Artikel der Kategorie ‘Dürre in Ostafrika’

Eine Nummer unter Hunderttausend – Bericht aus einem Flüchtlingslager

Seit gut einer Woche befindet sich Medienkoordinatorin Judith Kühl mit dem Ärzteteam des Kindernothilfe-Partners humedica in Äthiopien. Es ist ein trauriges Bild, das sich ihr bietet. Menschen, die Hunger und Dürre zur Flucht getrieben haben. Eindringliche und erschütternde Eindrücke vom Schicksal dieser Menschen schildert sie in ihrem neuesten Bericht.

„Zusammengekauert hockt sie mitten in einem Flüchtlingscamp in Dolo Addo. Fieberkrämpfe zucken durch ihren dehydrierten Körper. Nummer 880 670 hat Malaria. Mitten unter 20.000 anderen Flüchtlingen ist sie allein: keine Familie, die bei ihr ist, keine organisierte Hilfe von außen, kein Arzt vor Ort.

Die etwa 30-jährige Frau ist eine von vielen, die schwerkrank und vergessen leiden – nur eine Nummer von etwa 80.000 registrierten Flüchtlingen. Über 40.000 Flüchtlinge warten vor den Camps und hoffen auf eine Nummer. Die Zahl auf dem Armband verspricht  ilfe, doch sie fehlt. Es mangelt an Wasser, Nahrung und Medizin in allen der drei bereits gebauten Flüchtlingscamps um Dolo Addo. Nummer 883 164 ist ein Vater von drei Kindern, keines davon älter als fünf Jahre. Krank liegen die Kleinen unter einer Zeltplane im sandigen Boden auf einer durchnässten Pappe. Pausenlos husten sie. Auch sie haben eine Nummer, sind registriert, doch dann sterbend allein gelassen.

Sara spricht nicht mehr
Die elfjährige Sara hat keine Nummer. Sie reagiert nicht, als ihre Mutter um Hilfe für sie bittet. Starr blicken die Augen ins Leere, während ich direkt vor ihr stehe. Ein großes Mädchen, doch der Körper abgemagert und dürr. Ihre knochigen Oberarme sind so schmal, dass ich sie mühelos mit Daumen und Ringfinger umschließen kann. Mit letzter Kraft steht sie an ihre Mutter gelehnt. Apathisch kaut sie an dem Tuch, das ihren Oberkörper verhüllt. Sie quält der Hunger. Seit sieben Tagen hat sie nichts gegessen. Die Mutter bittet um sofortige Hilfe. Wenn nicht jetzt, kommt Hilfe zu spät für Sara, fürchtet sie.

Frische Gräber abseits des Registrierungscamps 
Für einige kam jede Hilfe zu spät:  Sie sind verhungert oder an nicht behandelten Krankheiten gestorben. Im Sand liegen Skelette von toten Tieren, Kinder stolpern darüber, wenn sie durch umher rennen. Auch das Vieh geht zugrunde. Eine Großfamilie mit zehn Kindern lebt seit 20 Tagen im Camp. Sie sind acht Tage bis hierhin gelaufen. Die vierjährige Hamda schaut ängstlich auf das Geschehne vor dem Zelt der Familie. Sie nimmt aus dem verstaubten Busch vor sich einen dünnen Ast mit Dornen. Sie kaut daran. Die Dornen tun ihr sichtlich weh im Mund. Sie legt den Ast weg und greift wieder danach. Der Hunger bleibt groß. Viele Kinder leiden unter Fieber, Durchfall und Magen-Darmerkrankungen. Mütter zeigen mir ihre kranken Kinder und bitten um Hilfe. Die Kapazitäten vor Ort die Flüchtlingsströme aus Somalia zu versorgen, sind längt erschöpft. Neue Camps werden angelegt, Zelte aufgestellt, doch weiter reicht die Hilfe bis jetzt nicht. Fremde Unterstützung fehlt weitgehend.

Eine Mutter will ihr Kind abgeben, damit andere es durchbringen
Vor dem Camp verkaufen Menschen die letzen verfügbaren Waren: Tomaten, Seife, aufgeschichtete Äste zum Bau von Hütten, ein paar Tüten Reis. Die Menschen wollen Geld, irgendwelche Mittel sich von ihrem schrecklichen Schicksal loszukaufen. Einige Kilometer von der Registrierung entfernt steht eine junge Mutter mit ihrer einjährigen Tochter an der Hauptstraße. Das Kind weint, während die Mutter Fremde auf dem Weg nach Dolo Addo anlächelt. Sie fuchtelt mit einem Geldschein in der Hand herum, nicht mehr wert als zwei oder drei Euro. Das ist der Preis, den sie zahlt, damit sie ihr Kind weggeben kann. Sie hat aufgehört zu hoffen, ihr Kind und sich durchzubringen.

Hier wird jede Hilfe gebraucht
Jedes einzelne Schicksal hier erzählt von unvorstellbarem Leid. Es sind traurige Geschichten. Wenn ich sie aufschreibe, weiß ich nicht, ob die Kinder noch leben, von denen ich erzähle. Hier wird jede Hilfe gebraucht, damit neue Geschichten ein gutes Ende finden.  Während am 22.07.2011 das zweite humedica-Ärzteteam nach Äthiopien fliegen wird, werden wir in den nächsten Tagen eine erste Flugzeugladung mit Säuglings- und Kindernahrung in das Krisengebiet transportieren.

Unser Engagement geschieht in enger Kooperation mit Kindernothilfe e. V. und wird großzügig unterstützt von Sternstunden e. V., der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, sowie Bild hilft – Ein Herz für Kinder und Apotheker helfen e. V.

Dürre am Horn von Afrika: Warum Kinder und Frauen am meisten leiden

Unser äthiopischer Partner Rift Valley Children and Women Development Organisation erklärt, warum Kinder und Frauen besonders leiden.

Women (pregnant and lactating mothers), children, sick persons, elderly and people with disabilities are the most vulnerable groups of the society  to the hazard.  As the women are responsible for the sick, small children, and the elderly people who need special care, the burden that falls on women is really tremendous. This is because, social norms provide responsibilities to females to take care of the children, sick persons, elderly and people with disabilities at household level.

Hence, there will be additional workloads and psychological problems as they cannot fulfill the requirements of the family members during such crises. Moreover, the challenges of mothers will be aggravated  as their male counter parts may migrate  and the risk of  having diseases high  since  mothers are with close contact and  take care of the sick members of the family.

Children and other weak sections of the society (people with disabilities, sick, elderly and others) will also be affected during drought. Moreover, livestock are losing weight and decreasing their productivity as a result of shortage of water and animal feed. During the normal times, all families are getting milk and other livestock products and fulfill their nutritional status. But when livestock are affected by drought like this time, it is not simple to get adequate livestock products that could support the family mainly the child and the elderly.

Dürre am Horn von Afrika

Unser Mitarbeiter Dietmar Roller ist am Horn von Afrika, um die Nothilfe zu koordinieren. Seine ersten Eindrücke aus Äthiopien:

Die Not ist überall sehr groß, im Vergleich mit der letzten Dürre 2007 ist dieses Jahr viel schlimmer, so hat es während der letzten Regenzeit etwa im Distrikt Bale nur etwa zwei bis drei Tage geregnet. Eine Familie dort berichtet, dass sie von ihren 50 Kühen 49 durch die Trockenheit verloren hat und nun vor dem Nichts steht.

Schulen funktionieren nur noch teilweise, weil Familien die ganze Kraft aufs Überleben konzentrieren, viele der Kinder zeigen deutliche Spuren von Unterernährung, Menschen sterben.

Mitarbeiter unserer langjährigen äthiopischen Partnerorganisation Rift Valley Children and Women Development Organisation berichten von tragischen Szenen: Ein Jugendlicher, der von der Boarding School nachhause kam, um die Ferien dort zu verbringen und, wie es üblich ist, sich durch Arbeit einen Teil des Schulgeldes zu verdienen. Als der Junge zuhause ankam, fand er seine Familie verhungert vor. Dies sei kein Einzelfall, sondern zeige, wie extrem angespannt die Situation ist.

Die Regierung agiert und hilft teilweise mit ein bisschen Weizen und in einigen Regionen unregelmäßig mit Wasser aus Tankwagen. Das ist alles längst nicht genug.

Dürre am Horn von Afrika – Kindernothilfe und humedica helfen

Judith Kühl, Medienkoordinatorin des Kindernothilfe-Partners humedica, berichtet aus einem Flüchtlingslager in Jijiga.
 
 Die größeren Kinder lachen, als wir das Flüchtlingslager betreten. Die kleinen verstecken sich schüchtern hinter ihren Müttern. Fremde sind hier! Hilfe von außen haben die Menschen hier schon lange nicht mehr gesehen. Seit längerer Zeit leben sie hier im Grenzgebiet zu Somalia, ihrem Heimatland. Als sie von dort vor dem Hunger flohen, hofften sie hier auf ein besseres Leben.

Doch der Hunger macht an der Grenze zu Äthiopien nicht Halt. Die Menschen sind von der Dürre stark betroffen. Es fehlt an sauberem Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Vor allem die Kinder leiden unter den schrecklichen Lebensbedingungen. Unterernährung und Krankheiten sind Folgen, die besonders kleine Kinder schwächen.

Hada ist eines der Mädchen. Ihr Kopf zeigt die Leidensgeschichte der Vierjährigen. Etwa zehn Entzündungsherde am Kopf, geschwollene Lymphknoten: Zeichen der mangelnden Abwehrkräfte ihres Körpers. Hadas trüber, leerer Blick verrät ihre fiebrige Schwäche. Mit einer mobilen Klinik unterwegs konnten wir Hadas Entzündungen reinigen und behandeln, ihr Medikamente verschreiben, die ihr Immunsystem unterstützen.

Wie Hada leiden viele kleine Kinder hier still und leise. Sie verstecken sich, wenn Fremde in das Flüchtlingslager kommen hinter den Gewändern ihrer Mütter. Sie sind es nicht gewohnt, dass Hilfe von außen kommt.

Als humedica-Team sind wir zurzeit in verschiedenen Flüchtlingslagern im Norden der Region Somali unterwegs, um uns einen Überblick über die aktuelle Situation zu verschaffen und mit einer mobilen Krankenstation zu behandeln. In den nächsten Tagen werden wir unsere Assessments und Behandlungen auch auf Flüchtlingslager im Süden der Region ausweiten.