern.  Und ihnen vorzuleben, wie man gewaltlos miteinander umgeht. Gewalt ist in dieser rauen Umgebung ein drängendes Thema. Den Gesetzen Perus folgend ist „die Ausübung leichter physischer Gewalt durch Eltern“  immer noch erlaubt.  Darum versuchen die Mitarbeitenden von Kusi Warma neben der konkreten Elternarbeit, auch durch Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, durch Arbeit mit der Polizei und mit den kommunalen Behörden Kindesschutzstrukturen aufzubauen.

Auch in den Schulen. In einer von ihnen treffen wir Lorena. Sie ist 15 Jahre alt und Mitglied im Kinderrechtsrat einer kombinierten Grund- und Sekundarschule mit insgesamt 18.00 Schülern. „Por una infancia sin violencia“ steht über der Tür des kleinen Raums, den sich der Kinderrechtsrat mit der Schülermitverwaltung teilt.  Für eine Kindheit ohne Gewalt, dafür setzt sich Lorena bereits im zweiten Jahr ein.  Eng gedrängt sitzen wir Besucher und das Kusi Warma Team zusammen mit den Schülervertretern in dem Zimmerchen, da erscheint auch der Schuldirektor. Er sei zum ersten Mal überhaupt in diesem Raum, bekennt er freimütig. Aber natürlich unterstütze er die Sache der Jugendlichen. Die stellvertretende Schülersprecherin, qua Amt mit einer breiten, himmelblauen Schärpe quer über die Brust geschmückt, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl.  Aber Lorena lässt sich nicht beirren. Klar und selbstbewusst beantwortet sie unsre Fragen. Welche Kinderrechtsverletzungen ihr an der Schule denn am häufigsten begegnen? Das größte Problem, meint sie, ist der Rassismus und die Diskriminierung von Kindern mit dunklerer Hautfarbe, den Indigenas. Sie werden oft benachteiligt, lächerlich gemacht und mit Spottnamen versehen. Aber auch Gewalt sei ein großes Thema, fährt sie fort. Schläge wären häufig,  sexuelle Übergriffe kämen immer wieder vor, und sehr oft verbale Gewalt, Erniedrigung. „Bullying nennen wir das an der Schule,“ berichtet Lorena.  „Das hindert uns daran, selbstbewusst zu wachsen, uns zu verteidigen.“ Viele Einzelgespräche führe sie jede Woche mit Opfern an ihrer Schule. Sie suche dann auch das Gespräch mit dem „Angreifer“, erkläre ihm, was seine Bemerkungen bei dem Mitschüler alles auslösen. „Manchmal war es das dann schon.“ Die nächste Instanz sei sonst der Vertrauenslehrer, an den sie sich wenden könne. Er würde die gravierenderen Fälle weiterverfolgen.

Wie schmerzhaft es ist, Ziel von Angriffen zu sein, hat sie auch schon am eigenen Leib erfahren. Häme, Beleidigungen und grobe Attacken habe sie schon erlebt, weil sie sich im Kinderrat engagiert. Dass sie trotzdem noch dabei ist, verdankt sie den Mitarbeitern von Kusi Warma, die ihr helfen, sie stützen und kontinuierlich weiter schulen.

Es wird schon Abend, als wir uns aus Pachacútec wieder auf den Rückweg nach Lima machen. Pachacútec, den Namen haben sich die ersten Bewohner dieses Stadtteils in der Wüste vor 15 Jahren selbst gewählt. Sie zogen hierher auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Land, wo sie leben konnten, besetzten die Abhänge der Sandhügel.  Der Name des Inkakönigs Pachacútec schien ihnen damals wie eine Verheißung. „Er war ein starker König“, erzählt mir eine Mutter beim Abschied. Im Lauf seiner Regierungszeit machte er sich einen Namen als einer der tapfersten und weisesten Inka-Herrscher überhaupt. Reformfreudig organisierte er die politische und wirtschaftliche Struktur des Landes um und sicherte durch die neue Methode des Ackerbaus auf Terrassen die Ernährung der Bevölkerung nachhaltig. „Der, der die Welt verändert“ bedeutet sein Name auf Quechua. Es ist eine Verheißung, die sich für die Menschen in Pachacútec in vielen kleinen Schritten auch im Jahr 2015 noch realisiert.  Besonders für die Kinder.

Bolivien: „Reden ist besser als schlagen!“

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana“.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo“, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist „Anti-Gewalt-Helferin“

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin“ ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein“ steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die „Veränderungsagenten“

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten“, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!“  „ Reden ist besser als schlagen!“ „Wer nein sagt, meint auch nein“.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen“, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman“ neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.“ Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin