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Nach dem Erdbeben in Chile: Stress und Gewalt nehmen Kinder jeden Schutz


Können Erdbeben so verschieden sein? Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar und dem in Chile vom 27. Februar? Keine Frage wurde uns in diesen zurückliegenden acht Tagen häufiger gestellt als diese.

Würde man es sich einfach machen, könnte man antworten: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass in Haiti über 220.000 Menschen starben – in Chile am Ende 600 oder vielleicht 800. Das Erdbeben in Haiti erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, das im Süden Chiles 8,8, also den fünfhöchsten Wert, der je registriert wurde. In Haiti konzentriert sich die Katastrophe auf ein Gebiet mit einem Durchmesser von nur 120 km, in Chile erstrecken sich die Zerstörungen und Verwüstungen entlang des gesamten Küstenstreifens Zentralchiles und seinem Hinterland, über eine Distanz von 650 km. Die Kosten in den am stärksten betroffenen Regionen Chiles belaufen sich auf geschätzte 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Betrag ist nicht ein einziger Peso enthalten, um den Familien zu helfen, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben.

Doch der wichtigste Unterschied ist: Chile nimmt Platz 44 ein, wenn es um seine Bestimmung des Armutsgrades geht. Haiti auf Platz 149, eine der letzten Positionen überhaupt. In Chile blieben der Staat und seine Autoritäten im Wesentlichen handlungsfähig und präsent, während sie in Haiti praktisch vollends aufhörte, zu existieren.


In dem regelmäßig von verheerenden Beben und Tsunamis heimgesuchten Erdbebenland Chile (Valdivia 1960: 9,5 Richterskala; Santiago, der Hauptstadt, 1985: 7,7; Concepción/Talca jetzt 2010: 8,8) haben es die Menschen gelernt, Gebäude so zu errichten, dass sie selbst bei schwersten Beben nicht sofort einstürzen, sondern ihren Bewohnern eine realistische Möglichkeit geben, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in Port-au-Prince, in Carrefour oder Léogâne in Haiti hatten die Chance nicht.

Trotzdem erlebten die Überlebenden in Süden Chiles die Hölle auf Erde und durchleiden Angstzustände, die den Bewohnern von Port-au-Prince in Haiti in dieser Form erspart geblieben sind. Denn bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben setzte in Concepción und im benachbarten Talcahuano ein Phänomen ein, das die Zeitungen sehr schnell und unzutreffend mit „sozialer Tsunami“ beschrieben. Horden von Plünderern, aus den zusammengestürzten Gefängnissen entkommene Kriminelle und Hunderte von Leuten, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet zu haben schienen, durchzogen die stockdunklen Innenstädte und Wohnviertel, um Alles zu erbeuten, was ihnen in die Hände fiel: zuerst


Geldautomaten und Kassen in den Supermärkten, Apotheken, Tankstellen. Im Fall von Supermärkten und Geschäften, die durch das dreiminütige Beben beschädigt worden waren, bei denen Mauern oder Eingangstüren fehlten, hatten die Plünderer leichtes Spiel. Im Fall aller anderen „supermercados“, Fachgeschäfte, Großhandelsniederlassungen benutzten die „Besucher“ eine andere Technik: Mit gestohlenen Nutzfahrzeugen und Kleinlastwagen rammten sie die Eingangstore, Seitenwände oder Rollgitter so lange, bis sich eine Bresche auftat und auch diese Lokale ausgeräumt – und, um Spuren zu verwischen – hinterher abgefackelt werden konnten.

Verheerende Konsequenzen hatte in den Tagen nach der Katastrophe die Plünderung der Apotheken von Concepción: Während die Rollkommandos hier die Waren mit einigermaßen Wert abräumten, zerstörten sie die Medikamentenregale und trampelten auf den Arzneimitteln herum, so dass tagelang praktisch keine Versorgung mit Medikamenten möglich war. Viele Menschen, denen es gelungen war, einen Teil ihres persönlichen Besitzes aus den zusammenstürzenden Häusern und Wohnungen auf die Straße zu schaffen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen diese wenigen Habseligkeiten gestohlen wurden.

Als wir, zwei Kollegen der Kindernothilfe-Partner-Organisation ANIDE, sowie ein fünfköpfiges Ärzte- und Helferteam von „humedica“ aus Kaufbeuren – und ich – am Abend des dritten Tages nach der Katastrophe in Concepción eintrafen und dort , während der ersten Nacht bei den Feuerwehrmännern der siebten, der „deutschen Kompanie“ an der Plaza Ecuador, Schutz und Unterkunft fanden, berichteten uns die  Besatzung der Feuerwache, dass in der Nacht zuvor zwei andere „Companias de Bomberos“ überfallen und ausgeraubt worden waren. Aus Angst um ihre Familien brachten viele Feuerwehrleute ihre Frauen und Kinder mit ins Feuerwehrhaus, um sie während ihrer Einsätze in Sicherheit zu wissen.

Am Abend des zweiten Tages nach dem Beben hatte sich Präsidentin Bachelet durchgerungen, Concepción und angrenzende Städte unter Kriegsrecht zu stellen,  dem chilenischen Militär die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übertragen und eine tägliche Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 12 Uhr am nächsten Mittag zu verhängen. Den Truppen gelang es tatsächlich, die Plünderungen zu stoppen, Straßensperren zu errichten und die Ausgangssperre mit Waffengewalt durchzusetzen.

Zur Beruhigung der Menschen in den Notunterkünften oder auf der Straße – vor den einsturzgefährdeten Häusern und Wohnungen – trug diese massive Militär- und Waffenpräsenz jedoch nur bedingt bei. Zu brutal und undifferenziert reagierten viele  Soldaten, allesamt in voller Kampfmontur, auf die Einwohner von Concepción, mit denen sie in Berührung kamen. Jugendliche wurden vor unseren Augen mit Gewalt von Pickups heruntergerissen, mussten sich unter vorgehaltener Waffe mit dem Gesicht in den Dreck und Staub werfen, während sie durchsucht wurden. Obwohl wir selbst mit einem Passierschein und einer Genehmigung des chilenischen Gesundheitsministeriums in zwei eigens gekennzeichneten Fahrzeugen unterwegs waren, bekamen wir an den Kontrollpunkten mehr als einmal den geballten Stress der Staatsmacht ab: „Qué quiraí, huevon?“, brüllte mich einer der Soldaten an  – frei übersetzt: „Was willst denn du Arschloch hier?“, um dann sofort seine Waffe auf uns zu richten.

„Sie mögen vielleicht die Ordnung wieder herstellten, aber Ruhe bringen sie keine“, kommentierte die Leiterin eines der von Kindernothilfe unterstützten Projekte (dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte), ihre eigenen Erfahrungen mit den (Besatzungs)-Truppen.

Fairerweise muss an dieser Stelle ebenfalls berichtet werden, dass wir in diesen Tagen auch zahlreiche Soldaten erlebten, die sich besser unter Kontrolle hatten und den Menschen, die sie überprüften, professionell und mit Respekt begegneten – und uns, ganz persönlich, durch Offiziere des chilenischen Heeres mehrfach wichtige Unterstützung zu Teil wurde, um unsere Mission überhaupt erfüllen zu können. Im Fall des „humedica“-Ärzteteams bestand die Aufgabe darin, in dem in einer Schule untergebrachten Notkrankenhaus von Lota Patienten  zu betreuen und vor allem Wunden zu versorgen.

José Horacio Wood, Ruben Inostroza (beide von ANIDE) und ich hingehen mussten es in kürzester Zeit schaffen, alle zehn von Kindernothilfe in Concepción, San Pedro de la Paz, Coronel, Lota, Talcahuano und Talca unterstützten Projekte zu besuchen, Informationen über die jeweiligen Teams und die Kinder zu sammeln, (leider in einigen Fälle doch sehr erhebliche und nur unter hohem Kostenaufwand zu behebende) Gebäudeschäden zu dokumentieren und – vor allem anderen – zu versuchen, mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen erste Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.

Der extreme Stress, unter dem die Erwachsenen stehen, die Tatsache, dass nachts praktisch nicht geschlafen wird, sondern sich die Nachbarn aus Angst vor erneuten Überfällen und Plünderungen organisieren, die Eingänge zu ihrem Wohnviertel abenteuerlich mit Bauschutt und Möbelresten verbarrikadieren und hinter brennenden Autoreifen Wache schieben, hinterlässt auch bei den Kindern Spuren. Für Kinder haben Erwachsene jetzt keine Geduld und keine Zeit.

Deshalb unsere Strategie: Überall dort, wo es möglich ist, initiieren wir kleine Aktivitäten.  Auf der Straße, auf Plätzen, vor den Gebäuden der Projekte, um die Kinder aus der Stresswolke herauszuholen. Die Initiative wird enthusiastisch aufgegriffen und schnell mit konkreten Plänen und Vorschlägen weiterentwickelt: „Das tut auch uns Erwachsenen gut“, sagt Jeanette Riquelme, Direktorin der durch das Erdbeben beschädigten Kindertagesstätte „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas, „wenn die Eltern sehen, dass wieder Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, wird das auch sie psychologisch entlasten.“

Am meisten haben sich die Pädagogen, Therapeuten mit der „Escuela Especial“ in Talca, einem der großen Projekte mit Kindern mit Behinderungen vorgenommen. Obwohl hier zwei Kinder und ihre Familien ums Leben kamen, wurde hier schon wieder mit dem Betreuungsprogramm begonnen: „Gerade unsere Kinder sind so stark traumatisiert, dass sie Nähe und Beistand brauchen“, sagt Pastor Hugo Nuñez, der sich mit meiner Frau zusammen am 27. Februar nur wie durch ein Wunder aus den Trümmern seiner eingestürzten Wohnung hatte befreien können. „Der liebe Gott hat uns nicht überleben lassen“, fügt er verschmitzt hin, „damit wir jetzt die Hände in den Schoss legen“.


Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

“Blau ist die Farbe der Hoffnung.” Ein Beitrag von Helmut Michelis

217.000 Todesopfer, 250.000 zerstörte Häuser, Hunderttausende Menschen warten noch immer verzweifelt auf Hilfe. Die Zwischenbilanz ist erschreckend. Aber es gibt unübersehbare Fortschritte. Auch ins Epizentrum des Erdbebens, nach Leogane, sind inzwischen deutsche Helfer vorgestoßen.

Das Grau der Trümmer wird auf den Luftbildern von der haitianischen Hauptstadt mehr und mehr mit leuchtend blauen Flecken durchsetzt: von den Hilfsorganisationen gelieferte Plastikplanen. Damit schützen sich die in Parks, auf Sportplätzen und auf der Straße lebenden Erdbebenopfer vor der Sonne – und vor dem mit Schrecken erwarteten Regen. “Das Leid ist immer noch unvorstellbar”, berichtet Steffen Richter von der Hilfsorganisation Humedica (Kaufbeuren), die sich für Haiti mit der Duisburger Kindernothilfe zusammengeschlossen hat.

Die 30 deutschen Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern operieren an drei Stellen im Stadtgebiet noch immer fast ohne Pause. Neuestes Projekt ist eine Prothesen-Werkstatt im Krankenhaus “Espoir”, die den vielen amputierten Erdbebenverletzten das Leben erleichtern soll. Die Kindernothilfe plant mittlerweile ein viertes Zentrum für die jüngsten Opfer des furchtbaren Bebens vor einem Monat.

Humedica-Helfer sind unterdessen als erste Mediziner ins verwüstete Epizentrum des Bebens, Leogane, vorgestoßen. Das Team bietet in einem Zeltlager ärztliche Basisversorgung an. “Bereits um fünf Uhr früh warten die ersten Patienten geduldig. Häufigste Beschwerden sind Durchfallerkrankungen, Pilzinfektionen und Lungenentzündungen”, berichtet Humedica-Mitarbeiterin Ruth Bücker.

Die Einheimischen seien Smog, Dreck und Sonne ausgeliefert, ihr Immunsystem werde dadurch stark geschwächt. Bücker: “Dass sie nicht genug zu essen und keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, erschöpft die Menschen zusätzlich. In der bevorstehenden Regenzeit rechnen wir vermehrt mit Fällen von Malaria und Dengue-Fieber.”

Trotzdem sind die Helfer optimistisch. “Unsere Arbeit macht ständig Fortschritte. Wir spüren, wie willkommen die Hilfe bei der Bevölkerung ist”, sagt der Einsatzleiter des Technischen Hilfswerks (THW) in Port-au-Prince, Stefan Tahn. “Das ist unser größter Lohn.” Seit dem 18. Januar laufen die THW-Trinkwasseranlagen in Haiti rund um die Uhr, inzwischen auch in Leogane. “Wir haben bislang 3,5 Millionen Liter Wasser aufbereitet”, so Tahn. Trinkwasser gehöre weiterhin zu den am dringendsten benötigten Versorgungsgütern.

“Die Menschen sind sehr dankbar”, bestätigt Ruth Bücker, die gerade eine Verteilaktion von Babynahrung begleitet hat. Berichte von Aggression und Gewalt könne sie nicht bestätigen. “Bei uns läuft alles friedlich.”

“Am Anfang habe ich nur darüber nachgedacht, was medizinisch gemacht werden musste”, berichtet die Mönchengladbacherin Britta Merten. Die Chirurgin, die am Krefelder Helios-Klinikum arbeitet, ist gerade aus Haiti zurückgekehrt. Erst nach einigen Tagen habe sie Zeit gefunden, mit Patienten ins Gespräch zu kommen.

Die Schicksale von Menschen, die stundenlang verschüttet waren, oder die Geschichte eines jungen Mädchens, dessen rechte Hand nicht mehr zu retten war, hätten sie schon sehr berührt. Inzwischen belebe sich die Stadt wieder, “Ich fand es eher schade, wieder gehen zu müssen. Andere deutsche Ärzte übernehmen nun meine Aufgabe.”

Humedica und Kindernothilfe richten sich auf einen zweijährigen Einsatz in Haiti ein und haben dafür ein gemeinsames Büro in Port-au-Prince eröffnet. Ein größeres Projekt ist die Verteilung von Werkzeug und Baumaterial an Familien. “Damit können sie sich zumindest für die nächsten Monate behelfsmäßig eine geschützte Unterkunft schaffen”, so Richter.

In zwei Kinderzentren im Stadtzentrum betreut die Kindernothilfe 800 Mädchen und Jungen von drei bis sechs Jahren und schützt sie so auch vor sexuellen Übergriffen. Ein drittes Zentrum in der Nähe der zusammengestürzten Schule “Francois de Sales” bei Carrefour sowie ein viertes an der Grenze zur Dominikanischen Republik seien geplant.

“Zum Teil sind die Kinder ohne Begleitung und sehr aufgewühlt. Wir müssen ihnen Schutz und Sicherheit bieten und mit ihnen gemeinsam das Erlebte überwinden”, so Vladimir Constantin, Psychologe der Kindernothilfe, die Herausforderung. 

Der massive Einsatz internationaler Helfer in Port-au-Prince sorgt auch für skurrile Nachrichten. So tauchte im “Espoir” ein US-Fernseharzt der Serie “The Doctors” auf, vertrieb mit Erlaubnis der Klinikleitung die deutschen Ärzte aus dem Operationssaal und führte vor laufenden Kameras eine Schönheits-Operation an einer Stirnnarbe eines kleinen Jungen durch. Das Humedica-Team um Norman Hecker, Anästhesist am St. Marien-Krankenhaus in Ratingen, schäumte vor Wut. Denn draußen mussten 18 Schwerverletzte warten.

Helmut Michelis ist Mitarbeiter der RP und hat die Arbeit der Kindernothilfe und Humedica beobachtet.

“Mitten ins Herz.” Ein Beitrag von Jürgen Schübelin aus Jacmel

“Das Schlimmste war“, sagt Stephanie, „dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte und alles um mich herum einstürzte“. Das elfjährige Mädchen fügt leise hinzu: „Und danach auf der Straße die vielen toten Personen, und die Verletzten und all die weinenden und schreienden Menschen.“ Der neben ihr sitzende zehnjährige Anderson sagt ganz ernst: „Es tut mir so leid um all die vielen Kinder und Erwachsenen, die bei dem Erdbeben ums Leben kamen. Aber ganz oft hat es die Falschen getroffen – und nicht die wirklich bösen Menschen, die, die anderen weh tun…“

Es war gar nicht unsere Absicht gewesen, dass uns die Kinder aus der KNH-Partnerorganisation MHDR in Jacmel eines nach dem anderen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen an diesem 12. Januar, nachmittags um 16:53 Uhr berichten sollten, aber je länger die Kinder sprechen, um so mehr spüren wir, wie außerordentlich wichtig es für sie ist, dass wir ihnen zuhören, ihnen eine Möglichkeit geben, noch einmal die entsetzlichen Stunden nach dem Erdbeben zu beschreiben. 

Jacmel liegt im Süden von Haiti. Vor der Katastrophe war es möglicherweise der einzige Ort in diesem Land mit so etwas wie einem gewissen touristischen Potential, schönen farbiggestrichenen alten Holzhäusern, Stränden mit Palmen, die haitianische Stadt, in der Simon Bolivar für seinen Kampf gegen die spanischen Besatzer einst voller Verzweiflung die Hilfe des ersten Landes in Lateinamerika, das sich 1804 aus dem Joch der Kolonialherrschaft hatte befreien konnen, erbat und von General Petion und den Bürgern des freien Haiti auch großzügig erhielt.

Jetzt liegt ein großer Teil von Jacmel in Trümmern, vor allem die Straßenzüge unten am Meer. Die Zahl der Leichen, die aus den zerstörten Häusern geborgen wurden, beläuft sich inzwischen auf 382. Die Stadtverwaltung hat mit Hilfe von Ingenieuren und Baustatikern alle Häuser untersuchen lassen – und ist damit deutlich weiter als die Behörden in der Hauptstadt Port-au-Prince.Ganz viele Gebäude tragen, obwohl sie bei dem Beben stehen blieben, ein großes rotes Kreuz, das heißt, sie müssen abgerissen werden, weil die Schäden an der Struktur und Substanz so groß sind, dass eine Reparatur unmöglich wäre.

Auch in Jacmel leben alle Familien auf der Straße, in endlosen Zeltreihen: „Wir vermissen unsere Häuser“, sagen die MHDR-Kinder, auf der Straße ist es gefährlich – nicht etwa, weil es in Jacmel eine besonders hohe Kriminalitätsrate geben würde, sondern weil immer wieder Unfälle passieren, auf der Straße schlafende Menschen von Autos oder Motorrädern angefahren werden, sich im Dunkeln verletzen. 

Für die drei Tage vom 12. bis 14. Februar hat die Regierung drei Gedenk- und Trauertage verordnet. Überall finden Gottesdienste statt, mit singenden, inbrünstig betenden und tanzenden Menschen. In Jacmel beeindruckt uns ein, über einem Straßenzug, von dem nur noch Schutthaufen übrig geblieben sind, gespanntes schwarzes Transparent, auf dem die Überlebenden die Namen ihrer toten Familienangehörigen und Nachbarn geschrieben haben. Oder an einer anderen Stelle der Stadt hängen große, weiße Papierbögen an den Mauerresten, mit liebevoll verfaßten Botschaften an die Verstorbenen.

In einem langen Zug ziehen Tausende, mit weißen Hemden gekleidete Menschen, schweigend durch die Stadt, durch all die Straßenzüge, in denen in Jacmel Familienangehörige und Nachbarn unter den Trümmern ihrer zusammengestürzten Häuser starben.

Zumindet hier, an diesem Ort im Süden des Landes, haben die Überlebenden einen Monat nach der größten Tragödie in der Geschichte Haitis offenbar einen Weg gefunden, endlich ihrer Trauer angemessen und würdig Ausdruck zu verleihen. Der Verkehr auf den Straßen -auch in der Hauptstadt Port-au-Prince – hat deutlich abgenommen und auch die internationale Helfergemeinschaft scheint einen Augenblick inne zu halten, um diese intensiven und emotionalen Stunden mit den Gottesdiensten an jeder Straßenecke – unter Zeltplanen oder einfach unter freiem Himmel – nicht zu stören.

Am Montag, 15. Februar, wird unsere Arbeit weiter gehen – unter anderen mit dem Start von zwei weiteren Kinderzentren, diesmal in Jacmel, in Kooperation mit dem örtlichen Kindernothilfe-Partner MHDR und seinem Team aus Sozialarbeitern und einem Psychologen – und zwar mit 60 Mädchen und Jungen aus dem eher ländlichen Morne Ogé und 60 weiteren aus La Mandú, mitten in der Stadt, dort, wo es die schwesten Zerstörungen gegeben hat. „Wir wünschen uns, bald wieder in die Schule gehen zu dürfen“, sagt die elfjährige Stephanie, „es ist nicht schön, den ganzen Tag zwischen den Trümmern der kaputten Häusern bleiben zu müssen.“ Die Arbeit der Kinderzentren ist auf dem Weg dorthin zumindest ein Anfang.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik ist derzeit vor Ort und bloggt für uns, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin

Haiti: Bei den Kindern von Jimaní. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

 

(Port-au-Prince, 11.02.10) In Jimaní kann man sich nicht verfahren: „Da am Ende der Straße, da findet Ihr das Centro de Nutrición“ sagen uns die Frauen, die Früchte auf dem Weg verkaufen. Am Ziel werden wir bereits erwartet. Flavia Floriano und Sonis Pérez wollen uns ihr Projekt zeigen, ein nagelneues, gelbgestrichenes Gebäude mit hellen Räumen und einem schönen Innenhof: „Ein paar Tage vor Weihnachten haben wir dieses Zentrum eingeweiht – und drei Wochen später kam die Katastrophe“, sagt Flavia, die Ältere. Dass wir, als es darauf ankam, dieses Haus zur Verfügung stehen hatten, war wie ein Geschenk, fügt sie leise hinzu.

Bereits am frühen Morgen des 13. Januars, wenige Stunden nach furchtbaren Erdbeben – 100 Kilometer weiter – in Port-au-Prince, kamen die ersten Kinder und auch Erwachsene aus Haiti, die meisten von ihnen schwerverletzt und alle völlig traumatisiert. Menschen, die ein Auto hatten, Lastwagenfahrer, wildfremde Leute mit einem Bus, hatten die Kinder und anderen Schwerverletzten einfach eingeladen und über die Grenze gefahren, nach Jimaní, dem ersten Ort auf dominikanischer Seite. In dem kleinen Krankenhaus wurde während der ersten Tage nach dem Erdbeben praktisch ununterbrochen operiert, Brüche und schwere offene Wunden versorgt – aber auch amputiert, weil die Gliedmaßen nicht mehr zu retten waren. Da das Krankenhaus schon sehr bald an seine Grenzen stieß, wurde das „Centro de Nutrición y Formación Técnica San José“, genannt nach dem Schutzheiligen der Katholischen Pfarrgemeinde von Jimaní, einfach zum Lazarett für Kinder. 38 schwerverletzte Mädchen und Jungen wurden in dem Monat, der seit dem Erdbeben vergangen ist, hier versorgt, nachbetreut, wieder aufgepäppelt. Hinzu kommen all diejenigen, die ohne äußerliche Verletzungen – aber unter Schock und völlig traumatisiert in Jimaní gestrandet sind.

Die Sprachprobleme hat das Team im „Centro de Nutrición“ relativ schnell überwinden können. Zwei junge haitianische Ärzte nahmen sich der Kinder an und auch die Freiwilligen aus der Pfarrgemeinde San José und vom Roten Kreuz in Jimaní, die rund um die Uhr in dem Centro Dienst tun, haben in wenigen Tagen so viel an Kreole gelernt, um sich mit den Kindern verständigen zu können. Aber es gibt auch einige Mütter und zwei Väter, die es mit den verletzten Kindern bis hierher geschafft haben.

Inzwischen schwankt die Zahl der kleinen Patienten. Zum Zeitpunkt unseres Besuches gibt es neun Kinder, deren Wunden versorgt und für die das Projekt die Nachsorge übernommen hat, einige von ihnen mit amputierten Gliedmaßen. Aber es treffen immer noch neue Kinder ein – die entweder aus dem Krankenhaus zur Nachsorge verlegt werden konnten – oder die es irgendwie doch über die mittlerweile wieder abgeriegelte Grenze und gut bewachte Grenze geschafft haben. Für die kommenden drei Monaten will das Team um Padre Roselio Díaz, den Pfarrer der San José-Gemeinde, Blanca Díaz, seine engagierte Assistentin, die so etwas wie das Management des Projektes übernommen hat, in dem eigentlich Jugendliche aus Jimaní hätten ausgebildet werden sollen, Marcus López vom Pfarrgemeinderat, Flavia Floriano und Sonis Pérez – allesamt Freiwillige – ihr Haus weiterhin für die Kinder aus Haiti zur Verfügung stellen.

Ihre kleinen Patienten haben indes nur einen Wunsch: Sie wollen nach Hause, zu ihren Familien. Das ist jedoch gar nicht so einfach: „Zuerst müssen wir herausfinden, wo es Verwandte der Kinder gibt und wo sie werden leben können“, erklärt Flavia. In einigen Fällen ist die Familienzusammenführung bereits gelungen. Eine Reihe von Kindern aus dem Projekt konnte zu Angehörigen in Ganthier oder Croix des Bouquets, zwei Orte entlang der Straße nach Port-au-Prince, wo die Erdbebenschäden nicht ganz so verheerend ausgefallen sind, zurückkehren.

In anderen Fällen wird das nicht möglich sein, weil keine Verwandten gefunden werden können. Padre Roselio, der der Ordensgemeinschaft der Claretiner angehört, hat alle möglichen Kirchenkontakte in Port-au-Prince mobilisiert, um bei Suche nach Lösungen zu helfen. Eine der Aufgaben in den kommenden Wochen und Monate, dann wenn die Wundstümpfe der Kinder mit amputierten Gliedmaßen verheilt sind, wird auch darin bestehen, den kleinen Patienten zu Prothesen zu verhelfen und ihnen bei der Rehabilitation behilflich zu sein. Dazu gehört auch, sie dabei zu unterstützen, den erlittenen Schock zu überwinden. In dem hellen gelben Gebäude, wo die Kinder auf Matratzen am Boden liegen, wird deshalb ganz viel gespielt, gesungen, gelacht. „Wenn wir mitbekommen, dass die Kinder über uns Witze machen, weil wir einfach nicht richtig Kreole sprechen“, freut sich Blanca Díaz, „wissen wir, dass es ihnen langsam wieder besser geht“. Kindernothilfe unterstützt die Pfarrgemeinde San José in Jimaní bei ihrer selbstgestellten Aufgabe. Als wir uns von den Kindern, dem Pflegeteam und den Freiwilligen verabschieden und ich nach Port-au-Prince zurückfahre, sagt Flavia zum zweiten Mal an diesem Tag: „Gottseidank, dass wir es geschafft haben, dieses Zentrum rechtzeitig zu Ende zu bauen. Was für ein Glück!“ Ja, antworte ich, was für ein Glück!

Jürgen Schübelin, Referatleiter Lateinamerika und Karibik, derzeit in Haiti, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin und Christian Jung

Haiti: Ohne “Netzwerken” geht nach dem Erdbeben nichts. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

Eine der wichtigsten und positivsten Erfahrungen dieser intensiven Zeit in Haiti besteht für mich in der Qualität und bedingungslosen Selbstverständlichkeit, mit der sich Menschen aus den unterschiedlichsten Organisationen, die sich zuvor nie gesehen hatten, gegenseitig bei ihrer Arbeit mit den Erdbebenüberlebenden unterstützen.

Der Teil der Kindernothilfe-Mitarbeiter, der nicht wie Alinx Jean-Baptiste, Vladimir Constant, Franklin und Pepito die Jahrhundert-Katastrophe vor Ort hatten miterleben müssen, sondern unmittelbar in den Tagen danach ins Land gekommen waren, also Ruben Wedel, Christian Jung, Detlef Hiller und ich – bilden Teil des “deutschen Teams” auf dem Compound der christlichen “Quisqueya”-Schule in Delmas 75, einem Sektor von Port-au-Prince, der sich bereits etwas den Berghang hinauf zieht – und wo vor allem auch ganz große und eigentlich solide gebaute Gebäude zusammengestürzt und Tausende von Menschen unter sich begraben haben.

Die “Quisqueya”-Schule ist hingegen weitestgehend unbeschädigt. Die Schulleitung hat bereits ganz kurz nach der Katastrophe entschieden, ihr gesamtes Areal den verschiedenen internationalen Helfer-Teams, die nach und nach in Port-au-Prince eintreffen, als Quartier anzubieten. Die Ärztinnen und Ärzte von humedica, die Kollegin von “Apotheker ohne Grenzen” und wir dürfen ein Klassenzimmer benutzen, in dem vor der Katastrophe Mädchen und Jungen aus einer Grundschulklasse unterrichtet wurden. Ihre Zeichnungen hängen an der Wand, ihre Name finden wir an verschiedenen Stellen im Raum.

Ich muss in diesen Tagen immer wieder an die Kinder denken, die genau hier zur Schule gingen, wo wir jetzt unsere Iso-Matten und Schlafsäcke ausrollen, unser Materiallager einrichten und die beiden Koordinatoren Simone Winneg und Dieter Schmid von humedica ihre Kommunikationszentrale installiert haben. Geht es den Kindern und ihren Familien gut? Haben alle das Erdbeben überlebt? Hier auf dem Compound, berichten uns die freundlichen Gastgeber aus dem “Quisqueya”-Team, ist ein Kind getötet worden, und unter den Familien der Schulkinder gibt es mehrere Opfer.

Im Klassenzimmer neben uns sind die World Vision-Kolleginnen und -Kollegen aus der Dominikanischen Republik untergebracht, noch ein Zimmer weiter Ärztinnen und Ärzte aus Südkorea. Es gibt mehrere Gruppen aus den USA, Kanada und aus einer Reihe von anderen europäischen Ländern. Auf den Holzbänken unter Bäumen, dort, wo vor der Katastrophe die “Quisqueya”-Schulkinder zu Mittag gegessen haben, werden auch wir versorgt.

Einmal am Tag besteht die Möglichkeit, eine warme Mahlzeit zu bekommen, hier können wir unsere Wasserflaschen auffüllen und (was ich am meisten geniesse), es gibt richtigen Kaffee.

Da das kleine Büro von Kindernothilfe-Haiti, das ganz in der Nähe liegt, bei dem Erdbeben vom 12. Januar ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen wurde – und ohne gründliche bautechnische Untersuchung und erhebliche Reparaturarbeiten nicht benutzt werden kann, finden unsere abendlichen Kindernothilfe-Teambesprechungen, die Planungen der Aktionen für den nächsten Tag, der gegenseitige Austausch über die Neuigkeiten von den verschiedenen KNH-Partnern ebenfalls unter den “Quisqueya”-Bäumen, statt.

Weil nicht in allen Hilfsgüter-Konvois immer komplett all die Dinge mitgekommen sind, die man exakt zum jetzigen Zeitpunkt braucht, hilft man sich gegenseitig: Julia Micklinghoff, die Pharmazeutin von “Apotheker ohne Grenzen”, stellt uns aus dem gemeinsamen humedica-KNH-Kontingent die täglichen Medikamentensendungen zusammen, die das Heilsarmee-Ärzteteam in dem Kindernothilfe-Partnerprojekt “College Verena”, unten in Delmas Deux, erbeten hat: Große Mengen an Antibiotica, um Wunden von verletzten Kindern zu versorgen, Schmerzmittel, vor allem aber auch Medikamente, um Durchfall und Fieber bei Kindern zu bekämpfen. Die Kollegen von World Vision aus dem Dominikanischen Republik schenken uns vor ihrer Abreise alle ihre verbliebenen Nahrungsmittelreserven, um den von uns fast täglich besuchten “Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant Jésu”, deren Schule im Stadtteil Riviere Froide in Carrefour mit über 200 Kindern in den Klassenräumen (von denen, wie berichtet, 150 den Tod fanden) zusammenstürzte, zu helfen.

Unsere Kollegin Gertie von terre des hommes-Lausanne unterstützt uns zur Aufstockung unserer eigenen Hilfsgüterbestandes mit eine großen Menge schweizer Milchpulver für die KNH-Kinderzentren, über Kontakte mit der deutschen Botschaft gelingt es, fünfmal hintereinander Trinkwassertransporte nach Riviere Froide zu den Kleinen Schwestern zu organisieren und auch die GTZ kooperiert mit zusätzlichen Nahrungsmitteln, die wir für die Hilfe zugunsten der “Petites Soeurs” und der von ihnen mitgetragenen KNH-Partnerorganisation EPPMPH dringend gebrauchen können. Eine wichtige professionelle Unterstützung kommt aber auch von den Kollegen vom Technischen Hilfswerk (THW), die uns einen Statiker- und Gebäudeschäden-Experten für die Untersuchung der Heilsarmee-Schule in “Fort National”, für das schwer beschädigte Tagungs- und Verwaltungsgebäude unseres Partners GADRU und für unser eigenes Büro in Delmas 75 zur Verfügung stellen.

Wir revanchieren uns mit einem Teil unserer Dieselreserven, die wir in der Dominikanischen Republik beschafft haben, mit Desinfektionsmitteln für die Ärzteteams – und mit Beständen der Mineralwasserflaschen-Paletten aus Supermärkten in Santo Domingo, die wir dem gemeinsamen Hilfsgüterkonvoi von humedica, Kindernothilfe und anderen Organisationen hatten beipacken können.

Aber es geht bei dieser gegenseitigen Unterstützung nicht nur um Hilfsgüter und Materialen, die wir miteinander teilen: Chancy Grandell und Steve Griffith sind zwei Ärzte aus den USA, die wir auf dem Compound kennenlernen.

Sie erklären sich spontan bereit, noch einmal jene 38 Kinder aus der zusammengestürzten Schule von Riviere Froide in Carrefour zu besuchen, die von den Schwestern lebend aus den Trümmern hatten befreit werden können und die nach einer ärztlichen Erstversorgung jetzt zu Hause bei ihren Familien versorgt werden. Chancy und eine Krankenschwester fahren mit dem KNH-Haiti-Koordinator Alinx Jean-Baptiste nach Carrefour, versorgen Wunden und kümmern sich rührend um die schwer traumatisierten Kinder, während Steve Griffeth aus Georgia zusammen mit dem Lehrer aus der kleinen Schule von Coupeau, hoch oben in den Bergen, zu der wir vor zwei Tage zu Fuß gewandert sind, mit seiner Motocross-Maschine aufbricht. Sein Ziel: All die verletzten Kinder und Erwachsenen mit offenen Wunden und Knochenbrüchen zu behandeln, denen wir zuvor auf unserem Fußmarsch begegnet sind – und deren Verletzungen wir registriert und fotografiert hatten.

Alinx, der ein wenig skeptisch war, ob es wirklich gelingen würde, Ärzte zu finden, die bereit wären, in diese abgelegene Berglandschaft südlich von Carrefour aufzusteigen, ist sichtlich beeindruckt über das unkomplizierte Engagement unserer neuen Freunde.

Das ist eine der wichtigsten Lektionen in diesen Tagen in Haiti: Ohne sich gegenseitig zu unterstützen – und die verschiedenen, gewaltigen Aufgaben miteinander zu koordinieren, geht gar nichts. Und genau das ist es auch, was die Erdbebenüberlebenden mit Recht von uns erwarten dürfen. Für one-man-shows oder institutionelle Gruppen-Egoismen ist Haiti nach der Katastrophe vom 12. Januar der denkbar falscheste Ort… 

Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

juergen.schuebelin@knh.de 

 

Fotos: Jens Großmann

Helmut Michelis berichtet: Im Krankenhaus der Hoffnung in Haiti

Haiti: So viel Leben retten wie möglich – unter unvorstellbaren Bedingungen kämpfen sich die Ärzte vom Kindernothilfe-Partner Humedica, aus Nordrhein-Westfalen im Hospital “Espoir” gegen die Zeit. Der Reporter der Rheinischen Post, Helmut Michelis, verbrachte einen Tag in der Klinik in Port-au-Prince.

7.30 Uhr: Die acht Ärzte der Hilfsorganisation “Humedica” bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Was sie jetzt nicht einpacken, auf das können sie in den nächsten Stunden nicht mehr zurückgreifen, denn Fahrzeuge sind Mangelware für die Helfer und der Weg zu Fuß ist zu gefährlich. Zeitgleich startet ein zweites Team von “Humedica” mit dem Bonner Arzt Michael Brinkmann zur Erstaufklärung in das Epizentrum des Bebens nach Leograne, ein drittes Team betreibt ein weiteres Krankenhaus in Port-au-Prince.

8.00 Uhr: Abfahrt von der christlichen Schule, die den internationalen Helfern als Stützpunkt dient, zum Hospital “Espoir” (französisch für Hoffnung) im Ortsteil Delmas, nur etwa drei Kilometer entfernt. Der dominikanische Fahrer der Hilfsorganisation “World Vision” (man hilft sich untereinander) quält sich über Buckelpisten, vorbei an Zeltlagern für Erdbebenopfer und die Straßen säumende Menschenmassen.

8.14 Uhr: Mehrere laute Knalle sind zu hören. Schüsse? Oder nur eine Fehlzündung bei einem der unzähligen, sich vorwärts quälenden Autos, die aus europäischer Sicht schrottreif sind? Wir fahren einfach weiter, eine Flucht wäre ohnehin nur in Schrittgeschwindigkeit möglich. “Verlassen Sie die Klinik zu Fuß bloß nicht”, rät einer der Begleiter. “Das könnte gefährlich werden.” Denn die Stimmung derer, die noch keine Hilfe bekommen haben, wird zunehmend aggressiver; schon die “normale” Gewaltkriminalität ist eine Geißel Haitis.

8.27 Uhr: Ankunft am Hospital, das unerwartet aufgeräumt wirkt: Die Trauben Hilfesuchender der ersten Tage sind verschwunden, auf dem Hof liegen ordentlich aufgereiht unter Zeltdächern die Patienten. Gegenüber dem Tor haben vier haitianische Polizisten mit Gewehren Stellung bezogen. “Das ist schon beruhigend”, meint der Medizinstudent Simon Oeckenpöhler aus Moers, der sich wie alle anderen freiwillig zu diesem Einsatz gemeldet hat. Er hat das Hospital, eigentlich eine Kinderklinik, mit wieder geöffnet: “Das einheimische Personal hat nach dem Beben so lange weitergemacht, bis alles Material aufgebraucht war. Dann ist es geflohen.”

8.29 Uhr: Norman Hecker, Anästhesist aus Ratingen, bereitet die erste Operation vor, wühlt in Regalen und Kisten und meint augenzwinkend: “Das ist hier nicht wie in unserem Sankt-Marien-Krankenhaus.” Auf dem Boden liegt ein Akku-Bohrer aus dem Baumarkt. Auch damit wird gleich operiert. “Da uns zunächst eine Knochensäge gefehlt hat, mussten wir  in den ersten Tagen Amputationen mit meinem Taschenmesser vornehmen”, berichtet
Oeckenpöhler. An der Decke im Gang klebt ein in der Mitte offenes Pflaster mit einer Glaslinse darin. Dieses einfache Einsturz-Warnsystem haben Experten des deutschen Technischen Hilfswerks im hinteren Gebäudeteil installiert. Fällt das Glas zu Boden, hat sich der Riss so vergrößert, dass das Gebäude schnell evakuiert werden muss.

8.31 Uhr: Der erste Patient wird auf den OP-Tisch gehoben. Der etwa 30-jährige Pierre Jean V. hat einen Oberschenkelbruch durch herabfallende Trümmer erlitten. Es wird langsam unangenehm warm in dem kleinen Raum, geschätzt sind es nach kurzer Zeit bereits 30 Grad. Der Mundschutz erschwert das Atmen zusätzlich.

8.45 Uhr: Die erste Operation an diesem Tag beginnt. Norman Hecker setzt eine Rückenmark-Narkose. Das OP-Team ist siebenköpfig, dazugestoßen sind inzwischen zwei Amerikaner. Deshalb wird Englisch gesprochen. Die Freiwilligen aus aller Welt kommen meist über eine der vielen privaten und kirchlichen Organisationen nach Haiti. Der Zahnarzt Stefan Rodi aus Erlangen ist schon eine Ausnahme: Er hatte kurzerhand auf eigene Faust einen Flug in die Karibik gebucht, als er von der Katastrophe hörte und stieß unterwegs eher zufällig auf das “Humedica”-Team. Es nahm ihn mit offenen Armen auf.

9.15 Uhr: Der Bohrer surrt. Die Mönchengladbacher Chirurgin Britta Merten zieht am Fuß, damit die gebrochenen Knochen sich nicht wieder verschieben. Peter aus Minnesota – hier sprechen sich alle nur mit Vornamen an – lässt sich den tropfenden Schweiß von der Stirn wischen.

9.44 Uhr: “We are finished”, ruft der Hamburger Chirurg Christian Queitsch. “Der Bruch steht jetzt so, dass er gut verheilen kann.” Queitsch ist sicher, dass dieser Patient überlebt. Die Gefahr von Embolien durch die lange Liegezeit (das Erdbeben war am 12. Januar) wachse allerdings täglich. “Gestern ist ein frisch Operierter an einer Lungenembolie verstorben.” Wohl jeder zweite noch lebende Schwerstverletzte hat mittlerweise keine Chance mehr.

10.12 Uhr: Mit einer Trage wird Pierre Jean V. aus dem Raum transportiert. Selbst das ist ein Kraftakt, weil es keine ausreichend breiten Türen gibt. Schwester Nancy Schmidt – die Amerikanerin ist mit einem Deutschen verheiratet – hat inzwischen liebevoll einen provisorischen Ruheraum hergerichtet und wird vom OP-Team mit Beifall bedacht.

10.30 Uhr: Ein Wasserfall spritzt von der Decke im Gang. “Beim Nachbeben ist der letzte Tank auf dem Dach geplatzt”, stellt Oeckenpöhler fest, während das Wasser bereits in den OP-Raum läuft. Queitsch schüttelt zornig den Kopf – “Die ganze Stadt hat kein Wasser, und hier läuft es sinnlos aus der Decke.” Haitianische Helfer versuchen, dass kostbare Nass in Eimern und Schüsseln aufzufangen.

10.35 Uhr: Britta und Peter (er heißt Van Patten mit Nachnamen und stammt aus Oregon) tragen die nächste Patientin auf den OP-Tisch. “Wir könnten noch schneller sein”, meint Oeckenpöhler. “Aber der Engpass ist die Sterilisation der Instrumente.”

10.40 Uhr: Die junge Frau, sie mag um die 16 Jahre alt sein, hat furchtbare Schmerzen und schreit. Hecker legt tröstend den Arm um sie, während die Narkose langsam wirkt.

11.15 Uhr: Nach der Visite hat Ulrich Seemann aus Gifhorn ein paar Minuten Pause und erklärt sein freiwilliges Engagement für Haiti: “Enkelin Jemina-Sophie stammt von hier. Unsere Tochter hat sie als Baby adoptiert, als sie als ausgehungertes Neugeborenes vor die Missionsstation gelegt worden ist, wo unsere Tochter damals als Kinderkrankenschwester gearbeitet hat.” Inzwischen sei Jemina-Sophie 14 Jahre alt und leide als Dunkelhäutige unter der Ausländerfeindlichkeit in Niedersachsen. “Ihr Traum ist es, wieder nach Haiti zurückzukehren.”

11.22 Uhr: Im Nebenraum hat Irmgard Harms aus Hindelang das OP-Programm für die nächsten Tage fertiggestellt. Die Namen von 20 Patienten stehen darauf. “Wenn wir wieder freie Kapazitäten haben, lassen wir das über das Lokalradio durchgeben.”

11.25 Uhr: Mit einem Fixateur, einem Metallgesell mit Schrauben, ist der Oberschenkelbruch von Natalie S. gerichtet. Vier weitere Operationen folgen. Bernd Domres aus Tübingen listet die Erfolgsliste der letzten Tage auf: “123 Menschen wäre ohne unsere Hilfe verstorben. Leider hatten wir auch vier Todesfälle.” Über die ungleich höhere Zahl der ambulant Behandelten hat niemand Buch geführt.

17.30 Uhr: Die Arbeit des “Humedica”-Team muss zügig beendet werden: Ein Kleinbus wartet, es wirkt dunkel – um 18 Uhr beginnt die von der UN-Schutztruppe verhängte Sperrstunde. Erschöpft, aber zufrieden kommen die Helfer in die Schule zurück.

Jürgen Schübelin berichtet aus Haiti: “Da, wo keine Hilfe ankommt”

 


Nach Tagen zwischen den Schutthalden und Ruinen hier in der Innenstadt und den Außenbezirken von Port-au-Prince – und, nachdem wir gestern endlich zum ersten Mal den Aufstieg in das Bidonville (Armenviertel) Fort National geschafft hatten, einen Sektor, in dem vermutlich 19.000 Menschen ums Leben gekommen sind, wo Kindernothilfe seit fast 30 Jahren in Partnerschaft mit der Heilsarmee eine kleine Schule und ein Vorschulprojekt unterstützt, das inmitten all der Zerstörungen wie ein Fels in der Brandung – weitgehend unbeschadet – stehen geblieben ist, aber trotzdem vorerst nicht genutzt werden kann, weil die Menschen panische Angst davor haben, geschlossene Räume und Gebäude zu betreten – lautete mein Auftrag heute, Samstag, in eines der Dörfer vorzudringen, in denen Kindernothilfe mit Unterstützung der Europäischen Union eine Reihe von Dorfschulprojekten unterstützt.

Wir fahren von Carrefour aus über extrem beschwerliche, vielfach durch abrutschendes Geröll und Felsbrocken, die nach dem Erdbeben die Steilhänge herunterkamen, beeinträchtigte Wege – alle in einem katastrophalen Zustand.

Rund 20 km südlich von Carrefour geht es dann definitiv nur noch zu Fuß weiter. Unser Ziel, ein kleines Dorf namens Coupeau, erreichen wir nach drei Stunden Fußmarsch unter sengender Hitze, mehreren durchquerten Flüssen und extrem steilen Aufstiegen. Überall eröffnet sich uns das gleiche Bild:

Fast alle Häuser der Kleinbauernfamilien weisen Beschädigungen auf, sind teilweise oder ganz eingestürzt – außer denjenigen Gebäuden, die aus Holz errichtet wurden.

Auch hier in den Bergen zwischen Petite-Riviére und Coupeau wurden bei der Katastrophe am 12. Januar Menschen verletzt und unzählige Häuser vernichtet, trotzdem ist die Situation der Familien und vor allem der Kinder – so unser Eindruck – besser als in der Stadt: Die Wasserprobleme lösst der Fluß, von dort aus tragen die Menschen jeden Tropfen, den sie brauchen, auf den Köpfen nach Hause. Die kargen und steilen Berghänge liefern den Mais für die Familien, die Oberstbäume sind stehen geblieben, mit Organgen, Grapefruits und Kokusnüssen, es gibt einige Hühner und Schweine, sowie einige Ziegen.

Die Menschen wissen sich zu helfen, wie in Port-au-Prince schlafen sie im Freien.

Wir sind das erste Team, das nach der Katastrophe in dieses Gebiet vordringt. Die Menschen führen uns zu den Ruinen ihrer Häuser, zeigen uns Kinder und Erwachsene mit Verletzungen, offene Wunden, die sich zu infizieren beginnen – alle unversorgt.

Wir müssen unbedingt versuchen, über die Kontakte mit den Ärzten in dem Compound, wo wir übernachten, eine Möglichkeit zu finden, dass die Dörfer hoch oben in den Bergen medizinisch ebenfalls betreut werden können.

Dann stehen wir endlich vor der kleinen Schule von Coupeaux, viele Kinder, aber auch zahlreiche Erwachsene – und die örtliche Delegierte der KNH-Partnerorganisation EPPMPH – erwarten uns bereits. Das Dach des Gebäudes ist intakt, von den Mauern stehen dagegen nur noch Reste, die beiden Klassenräume mit den Schulbänken und der Tafel sind unter dem Schutt begraben. Anders als in Carrefour bei den Kleinen Schwestern, wo 150 Kinder ums Leben kamen, haben die Familien hier unglaubliches Glück gehabt, um

16:15 Uhr war an diesem 12. Januar die Schule zu Ende, die Kinder hatten das Gebäude bereits verlassen, spielten auf dem Platz vor dem Gebäude, als die Erde bebte. Nur der Lehrer war noch im Klassenzimmer, konnte sich aber in letzter Minute retten.

Die erste Frage, die uns gestellt wird, lautet: “Helft Ihr uns, damit wir die Schule wieder aufbauen können?” Aber die Eltern wollen diesmal mit Holz bauen, nicht wieder mit Steinen, weil sie gesehen haben, dass Gebäude aus Holz einfach als erbebensicherer herausstellten. Ja, wir werden helfen können – genau wie beim letzten Mal, als die Schule errichtet wurde, über die Organisation eines “combit”, einer Gemeinschaftsaktion aller Eltern, die die Baumaterialien von Carrefour aus über die Berge nach Coupeau tragen und verarbeiten werden. Kindernothilfe finanziert die Baumaterialien und die Lebensmittel für das traditionelle Gemeinschaftsessen am Ende des Arbeitstages.

Der junge Lehrer hat eine Liste zusammengestellt, mit den 32 Familien aus Coupeaux, deren Häuser am stärksten von den Zerstörungen betroffen sind.

Alinx Jean-Baptiste, der Kindernothilfe-Länderkoordinator in Haiti, und ich überlegen, wie wir den Menschen helfen können – am besten ebenfalls über eine Gemeinschaftsaktion, bei der die benötigten Materialen in einem Rutsch beschafft werden, sobald es wieder Holz und Baustoffe zu kaufen gibt. Die Familien wollen die Gelegenheit auch nutzen, um die Zisterne zum Auffangen des Regenwassers zu Ende zu bauen, mit der sie vor der Katastrophe angefangen haben.

Am Ende sind wir auf dem Platz vor der zerstörten Schule rund 80 Leute, die Kinder, Mütter und Väter – sowie die Mitglieder des örtlichen EPPMPH-Komités. Was wie ein Besuch zur Erhebung der Erdbebenschäden begann, endet mit einem intensiven Gespräch darüber, wie die Arbeit mit den Kindern wieder in Gang gebracht werden soll. Zum Abschied werden wir mit einer herrlich saftigen Grapefruit und einer Kokusnuss zum Trinken beschenkt.

Während des gesamten Rückwegs denke ich darüber nach, dass es nur dann möglich sein wird, dieses Land wieder aufzubauen, wenn die Menschen in Haiti bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielen – und von der internationalen Gemeinschaft, all den Helfern und ihren Organisation mit dem Respekt bedacht werden, den sie verdienen. Es werden die Kleinbauern von Coupeau und hundertausend Andere Haitianer sein, die die Hauptlast für diese Titanenaufgabe tragen. Das muss uns bei allem, was wir hier tun, zu jeder Sekunde bewusst sein.

Jürgen Schübelin,
Leiter Referat Lateinamerika und Karibik

Klassik Radio baut Schule in Birma: Ein Reisebericht von Moderatorin Maria Willer

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(November 2009) Wir bauen eine Schule in Birma. In einem Gebiet, das besonders schwer unter dem Zyklon Nargis vor eineinhalb Jahren gelitten hat. Schon vor meiner Abreise, nach vielen Gesprächen mit unserem Partner, der Hilfsorganisation Kindernothilfe, bin ich davon überzeugt, dass dieses Projekt ein ganz, ganz wichtiges ist. Aber wie ist die Situation tatsächlich Vorort, wie sind die Menschen, denen wir helfen wollen und wie leben sie? 

Mit diesen Fragen im Gepäck mache ich mich auf die Reise, um mir ein eigenes Bild zu machen. Wir brechen in der Hauptstadt  Rangoon  auf. Drei Tage lang werden wir durch das  Irrawaddy -Delta reisen. Obwohl diese Region an die Hauptstadt grenzt, liegt sie doch ganz abgeschieden. Das Delta ist von einem wild verzweigten Kanalnetz durchzogen; befestigte Straßen gibt es schon bald nicht mehr. Ab jetzt sind wir mit dem Boot unterwegs. Die weiten Wege lassen viel Zeit für Gespräche mit den Mitarbeitern von AMURT, der lokalen Partnerorganisation der Kindernothilfe. 

Sie berichten mir von der verheerenden Nacht im Mai 2008 als der Sturm das Wasser in das Land drückte. Es war dunkel, nachts um 11, als die Menschen merkten, dass sie sich in Sicherheit bringen müssen. Die leichten Bambushütten hielten dem Wind und Wasser nicht stand. Wer konnte, rettete sich in ein Kloster. Andere kletterten auf Bäume, hielten ihre Kinder umklammert und probierten die Nacht zu überstehen. Das Tageslicht brachte die bittere Realität zum Vorschein. Dort wo gerade noch das Dorf gestanden hatte, war einfach nichts mehr. Noch nicht einmal mehr das Material der Häuser konnte man finden. 180.000 Menschen starben in dieser Nacht in Birma. 400.000 Häuser wurden zerstört. 

Eine Woche nach der Katastrophe beginnt Luis Uribe von AMURT als einer der Ersten die Arbeit im Delta. „Ich kam eine Woche nach dem Zyklon in die Dörfer“, erzählt er. „Mein erster Eindruck war ganz schön hart. Unsere Aufgabe war es, Leichen zu bergen. Es waren hauptsächlich Kinder. Da haben wir entschieden, dass wir uns besser um die Kinder kümmern, die noch leben.“ Und so ist es geschehen. Nachdem AMURT durch die finanzielle Unterstützung der Kindernothilfe die Menschen mit dem Nötigsten versorgt hat, beginnt der Wiederaufbau. Von Häusern, Kindergärten und Schulen. „A childfriendly space“ – das ist das Motto für die Räume, die hier geschaffen werden. Ob Schule oder Kindergarten, es sind Orte, an dem die Kinder spielend lernen und sich ausdrücken können. An denen sie auch die traumatischen Erlebnisse der Sturmflut verarbeiten können.

untitledbirma3Insgesamt fünf schon realisierte Projekte schauen  wir uns während unserer Reise an. Jedes Mal werden wir in den Dörfern pompös empfangen. Mit Tanz und Gesang, beschenkt mit Blumen, Andenken und reichlich gedeckten Tafeln. Die Menschen hier sind arm. Sie arbeiten unglaublich hart, um ihre Leben bestreiten zu können. Und offerieren uns alles, was sie herbei schaffen konnten – es ist überwältigend! Die Schulen und Kindergärten die AMURT gebaut haben sind wunderschön. Helle und freundliche Orte. Und bei den Schulen sogar mit einer Doppelfunktion versehen. Denn sie sind so hoch und stabil gebaut, dass sie bei einer erneuten Naturkatastrophe als Zufluchtsort für das Dorf dienen können.

 4.000 Schulen wurden in Birma durch den Zyklon zerstört. Eine davon finden wir in dem Dorf  Tahn Di Thea Kone. Der Ort, an dem die Klassik Radio Schule gebaut werden wird. Bei unserer Ankunft dort stehen 300 Kinder Spalier. Sie gucken mich neugierig an, viele lachen auch ein wenig schüchtern als ich durch ihre Mitte gehe geradewegs  auf das große Plakat zu, auf dem „Welcome Maria, thank you Klassik Radio“ steht. Die alte Schule existiert zwar noch. Unterrichtet werden, kann in ihr aber nicht mehr. Mauerwerk und Fundament sind so stark angegriffen, dass sie jederzeit in sich zusammenbrechen kann. Deshalb findet der Schulunterricht übergangsweise im Kloster statt. Das Kloster steht auf Stützen, so dass unterhalb ein Raum entsteht. Hier, wo Sechst- bis Achtklässler auf engstem Raum zusammen lernen, ist es dunkel und in der Regenzeit extrem matschig. Im Kloster selbst kommen die Primarklassen (1 bis 5) unter; alle Kinder in einem Raum (ca. 120 qm groß), ohne Abtrennungen, ohne Schulmobiliar. Sie sitzen auf dem Boden. Die Lehrer, mit denen ich spreche, berichten von Lärm und Hitze. Man kann sich das nur zu gut vorstellen, wenn man es einmal gesehen hat.

Wir bringen die frohe Botschaft mit uns, dass schon in sechs Monaten die neue Schule fertig sein wird. Gebaut nach den katastrophensicheren Standards von AMURT. Sie wird fünf Klassenräume haben für die 1. bis 5. Klasse und eine Bibliothek. Ausgestattet mit ausreichend Tischen und Bänken für die 200 Schüler. Es wird Toiletten geben und eine Wasseraufarbeitungsanlage. Geplant ist auch das Außengelände zu bearbeiten, so dass die Kinder auf dem Schulhof gut spielen können. Darauf freut sich auch schon die 10-Jährige Phyo Thandar Htwe. „Die neue Schule wird viel besser sein als das Kloster. Ich werde dort mit meinen Freunden spielen können. Und wir werden Tische und Bänke haben.“ sagt mir das Mädchen, das später einmal Ärztin werden möchte. Und der Bürgermeister verspricht, dass das ganze Dorf mithelfen wird: „Wir sind zwar arm, aber wir können anpacken!“

untitledbbirma1 Mein Fazit: Der Bau einer Schule im so schwer gebeutelten Birma ist die richtige Sache am richtigen Ort zur richtigen Zeit! Den Menschen dort liegt enorm viel daran, dass ihre Kinder gut aufwachsen und sie wissen, dass Bildung ein „Grundnahrungsmittel“ für die jüngsten ihrer Gesellschaft ist. Wir können also sicher sein, dass wir mit den Menschen, denen unsere Hilfe zu Gute kommen wird, an einem Strang ziehen. Ein ganz wichtiger Bestandteil für den Erfolg einer solchen Hilfsaktion. 100.000 Euro brauchen wir. Eigentlich gar nicht so viel, wenn man bedenkt, dass wir eine Schule bauen, die dazu auch noch Leben retten kann.

Maria Willer, Moderatorin von Klassik Radio

Mehr Informationen:
http://www.kindernothilfe.de/klassikradio.html