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Honduras: Hilfe gegen die Hungersnot

Judy Müller-Goldenstedt, Mittelamerika-Referentin der Kindernothilfe, ist gerade von einem Projektbesuch in Honduras zurückgekehrt. Sie war auch in der Region unterwegs, die seit Wochen von einer schweren Hungerkatastrophe betroffen ist. Jürgen Schüberlin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, befragte sie zu ihren Eindrücken.

Frau Müller-Goldenstedt, wo genau in Honduras sind Sie in den vergangenen Tagen mit den Folgen dieser humanitären Krise, unter der mehrere Hunderttausend Menschen leiden, in Berührung gekommen?

Judy Müller-Goldenstedt: Dr. Elmer Villeda, der Leiter des Kindernothilfe-Büros in Tegucigalpa, und ich waren im Departamento Valle, im Südwesten des Landes, unterwegs – und zwar in den Gemeinden Candelaria und El Trapiche, wo die Ernteausfälle wirklich verheerende Folgen hatten.

Wie muss man sich die Lage in den Gebieten konkret vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das ist eine Landschaft, in der es tagsüber bis zu 50 Grad heiß wird. Bereits seit mehreren Jahren fällt hier immer weniger Regen und es kommt zu Ernteausfällen – dadurch verschlechtert sich die Ernährungssituation. Die Armut zwingt die Kleinbauernfamilien, den Baumbestand immer weiter abzuholzen, um Brennmaterial zum Kochen zu haben. Die Folgen sind dramatisch: Es gibt praktisch kaum mehr Schatten, um Felder und Böden vor der Sonne zu schützen. Die Erde heizt sich auf, alles trocknet aus, die Ernteerträge brechen ein.

Haben die Menschen denn keine Vorräte, um diese Trockenperiode zu überbrücken?

Judy Müller-Goldenstedt: Genau das ist das Problem: Nein, alle Vorräte sind aufgebraucht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in dieser Zone ist eigentlich darauf ausgerichtet, dass zweimal im Jahr gesät und geerntet werden kann. Aber die Mais-Ernte im Mai fiel so katastrophal aus, dass einfach nichts übrig blieb. Und dann gibt es dieses benachteiligende und problematische Pacht-System, das den Kleinbauern keine Chance lässt: Die Großgrundbesitzer, denen das Land gehört, verlangen von den Bauern, den Pachtzins für die kleinen Parzellen im Voraus zu entrichten. Erst danach darf ausgesät werden. Und auch von der Ernte muss ein Teil der Maispflanzen an die Eigentümer abgeliefert werden. Wer die Pacht nicht bezahlen kann, weil die vorausgegangene Ernte so kümmerlich ausgefallen ist, verliert das Land und hat keine Möglichkeit mehr, eine neue Aussaat auszubringen. All diesen Familien bleibt dann nicht anderes übrig, als sich als Tagelöhner zu verdingen. Die Krux ist: Für die Meisten gibt es in dieser Situation überhaupt keine Arbeit mehr. Vor allem Jugendliche – aber auch immer mehr Kinder – machen sich in dieser verzweifelten Lage auf den Weg entweder in die großen Städte oder gleich in den Norden und versuchen sich auf den gefährlichen Schlepperrouten irgendwie in die USA durchzuschlagen.

Soforthilfe für die Hungernden

Soforthilfe für die Hungernden

Gibt es irgendeine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das Nothilfe-Projekt, mit dem die Kindernothilfe seit Mitte November drei ihrer honduranischen Partnern unterstützt, will es den betroffenen Kleinbauernfamilien ermöglichen, die Wochen bis zum Jahresende durchzustehen – in Erwartung der dann hoffentlich etwas besser ausfallenden zweiten Ernte. Unser Partner Vecinos Honduras, der seit vielen Jahren in dieser Zone engagiert ist und Kleinbauernfamilien dabei berät, ihre Anbaumethoden zu diversifizieren – beispielsweise durch das Anpflanzen von Mango-Bäumen, die Produktion von Früchten und verschiedenen Gemüse-Sorten -, arbeitet aber auch intensiv mit den Gemeindeorganisationen, den sogenannten patronatos, daran, die Wasserversorgung zu verbessern.

Wie genau muss man sich das vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Wir haben bei unserem Besuch in den Dörfern gesehen, wie im Rahmen dieses Projektes von den mitwirkenden Familien die zum Teil bis zu 25 Jahre alten Gemeindebrunnen ausgebessert sowie Wasserstellen und Zisternen gesäubert und neu eingefasst werden. Es geht dabei auch immer um die Verbesserung der Qualität des zur Verfügung stehenden Trinkwassers. Die Lebensmittel-Unterstützung im Rahmen dieses Humanitäre-Hilfe-Projektes gibt es nur für die, die mit Hand anlegen. Vecinos Honduras verschenkt nicht einfach Nahrung, sondern motiviert die Familien, sich in eigener Sache zu organisieren: Wir haben Gruppen von Erwachsenen kennengelernt, die beispielsweise die Wege und Zufahrtsmöglichkeiten zu den Dörfern ausbessern, Gestrüpp zurückschneiden, um besser durchzukommen und so die Dürre-Hilfe-Kampagne zu unterstützen. Für alle, die hier mitarbeiten, gibt es Unterstützung.

Sie haben die Folgen dieser Ernährungskrise und die strukturellen Probleme im Zusammenhang mit diesem perfiden Pacht-System beschrieben. Wie haben Sie die Situation der Kinder in Candelaria und El Trapiche erlebt?

Judy Müller-Goldenstedt: Der Hunger und die Mangelernährung, aber auch die gravierenden Probleme im Zusammenhang mit der Trinkwasserversorgung beeinträchtigen die Gesundheit der Kinder massiv! Hinzu kommt, dass die meisten Hütten der Kleinbauernfamilien, die oft nur aus einem einzigen Raum mit Lehmboden bestehen, über keine Toiletten und Latrinen verfügen. Zum Austreten muss man hinters Haus in die Büsche. Diese Situation sorgt für hygienische Probleme, führt schnell zu gefährlichen Durchfallerkrankungen und bildet eine latente Gefahr vor allem für die Kinder. Hinzu kamen in den zurückliegenden Wochen zahlreiche Infektionsfälle mit dem Chikungunya-Virus, das ja vor allem für Menschen mit einem ohnedies geschwächten Immunsystem gefährlich ist.

Und was ist mit dem honduranischen Staat? Ich welcher Form stehen Behörden und öffentliche Katastrophen-Schutz-Einrichtungen den Menschen in den Gemeinden, die Sie besucht haben, während dieser Krise bei?

Judy Müller-Goldenstedt: In Candelaria und El Trapiche ist bislang keinerlei Hilfe von einer staatlichen Institution eingetroffen. Teilweise wurde in einigen Städten Lebensmittel verteilt, aber die Kleinbauernfamilien auf dem Land, die die Unterstützung am dringendsten benötigen würden, gingen bislang völlig leer aus. Die Menschen registrieren das und fühlen sich von den Politikern und der öffentlichen Verwaltung völlig im Stich gelassen.

Kindernothilfe-Partnerorganisation mit Judy Müller-Goldenstedt (2. Reihe, 2. v.r.)

Kindernothilfe-Partnerorganisation mit Judy Müller-Goldenstedt (2. Reihe, 2. v.r.)

Die Kindernothilfe startete ihre Hilfskampagne für die von der Dürrekrise am meisten betroffenen Regionen in Honduras Mitte November. Wie schnell wird es möglich sein, erste Ergebnisse und Wirkungen zu belegen?

Judy Müller-Goldenstedt: Sehr schnell. Die Ausbesserung der Brunnen und Zisternen hat bereits begonnen – unter engagierter Beteiligung der Familien aus den Gemeinden. Das vor Ort mitzuerleben, war für uns bei dem Besuch in Candelaria und El Trapiche wirklich sehr beeindruckend. Und die Verteilung der Lebensmittelrationen, mit denen die Zeit bis zur Ernte am Jahresende überbrückt werden soll, ist ebenfalls schon im November angelaufen. Mir sagten die Leute immer wieder, wie dankbar sie der Kindernothilfe seien, dass wir so schnell und entschlossen reagiert hätten. Uns allen ist natürlich klar, dass es eine solche Krise, die sich in einem Land abspielt, das ohnedies kaum in unseren Medien vorkommt – und wenn, dann nur im Zusammenhang mit furchtbaren Gewaltverbrechen –, sehr schwer hat, die dringend notwendige internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Trotzdem müssen wir zusammen mit unseren honduranischen Partnern und den Familien aus Candelaria, El Trapiche und allen anderen betroffenen Gemeinden darum kämpfen, diese schweren Monate zu überstehen und dürfen die Menschen, die für sich und ihre Kinder so dringend auf eine bessere Zukunft hoffen, nicht im Stich lassen.

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