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Honduras-Tagebuch: „Das ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“

Honduras: Carlos' GeschichteVon Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 15.10.2016

Carlos wollte weg aus Honduras. Dort gab es für ihn nur Schläge und Ausbeutung, die Schule musste er frühzeitig verlassen. Sein Ziel: die USA, das „gelobte Land“. Doch an der Grenze wurde er erwischt und wieder zurück nach Honduras gekarrt. Heute lebt er in der Casa Alianza und ist „jeden Tag ein bisschen glücklicher“.

Als die Schüsse fielen, lag Carlos ganz hinten auf dem Dach des Güterwaggons. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Er wurde übersehen. Weiter vorn hatten die Bewaffneten gerade einen Mann erschossen und vom Dach geworfen. Ein paar andere wurden lebend vom Dach des fahrenden Zuges gestoßen. Die Bewaffneten verschwanden mit ihnen. Carlos weiß nicht, was mit ihnen geschah. Aber schwer ist das nicht erraten.

Jedes Jahr macht sich ein kleines Heer von Verzweifelten und Bedrohten auf die Wanderung aus Mittelamerika, aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Sie wollen in die USA, hoffen, die Grenzen unentdeckt zu überwinden und in den Vereinigten Staaten ein Leben ohne Hunger und Gewalt zu beginnen. Unter den Migranten sind auch mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche, viele von ihnen allein, ohne Eltern und erwachsene Begleiter. Einer von ihnen war Carlos (Name geändert).

(Quelle: Jürgen Schübelin)Zuhause fehlte jede Perspektive

Carlos kommt aus einem Dorf in der hunduranischen Provinz. Er hat fünf Geschwister. Vier hat die Mutter in die Familie eingebracht. Carlos und seine jüngere Schwester sind gemeinsame Kinder der Eltern. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter. Wenn samstags der Lohn ausgezahlt wurde, kaufte die Familie ein. Meist gab es dann bis zum folgenden Donnerstag etwas zu essen. Freitags gab es nichts, erst Samstagabend konnte die Familie wieder essen. Als er acht Jahre alt war, bekam Carlos eine Schaufel und eine Hacke und musste anfangen zu arbeiten. Oft war sein Lohn nötig, damit die Familie überhaupt zu essen hatte. Darüber kam die Schule zu kurz. Nach der achten Klasse der neunjährigen Grundschule war Schluss. Carlos musste ganz arbeiten.

All die Jahre war es zu Hause auch nicht lustig. Die Eltern stritten sich häufig, der Streit geriet immer wieder zur Schlägerei zwischen den Eltern. Auch die Kinder wurden oft geschlagen, von beiden Eltern. Kein Leben, mit dem sich ein Junge gern zufrieden gibt. Aber Carlos hatte einen Freund, nennen wir ihn Eduardo. Eduardo hatte es schon einmal versucht, und er war bis McAllen in Texas gekommen, bevor er aufgegriffen und nach Honduras deportiert wurde. In den USA, da gebe es Geld und Arbeit und Freiheit. Carlos war 17, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und ohne Perspektive, als er beschloss, in die USA auszuwandern.

Der Weg in die USA

Er hatte 1.000 Lempiras zusammengespart, etwa 40 Euro. Damit kam er gut voran. Aber an der Grenze zwischen Guatemela und Mexiko waren die Ersparnisse verbraucht. Jetzt gab es kaum mehr etwas zu essen und auch kein Geld für Busfahrten. Sechs Tage lief Carlos zu Fuß, bis er die Eisenbahnlinie erreichte. Als er ankam, bluteten seine Füße, seine Leisten waren entzündet und schmerzten, er war dehydriert. Aber ab hier sollte es mit dem Zug weitergehen. Nicht mit einem Passagierzug natürlich, sondern auf dem Dach eines Güterzugs, der bei den Migranten „Das Ungeheuer“ heißt. 35 Menschen saßen und lagen auf dem Dach seines Waggons, als die Schüsse fielen.

Die mexikanischen Drogenkartelle haben die Migranten auf dem Weg aus Mittelamerika in die USA als lukrative Einkommensquelle entdeckt. Sie nehmen die Menschen in Gruppen gefangen und erpressen die Familien um Lösegeld. Die Höhe schwankt, viele der Gefangenen kommen ja nicht aus wohlhabenden Familien. Aber 5.000 US-Dollar dürften ein normaler Preis für die Freilassung sein. Wenn niemand zahlt, wird die Geisel erschossen.

In der Nähe von Tierra Blanca stieg Carlos mit den übrigen Passagieren vom Zug. Kaum war er abgestiegen, näherte sich ein Wagen und hielt an. Zwei Männer und eine Frau stiegen aus. Die Männer zerrten die Frau ins hohe Gras. Dann hörte Carlos Schüsse und sah die Männer ohne die Frau zurückkommen und davonfahren. Eine Geisel, für die niemand gezahlt hatte?

Mit einer kleinen Gruppe lief Carlos weiter. Bevor sie auf den Zug gestiegen waren, hatten sie sich ein wenig Geld erbettelt. Davon wollten sie nun in einer Cafeteria etwas essen. Keine gute Idee. Denn offenbar bekam die Wirtin mit, dass sie untereinander beratschlagten, wie sie weiter vorgehen sollten. Jedenfalls war ganz schnell die Grenzpolizei da. „Das hier ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“, brüllten die Polizisten. Obwohl die Migranten versuchten zu fliehen, wurden sie alle geschnappt, gefesselt und ins Gefängnis gebracht.

Tage voller Angst: Zurück nach Honduras

Drei Tage Beschimpfungen und Flüche im Gefängnis, dazu verdorbenes Essen, Tage voller Angst. Am zweiten Tag kam der honduranische Konsul vorbei und kündigte an, dass sie am nächsten Tag abgeschoben würden. Am dritten Tag gegen Mitternacht fuhren Busse vor. Die geschnappten Migranten wurden in die Busse verstaut und nur mit kurzen Toilettenpausen 15 Stunden lang nach Honduras zurückgefahren.

In der Nähe von San Pedro Sula, dem honduranischen Wirtschaftszentrum im Norden des Landes, gibt es ein Ankunftszentrum für abgeschobene Migranten. Dreimal in der Woche kommen hier die Buskonvois an. 6.000 minderjährige Migranten sind in den ersten 9 Monaten dieses Jahres bereits ausgeladen worden. Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Casa Alianza kümmert sich dort vor allem um die unbegleiteten Minderjährigen. Auch Carlos erhielt die Telefonnummer von Casa Alianza und den Rat, sich dort zu melden.

Aber Carlos hatte etwas anderes im Sinn. Er wollte nach Hause, in sein Dorf, zu seinen Eltern und Geschwistern. Nur dass ihm nach seiner misslungenen Auswanderung alles noch grauer und hoffnungsloser vorkam. Der Wochenlohn war immer noch zu niedrig, um damit die Grundbedürfnisse für mehr als eine halbe Woche zu decken, der Streit zwischen den Eltern ging immer weiter. Dann wurde die Mutter ernsthaft krank, und Carlos wurde klar, dass zwar die Auswanderung nicht geklappt hatte, dass er aber an seinem Leben etwas grundsätzlich ändern musste.

Jungen spielen Dame. (Quelle: Jürgen Schübelin)Casa Alianza: Unterstützung für Jungen und Mädchen

Er erinnerte sich an die Telefonnummer von Casa Alianza. „Der Anruf zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.“, sagt Carlos. Er solle nach Tegucigalpa kommen, in das Zentrum von Casa Alianza, dort könne er wohnen, essen, die Schule abschließen, eine Ausbildung machen. In dem von der Kindernothilfe unterstützten Zentrum von Casa Alianza leben derzeit 105 Jungen und Mädchen, die schwere Erfahrungen hinter sich haben. Mit verschiedenen Formen von Therapie, Schule, Ausbildung und viel Zuwendung werden hier Straßenkinder, Missbrauchte und gescheiterte Migranten wieder aufgebaut und für ein gutes Leben fit gemacht.

Honduras: Casa Alianza gibt Kindern und Jugendlichen eine Zukunft

Jetzt, etwas über ein Jahr später, sitzt Carlos vor mir mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er hat inzwischen die neunte Klasse abgeschlossen und damit den Schulabschluss geschafft. Im Moment ist er in der nahen Don Bosco-Schule in einer Kurzausbildung zum Trockenbauer. Aber das soll nur ein Zwischenschritt sein. Eigentlich will er Arzt werden. Mit etwas Hilfe von Casa Alianza könnte das schon klappen. Zumindest kann er hier wohnen bleiben, bis er 21 ist.

Ich frage Carlos, ob ich seine ganze Geschichte aufschreiben darf. Er lacht und sagt, ja, bitte, ich möchte, dass viele erfahren, wie es mir ergangen ist, damit es ihnen erspart bleibt. Und dann sagt er: „Ich bin jetzt jeden Tag ein bisschen glücklicher.“

Honduras-Tagebuch: Britany wird Psychologin

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

„2022 bin ich Psychologin“, sagt Britany (Name geändert), eine muntere Fünfzehnjährige mit strahlendem Gesicht. Sie meint das sehr ernst, und das hat mit ihrem bisherigen Leben zu tun.

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 11.10.2016

Britany ist die Jüngste, sie hat einen Bruder und vier Schwestern. Die Älteste ist 32. Als Britany fünf war, trennten sich ihre Eltern. Der Vater war Alkoholiker. Zwei Jahre später brachte die Mutter einen neuen Mann mit. Ein neuer Vater, ein zusätzlicher Versorger, es begann eine wunderbare Zeit. Aber als Britany mit ihrer Mutter bei dem neuen Mann einzog, wendete sich das Blatt. Aus dem liebevollen neuen Partner der Mutter wurde ein gewalttätiger Tyrann. Im Streit setzte er der Mutter eine Machete an den Hals. Als Britany ihrer Mutter helfen wollte, hatte sie plötzlich auch die Machete am Hals.

Gewalt ist in Honduras alltäglich

Honduras, die Heimat von Britany, ist eins der gewalttätigsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden rund 90 von 100.000 Einwohnern umgebracht. Viele davon sind Kinder und Jugendliche. Die Täter werden selten gefasst und noch seltener verurteilt. Fast jede Familie hat schon Angehörige durch Mord verloren, fast jedes Kind hat selbst Gewalt erlebt.

Während ich mit Britany spreche, in einer großen, grauen Halle über dem zentralen Markt von Tegucigalpa, lungern am Treppenaufgang zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen herum. Ich frage Britany, ob die beiden zu unserem Schutz da seien. Nein, Schutz könne man von der Militärpolizei nicht erwarten. Im vergangenen Jahr sei sie von einem unter Drogen stehenden jungen Mann beraubt worden. Der habe ihr ein Messer an den Bauch gedrückt. Direkt daneben hätten zwei Polizisten gestanden und nichts getan. Britany meint, die Polizei stecke eh mit den Banden unter einer Decke, die Beute würde geteilt. Nein, eigentlich sei die Polizei sogar schlimmer, die Banden zeigten wenigstens einen Rest von Respekt vor den Menschen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

Unterstützung für 750 Marktkinder

Respekt der Banden, darauf setzen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alternativas y Oportunidades, einer Organisation im Netzwerk des Kindernothilfe-Partners COIPRODEN. An diesem Nachmittag in der Halle über dem Markt tragen sie orangefarbene T-Shirts mit dem Logo der Organisation. Die schützen sie vor den Angriffen der Banden in den gefährlichen Vierteln um den zentralen Markt der honduranischen Hauptstadt.

Sie sind hierher gekommen, um mit den Kindern aus dem Viertel zu sprechen. Kinder, die vielleicht sieben Jahre alt sind, aber schon arbeiten müssen. Sie helfen ihren Eltern auf dem Markt, tragen die Taschen der Kunden nach Hause oder helfen wie Britany ihren Müttern beim Müllsammeln und Recyceln. Darüber bleibt oft keine Zeit für die Schule. Mit Mitteln der Kindernothilfe unterstützt Alternativas y Oportunidades inzwischen 750 Marktkinder. Es gibt kleine Stipendien, Schuluniformen, Bücher, Hefte, Stifte. Das bedeutet für viele Kinder die Chance, endlich zur Schule zu gehen.

Unterrichtsstoff: Was macht Mädchen und Jungen aus?

Darüber hinaus gibt es hier einmal in der Woche spannenden „Zusatzunterricht“. Vielleicht 40 Sieben- bis Zwölfjährige sprechen darüber, was ein Mädchen und was einen Jungen ausmacht. Sie sortieren Dinge wie Kochen, Bügeln, Penis, Waschen, Kinder Erziehen, Vagina, Putzen danach, was nur zu Männern, nur zu Frauen oder zu beiden gehört. Die Zettel mit den Wörtern kleben sie unter große Wandbilder von Jungen und Mädchen. Schnell sind sie sich einig, dass die meisten Zettel in die Mitte geklebt werden müssen, sowohl zu Frauen wie zu Männern gehören.

Ein paar Schritte weiter liegen kleinere Jungen und Mädchen auf einer Plane und malen ein Bild aus. Darauf stehen ein Junge und ein Mädchen nebeneinander, Hand in Hand, und halten beide das gleiche Spielzeug, ein Buch, ein Köfferchen mit einem Herzen darauf, und eine Ente mit Rädern. Was macht ein Mädchen aus, was einen Jungen?

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Spaß an der Arbeit mit Kindern

Britany hilft jetzt hier schon manchmal aus. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Nach all den furchtbaren Erfahrungen mit ihrem Stiefvater hatte sie fast aufgehört zu sprechen. Sie traute keinem mehr. Sie hatte Angst vor allen. Doch dann nahm eine Freundin sie mit zu COIPRODEN. Da hatte sie eigentlich noch mehr Angst; Angst, ausgelacht zu werden, weil ihre Eltern nur Müllsammler sind. Angst davor, wegen ihrer furchtbaren Erfahrungen verachtet zu werden.

Aber dann wurde es anders. Bei COIPRODEN bekam sie Unterstützung, psychologische Hilfe und ein Stipendium. Sie traf andere Kinder, die ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hatten. Sie wurde in die „School of Leaders“ eingeladen, eine Fortbildungsgruppe für Freiwillige. Nach und nach wurde ihre Angst kleiner. Sie fand heraus, dass es ihr Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten, anderen zu helfen. Und Britany hat gelernt, anderen wieder zu vertrauen. Ich spüre es an ihrer offenen Art, an dem gewinnenden Lächeln, dass Britany eine junge Frau geworden ist, die viel schaffen kann.

Berufsziel Psychologie

Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist durch Britanys Entwicklung besser geworden. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der Stiefvater im Februar nach Mexiko verschwunden ist. Davor hatte er noch einmal eine ganze Nacht lang Britany und ihre Mutter terrorisiert, geschlagen und zu Boden geworfen. Anschließend hatte er die Handys in der Wohnung zerstört, damit die beiden keine Hilfe alarmieren konnten. Aber nun ist er weg.

Jetzt ist Britany in der 10. Klasse. Noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Sekundarschule. Ich frage sie, was sie danach machen will. Ihre Antwort kommt schnell und entschieden: „Ich will studieren. 2022 bin ich Psychologin.“ Da denke ich an den Weg, den sie schon hinter sich hat und bin überzeugt, Britany wird eine sehr gute Psychologin.