Artikel der Kategorie ‘Katastrophe in Haiti’

Die neue Schule in Bois Matin

Von Alain Castera

Eine Gruppe von Kindernothilfe-Mitarbeiterin aus Deutschland und Haiti macht sich auf die beschwerliche Wanderung nach Bois Matin in den Bergen Haitis. Dort feiern sie mit den Kindern den Start ins neue Schuljahr in der neugebauten Schule.

5 Uhr: Treffpunkt in Petion-Ville
Das Team der Kindernothilfe sammelt sich am Treffpunkt, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, bevor wir uns auf den langen Weg in die Berge nach Bois Matin machen. Zwei fahrtüchtige Autos mit zwei erfahrenen Fahrern werden uns so weit wie möglich fahren, aber den Rest müssen wir zu Fuß bewältigen. Dabei sind: Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, Michaela Dacken, Alinx P.R. Jean-Baptiste, Ruben Wedel, Alain Castera, Polin Aleandre, Mericia Ilestin, Marceline Belizaire, Wilner Dorlus, Bob Jean-Francois und Franklin Debreus.
Auf der Strecke nach Bois Matin erwarten uns noch zwei Kollegen von der Bauabteilung: Frednel Blanc und Wilner Jean-Baptiste.

Kurz vor 6 Uhr: Abfahrt

Wir fahren wir los. Es ist immer noch dunkel, aber lieber so früh wie möglich losfahren und mit dem Aufstieg zu den Bergdörfern beginnen, weil bald die Sonne aufgeht und damit auch die feuchtschwere Hitze hereinbricht.
Nach einer zweistündigen Fahrt auf einer holperigen Straße erreichen wir unseren Treffpunkt mit Wilner und zwei Bergbewohnern, begleitet von zwei Maultieren.

8 Uhr: Frühstück
Bevor wir uns auf den sehr beschwerlichen Weg in die Berge machen, nehmen wir uns die Zeit für eine Stärkung. Dank der Köchinnen vom KNH-Büro haben wir eine Auswahl an Kaffee, Tee, belegten Brötchen und Früchten. Marceline und Mericia kümmern sich liebevoll um uns alle. Bei mir zu Hause hat man mir immer gesagt, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei. Man sollte gut und gesund essen, um es bis zum Mittag zu schaffen. Gesagt, getan!

9 Uhr: Auf geht’s!
Nachdem wir alle unsere Vorräte (Wasser, Säfte, Brötchen, Bananen, Äpfel usw.) auf die Maultiere geladen haben, machen wir uns auf den langen Weg. Die Bergbewohner brauchen ungefähr anderthalb Stunden, bis sie im Dorf ankommen. Bei uns schätzen sie zwei bzw. zweieinhalb Stunden. Sehr witzig, denken einige von uns. Warum sollten wir es nicht in der gleichen Zeit schaffen wie die Leute aus den Bergen?
Wir machen uns auf den Weg. Zuerst geht es bergab bis zu dem Fluss. Ich bewundere die schöne Landschaft um mich herum. Man vergisst sehr schnell, dass solch schöne Ecken auf dem Land in Haiti existieren. Wenn man in Port-au-Prince arbeitet und wohnt, findet man kaum Zeit, die schöne Natur der Berglandschaft wahrzunehmen. In unserer Gruppe herrscht eine fröhliche Atmosphäre. Einige machen Scherze, andere lernen sich besser kennen und manche pfeifen.
Nach guten 45 Minuten zeigt Wilner uns die Dächer der Schule von Bois Matin aus der Ferne. Die Begeisterung bei Herrn Thiesbonenkamp ist deutlich zu spüren, und er zeigt den anderen die Schule.

Gegen 10 Uhr: Riviere Momance
Eine der Schwierigkeiten bei diesem Weg, der in die Berge führt, ist der Fluss. Abhängig von der Jahreszeit kann er total trocken sein oder voll mit Wasser. Haiti befindet sich zurzeit in der Regen- und Hurrikan-Saison. Das Schwierigste bei dem Ganzen ist, dass wir uns weder auf das Wetter von Port-au-Prince noch auf das Wetter von Bois Matin verlassen können, da sich der Fluss in einem Tal befindet.
Um den Fluss zu überqueren, hat jeder schon eine Idee parat: Einige wechseln die Schuhe, andere gehen lieber barfuß, und eine lässt sich gerne tragen.
Nach dem Fluss wird die Wanderung noch anstrengender, denn jetzt heißt es bergauf gehen!

 

Pause!
Nach ungefähr 30 Minuten Bergaufsteigen finden wir einen schönen Platz im Schatten. Wir machen eine Pause, um Wasser zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.

Ankunft in Bois Matin und Eröffnungszeremonie
Je näher wir unserem Ziel kommen, desto lauter hören wir die Stimmen vom Veranstaltungsort in Bois Matin. Alle mobilisieren die letzten Kräfte in ihren Beinen, um das letzte Stück des Weges zu schaffen.
Gegen 11:30 Uhr erreichen wir die Schule von Bois Matin. Da steht es vor uns, das Ergebnis unserer harten Arbeit. Alles ist schon vorbereitet, Kinder sitzen bereits auf den Bänken, Musik erklingt, und endlich kommen auch die Besucher an.
Nach der Vorstellungsrunde kann die Zeremonie anfangen. Schulleiter M. Damas fordert den Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzenden Dr. Thiesbonenkamp auf, gemeinsam mit dem Schuldirektor das Band durchzuschneiden und damit das neue Schuljahr zu eröffnen. Darauf folgen die Besichtigung der Räume, ein Foto-Shooting und die Fortsetzung des Programms mit Tanzen, Singen und dem Verteilen von Geschenken. Es herrscht eine gute Stimmung, alle sind gut drauf und lachen. Herr Thiesbonenkamp berichtet den Kindern in Bois Matin von der großen Spendenaktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ThyssenKrupp, die uns ermöglicht hat, die Schule zu bauen. Die Mädchen und Jungen von Bois Matin und aus den Nachbardörfern werden dank dieser Schule von einer guten Bildung profitieren.
Was wäre eine Feier ohne Essen? Die Köchinnen haben Hähnchen, Kochbananen, Pommes, Pates und „Pikliz“ (eingelegter Kohlsalat) vorbereitet.
Das Schulgebäude besteht aus 4 Klassenräumen, 1 Büro für die Schulleitung sowie 1 Schlafraum für die Lehrer. Außerdem gibt es Toiletten und 1 Küche mit Lagerraum. Mehr als 70 Kinder bekommen hier eine klassische Schulbildung sowie auch eine Ausbildung in Landwirtschaft und Handwerk.

 

14:30: Abschied von Bois Matin
Obwohl viele von uns gerne noch geblieben wären, um mit der Gemeinde von Bois Matin weiterzufeiern, mussten wir uns nach zwei Stunden schon wieder auf den Rückweg machen. Gegen 14:30 Uhr waren wir alle bereit, denselben Weg zurückzulaufen.
Für die Mehrheit von uns wurde der Rückweg komplizierter und schmerzhafter. Für den Hinweg hatten wir weniger als zweieinhalb Stunden gebraucht, um Bois Matin zu erreichen. Der Rückweg war schlimmer, und einige von uns waren total erschöpft von der ganzen Anstrengung. Aber wir haben es geschafft, genauso wie wir den Bau dieser Schule geschafft haben in einer sehr abgelegenen Gemeinde.

Alain Castera
Kommunikationsbeauftragter Haiti

Haiti: Das Christkind unterm Mangobaum

Jürgen Schübelin, zurzeit Port-au-Prince

Die Weihnachtsfeiern der restavèk-Kinder aus dem mouvman vin plis moun (MVM), der von der belgischen Ordensschwester Soeur Marthe Vanrompay vor elf Jahren gegründeten „Bewegung, um mehr Mensch zu sein“, waren bisher in Port-au-Prince legendär. Über 1.200 Mädchen und Jungen (resteravèc), die das ganze Jahr über von morgens bis abends für fremde Familien, unter deren Dach sie mit leben, schuften, die gesamte Hausarbeit erledigen, auf deren Kinder aufpassen, Demütigungen, Schläge und Schlimmeres ertragen müssen – bei diesen Weihnachtsfeiern von Soeur Marthe und ihrem Team kamen sie alle für einen Tag  zusammen, wurden liebevoll bewirtet, präsentierten stolz ihre Kunsthandwerksarbeiten und die bei MVM gelernten Lieder, Gedichte, Theaterstücke, in denen es fast immer um das Thema Kinderrechte ging. Im vergangenen Jahr war sogar ein Vertreter der Erzdiözese Port-au-Prince dabei, um die Mädchen und Jungen zu begrüßen und ihnen frohe Weihnachten zu wünschen.

Das Erdbeben vom 12. Januar hat die Tradition dieser Feste brutal beendet
Sechs Wochen lang suchten Soeur Marthe und ihre moniteurs im Oktober und November in ganz Port-au-Prince nach einem Saal, um mit allen MVM-Kindern Weihnachten zu feiern. Ohne Erfolg: Die allermeisten Räumlichkeiten dieser Art sind eingestürzt und für die wenigen, die dem Beben standgehalten haben, werden atemberaubende Mieten verlangt. 3.500 Euro für das Recht, drei Stunden lang einen schäbigen Saal im Unterschoss eines Hotels zu nutzen, „das konnten wir aus ethischen Gründen nicht akzeptieren“, sagt Soeur Marthe.

Doch das mouvman vin plis moun hätte nicht diesen Ruf, wäre Marthe, Renise, Ronald und den anderen moniteurs nichts eingefallen. „Dann haben wir eben kurzerhand entschieden, alle Kinder zu uns nach Hause einzuladen“, lächelt die Ordensfrau verschmitzt. Nach Hause, das ist der Sitz von MVM und die Wohnung der beiden Schwestern vom Immaculée Coeur de Marie (ICM) in Carrefour Feuilles, einem alten Viertel mit großen Bäumen südwestlich der Stadtmitte von Port-au-Prince.

Weihnachten mit über 1.200 Kinder in einem nicht besonders großen Haus
Wie soll denn das gehen? Eben wie so vieles in diesen Monaten nach dem Erdbeben: Mit haitianischer Kreativität und jede Menge Organisationstalent! An zwei Tagen hintereinander kommen die Kinder nach einem präzisen Zeitplan, aufgeteilt in Gruppen, mit ihren moniteurs, wie Madame Jacques oder Madame Muscadin, die sie das ganze Jahr über beim improvisierten Schulunterricht unter Bäumen, auf den Treppenstufen an der Place Jérémie oder zwischen den Häuserruinen oben in den Bidonvilles von Decayette, begleiten und betreuen, in den Garten der ICM-Schwestern – alle zu Fuß, mindestens ein bis zwei Stunden unterwegs, immer 50 bis 100 gleichzeitig. Sie werden herzlich empfangen und auf die bunte Mischung aus lauter unterschiedlichen Stühlen, Bänken und sonstigen Sitzgelegenheiten unter den alten Mangobäumen verteilt. Die Größeren nehmen auf einer mit Zeitungen ausgelegten Steintreppe Platz.

Das ganze Anwesen ist liebevoll geschmückt – mit einer Ausstellung sämtlicher Applikationsarbeiten auf kleinen, rechteckigen Sackleine-Stückchen, die die Kinder das Jahr über hergestellt haben. Alle penibel mit Vor- und Nachnamen und dem Hinweis auf die Gruppe, zu der die Mädchen und Jungen gehören, versehen. An den Bäumen und Mauern hängen bunte Kindernothilfe-Luftballons mit dem Motto zum 50-jährigen KNH-Jubiläum „Ich verändere die Welt“. In der Mitte ein kleiner Tisch mit einer Art Adventskranz, vier Kerzen und einer schön geschnitzten haitianischen Marienstatue. Davor in einer aus den Falten des Tischtuchs geformten Krippe das Jesus-Kind.

Die Mädchen und Jungen singen inbrünstig haitianische Weihnachtslieder:

„Noèl, Noèl, pòv ayisyen; 
Nape mouri kon fèy bwa kap tonbe; 
Noèl, Noèl pòv peyizan; 
gwoupe n’ansann anba drapo Jezi.“

– zu Deutsch: Ihr Menschen in Haiti, es ist Weihnachten;
Wir sterben wie trockene Blätter, die von den Bäumen fallen;
Ihr Menschen auf dem Land; es ist Weihnachten;
Kommt zusammen unter das Banner von Jesus…

Soeur Marthe und Ronald Valmé aus dem Kernteam der 18 Straßensozialarbeitern, die die über die Armenviertel von Carrefour Feuilles, Croix-de-Prét, Canapé-vert, Sansfil und Croix-des-Misions verteilt lebenden 1.200 Restavèk-Kinder aus der MVM-Bewegung mit ihren moniteurs begleiten, sprechen ganz offen von den furchtbaren Erfahrungen dieses Jahres, dem Erdbeben und seinen 250.000 Toten, der Situation in den Zeltstädten und wie schwer das Leben gerade für die Restavèk-Kinder geworden ist. Aber sie beglückwünschen die Mädchen und Jungen auch dafür, trotz allem weiter zu den täglichen MVM-Unterrichtsstunden unter freiem Himmel gekommen zu sein, mit so viel Engagement zu lernen, füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu helfen – und an die eigene Würde zu glauben. „Dieser kleine Jesus in der Krippe“, sagt Marthe, „das ist ein Kind wie ihr.“ Er hätte auch in einer haitianischen Zeltstadt geboren werden können.

Dann gibt es für die Kinder einen mit einem gelben Pulver angerührten Saft, eine Blätterteigtasche samt Serviette – und die Geschenke. Für jedes Kind ein Beutelchen: T-Shirts für die Jungs, hübsche, weiße Röckchen mit Gummiband für die Mädchen, Wäsche für alle – und einen kleinen Karton mit Seife, auch für alle. „Bitte denkt daran“, erinnert Renise, gelernte Lehrerin und Sozialarbeiterin, „nur, wer sich die Hände immer mit Seife wäscht und gekochtes Wasser trinkt, kann sich vor Cholera schützen.“ Die Kinder nicken. Mit der Cholera-Epidemie und den notwendigen Maßnahmen, um zu verhindern, krank zu werden, beschäftigen sie sich zusammen mit ihren moniteurs seit Wochen.

Die Kinder sagen danke. Und sie meinen es ernst. Niemand sonst wird ihnen etwas zu Weihnachten schenken. Dann singen sie noch einmal:

„Noèl la se pou tout malere; 
Kap mal manje kap mal dòmi; 
Anba tout mizè enjistis; 
Panse anvan w fete.“
 

Zu Deutsch: Weihnachten, das ist für alle Armen;
Für die, die nicht genug zu essen und keinen Platz zum Schlafen haben;
Alle, die unter Ungerechtigkeit leiden;
Lasst uns vor dem Fest an all diese Menschen denken…

Als die Mädchen und Jungen aufstehen, ordnen sie die Stuhlreihen und verabschieden sich höflich. Während sie auf die Straße hinausgehen, trifft schon die nächste Gruppe ein. Renise und Ronald rühren mit dem gelben Pulver einen weiteren Bottich Saft an. Es ist genug für alle da. Für 1.200 Kinder.

Anmerkung: Das mouvemanvinplismoun (MVM) ist der derzeit größte Partner der Kindernothilfe für die Arbeit mit Restavèk-Kindern in Haiti. Ab dem kommenden Jahr wird die Kindernothilfe in Kooperation mit MVM auch ein Berufseinstiegs- und Ausbildungsprogramm mit 13- bis 17-jährigen Jugendlichen fördern, die für sich um eine Perspektive kämpfen, um nicht mehr völlig rechtlos und ohne jegliche Bezahlung fremden Familien den Haushalt führen zu müssen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in Haiti rund 250.000 Mädchen und Jungen dieser uralten Form ausbeuterischer Kinderarbeit ausgesetzt sind.

Bilanz: Neun Monate nach dem Erdbeben – Bildung ist Zukunft

  • –  9 Monate nach dem Beben erreicht die Kindernothilfe 9.000 Jungen und Mädchen in Haiti.
  • –  25 Projekte in ganz Haiti: Die Arbeit der Kindernothilfe konzentriert sich auf die Unterstützung von Kinderzentren und Notschulen, sowie den Wiederaufbau zerstörter Schulen und Gemeindezentren.
  •  –  Über 1,5 Millionen Menschen verloren ihr zu Hause und leben seitdem in Camps rund um Port-au-Prince.

Die Bilanz der Arbeit der Kindernothilfe in Haiti ist neun Monate nach dem Beben weitgehend positiv. „Dank der überwältigenden Unterstützung konnten wir bereits sehr viel erreichen. Ich beobachte einen großen Wandel. Die meisten Kinder aus unseren Projekten gehen heute zur Schule. Die Lebensbedingungen der Familien in den Projektgebieten haben sich verbessert. Die Jungen und Mädchen lernen Lesen und Schreiben, und geben das Erlernte oftmals auch an ihre Eltern weiter,“ berichtet Alinx Jean Baptiste, Landesdirektor der Kindernothilfe Haiti. Seit 2000 arbeitet er für die Kindernothilfe in Haiti.

Zu den Schwerpunkten der Arbeit der Kindernothilfe in Haiti: „In vielen Projekten werden die Kinder in wichtigen ökologischen Themen unterrichtet: wie sät man richtig an, wie erhöht man Erträge in eigenen Gärten nachhaltig oder wie funktionieren Bewässerungssysteme. Unser Ziel ist es, den Kindern eine langfristige Lebensperspektive zu ermöglichen. Auch ihre Gesundheitssituation hat sich spürbar verbessert. Durch gesunde Ernährung gibt es zum Beispiel deutlich weniger Parasiten- oder Durchfallerkrankungen“, so Alinx Jean-Baptiste.

„Die Mehrzahl der Kinder sind gesund. Das Notschulprogramm und der Wiederaufbau der Schulen gibt ihnen Hoffnung. Auch Restavèk-Kinder werden in speziellen Projekten mit Schulprogrammen gefördert und sind vor Gewalt und Ausbeutung geschützt. Die Kinder wissen, das Bildung auch Schutz bedeutet.“

Eines der größten Probleme Haitis: Fehlende Bildung
Seit dem Beben am 12. Januar gibt es große Probleme im Land. Große Teile der ohnehin schwachen Infrastruktur sind seit dem Beben zerstört, Eigentumsverhältnisse sind of unklar und die Hurrikan Saison erschwert die Baumaßnahmen. Der allgemeine Wiederaufbau geht nur schleppend voran. Am 28. November sind Präsidentschaftswahlen. „Dieses Datum ist für Haitis Zukunft wegweisend. Eines der größten Probleme ist die fehlende Bildung. Es gibt nicht genug Schulen im Land. Durch das Erdbeben sind viele zerstört worden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben mehr als eine halbe Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf keinen Zugang zu Bildung. Was dazu führt, dass viele später ohne Arbeit und soziale Absicherung leben. Fehlende Bildungsmöglichkeiten verursacht Armut.“

Doch die Erfolgsgeschichten beginnt „im Detail“, auf der Projektebene tut sich viel. Die Kindernothilfe erreicht insgesamt rund 9.000 Kinder in Haiti. Schwerpunkte der Projekte sind Schulbildung, medizinische Versorgung und kindgerechte Ernährung. „Gleichzeitig unterstützen wir die psychosoziale und pädagogische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, besonders in den Notschulen und Kinderzentren. Wir wollen ihr Selbstbewusstsein stärken, unter anderem durch Maßnahmen wie sportliche Aktivitäten, Tanzen und Singen ebenso wie Gruppen- und Einzelarbeit. Außerdem möchten wir in Zukunft mehr Kinder mit Behinderungen erreichen. Geschulte Mitarbeiter können die Gemeinden sensibilisieren und die Integration von behinderten Kindern- deren Anzahl gerade nach dem Erdbeben stark zugenommen hat- fördern,“ so Alinx Jean Baptiste.

Die Kinder haben das Lachen wieder gerlernt 
Auf die Frage worauf er besonders stolz ist, antwortet er: „Es sind beim Beben hier unzählige Menschen gestorben. Die Kinder in Haiti haben dramatisches durchlebt, und doch kommen sie jeden Tag zur Schule und lernen das Lachen wieder. Es herrscht in den Programmen eine außerordentliche Solidarität untereinander. Ich bin sehr dankbar für die großzügige Hilfsbereitschaft in Deutschland, die uns diese Erfolgsgeschichte unserer Projekte ermöglicht hat, und hoffe, dass uns die Menschen auch weiterhin verbunden bleiben“, betont Alinx Jean Baptiste.

Haiti: Neues Kinderzentrum in Port-au-Prince/Tokyo

Text und Fotos: Katja Anger, Haiti

Am 1.  September öffnete die Kindernothilfe die Türen ihres neuen Kinderzentrums in Tokyo, einem Bezirk im Stadtteil Delmas 2 von Port-au-Prince. Es ist das erste der 16 Kinderzentren, das vom Kindernothilfe-Haiti-Team ohne Partner direkt implementiert wird.

Eine Herausforderung, auf die sich Mericia, Assistentin der Programm Leitung, sehr freut: „Es ist ein ganz tolles neues Projekt, das von Anfang an gut angelaufen ist. Momentan suchen wir noch nach mehr Kindern in den nahe gelegenen Zeltlagern ‚Football’ und ‚Boliman’, die nicht zur Schule gehen und unbedingt einen Ort brauchen, an dem man sich um sie kümmert, wo sie spielen können und ihr Lachen wiederfinden.“

Die Bewohner von Delmas 2 haben der Kindernothilfe das Terrain, welches vorher ein Basketballplatz war, zur Verfügung gestellt, und nun spielen hier seit zwei Wochen 79 Kinder. Die Zahl wird noch auf 250 anwachsen, schließlich ist genug Platz da, und es gibt zehn Betreuer, die größtenteils selbst aus Delmas 2 stammen und von der Kindernothilfe ausgebildet wurden: „Es ist sehr wichtig, die Menschen, die in der Nähe wohnen, in das Projekt einzubinden. Die Gestaltung liegt somit zuallererst in ihren Händen, und es gibt ihnen das Gefühl, Teil dieses Projektes und seines Erfolgs zu sein. Dies wiederum hilft, eine gewisse Kontinuität des Projekts zu garantieren“, erklärt Eva Meyer, die Programmkoordinatorin der Kindernothilfe Haiti.

Wenn man die Kinder fragt, warum sie gerne ins Kinderzentrum kommen, lassen die Antworten nicht lange auf sich warten: „Zum Lernen“, „Mich informieren“, „Sport machen“, „Spaß haben“, „Ablenkung finden“… – und Jolivant, ein kleiner Junge von 12 Jahren, fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Ich bin glücklich hier, und ich habe schon ganz viele Sachen gelernt, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, das es sie gab.“

Er meint die Lieder, die ihm die Betreuer beibringen, die Spiele, die sie spielen, und Aktivitäten wie Malen und Basteln. Aber manchmal leider auch mehr als das.

Nerlyne, die Leiterin des Kinderzentrums, hat bemerkt, dass manche der Kinder nicht lachen können oder nicht verstehen, was es ist zu lachen gibt. Ja, manchmal kennen sie nicht einmal das Wort „Lachen“ (Sourire auf Kreol): „Die meisten Kinder kommen aus der unmittelbaren Umgebung. Die Menschen hier sind sehr arm. Es gibt viele Probleme, viel Gewalt und Kriminalität, weil viele große und schlecht ausgestattete Zeltlager in der Umgebung liegen. Durch das Kinderzentrum haben wir die Möglichkeiten, wenigstens 250 Kinder von der Straße zu holen, sie zum Lachen zu bringen und ihnen Perspektiven zu geben. Darüber bin ich stolz und glücklich.“

Die Kinder aus Delmas 2 und Tokyo haben auch in den letzten acht Monaten sehr unter schlechten hygienischen Bedingungen gelitten, und viele von ihnen sind krank. Deswegen ist auch LandsAid, eine medizinische NGO, mit der die Kindernothilfe momentan die Projekte besucht, letzten Freitag hierher gekommen und hat die Kinder behandelt.

Das KNH Haiti Büro freut sich über den Kinderzentrum-Neuzuwachs!

Haiti: Weniger unterernährte Kinder als gedacht

Kooperation Kindernothilfe Haiti – LandsAid: Innerhalb von zwei Wochen wurden bereits 521 kleine Patientinnen und Patienten versorgt und behandelt.

Text: Antonie Hutter und Katja Anger, Kindernothilfe 
Fotos: Katja Anger

Gemeinsam mit einem haitianischen Assistenzarzt, vier Krankenschwestern, zwei Dolmetschern und einem togolesischen Koordinator besucht ein deutscher Arzt jeden Dienstag und Freitag die Kinderzentren und Notschulen der Kindernothilfe in Haiti. Sie untersuchen und behandeln Mädchen und Jungen – bei 41 Grad Celsius über fünf bis acht Stunden lang! Anschließend geben sie ihnen die nötigen Medikamente, die für die weiterführende Therapie wichtig sind.

Viele der Jungen und Mädchen sind erst drei Jahre alt, daher kommen zur Untersuchung häufig die Eltern dazu – um dabei zu helfen, die Beschwerden der Kinder zu artikulieren und darauf zu achten, dass die Medikamente ordentlich eingenommen werden. Manchmal kommt es vor, dass auch ein Elternteil, vor allem schwangere Mütter, mitbehandelt werden. Doch natürlich nur wenn ausreichend Zeit ist, denn die Kinder haben Vorrang!

Die Kinder haben starke Widerstandskräfte entwickelt
Auf dem Programm stehen Generaluntersuchungen, Wurmbehandlungen sowie freie Medikamentenausgabe. Die Untersuchungen gehen normalerweise morgens gegen 9 oder 10 Uhr los – abhängig vom Anfahrtsweg über die unterschiedlich holprigen Straßen von Port-au-Prince zum Kinderzentrum bzw. zur Notschule. Eigentlich sollten sie nur bis 15 Uhr dauern, was aber meistens nicht eingehalten wird. Im CfS Cineas wird auch schon mal bis 18 Uhr weitergearbeitet. Wie die sehr engagierte Krankenschwester Caro es ausdrückt: „Wenn viel los ist, können wir nicht einfach unsere Sachen zusammenpacken und gehen. Das wäre nicht fair den verbleibenden Kindern gegenüber; die Menschen hier brauchen dringend ärztliche Unterstützung.“

Viele Kinder leiden an Hautkrankheiten, vor allem an Krätze, aber glücklicherweise weniger an Unterernährung. „Die größte Überraschung und das schönste Erlebnis waren, dass es viel weniger unterernährte Kinder gibt als ich dachte“, berichtet Günther Eidelloth, der Mediziner im Team. „Die meisten Mädchen und Jungen, die ich gesehen habe, haben eine starke Widerstandskraft. Das hat auch damit zu tun, dass ihre Abwehrkräfte schon das ganze Jahr über auf Hochtouren laufen.“ Die gesundheitliche Situation in Haiti schätzt er so ein: „Momentan herrscht ein labiles Gleichgewicht, welches jedoch mit zu viel Regengüssen leicht kippen und eine Epidemie verursachen könnte. Wir hoffen auf das Beste.“

Massenandrang bei der ärztlichen Sprechstunde
„Anfangs ging’s auch ein paar mal etwas chaotischer zu,“ erinnert sich Günther Eidelloth, „zum Beispiel in Fort National, einem der meist zerstörten Vierteln von Port-au-Prince. Als die Menschen um das Kinderzentrum in dieser Ruinenstadt erfuhren, dass es freie Behandlungen und Medikamente von einem Ärzteteam im Kindernothilfe-Kinderzentrum gab, kam es zu einem massiven Andrang.“

Mit besänftigen Worten seitens des Kindernothilfe Haiti-Koordinators Jürgen Schübelin konnte eine friedfertige Atmosphäre wiederhergestellt werden. Die weiteren Besuche gingen dann auch sehr friedlich und organisiert vonstatten.

Celine ist eine der Hauptverantwortlichen für einen reibungslosen Ablauf. Sie arbeitet seit Juni 2010 als Krankenschwester und Leiterin des Gesundheit-Departments im Kindernothilfe Haiti Büro. Sie hat ihren Hochschulabschluss an der Adventistischen Universität von Haiti gemacht und danach das Staatsexamen für Krankenschwestern. Über die Kooperation mit LandsAid sagt sie: „Es ist wirklich eine tolle Initiative und eine große Unterstützung, um den Kindern unserer Projekte gesundheitlichen Beistand zu leisten.“

Kindernothilfe Haiti Projekte – Kinderzahlen im August 2010:
17.08 – Fort National: 131 behandelte Kinder
24.08 – Warf Jeremy: 124 behandelte Kinder
27.08 – Delmas 33/ Cineas: 163 behandelte Kinder
31.08 – Fort National: 103 behandelte Kinder

Weitere Infos über die Arbeit von LandsAid in Haiti

Valérie (11) – eine Kinderarbeiterin in Port-au-Prince

Trauma-Arbeit mit Restavèk-Kindern in Haiti

Text: Antonie Hutter und Katja Anger, Kindernothilfe
Foto: Katja Anger

Jeden Morgen legt die elfjährige Valérie einen Gewaltmarsch zurück. Barfuß mit nur ein paar Fetzen Kleidung am Leib, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Ihr Ziel ist die Wasserstelle in Wharf Jérémie, der Armengemeinde in Cité Soleil – dem größten Elendsviertel von Port au Prince. Valérie ist eines von tausenden Restavèk Kindern in Haiti.

In dem Inselstaat arbeiten derzeit bis zu 300.000 Mädchen und Jungen unter sklavenähnlichen Bedingungen in fremden Familien. Bereits vor dem Erdbeben hat die Kindernothilfe Schutz und Bildung von rund 450 Restavèks gefördert. Nach dem Beben hat sich ihre Situation noch verschlimmert. Fern von ihrer Familie haben die meisten Restavèk Kinder das Beben überlebt. In sogenannten Gastfamilien verrichten sie Erwachsenenarbeiten wie das Schleppen von Wasser, Putzen, Kehren; ausgemergelt, geschwächt, die meisten krank.

Das Kinderzentrum in Wharf Jeremie
Um die kleinen Hausarbeiter von der Straße zu holen, hat die Kindernothilfe ein Sofortprogramm gestartet. Zusammen mit dem haitianischen Partner Mocosad bietet sie bis zu 400 Kindern Zuflucht in einem Gemeindehaus für Restavèk-Kinder im Zentrum von Wharf Jeremie. Nach dem Beben war das Gebäude völlig zerstört. Heute steht auf dem Gelände ein Kinderzentrum, gebaut aus Wellblech, Steinen und Planen.

Die Kleinen bekommen eine warme Mahlzeit am Tag, werden pädagogisch betreut und medizinisch versorgt. Einige der Kinder leiden an Hautkrankheiten, vor allem Skabies- Krätze, aber glücklicherweise immer weniger an Unterernährung. „Die größte Überraschung und das schönste Erlebnis waren, dass es viel weniger unterernährte Kinder gibt als ich dachte. Die meisten Kinder die ich gesehen habe, haben eine starke Widerstandskraft“, schätzt Günther Eidelloth, Mediziner der KNH-Landsaid Kooperation die Lage ein. Im Gemeindezentrum übernehmen Kindernothilfe-Mitarbeiter die Ausgabe von Medikamenten und Aufbaunahrung. Rund 15 Lehrer und Lehrerinnen verteilen Schulmaterialien wie Hefte, Bücher und Stifte. Außerdem sind Vorbereitungen für den erdbebensicheren Wiederaufbau des Gemeindezentrums und einer Schule in vollem Gange.

„Ich komme gerne hierher“
Auch Valérie kommt seit vier Monaten zum Unterricht. Seit sie jeden Tag zur Schule geht, hat sie sich gut erholt. „Ich komme gerne hierher. Rechnen ist mein Lieblingsfach.“, lächelt sie. Pädagogen unterstützen sie und die anderen Kinder bei den Hausaufgaben, ermutigen sie, über das Erdbeben zu sprechen und Traumata aufzuarbeiten.

Die Kindernothilfe schenkt diesen entwurzelten Kindern einen Zufluchtsort, und hilft ihnen, die Schule zu beenden, um später eine Arbeit zu finden.

309.000 Kinder leben immer noch in Auffanglagern
Mehr als 180.000 Menschen sind bei den Erdstößen am 12. Januar in Port au Prince und Umgebung ums Leben gekommen, rund 1,5 Millionen Menschen leben noch immer in Auffanglagern und Camps, darunter etwa 309.000 Kinder. Besonders hart getroffen hat es die Randgruppe der Restavèks. Viele dieser Mädchen und Jungen sind seit dem Beben komplett auf sich alleine gestellt. Hier in Notschule und Gemeindezentrum werden sie aufgefangen. „Es sind kleine Erfolgserlebnisse, wie die Tatsache dass Mädchen wie Valérie jeden Tag zu uns kommen, die uns immer wieder in unserer Arbeit bestätigen“, erklärt Madame Sylvie, die Sekundarstufenlehrerin.

Haiti: Public Viewing inmitten der Ruinen

Liebe Fußballfreunde in Deutschland,

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein. Wenn Ihr glaubt, dass die tollste Feier zum unfassbaren 4:0-Sieg der DFB-Elf vom Samstagnachmittag über die argentinische Selección in Wanne-Eickel, Duisburg oder unter dem Brandenburger Tor stattgefunden hat, täuscht Ihr Euch gewaltig. Ihr habt möglicherweise auch Euren Spaß gehabt, das bestreiten wir ja gar nicht, aber das, was heute hier in Haiti abging, könnt Ihr Euch einfach beim besten Willen nicht vorstellen.

Gestern waren die Menschen nach der brasilianischen 1:2-Niederlage gegen die Niederlande noch am Boden zerstört. Fassungslos. Tränen und betretenes Schweigen. Brasilianischer Fußball ist in diesem Land das Größte. Nur, weil die Menschen in Haiti die brasilianischen Fußballer lieben, bei jeder WM und jeder Copa Libertadora (dem lateinamerikanischen Pendant zur Europameisterschaft)die treuesten aller Fans der brasilianischen Nationalauswahl sind, werden die brasilianischen MINUSTAH-Soldaten im Lande gern gelitten, was man von vielen anderen Kontingenten dieser UN-Schutztruppe nicht behaupten kann. Seit Wochen wurde ganze Straßenzüge in Port-au-Prince mit den brasilianischen Nationalfarben geschmückt. Zwischen den Ruinen hängen Girlanden aus gelben und grünen Plastikflaschen, liebevoll wochenlang aus dem Müll herausgesucht. Die Bierwerbung im Fernsehen macht mit der Präferenz der Fans ihre Geschäfte. Nach jedem Brasilienspiel sind die Straßen von Port-au-Prince stundenlang unpassierbar.

Karnevalsstimmung: Hunderttausende auf der Straße. Die Regierung hat die FIFA-Rechte für alle Übertragungen aus Südafrika gekauft und gratis an sämtliche Fernsehkanäle weitergegeben. Keine andere Entscheidung, die Präsident René Prèval seit der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar getroffen hat, war so populär wie diese.  Überall in den Lagern und Zeltstädten wurden Großleinwände installiert. Die Rechnung ging auf: Während der Fußballweltmeisterschaft hörten die täglichen Demonstrationen gegen Prèval und seine Regierung schlagartig auf. Die Menschen in Haiti, deren eigene Nationalmannschaft 1974 zum allerletzten Mal, damals in Deutschland, selbst bei einer WM dabei war – und wo es derzeit in der Hauptstadtregion keinen einzigen bespielbaren Fußballplatz gibt, weil jede freie Fläche mit Notunterkünften bedeckt ist, fiebern sich kollektiv in Fußballextase.

Wer behauptet, Fußball sei Opium fürs Volk, irrt. Zumindest in Haiti. Hier ist Fußball Therapie. Zum ersten Mal in diesem furchtbaren halben Jahr seit der Katastrophe vom 12. Januar haben die Menschen wieder richtig Spaß, Freude am Feiern. Fußball als Katharsis. Was für ein Geschenk!

Und dann das Unfassbare: Brasilien verliert gegen die Niederlande. In Haiti ist das so etwas wie eine nationale Katastrophe. Doch diesmal dauert die Trauer nur eine Nacht. An diesem Samstagmorgen wachen die allermeisten Brasilienfans als Freunde der deutschen Nationalmannschaft auf: Weil, eines mögen sie nun wirklich nicht: Dass, gestern in ihrer bittersten Stunde, Zehntausende von Argentinien-Anhänger (die gibt es nämlich auch) schadenfroh stundenlang und lautstark den Sieg der Holländer gefeiert haben. Da passt es gut, dass der Tag der Rache nicht lange auf sich warten lässt: Deutschland gegen Argentinien, der Klassiker!

Wir, das sind meine Kollegin Antonie Hutter und ich, sind eigentlich mit dem ARD-Hörfunk-Redakteur Martin Polansky zum Arbeiten unterwegs, Besichtigung der Abrissarbeiten der beim Erdbeben stark beschädigten Fort-National-Schule im Stadtteil Impasse Terrasse. Zum Glück sind wir so früh da, dass wir die wackeren Bauarbeiter der Firma G 3 noch in voller Aktion erleben, mit Vorschlaghämmern, Schaufeln, Schubkarren, Spitzhacken und weißen Schutzhelmen auf dem Kopf. Um neun Uhr haitianischer Zeit ist dann aber erst einmal Schluß mit dem Abriss. Das Spiel Argentinien gegen Deutschland wird angepfiffen. Ganz Impasse Terrasse drängt sich um die Fernsehgeräte, die draußen vor den Häusern, in den engen Gässchen aufgestellt werden. Der Strom kommt aus Autobatterien, die sorgfältig aufgeladen wurden, damit es wirklich für 90 Minuten und eventuell die Verlängerung und das Elfmeterschiessen reicht.

Public Viewing inmitten der Ruinen. Wir stellen uns erst mal ganz schüchtern dazu. Man weiß ja nie, vielleicht sind die Leute hier alle Argentinien-Fans.  Herr Müller mit seinem ersten Tor belehrt uns eines Besseren. Um uns herum brechen lautstarke Jubelstürme los. Frauen, durchaus nicht mehr ganz im Mädchenalter, rennen aus den Häusern, fallen sich um den Hals. Begeisterung pur. Impasse Terrasse brüllt für Deutschland. Müller, Müller, Müller! Der Wahnsinn geht weiter – Klose, Friedrich, Klose. Bei jedem argentinischen Angriff halten sich die Leute die Hände vor die Augen. Bloß kein Tor für Maradonna. Den mögen sie hier nicht, das merken wir sehr schnell.

Ein mutiger Argentinienfan versucht mit seiner Schubkarre verzweifelt, durch die Menschenmenge zu kommen. Weil er aus seinem Ärger über den Spielverlauf keinen Hehl macht, bekommt er von den begeisterten Deutschlandfans die gelbe Karte gezeigt: „Siehst Du, so geht es den Schadenfrohen!“

„Warum um Himmelswillen“, fragt Martin Polansky aus dem ARD-Studio Mexiko die Leute fassungslos, „seid Ihr alle für Deutschland?“ Eigentlich sind wir ja für Brasilien, antwortet Fabienne, die eine ganze Menge von Fußball versteht, „aber, nachdem Brasilien verloren hat, muß Deutschland gegen Argentinien gewinnen!“ Und dann wird sie richtig philosophisch: „Fußball ist das schönste Spiel der Welt. Alle Menschen freuen sich. Und wir vergessen für einen Moment die Ruinen um uns herum.“

Weil wir es immer noch nicht richtig begriffen haben, erklärt uns Fabienne begeistert: „Im Endspiel Deutschland gegen Holland sind wir natürlich für die Holländer, die haben ja schliesslich die Brasilianer besiegt.“

Doch vorher wird in Impasse Terrasse gefeiert. Und wie! Laut hupende Motorradfahrer halten uns begeistert´die Hand mit dem abgewinkelten Daumen und den vier nach oben gestreckten Fingern entgegen: 4:0. Tausende von Menschen tanzen und winken. Dass sie uns nicht noch im Triumphzug durch die Straßen tragen, ist alles. Eine begeisterte Menschenmenge schwenkt die deutsche Fahne. Dass auf der Fort-National-Baustelle nach diesem Fest noch weitergearbeitet wird, können wir getrost ausschliessen.

Die Menschen in Haiti mögen derzeit eine Menge Probleme haben. Aber Eines kann Ihnen niemand nehmen: Sie die sympathischsten Fußballfans der Welt.  Liebe FIFA, falls Sie zufällig nicht wissen sollten, wohin mit der nächsten Fußball WM, wir hätten da einen Vorschlag: Port-au-Prince, Haiti!

Viele Grüße nach Deutschland senden:

Antonie Hutter und Jürgen Schübelin

Der haitianische Staat ist wieder da

Von Jürgen Schübelin, Port-au-Prince

Seit Wochen haben wir genau immer wieder das gefordert, was jetzt langsam aber sicher auf den Straßen von Port-au-Prince sichtbar wird: Dass die haitianischen Behörden, der Staat, der am 12. Januar bis ins Mark erschüttert wurde, endlich wieder das Heft in die Hand nimmt, in Erscheinung tritt und seinen Bürgern gegenüber manifestiert: Es gibt auch noch eine nationale Autorität, die sich um euer Wohl Gedanken macht, nicht nur die Internationale Gemeinschaft, nicht nur die US-Soldaten, die UN-Schutztruppe MINUSTAH oder die bunte Schar der Nichtregierungsorganisationen aus aller Herren Länder, die seit Wochen mit ihren Fahrzeugflotten, Fahnen und Logos das Straßenbild prägen.

Der zweifelhafte Politologenwitz, dass man es in Haiti nach dem Erdbeben nicht mit einem „failing state“ (einen versagenden Staat) sondern mit einem gänzlich „fehlenden Staat“ zu tun hätte – der Präsidentenpalast und 23 von 24 Ministerien stürzten in sich zusammen – ist jedenfalls überholt: Jawohl, es gibt sie wieder, die staatliche Autorität der Repiblik Ayití.

Das fängt bei der Einreise an, auf dem internationalen Teil des Flughafens von Port-au-Prince – dort wo vor der Katastrophe vom 12. Januar jeden Tag bestenfalls eine sehr überschaubare Zahl von Maschinen ihren Weg fand, jetzt aber reihenweise Linienflüge aus der ganzen Region angeboten werden, immer voll mit Nachschub an neuen Helfern und weiteren Erdbebeninteressierten. Der haitianische Staat wartet auf die Neuankömmlinge in einem zur Empfangshangshalle umgebauten ehemaligen Warenlager, mit grünen und weißen Formularen, ähnlich denen, die man seit eh und je bei der Einreise in die USA oder einem Transitstopp in Miami ausfüllen muss. Der Unterschied: In Haiti geht alles viel schneller, kein Blick auf den Einreisenden, drei Stempel und zack, der nächste.

Anders als in den Tagen direkt nach dem 12. Januar, als GIs und US-Marines sogar den Verkehr auf den Kreuzungen von Port-au-Prince regelten, präzise und autoritär, immer mit umgehängtem Schnellfeuergewehr, hat jetzt wieder die haitianische Polizei das Heft in der Hand, mit der gewohnten Gelassenheit und Gesten, bei denen man nicht erkennen kann, ob man jetzt losfahren darf – oder besser doch noch nicht. Die US-Soldaten sind zum größten Teil abgezogen, jetzt kontrollieren wieder haitianische Beamten. Wir werden abends, nach Einbruch der Dunkelheit, sogar ein paar Mal angehalten. Nach einem kurzen Blick ins Auto, ob da nicht jemand mit vorgehaltener Waffe ein paar „Blancs“, Weiße, entführt hat, werden wir weitergewunken.

Eine weitere gute Nachricht: Nach einem wochenlangen Nervenkrieg ist es dem KNH-Haiti-Team endlich gelungen, ein zweites Dienstfahrzeug für die Betreuung der inzwischen auf die Zahl von 19 angewachsenen Projekte und Humanitäre-Hilfe-Programme mit 7400 Kindern und Jugendlichen zu beschaffen. Alle internationalen Organisationen brauchen dringend Autos, um ihre Arbeit bewerkstelligen zu können. Der Markt ist leergefegt. Wir haben dank des Verhandlungsgeschicks und der Beharrlichkeit unseres Landesdirektors Alinx Jean-Baptiste Erfolg und ergattern einen Pick-up mit einer ordentlichen Ladefläche, um auch Hilfsgüter transportieren zu können.

Doch die Freude währt nur kurz. Gleich nach drei Tagen wird das Fahrzeug von der Polizei aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das provisorische Nummernschild, von der Autofirma äußerst kreativ fotokopiert und hinten auf die Scheibe geklebt, weil es derzeit einfach keine „roten Nummern“ in Haiti gibt, sei illegal. Das stimmt, wir können nicht widersprechen. Auf dem Depot der zentralen Verkehrspolizeidirektion von Port-au-Prince, dort, wo kurz vor dem Hafen die Delmas-Straße beginnt, wird unser Pick-up also erst einmal an die Kette gelegt, in einer Reihe mit Fahrzeugen von Ärzten ohne Grenzen, Save the Children, World Concern, des örtlichen EU-Büros der und der US-Regierung, die, um Projekte zu begleiten, zusätzliche Fahrzeuge angemietet hat. Auch auf ihren Scheiben kleben kopierte Nummernschilder. Die illustre Nachbarschaft trägt wenig zu unserer Schmerzlinderung bei, zumal die Beschlagnahmung ohne jegliche Quittung erfolgte und bei den täglichen Besuchen auf dem Gelände der Polizei niemand mehr zu sagen vermag, wo eigentlich die Schlüssel des Fahrzeugs aufbewahrt sind.

Alinx und ich schaffen es am fünften, zwangsweise autofreien Tag für Kindernothilfe, immerhin bis zum obersten Chef der Verkehrspolizeidirektion. Wir ziehen alle Register, erklären, warum wir das Fahrzeug wirklich dringend brauchen, dass unsere Arbeit ja nicht einfach per Tap-Tap, den wunderschön bemalten, bunten, ständig überfüllten haitianischen Sammeltaxis, zu bewältigen ist. Dieses Argument leuchtet ein. Als wir in unserem Gespräch mit dem Polizeichef dann bei Jürgen Klinsmann und der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland angelangt sind, wächst bei Alinx und mir die Zuversicht, dass wir unseren Pick-up am Ende mitnehmen dürfen. Wenn bloß nicht in diesem Moment der Besitzer des Autohauses, bei dem Kindernothilfe das Fahrzeug gekauft hat und der in Sachen internationaler Kundschaft angesichts der Massenbeschlagnahmung seiner Autos die Felle davon schwimmen sieht, zur Tür hereingekommen wäre. Die Stimmung kippt: Jetzt macht der Polizeichef den Mann von der Fahrzeugniederlassung vor uns zur Schnecke. Was ihm denn einfalle, seine Kunden mit fotokopierten Nummernschildern auf die Strasse zu schicken.

Der Autohändler antwortet kleinlaut, dass es an keiner Stelle in Port-au-Prince „rote“ Nummernschilder zu beschaffen gäbe und er seit Wochen auf einen Stempel warten würde, der es ihm ermöglicht, seine Steuern zu bezahlen. Die Staatsgewalt in Gestalt unseres Polizeichefs bleibt konsequent: Wir haben nie erfahren, was unser Autohändler an diesem Tag an Strafe bezahlen musste, auf alle Fälle wird unser Pick-up anschließend aus dem Polizeigewahrsam auf das Gelände der Autofirma zurück überführt. Immerhin.

Dann wieder zähe und lange Verhandlungen mit dem Autohaus: Schließlich sprechen wir einmal am Tag in wechselnder Besetzung als KNH-Haiti-Team in den Verkaufsräumen vor, erklären, dass wir endlich unseren Pickup bräuchten. Nach fünf Tagen ist es dann endlich soweit: Wir verlassen mit einem ordentlichen „roten“ Nummernschild das Firmengelände.

Nach dem Erdbeben in Chile: Stress und Gewalt nehmen Kinder jeden Schutz


Können Erdbeben so verschieden sein? Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar und dem in Chile vom 27. Februar? Keine Frage wurde uns in diesen zurückliegenden acht Tagen häufiger gestellt als diese.

Würde man es sich einfach machen, könnte man antworten: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass in Haiti über 220.000 Menschen starben – in Chile am Ende 600 oder vielleicht 800. Das Erdbeben in Haiti erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, das im Süden Chiles 8,8, also den fünfhöchsten Wert, der je registriert wurde. In Haiti konzentriert sich die Katastrophe auf ein Gebiet mit einem Durchmesser von nur 120 km, in Chile erstrecken sich die Zerstörungen und Verwüstungen entlang des gesamten Küstenstreifens Zentralchiles und seinem Hinterland, über eine Distanz von 650 km. Die Kosten in den am stärksten betroffenen Regionen Chiles belaufen sich auf geschätzte 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Betrag ist nicht ein einziger Peso enthalten, um den Familien zu helfen, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben.

Doch der wichtigste Unterschied ist: Chile nimmt Platz 44 ein, wenn es um seine Bestimmung des Armutsgrades geht. Haiti auf Platz 149, eine der letzten Positionen überhaupt. In Chile blieben der Staat und seine Autoritäten im Wesentlichen handlungsfähig und präsent, während sie in Haiti praktisch vollends aufhörte, zu existieren.


In dem regelmäßig von verheerenden Beben und Tsunamis heimgesuchten Erdbebenland Chile (Valdivia 1960: 9,5 Richterskala; Santiago, der Hauptstadt, 1985: 7,7; Concepción/Talca jetzt 2010: 8,8) haben es die Menschen gelernt, Gebäude so zu errichten, dass sie selbst bei schwersten Beben nicht sofort einstürzen, sondern ihren Bewohnern eine realistische Möglichkeit geben, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in Port-au-Prince, in Carrefour oder Léogâne in Haiti hatten die Chance nicht.

Trotzdem erlebten die Überlebenden in Süden Chiles die Hölle auf Erde und durchleiden Angstzustände, die den Bewohnern von Port-au-Prince in Haiti in dieser Form erspart geblieben sind. Denn bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben setzte in Concepción und im benachbarten Talcahuano ein Phänomen ein, das die Zeitungen sehr schnell und unzutreffend mit „sozialer Tsunami“ beschrieben. Horden von Plünderern, aus den zusammengestürzten Gefängnissen entkommene Kriminelle und Hunderte von Leuten, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet zu haben schienen, durchzogen die stockdunklen Innenstädte und Wohnviertel, um Alles zu erbeuten, was ihnen in die Hände fiel: zuerst


Geldautomaten und Kassen in den Supermärkten, Apotheken, Tankstellen. Im Fall von Supermärkten und Geschäften, die durch das dreiminütige Beben beschädigt worden waren, bei denen Mauern oder Eingangstüren fehlten, hatten die Plünderer leichtes Spiel. Im Fall aller anderen „supermercados“, Fachgeschäfte, Großhandelsniederlassungen benutzten die „Besucher“ eine andere Technik: Mit gestohlenen Nutzfahrzeugen und Kleinlastwagen rammten sie die Eingangstore, Seitenwände oder Rollgitter so lange, bis sich eine Bresche auftat und auch diese Lokale ausgeräumt – und, um Spuren zu verwischen – hinterher abgefackelt werden konnten.

Verheerende Konsequenzen hatte in den Tagen nach der Katastrophe die Plünderung der Apotheken von Concepción: Während die Rollkommandos hier die Waren mit einigermaßen Wert abräumten, zerstörten sie die Medikamentenregale und trampelten auf den Arzneimitteln herum, so dass tagelang praktisch keine Versorgung mit Medikamenten möglich war. Viele Menschen, denen es gelungen war, einen Teil ihres persönlichen Besitzes aus den zusammenstürzenden Häusern und Wohnungen auf die Straße zu schaffen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen diese wenigen Habseligkeiten gestohlen wurden.

Als wir, zwei Kollegen der Kindernothilfe-Partner-Organisation ANIDE, sowie ein fünfköpfiges Ärzte- und Helferteam von „humedica“ aus Kaufbeuren – und ich – am Abend des dritten Tages nach der Katastrophe in Concepción eintrafen und dort , während der ersten Nacht bei den Feuerwehrmännern der siebten, der „deutschen Kompanie“ an der Plaza Ecuador, Schutz und Unterkunft fanden, berichteten uns die  Besatzung der Feuerwache, dass in der Nacht zuvor zwei andere „Companias de Bomberos“ überfallen und ausgeraubt worden waren. Aus Angst um ihre Familien brachten viele Feuerwehrleute ihre Frauen und Kinder mit ins Feuerwehrhaus, um sie während ihrer Einsätze in Sicherheit zu wissen.

Am Abend des zweiten Tages nach dem Beben hatte sich Präsidentin Bachelet durchgerungen, Concepción und angrenzende Städte unter Kriegsrecht zu stellen,  dem chilenischen Militär die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übertragen und eine tägliche Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 12 Uhr am nächsten Mittag zu verhängen. Den Truppen gelang es tatsächlich, die Plünderungen zu stoppen, Straßensperren zu errichten und die Ausgangssperre mit Waffengewalt durchzusetzen.

Zur Beruhigung der Menschen in den Notunterkünften oder auf der Straße – vor den einsturzgefährdeten Häusern und Wohnungen – trug diese massive Militär- und Waffenpräsenz jedoch nur bedingt bei. Zu brutal und undifferenziert reagierten viele  Soldaten, allesamt in voller Kampfmontur, auf die Einwohner von Concepción, mit denen sie in Berührung kamen. Jugendliche wurden vor unseren Augen mit Gewalt von Pickups heruntergerissen, mussten sich unter vorgehaltener Waffe mit dem Gesicht in den Dreck und Staub werfen, während sie durchsucht wurden. Obwohl wir selbst mit einem Passierschein und einer Genehmigung des chilenischen Gesundheitsministeriums in zwei eigens gekennzeichneten Fahrzeugen unterwegs waren, bekamen wir an den Kontrollpunkten mehr als einmal den geballten Stress der Staatsmacht ab: „Qué quiraí, huevon?“, brüllte mich einer der Soldaten an  – frei übersetzt: „Was willst denn du Arschloch hier?“, um dann sofort seine Waffe auf uns zu richten.

„Sie mögen vielleicht die Ordnung wieder herstellten, aber Ruhe bringen sie keine“, kommentierte die Leiterin eines der von Kindernothilfe unterstützten Projekte (dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte), ihre eigenen Erfahrungen mit den (Besatzungs)-Truppen.

Fairerweise muss an dieser Stelle ebenfalls berichtet werden, dass wir in diesen Tagen auch zahlreiche Soldaten erlebten, die sich besser unter Kontrolle hatten und den Menschen, die sie überprüften, professionell und mit Respekt begegneten – und uns, ganz persönlich, durch Offiziere des chilenischen Heeres mehrfach wichtige Unterstützung zu Teil wurde, um unsere Mission überhaupt erfüllen zu können. Im Fall des „humedica“-Ärzteteams bestand die Aufgabe darin, in dem in einer Schule untergebrachten Notkrankenhaus von Lota Patienten  zu betreuen und vor allem Wunden zu versorgen.

José Horacio Wood, Ruben Inostroza (beide von ANIDE) und ich hingehen mussten es in kürzester Zeit schaffen, alle zehn von Kindernothilfe in Concepción, San Pedro de la Paz, Coronel, Lota, Talcahuano und Talca unterstützten Projekte zu besuchen, Informationen über die jeweiligen Teams und die Kinder zu sammeln, (leider in einigen Fälle doch sehr erhebliche und nur unter hohem Kostenaufwand zu behebende) Gebäudeschäden zu dokumentieren und – vor allem anderen – zu versuchen, mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen erste Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.

Der extreme Stress, unter dem die Erwachsenen stehen, die Tatsache, dass nachts praktisch nicht geschlafen wird, sondern sich die Nachbarn aus Angst vor erneuten Überfällen und Plünderungen organisieren, die Eingänge zu ihrem Wohnviertel abenteuerlich mit Bauschutt und Möbelresten verbarrikadieren und hinter brennenden Autoreifen Wache schieben, hinterlässt auch bei den Kindern Spuren. Für Kinder haben Erwachsene jetzt keine Geduld und keine Zeit.

Deshalb unsere Strategie: Überall dort, wo es möglich ist, initiieren wir kleine Aktivitäten.  Auf der Straße, auf Plätzen, vor den Gebäuden der Projekte, um die Kinder aus der Stresswolke herauszuholen. Die Initiative wird enthusiastisch aufgegriffen und schnell mit konkreten Plänen und Vorschlägen weiterentwickelt: „Das tut auch uns Erwachsenen gut“, sagt Jeanette Riquelme, Direktorin der durch das Erdbeben beschädigten Kindertagesstätte „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas, „wenn die Eltern sehen, dass wieder Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, wird das auch sie psychologisch entlasten.“

Am meisten haben sich die Pädagogen, Therapeuten mit der „Escuela Especial“ in Talca, einem der großen Projekte mit Kindern mit Behinderungen vorgenommen. Obwohl hier zwei Kinder und ihre Familien ums Leben kamen, wurde hier schon wieder mit dem Betreuungsprogramm begonnen: „Gerade unsere Kinder sind so stark traumatisiert, dass sie Nähe und Beistand brauchen“, sagt Pastor Hugo Nuñez, der sich mit meiner Frau zusammen am 27. Februar nur wie durch ein Wunder aus den Trümmern seiner eingestürzten Wohnung hatte befreien können. „Der liebe Gott hat uns nicht überleben lassen“, fügt er verschmitzt hin, „damit wir jetzt die Hände in den Schoss legen“.


Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Haiti: Monsieur Louis – ein Hausmeister, der einen Orden verdient hätte

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Der ältere Herr auf diesem Foto ist Monsieur Louis, mit vollständigem Namen Joachim Louis, Hausmeister der zerstörten Fort National-Schule und für mich eine der eindrucksvollstellen Persönlichkeiten, die ich in Haiti kennengelernt habe. Er hat nach der Katastrophe vom 12. Januar einze ln nach jedem der Kinder aus dieser großen Schule mitten in dem Bidonville gleichen Namens gesucht – und, wie wir heute wissen – mit Ausnahme von drei Getöteten – auch alle anderen lebend gefunden. Bei jedem Aufstieg durch die Trümmerlandschaft des Ruinenfeldes dieses riesigen Armenviertels hat er uns begleitet und den Nachbarn immer wieder aufs Neue geduldig erklärt, wer wir sind und warum wir so oft diese beschädigte Schule der Heilsarmee von allen Seiten unter die Lupe nehmen müssen.

Wer Monsieur Louis, der selbst nie in seinem Leben eine Chance erhielt, einen Beruf zu erlernen, beobachtet, wie er mit Kindern spricht, wie er ihnen zuhört, Trost spendet, einfach da ist, begreift, dass es Menschen wie ihn geben muss, sonst wären Katastrophen wie diese noch viel entsetzlicher. Während viele Lehrer und Mitarbeiter der beiden Heilsarmeeschulen College Verena und Fort National – oder auch anderer Projekte, die Kindernothilfe in Haiti unterstützt – nach dem Erdbeben vom 12. Januar – völlig nachvollziehbar – zunächst verstört bei ihren Familien blieben und versuchten, ihr eigenes Überleben zu regeln, war Monsieur Louis von der ersten Minute an dabei, beim Aufbau des ersten KNH-Kinderzentrums auf dem Gelände der Heilsarmee mitzuhelfen. Er ist im Kinderzentrumteam von Delmas Deux einer der ganz wenigen Männer, der zu den Frauen an den Kochtöpfe geht, die vollen Teller mitbringt und jedem Kind liebevoll sein Essen reicht. Ansonsten machen – auch im Haiti nach dem Erdbeben – exakt diesen Job, genauso wie das Aufräumen, Tellereinsammeln, Abwaschen und Putzen nach den Mahlzeiten nur die Frauen.

Monsieur Joachim Louis ist Hausmeister. Hausmeister einer Schule, die es so nie mehr geben wird, die, wie wir seit einigen Tagen und seit der gründlich-unerbittlichen Revision durch unsere chilenischen Architektenkollegen Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada wissen, abgerissen werden muss, weil die Substanz des Gebäudes durch das Erdbeben so schwer beschädigt wurde, dass sie nicht mehr zu retten ist. Trotzdem ist Joachim Louis jeden Nachmittag, dann, wenn die Arbeit des Kinderzentrums endet, auf dem Berg, in Fort National, überprüft die Eisenketten und Vorhängeschlösser, die er vor die Klassenzimmerräume gespannt und gehängt hat, um sicher zu stellen, dass nicht auch noch die übriggebliebenen Utensilien, Bänke, Stühle und Pulte der Schüler aus Fort National gestohlen werden. Er hat uns bei dem letzten Besuch in der Schule den winzigen, fensterlosen Raum gezeigt, in dem er immer geschlafen hat, wenn nachts der Wächter nicht kam, um auf das Schulgebäude aufzupassen und er einfach dageblieben ist, weil man ja nicht ein ganzes Schulhaus ohne Schutz lassen kann – nicht in Haiti und auch nicht anderswo. Ich weiss nicht genau, wieviel Monsieur Louis, der Hausmeister, für seine Arbeit verdient, aber ich ahne es, und möchte lieber nicht fragen.

Monsieur Louis war der erste, der wusste, dass seine Schule abgerissen werden muss: Er zeigte den beiden Architekten die Risse in den Wänden, die Schäden an einigen tragenden Elementen und erklärte, dass es immer schon Probleme mit den Fluchtwegen aus diesem verwinkelten, engen Gebäude gegeben hat und er immer Angst davor gehabt hätte, dass einmal ein Feuer ausbricht.  

Ein Neubau der Fort National-Schule wäre ein Segen für das ganze Viertel und für Monsieur Louis, der intensiv mit den Architekten darüber diskutiert, wie das neue Gebäude einmal aussehen soll – auf alle Fälle mit größeren Klassenzimmern und richtigen Fenstern, damit die Kinder besseres Licht zum Lernen haben, einer schönen Küche, weil dann das Essen, das für die Kinder gekocht wird, gleich viel besser schmeckt. Monsieur Louis verbreitet bei den Nachbarn und bei den Mädchen und Jungen aus Fort National, mit denen er über diese Pläne spricht, Optimismus, mehr noch: Gewissheit! Er ist für sie so etwas wie ein Garant dafür, dass die „blancs“, die Bleichgesichter (also wir), nicht einfach völlig durchgeknallt sind, was die Idee vom Neubau einer großen neuen Schule in diesem geschundenen Viertel anbelangt. Aber uns ist auch bewußt, dass er bei all diesen Gesprächen mit den Erdbebenüberlebenden von Fort National seine ganze eigene Glaubwürdigkeit und all seine unumstrittene Reputation in die Waagschale wirft, um uns die Türen zu öffnen. Das bedeutet, wir dürfen diese Menschen nicht enttäuschen – und schon gar nicht Monsieur Louis.

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Ihr Jürgen Schübelin