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Peru einmal anders

Dr. Ilse Kreiner aus Perchtoldsdorf/Österreich verbrachte insgesamt sechs Monate im Kindernothilfe-Projekt in Peru, wo sie den Kindern Nachhilfe in Englisch erteilte, Workshops organisierte und Familienbesuche zur Kontaktpflege mit den Eltern machte. In ihren Bericht schildert sie ihre Erlebnisse.

„Maria Elena sitzt mir gegenüber, in ihren Augen glänzen Tränen. Sie ist 46 Jahre alt und sieht aus wie 70. Niemals werde ich ihr Gesicht vergessen, als sie mir von ihrem Leben erzählt. Es ist ein Leben voller Gewalt, Unwissenheit und Armut. Schon als Kind wurde sie von ihrem Vater verprügelt, später von ihrem Herrn, der das Hausmädchen wie eine Leibeigene behandelte, danach und bis heute von ihrem Ehemann. Die Schule hat sie praktisch nie besucht. Die war zu teuer und außerdem: Wozu? Sie war ja doch nur ein Mädchen. Maria Elena spricht leise. In ihrer Stimme ist keine Anklage, kein Aufbegehren. Nur Resignation. Sie hat nicht die Kraft, nicht die Mittel, ihr Leben zu ändern. Aber sie hofft, daß ihre Kinder die Chance erhalten, einmal ein besseres Leben zu führen.

Wir sind hier in Cajamarca, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden Perus. Die Stadt liegt auf 2.800 m Seehöhe, die ca. 100.000 Einwohner leben im Talkessel, rund um ein hübsches, kolonial anmutendes Stadtzentrum und auf den Hängen der umliegenden Hügel. Es gibt eine Vielzahl von Restaurants, Bars und Diskotheken. Für Sportliche gibt’s etliche Fitnesscenter und eine sehr große Sportanlage, die sogar zwei Tennisplätze aufweist. In Cajamarca lässt es sich gut leben, zumindest wenn man ein ausreichendes Einkommen hat. Durch den Bergbau könnte es eine sehr reiche Provinz sein. Doch wie so häufig spürt die Mehrheit der Bevölkerung nichts von diesem Reichtum.

Der in Cajamarca ansässige Projektpartner der Kindernothilfe IINCAP „Jorge Basadre“ (Instituto de INvestigación y CApacitación Profesional) versucht, armen Familien eine Chance zu geben. Durch Fortbildungskurse verschiedener Art und durch Mikrokredite an die Eltern hilft er, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern. Im Gegenzug verpflichten sich die Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Falls sich Kinderarbeit nicht vermeiden lässt, so wird darauf geachtet, daß die Kinder mindestens 14 Jahre alt sind und der Besuch der Schule nicht beeinträchtigt wird.

Im Januar 2010 hatte ich das Glück, als Freiwillige für IINCAP zu arbeiten. Ich bin 56 Jahre alt, Betriebswirtin und Organisatorin und habe mir mit diesem Einsatz einen Lebenstraum erfüllt. Ich wurde von meinen IINCAP-Kollegen, den Kindern und deren Eltern ohne jeden Vorbehalt akzeptiert, und ich war fasziniert von der Freundlichkeit der Menschen. Fast drei Monate später bei meiner Abreise war klar: ich komme wieder!

Im Oktober 2010 war es dann erneut soweit. Diesmal teilte man mir sofort meine Aufgaben zu: Workshops für die Kinder halten, Familienbesuche machen zur Kontaktpflege mit den Eltern, ja und dann natürlich Nachhilfekurse in Englisch halten. In den Workshops werden anhand von Fallstudien Themen wie Rechte der Kinder, Gewalt in der Familie oder ethische Werte behandelt. Aufgrund ihrer gemachten schlechten Erfahrungen haben viele Kinder Angst, ihre Meinung zu sagen. Oder sie können nicht glauben, dass sich jemand dafür interessiert. Umso schöner war es zu erleben, wie die meisten nach und nach ihre Angst verloren, Selbstbewusstsein entwickelt und einige sogar frei vor der Gruppe gesprochen haben.

Der Englischkurs hingegen war für mich bei meinem ersten Aufenthalt Stress pur: Gruppen von bis zu 30 Kindern im Alter von 7 bis 15 Jahren und keinerlei Arbeitsmittel. Beim zweiten Aufenthalt habe ich dann CDs, Arbeitsbücher und Worksheets mit Bildern zum Malen für die Kleinen und lustigen Geschichten für die Großen mitgebracht. Wegen ihrer schlimmen Erinnerungen an ihre Zeit beim Straßenverkauf, am Bau, in der Schmiede etc. haben die Kinder große Konzentrationsprobleme. Trotzdem ist einiges an Wissen hängengeblieben und wir hatten alle Spaß bei der Arbeit. Laura und Marco, zwei „meiner“ Schüler haben dann ihre Nachprüfung in Englisch bestanden. Ich war richtig stolz auf sie. Meine IINCAP-Kollegen sagen, dass viele Kinder in diesem Schuljahr bessere Noten haben als früher. Das macht mich glücklich und lässt mich Momente der Enttäuschung vergessen.

Ein wichtiger Teil der Arbeit von IINCAP ist es, den Eltern die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Schulbildung näher zubringen. Seit vielen Jahren erklären die Mitarbeiter es immer und immer wieder. Dann, eines Tages, sagte mir Gloria, ein zwölfjähriges Mädchen, sie könne an der letzten, für den Aufstieg entscheidenden Prüfung nicht teilnehmen, weil sie auf ihren kleinen Bruder aufpassen müsse. Ich war entsetzt, konnte es nicht fassen. Nach Jahren des ständigen Erklärens werden immer noch manchmal die Prioritäten anders gesetzt. Aber zumindest geht die Anzahl solcher Fälle zurück. Außerdem: Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut….Für Gloria gab es ein gutes Ende. Aufgrund einer Sondervereinbarung mit der Professorin durfte sie die Prüfung nachholen und war erfolgreich.

Die schönsten, gleichzeitig aber auch schwierigsten Momente während meines Aufenthalts in Cajamarca habe ich bei Familienbesuchen erlebt. Die Erzieher von IINCAP fungieren bei solchen Gesprächen als Zuhörer, Psychologen oder Berater, manchmal auch als Blitzableiter oder Grabsteine, wenn sich z.B. eine Frau über ihren Ehemann ausweinen will. Es war für mich nahezu unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit ich in den Familien willkommen geheißen wurde, sie mich in die Gespräche einbezogen und um meine Meinung gefragt haben. Obwohl ich dabei manchmal an die Grenze meiner emotionalen Möglichkeiten gestoßen bin, bleiben diese Gespräche das Beeindruckendste, das ich während meines Aufenthaltes erlebt habe.

In den insgesamt sechs Monaten, die ich in Cajamarca verbringen durfte, habe ich nicht nur eine fremde Kultur und Lebensart kennen gelernt. Die Kinder und ihre Eltern haben mir auch geholfen, die wichtigen Dinge von den nur scheinbar wichtigen zu unterscheiden. Ich glaube, dass ich von ihnen mehr gelernt habe als sie von mir. Für diese Erfahrung bin ich den Mitarbeitern von IINCAP sehr dankbar.

Klassik Radio baut Kindertagesstätte in Chile wieder auf: Ein Reisebericht von Moderatorin Linda Marschall

Linda Marschall machte sich mit vielen Fragen im Gepäck auf die Reise, um sich ein eigenes Bild zu machen:

(Oktober 2010) Wir bauen eine Kindertagesstätte in Chile, Concepción wieder auf. In einem Gebiet, das besonders schwer unter dem Erdbeben vor 8 Monaten gelitten hat. Schon vor meiner Abreise, nach vielen Gesprächen mit unserem Partner, der Hilfsorganisation Kindernothilfe, bin ich davon überzeugt, dass dieses Projekt ein ganz, ganz wichtiges ist. Aber wie ist die Situation tatsächlich Vorort, wie sind die Menschen, denen wir helfen wollen und wie leben sie?  

Ich fliege…!
… um die halbe Welt und eine gefühlte Ewigkeit! Von Hamburg nach Paris und dann einmal quer über den Atlantischen Ozean zur Westküste Südamerikas in die Hauptstadt Chiles: Santiago. Fragen Sie mich nicht wie lange ich unterwegs war! In jedem Flughafen ca. 4 Stunden Aufenthalt und dann gäbe es ja noch die Zeitverschiebung zu berücksichtigen. Zuviel Mathe für einen müden Kopf! Als mein 3. Flugzeug dann endlich in Concepción landet, bin ich hellwach. Nicht nur weil ich mich im Flugzeug mit einer netten chilenischen Studentin angeregt auf Englisch unterhalten habe. Sondern weil die Vorfreude auf den Grund meines Chile-Besuchs immer größer wird: „Unsere“ Kindertagesstätte „Hermanos en Cristo“, die wir gemeinsam mit der Kindernothilfe wieder aufbauen möchten, werde ich besuchen.

Festen Boden unter den Füßen
Am Flughafen von Concepción angekommen, empfangen mich eine Mitarbeiterin der Kindernothilfe und Claudia V. von ANIDE (der lokalen Partnerorganisation der Kindernothilfe). Claudia wird uns in den kommenden Tagen als Koordinatorin und Übersetzerin zur Seite stehen.
Auf dem Weg per Taxi zum Hotel sind die katastrophalen Schäden, die das Erdbeben, angerichtet hat, unübersehbar. Man stelle sich vor, 8 Monate danach! In einigen Gebieten sieht es noch so aus, als sei es erst gestern passiert. Viele Blechhäuser in den Armenvierteln sind durch den Erdrutsch komplett auseinander gerissen worden, die Dächer sind kaputt oder komplett zerstört. Durch die Erschütterung hat nahezu jedes Haus Risse, auch die Häuser, die erdbebensicher gebaut wurden.
Wir fahren an einem Wohnkomplex vorbei, der erst neu gebaut worden war, aber seit dem Erdrutsch unbewohnbar ist. Auch hier konnte das Fundament des Hauses dem starken Beben nicht standhalten.

Mit dem Van querfeldein
Nachdem ich mein Gepäck ins Hotel gebracht habe, geht’s gleich weiter: Wir machen eine Rundfahrt mit Rebeca Alarcón, der Leiterin der Kindertagesstätte „Hermanos en Cristo“. Wir fahren zu den stark zerstörten Gebieten, die an der Küste liegen. Die Bewohner der Küste wurden nicht nur vom Erdbeben aus dem Schlaf gerissen, sondern auch von der Tsunami-Welle überrascht. Die Häuser wurden überflutet und das Hab und Gut der Menschen einfach weggeschwemmt. Rebeca erzählt, dass die Bewohner mit ihren Angehörigen auf die umliegenden Hügel geflüchtet sind. Die Versorgung war komplett unterbrochen: Es gab weder Wasser noch Strom, das Telefonnetz funktionierte nicht. Rebeca hat das nötigste einpackt und ist mit Mann und Kindern und zwei Zelten auf die Hügeln geflüchtet.
Chiles damalige Präsidentin Michelle Bachelet rief sofort den Katastrophenzustand aus. Plünderer überfielen Supermärkte und Tankstellen, Raubüberfälle und Vandalismus machten die Gesamtlage sehr gefährlich.
Die Regierung entsandte 14 000 Soldaten, das Militär verhängte eine Ausgangssperre. Erst 4 Tage nach dem Erdbeben trafen die ersten Hilfsgüterlieferungen ein. Insgesamt wurden eine halbe Millionen Wohnhäuser zerstört, der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern…

Wo ist das Meer?
Das Epizentrum des Erdbebens lag nur 105km von Concepción entfernt, d.h. die Verschiebung der Erdplatten ist an der Küste erkennbar: Das Meer hat sich um viele Meter nach hinten verschoben. Somit ist das was vorher Meeresboden war, freigelegt; erkennbar durch Algen und Steine. Diese „neue Küste“ bietet ein tristes Bild: Überall liegen Autoteile und Plastikmüll herum, Schiffe sind auf Grund gelaufen und rosten auf dem ehemaligen Meeresboden vor sich hin. Wo früher aberhunderte Menschen arbeiteten, herrscht heute Friedhofsruhe: Die Fischverarbeitungsfabriken sind menschenleer und rotten vor sich hin.
Das ist besonders tragisch, denn Fischerei und Fischverarbeitung galten als Hauptertragsquellen vieler Menschen in Chile. Mit der Tsunami-Welle kam ihr endgültiger Tod. Der Gestank des faulen Fisches sei unerträglich gewesen, sagt Rebeca. Und mittendrin lagen Tote und Verletzte.
Während wir Fotos machen und Rebeca erzählt, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich bin froh als wir die Küste verlassen. Im Hotel wieder angekommen kann ich trotzdem die Bilder und Gedanken an die Katastrophe nicht abschütteln…

Herzlicher Empfang in der Kita „Hermanos en Cristo“
Am nächsten Tag haben wir eine wichtige Verabredung: Natürlich mit den Kindern und Erzieherinnen „unserer“ Kindertagesstätte! Als das Auto um die Ecke biegt, strahlt mich ein quietsch-grünes Gebäude an. Über dem Eingang ist ein Regenbogen aufgemalt und darunter der Name der Kita „Hermanos en Cristo“. Als wir ankommen, erscheint ein Begrüßungs-Komitee für uns! Viele kleine Kinder, einige Teenager und natürlich die Erzieherinnen. Die Leiterin begrüßt uns und stellt dann die Kinder vor, die gleich für uns tanzen. Mit traditionellen Trachten bekleidet, führen die Kinder einen nordchilenischen Tanz auf. Applaus, Applaus!  Und dann überraschen die Erzieherinnen alle, und treten als Tiere verkleidet auf und führen eine kleine Choreographie vor. Am Ende tanzen alle mit!
Schließlich wird noch ein Geschenk für die Klassik Radio Redaktion überreicht. Ein Tuch, das die Kinder bemalt haben, zeigt Jesus in der Krippe. Ich bedanke mich und Claudia übersetzt ins Spanische. Immerhin, ein „muchas gracias“ bekomme ich hin!

Zu Tisch, zu Tisch!
Die Erzieherinnen und Rebeca, die Leiterin, laden uns zum Frühstück ein. Wir unterhalten uns lange und ausgiebig. Sie sind alle sehr offen und erzählen viel über die Kita, über die Familien der Kinder, und über das Erdbeben; aber sie möchten nicht nur von sich erzählen, sondern auch viel von uns wissen: über Deutschland, über Klassikradio und über mich.
Übrigens wo wir gerade beim Essen sind: Die Kinder bekommen mehrere Mahlzeiten in der Kita, darunter immer eine warme Mahlzeit. Viele, die aus ärmeren Familien kommen, wissen nicht wie man sich gesund ernährt, da sie das zu Hause nicht vorgelebt bekommen und oft aus finanziellen Gründen keine ausgewogene Ernährung erhalten.

Kitas braucht das Land!
Die Kindertagesstätte hat einen wichtigen Stellenwert in Chile. Vor, aber eben auch besonders nach dem Erdbeben. Mutterschaft ist dort selbstverständlich, dabei spielt es oft keine Rolle, ob das Kinderkriegen in die Lebens- und Arbeitsplanung passt. Und auch die Höhe des Einkommens ist nicht ausschlaggebend für die Familienplanung. Auch wenn eine Frau keine Ausbildung hat und keine Arbeit, sobald sie Mutter ist, hat sie eine Beschäftigung und wird als „Vollzeitmutter“ respektiert; der Status der Mutterschaft wird hochgehalten. Chile hat daher viele Großfamilien. Das älteste Kind muss sich oft um die kleinen kümmern, während die Eltern/der alleinerziehende Elternteil arbeiten/arbeitet. Für viele Kinder natürlich eine Belastung und zu viel Verantwortung. In der Kita können die älteren Geschwister ausspannen und auch mal Verantwortung abgeben, sie und ihre jüngeren Geschwister werden dort, wenn sie nicht in der Schule sind, bis nachmittags/abends betreut. „Hermanos en Cristo“ nimmt viele Kinder aus alleinerziehenden Familien auf.
Eine richtige Erfolgsgeschichte haben mir die Erzieherinnen erzählt: Eine junge Frau aus sehr, sehr armen Verhältnissen hat ein Kind bekommen, aber hat sich durchgekämpft und ihre Schule mit Auszeichnung bestanden. Mittels eines Stipendiums (denn Unis sind sehr teuer) kann sie jetzt Medizin studieren. Das geht nur Dank der wichtigen Arbeit „unserer“ Kita „Hermanos en Cristo“: Hier kann sie tagsüber ihre kleine Tochter in die Betreuung geben.
Die Erzieherinnen arbeiten bei der Kindererziehung eng mit den Eltern zusammen, das ist oberstes Gebot. Denn nur so können die Erzieherinnen wirklich etwas erreichen, vor allem bei der schulischen Karriere der Kinder. Bei den Eltern muss die Einsicht greifen, dass Bildung das wichtigste Gut für ihre Kinder ist. Die meisten schaffen gerade mal so mit Ach und Krach die Grundschule. Daher ist es wichtig, dass die Kinder individuell gefördert werden, um auf die Oberschule zu kommen. In Problemfächern wie Mathe bekommen sie dann z.B. in der Kita Nachhilfe und werden bei den Hausaufgaben betreut. In „Hermanos en Cristo“ gibt es sogar einen Computer mit Internetzugang –ein Luxus, von dem viele Familien nur träumen können.

„Hermanos en Cristo“ – Eine 2. Familie…
„Tia!“ heißt zu Deutsch „Tante“. So rufen die Kinder ihre Erzieherinnen – und wie eine Familie fühlt sich das auch hier an. Nestwärme und Geborgenheit kennzeichnen den Alltag. Die Kinder werden umarmt, umsorgt und geherzt.
Das prägt, denn sie verbringen in derselben Kita viel Zeit, Tag aus und Tag ein. Und das über viele Jahre ihres Lebens. Alle werden betreut, von der Kinderkrippe für die Kleinkinder bis hin zur Hausaufgabenhilfe für die Jugendlichen. Und dafür braucht man natürlich viele gute Erzieherinnen. Sie sind feste Bezugspersonen im Leben der Kinder. Es gibt 4 Hierarchien, ganz bewusst durch unterschiedliche Uniformen sichtbar gemacht: Die Leiterin der Kita ist Rebeca Alarcón, sie trägt das gleiche grüne Kostüm wie die „Tanten“, die ausgebildeten, d.h. studierten Erzieherinnen. Dann gibt es die Kinderpflegerinnen, in grün-rot-kariertem Blazer oder Kostüm. Die Praktikanten schließlich, die entweder zur Schule gehen oder schon Erziehungswesen studieren, tragen hellblau. Auch sie sind feste Größen im Leben der Kinder: ihr Praktikum machen sie meist mehrere Semester während ihres ganzen Studiums.
Und genau das ist eine der Kernkompetenzen von „Hermanos en Cristo“: Konstanz. Kein ständiges Kommen und Gehen, alle die hier arbeiten, von der Chefin bis zum Praktikant, bleiben lange. Sie sind eine, wenn nicht die wichtigste Konstante im Leben der Kinder und Jugendlichen. „Hermanos en Cristo“ wird zur 2. Familie. Hier wurden sie aufgefangen, nachdem das verheerende Erdbeben ganz Chile erschütterte. Hier fühlen sich Kinder wohl.

Concepción wird erschüttert…
Als am 27. Februar die Erde bebt, ist keines der Kinder im Kita-Gebäude, denn das Erdbeben ereignete sich nachts um 3:34h Ortszeit mit einer Stärke von 8,8 auf der Richterskala.Familien werden aus dem Schlaf gerissen, dramatische Szenen spielen sich bei der Flucht ab. In der Dunkelheit kann niemand die Tsunamiwelle sehen. Menschen werden unter und in ihren Häusern begraben. In großer Eile packen die Bewohner ihr Hab und Gut zusammen, bzw. den kläglichen Rest davon. All das, was Erdbeben und Tsunami nicht genommen haben. Viele retten nur das allerwichtigste: das eigene Leben und das der Familienmitglieder.

„Hermanos en Cristo“ – Glück im Unglück
Das Gebäude steht noch. In all dem ganzen Unglück für Rebeca Alarcón eine Nachricht, die ihr dennoch die Tränen in die Augen treiben, denn das Gebäude ist stark beschädig: Jede Wand hat mehrere Risse, die Holzböden sind unstet, ohne zusätzliche Stützpfeiler würden manche Zimmer einstürzen, alle Räume sind von Schimmel befallen. Das Gebäude ist in höchstem Maße baufällig und nach deutschen Sicherheitsbestimmungen dürfte man es gar nicht betreten. Die Kinder und Erzieher der Kita haben allerdings keine Alternative: die Betreuung muss weitergehen, jetzt sogar noch viel mehr als vor der Katastrophe. Die Kinder sind jetzt länger hier, die Kita ist ihre „Fluchtburg“. Ihr Zuhause ist oft noch stärker zerstört als ihre Kita, ihre Eltern sind mit dem Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser beschäftigt. Viele wohnen in provisorischen Unterkünften, die die Stadt ihnen zur Verfügung gestellt hat. D.h. leben auf engstem Raum mit Dixie-Toiletten. Aus dem Provisorium wird in den meisten Fällen eine dauerhafte Bleibe.
Die Kita ist also ein zusätzlicher Lebensraum. Und hier können die Kinder ein Stück weit ihr Erdbeben-Trauma bewältigen, sich ihren Kummer von der Seele reden und ihre Erlebnisse spielerisch verarbeiten.
Die Sicherheit der Kinder steht bei „Hermanos en Cristo“ an erster Stelle. Die Architektin Valentina Torres hat sich der Renovierung und Sanierung der Kita angenommen. Das Gebäude soll wieder stabil werden und natürlich Erdbeben-sicher. Zugleich auch offener, heller, moderner.

Ein Koffer voller Eindrücke…
Nach drei Tagen heißt es, Abschied nehmen. Von den Kindern der Tagesstätte, von den Erzieherinnen, Rebeca Alarcón und allen, die am Wiederaufbau beteiligt sind. Im Koffer habe ich das Geschenk für unsere Klassik Radio Redaktion: Das bemalte Tuch von den Kindern aus „Hermanos en Cristo“. Auf dem langen Rückflug habe ich genug Zeit um über das Erlebte nachzudenken und mir wird bewusst wie viele Luxusprobleme wir in Deutschland haben. Im Vergleich zu vielen Menschen in Chile, die Familienmitglieder oder ihr Hab und Gut durch das Erdbeben verloren haben und in Armut leben, geht es uns hierzulande ziemlich gut.
Ich kann es kaum erwarten die ganzen Fotos und die Interviews mit den Kollegen und schließlich mit unseren Hörern zu teilen!

„Muchas Gracias…“ (= Vielen Dank…)
An die Jungen und Mädchen in „Hermanos en Cristo“, die mir ganz tapfer alle Fragen im Interview beantwortet haben!An die Erzieherinnen und an Rebeca Alarcón für den herzlichen Empfang, die vielen Gespräche und das leckere Essen!An alle Beteiligten, die für und in „Hermanos en Cristo“ arbeiten. Dank ihrer Arbeit haben viele Kinder und Jugendliche die Chance auf ein besseres Leben.

Mehr Informationen:

http://www.kindernothilfe.de/klassikradio.html

Mit Act Positive nach Südafrika: 20.10.2010

Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Oli, 21, aus Duisburg:
Vorbei ist sie – die Zeit in Afrika. Sie ist wie im Fluge vergangen, doch kam sie mir ungeheuer lang vor: voller Erlebnisse, Emotionen und Erfahrungen. Nun naht der Rückflug und es ist schwer vorstellbar, wieder in den Alltag, zu Familie, Freunden und Arbeit zurückzukehren. Vieles nehme ich mit nach Hause, denn das Erlebte zu vergessen ist mir Gott sei Dank nicht möglich. Wenn ich morgen in Frankfurt aus dem Flugzeug steige, werde ich das Gewohnte sehen und wissen, dass sich nicht verändert hat: Die vom Wohlstand verwöhnten Menschen wissen einfach nicht, wie dankbar wir für unser im Vergleich sorgenfreies Leben sein müssten, und ich glaube leider nicht, dass es sich ändert.

Yvonne Zens, 18, Marienstatt:
Heute ist schon Mittwoch und unsere Aufregende und erfahrungsreiche Reise neigt sich dem Ende zu.
Nun möchte ich einmal rückblickend sagen, dass ich sehr begeistert bin von dem Land Südafrika, mit seiner schönen Natur. Aber vor allem habe ich die Menschen Afrikas in mein Herz geschlossen.
Sie sind so unglaublich gastfreundlich und lebensfroh und das, obwohl ein Großteil der Bevölkerung in großer Armut lebt. Es war atemberaubend wie dankbar uns die Menschen entgegentraten. Abschließend kann ich nur noch sagen, das diese Reise mich gelehrt hat, dass man jeden Moment seines Lebens genießen soll, egal in welcher Lage man sich befindet.

Wiebke Maeß, 18, Reinbek:
Eine Woche Südafrika liegt nun hinter uns, morgen werden wir wieder in den Flieger steigen. Wir haben viel gesehen und viel erlebt, viele Leute kennengelernt und viel Spaß gehabt. Jetzt möchte ich einmal auf die Dinge zurückblicken, die mich am meisten bewegt haben. Das war gleich zu Beginn das Wiedersehen mit Sane. Sie ist eine tolle junge Frau, die bei YfC gute Arbeit leistet, und ich habe sie in den letzten zwei Jahren ins Herz geschlossen, sie nun in ihrem Land besuchen zu können war etwas Besonderes. Südafrika ist ein wunderschönes Land, mit einer wilden und kargen Landschaft, roter Erde, blühenden Bäumen, gigantischen Tieren, vielen Sprachen, dem Indischen Ozean und Menschen, die so bunt und lebensfroh sind wie ihre Nationalflagge.
Besonders waren für mich Momente in den Townships, als die Zahlen und Fakten Gesichter bekommen haben: auf dem winzigen Schulhof, auf dem so viele Schulkinder in Uniformen waren, die uns alle neugierig beguckten; als man uns erzählte, dass Leute versuchen die Stromleitungen anzuzapfen und ich wenig später zwei Männer an einem Strommast hantieren sah, die fortliefen als ein Jeep mit Männern in Uniform kam; allein das Wissen darum, dass jeder dritte in den Towns an HIV/Aids erkrankt ist. Was mich auch beeindruckt hat, war der krasse Gegensatz von Arm und Reich, von Sicherheitszaun und Straßenleben, von Villa und Blechhütte, von piekfein und dreckig, vom Dreigängemenü und Klebstoffflasche.
Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass diese Reise sich in jeder Hinsicht gelohnt hat. Ich würde jederzeit wiederkommen und bin stolz darauf, die Kindernothilfe bei den Projekten, wie wir sie gesehen haben, unterstützen zu können.

Julian, 16, aus Bochum:
Als wir heute gefragt wurden, wie wir die Reise fanden, antworteten wir alle im Takt „eindeutig viel zu kurz“. Die Reise endet zwar heute Abend bzw. morgen Früh, doch zu Ende ist sie noch lange nicht.
Es wird eine Weile dauern, die ganzen Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle zu verarbeiten, ich werde noch sehr lange Zeit an die wundervolle Zeit hier denken. Es wird ein mulmiges Gefühl werden, zurück nach Deutschland zu fahren, wieder in den Alltag einsteigen zu müssen.
Ich denke, das Gefühl, welches ich am meisten mit dieser Reise verbinde, ist das Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit an meine Familie, die immer für mich da ist, ich habe dies auf dieser Reise wieder mehr schätzen gelernt, Dankbarkeit dafür, dass mir die Kindernothilfe diese wundervollen Erfahrungen ermöglicht hat, Dankbarkeit dafür, von den Menschen hier so wundervoll empfangen worden zu sein, Dankbarkeit dafür, dass uns unsere hiesigen Partner uns so wundervoll begleitet haben und uns ein so tolles, umfangreiches und individuelles Programm gezeigt haben.
Ich hoffe, das derartige Reisen bzw evtl. Austäusche in Zukunft öfter stattfinden können, damit andere Jugendlich in ähnlich ergriffenem Zustand wie ich nach Deutschland zurückkehren können!

Pablo, 20, aus Selb:
Handshakes, Umarmungen, Lächeln – kurz: Verabschiedung von Menschen, die man so schnell ins Herz geschlossen hat. Land und Leute haben sich ins Hirn eingebrannt. So manches wird wohl auch Narben hinterlassen. Diese bleiben Zeuge dieser eindrucksvollen Reise. Ich bin immer noch sprachlos, dass mir diese einmalige Chance gegeben wurde, deswegen kurz und bündig: Danke.

P.S.:
Die Change Agents kommen vom 1.11. – 16.11.2010 nach Deutschland! Nutzt diese Gelegenheit und fahrt zu einer der Schulen – empfehlenswert ist definitiv untertrieben! Für die genauen Tourdaten, schaut einfach auf: www.actpositive.de

 

Mit Act Positive nach Südafrika: 19.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Pablo, 20, aus Selb:

Gerade noch das Tennyson-Wohnheim besichtigt, sind wir schon wieder unterwegs auf Durbans Großstadtstraßen. Wir begleiten die YFC Street Worker Msa und Nati auf ihrer Tour.
Die Street Worker wissen genau, wo sich die Straßenkinder aufhalten und fahren zielstrebig zu den „Points“. Die Points sind zumeist heruntergekommene Straßenecken. Müll und Dreck starren uns an. Hier treffen wir Gruppen von obdachlosen Kindern und Jugendlichen. Von Narben zerfurcht, wie der aufgeplatzte Teer einer alten Straße. Die meisten schnüffeln Klebstoff aus einer alten Milchpackung. Es wird tief inhaliert – Klebstoffatem schlägt mir bei der Begrüßung ins Gesicht.
Die Kommunikation ist zwar schwer, aber man merkt, dass die Straßenkinder die Street Worker akzeptieren und mit Msa und Nati sogar vertrauliche Gespräche auf Zulu führen. So wurde einem der Jungen eine Kontaktadresse zu einem „Shelter“ (Unterkunft) einer anderen Organisation gegeben, da das Tennyson- Haus ein reines Mädchenwohnheim ist.
Wir fahren zum zweiten Point. Selbes Bild: Müll, Dreck, Narben, Teer und Klebstoff. Von der schwangeren L., 19 Jahre alt, wird mir erzählt, dass sich die Straßenkinder nachts verstecken müssen, da die Polizei sonst ihre Kleider wegnehmen und sie schlagen würde.
Die Arbeit der Street Worker besteht in erster Linie darin, eine Beziehung zu den Kids aufzubauen. Erst später ist es überhaupt ansatzweise möglich, die Kinder dazu zu bewegen ihre Situation zu verändern. Oberste Priorität dabei ist, dass die Kinder wieder in ihre Familien integriert werden. Als kleiner Erfolg des Tages tut K., der seit Monaten auf der Straße lebt, kund, dass er zu seiner Familie zurückkehrt. Mal sehen.
Wir hoffen, dass K. seinem Wort folgt, trotz Narben.

Yvonne, 18, aus Marienstatt und Wiebke, 18, aus Reinbek:

Das Tennyson House von YfC ist eine Auffangstation für die Straßenmädchen Durbans im Alter zwischen 10 und 18 Jahren. Es ist eine temporäre Einrichtung für einen maximalen Zeitraum von einem Jahr. Sie soll den Mädchen einen Weg von dem Straßenleben weg, hin zu einem strukturierten Leben zeigen. Hierbei ist die Zielsetzung, die Mädchen in ihre Familien zu integrieren.
Im Tennyson House gibt es Regeln, die den Tagesablauf bestimmen, wie z.B. gemeinsame Aufgaben des Kochens und Putzens sowie Hausaufgabenzeiten und Bibelzeiten. Außerdem gibt es Verhaltensrichtlinien, die die soziale Kompetenz der Kinder fördern soll. Werden diese nicht eingehalten, gibt es „Jobs“ (z.B. Toiletten oder Küche allein zu putzen, oder die Schlafräume aufzuräumen). Wenn jemand sich sehr vorbildlich verhalten hat, gibt es eine Art Belohnungssternchen. Wer am Ende der Woche 7 goldene Sternchen hat, bekommt ein Geschenk. Das funktioniert aber auch in die entgegengesetzte Richtung. Für die Mädchen ist das eine gute pädagogische Orientierung und Rückmeldung. Es motiviert sie aber auch, sich an die Regeln zu halten.
Das Haus verfügt über eine Kapazität von 15 Betten in 4 Räumen, eine Küche und 2 Bäder sowie einen gemütlichen Aufenthaltsraum mit Sofas und Fernseher. Die Mitarbeiter von YfC sind rund um die Uhr vor Ort, um den Mädchen mit Rat und Tat bei Seite zu stehen. Oftmals haben die Mädchen häusliche Gewalt, Prostitution, Vertrauensmissbrauch und psychische Gewalt erfahren. Bei der Verarbeitung dieser oft verlustreichen Erfahrungen suchen sie die Hilfe der qualifizierten Sozialarbeiter auf. Um das Ziel der Wiedervereinigung der Familien zu erreichen, arbeitet YfC auch eng mit den Eltern der Kinder zusammen, was häufig erfolgreich ist. Denn 95% der Mädchen, die aus dem Tennyson House zu ihren Familien umgezogen sind, können ein normales Familienleben weiterführen.
Trotz all dieser Leiden und negativen Erfahrungen, die die Mädchen auf der Straße erlebt haben, haben sie nie ihren Lebensmut verloren. Es hat uns beeindruckt, wie offenherzig sie auf uns zugegangen sind und wie dankbar sie sich den YfC Mitarbeitern gegenüber zeigten.

Mit Act Positive nach Südafrika: 18.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Pablo, 20, aus Selb:
Angekommen am „Khajalethu- Projekt“ von Youth for Christ in Pietermaritzburg, empfangen uns die misstrauischen Blicke sechs Straßenkinder, im Alter von 14 bis 23. Sofiso, einer der Street Worker, lockert die Stimmung mit Akustikklampfe (an die ich auch mal durfte) und Gesang auf. Um das Eis endgültig zu brechen, kam es zum Länderspiel Südafrika gegen Deutschland. Auch wenn die Sonne, gleich einem Feuerball, das sicher selbst bald erledigt hätte.

Hier die Ergebnisse des ersten Spieltags:
1. Deutschland vs Südafrika: 2:0
2. Südafrika vs Deutschland: 2:0
Klares Unentschieden für Südafrika.

„Khajalethu“ (Zulu: „Unser Haus“), von der Kindernothilfe unterstützt, ist ein „Übergangsheim“ für Jungs, die ein Leben auf der Straße führen. In Sofisos Worten: „It is a bridge to a better life.“ Die Einrichtung ist offen für jeden Jungen – es gibt Waschräume, regelmäßige Mahlzeiten und bietet Raum für Freizeitgestaltung (z. B. Musik, Kicker, Fußball, etc…).
Die Street Worker sind ständig auf der Straße unterwegs und versuchen ins Gespräch mit den Kindern zu kommen und suchen dann nach einer individuellen Lösung der Probleme der Kids. Ziel ist es, die Kinder wieder in ihre Familien – soweit vorhanden – zu integrieren oder eine neue für sie zu finden. Aber es sind auch Rückschläge zu verzeichnen: so trafen wir bei dem gemeinsamen Rundgang durch einen Stadtteil Pietermaritzburgs einen Straßenjungen, der bereits zweimal einer neuen Familie vermittelt wurde, aber immer wieder ausriss. Für mehr als Handshake, Namentausch und ´ne Kaugummi-Packung für ihn, hat dann die Zeit nicht gereicht und ich hoffe, dass sich die Street Worker sich seiner weiterhin annehmen – trotz der Rückschläge.

Bloß warum landen die Kids überhaupt auf der Straße?
Die HIV-Rate beträgt in den Townships über 30%. Deshalb verlieren viele der Kinder ihre Eltern durch Aids. Weiterhin reißen viele Kids aus, mit der Vorstellung, dass sie auf der Straße durch Betteln oder kleine Hilfsdienste mehr Geld verdienen, als es daheim vorhanden ist.
Außerdem scheitert oft der Schulbesuch an bürokratischen und/oder finanziellen Hürden. Viele der Straßenkinder besitzen zum Beispiel keine Papiere und werden deshalb an regulären Schulen nicht aufgenommen. Youth for Christ vermittelt diese Kinder an spezielle Partnerschulen, wo auch für diese Kids eine Ausbildung möglich ist.
Zurück von den Besuchen der Communities, bin ich doch ein bisschen traurig: man könnte so viel helfen, aber übermorgen geht’s schon wieder ab in die Lüfte. Aber um das zu relativieren: Act Positive lebt weiter!

Julian aus Bochum und Oli aus Duisburg:
Sehr dankbar waren wir, heute den Tag nicht in Durban, sondern in dem ungefähr eine Stunde entfernten Pietermaritzburg verbringen zu dürfen. Erneut haben wir die Arbeit von „Youth for Christ“ besucht. Unter anderem hatten wir die Gelegenheit, einen Township aus der Nähe (nicht aus dem Auto) zu betrachten. Als wir ankamen wurden wir sofort von dem Herz und der Seele der Community, Mama Nana, begrüßt. Sie ist seit 6 Jahren in der Community tätig, hat aber vorher bereits den Menschen in anderen Communities zur Seite gestanden. Ihre Arbeit besteht darin, sich um die Kinder der ausgelasteten Eltern und um die Waisen zu kümmern.
Als bewundernswert empfanden wir den großen Zusammenhalt und die enorme gegenseitige Unterstützung dieser Leute. Zum Beispiel wurde uns die Lehmhütte eines 16-jährigen Jungen gezeigt, deren Einrichtung bei einem Feuer vollständig zerstört wurde. Zusammen hat die Gemeinschaft dafür gesorgt, dass die Hütte wieder in einen bewohnbaren Zustand gebracht wurde, damit der Junge sich weiterhin möglichst sorgenfrei um seine schulische Laufbahn kümmern kann.
Anschließend führte uns Mama Nana zum Community Center des Townships. Ein umzäuntes Areal mit einem größeren Steinhaus für die Kleinsten, einem Spielplatz, sowie einem Container, in dem die Schulkinder nachmittags bei den Hausaufgaben betreut wurden und mit den Jüngeren gebastelt haben. Als es zu Gruppenspielen kam, entdeckten auch wir wieder die Kinder in uns und hatten genauso viel Spaß wie alle anderen.
Obwohl die Kinder oft keine Eltern haben, oder die Eltern sich nicht kümmern können, waren wir von der unglaublichen Lebensfreude und Fröhlichkeit der Kinder angetan. Die Community ist wie eine große Familie und auch wir wurden, nachdem das erste Eis gebrochen war, wie Mitglieder dieser wundervollen Familie behandelt und spielten und lachten mit den Kindern.
Als es schließlich hieß Abschied zu nehmen, fiel es uns und den Kindern schwer einander loszulassen. Dieser Tag hat uns wieder einmal gezeigt, was für fantastische Menschen diese Leute trotz ihres oft trost- und perspektivlosen Lebens sind.

Mit Act Positive nach Südafrika: 16.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Wiebke, 18, aus Reinbek:

Als wir heute Morgen zum YfC-Office gefahren sind, waren wir alle ein bisschen aufgeregt. Denn es galt den Peer Education Avard der Change Agents zu verleihen. Wir hatten aber keinerlei Ahnung, wie so eine Preisverleihung aussehen würde und wie das mit der Sprachbarriere wird und ob wir dann noch etwas zu den Gewinnern sagen müssen. Als wir bei YfC ankamen waren auf dem Gelände schon viele Schüler in verschiedenen Schuluniformen und unterhielten sich, sangen und begrüßten Schüler von anderen Schulen. Kaum angekommen halfen wir, die Halle zu bestuhlen. Yvonne und ich haben uns dann noch in der Küche beim Gemüse schneiden nützlich gemacht (auch das war für uns eine interessante Erfahrung, weil Frauen in der Küche ähnlich denken, aber durch diese kulturellen Unterschiede waren Yvonne, Pumbi und Wiebke doch überrascht, dass fast nichts erklärt werden musste, was zu tun ist, und so hatten wir Zeit, um über andere Dinge zu reden, das war schön.) Die Jungens haben sich um das Fleisch und den Grill gekümmert. Als nichts mehr zu tun war, ging die Preisverleihung los.
Um 10:00 strömte eine bunte Horde südafrikanischer High School Kinder der 8. Klasse in die Halle. Sie kommen von 7 verschiedenen Schulen aus den Townships von Durban. Es sind aber nicht die ganzen Jahrgänge, sondern nur eine Art Delegation der Schüler, die von den Change Agents in besonderen Kursen geschult wurden oder an einzelnen Projekten sich besonders beteiligt haben. Sie präsentieren in Gruppen von 15 – 25 Kindern ihre Schulen.

Zu Beginn stimmt jede Schule ein Lied an
Amazing! Dann arbeiten die Kinder in Gruppen und schreiben ihre Feedbacks extra für uns in Englisch auf. Aber was sie schreiben, ist noch viel toller. Sie schreiben, was sie sich wünschen für die Arbeit mit YfC für das nächste Jahr. Und eben diese Wünsche haben es in sich! Die Kinder wollen Schulungen zum Thema Gruppenzusammenhalt und Teamfähigkeiten, sie wollen über Vertrauen und Menschenkenntnis mehr lernen, wollen an ihren Kommunikationsfähigkeiten arbeiten, wollen sch austauschen über Erfahrungen mit anderen High Schools und fordern mehr Camps und mehr Leader-Training. Aber natürlich wollen sie auch mehr Drama, Spiel, Tanz, Musik und Spaß, wie es ihnen Leute wie der lustige Thula vorleben. Denn sie sind ja auch noch immer Kinder, wenn auch schon sehr erwachsene Kinder. Bei dieser Aufgabe haben sich die Schülerinnen und Schüler echt viel Mühe gegeben und jeden Punkt einzeln diskutiert, bevor sie ihn aufgeschrieben haben und konnten es so später allen präsentieren.
Ein anderer Part des Peer Education Awards waren die Frage-Runden: „Was macht dich stolz?“, „Was war deine schwerste Challenge?“ „Was konntest du durch dein bei YfC Erlerntes bewirken?“ Und bei eben diesen Frage-Runden schnellten die Finger nach oben und wir bekommen die erstaunlichsten Antworten übersetzt. Wir hören, wie diese 14-Jährigen gelernt haben selbstbewusst aufzutreten, jüngeren Kindern bei Problemen mit ihren Eltern zu helfen, aber auch für andere Mitmenschen und deren Probleme ein offenes Ohr zu haben und wie sie in komplizierten Situationen sicher und vernünftig handeln konnten. Daran konnten wir sehen, wie ernst sie die Arbeit von YfC nehmen, und das ist wirklich wunderbar, denn hier trägt ja auch unsere Arbeit ihre Früchte. Bei eben diesen Kindern, die die Zukunft Südafrikas auf ihren Schultern tragen.

Yvonne und Wiebke als Charity-Ladies
Nach einer kurzen Pause geht es zum spannenden Teil der Veranstaltung über, der Preisverleihung. Wir haben beschlossen, dass Yvonne und Wiebke den Part der Charity-Ladies übernehmen und Lennart und Pablo sich um die Fotos kümmern sollten. Für Yvonne und mich war es komisch, dort vorn zu stehen und den Kindern die Urkunden, T-Shirts und Pokale zu überreichen. Aber irgendwie hat es auch Freude gemacht, den Kindern die Hand zu reichen, ihr breites Grinsen zu sehen und zu spüren, wie sie vor Stolz nahezu platzen.

Julian, 16, aus Bochum:

Der meiner Meinung nach bisher beste Tag der Reise. Es ist nicht so als währen die anderen Tage nicht besonders gewesen, aber dieser war besonders auf seine eigene Art und Weise.
Heute wurde in dem Büro von Youth for Christ (YFC) der sog. Peers Educators Award vergeben. An mehreren Schulen, an denen sich YFC engagiert, wurden einige Schüler zu sog. „Peer Educators“ ausgebildet. Das von dem YFC-Team erlangte Wissen sollen die Schüler an ihren Schulen weitergeben, den Schülern vermitteln, was „gut und was schlecht“ ist. Für besondere Leistungen wurden einzelne Schüler dann ausgezeichnet, ebenso die engagierteste Lehrerin.
Für mich ist es immer wieder ein wundervolles Gefühl zu sehen, mit wie viel Freude die Kinder zur Schule gehen bzw. Schulveranstaltungen wie heute besuchen. Für mich ist es unvorstellbar, dass in Deutschland Jugendliche in diesem Alter an einem Samstag freiwillig und derart voll Freude auftauchen. Mit welcher Disziplin die jungen Menschen in der Halle von YFC saßen, miteinander gesungen haben, miteinander geredet haben, miteinander Spaß hatten, auch wenn sie nicht von einer Schule waren. Miteinander, das Wort, welches meiner Meinung einen großen Stellenwert im Leben der Menschen hier hat.
Als die Schule ausgezeichnet wurde, die sich alles in allem am meisten engagiert hat, die Mvaba High School, freuten sich nicht nur die Schüler dieser Schule, sondern genauso wie sie die Schüler aller anderen Schulen. Alle standen auf, klatschten und tanzten! Ich denke, was ich heute einmal wieder erleben durfte, war wirkliche Freude, auch natürlich die Freude, einen Preis zu gewinnen aber vor allem die Freude, zusammen zu sein, zusammen zu tanzen, zusammen zu singen und einen tollen und gut organisierten Tag genießen zu dürfen, der mit einem leckeren Mittagessen (BBQ) endete.
Für mich war dieser Tag wirklich rührend, denn ich finde es immer wieder begeisternd, mit wie viel Freude und Dankbarkeit die Menschen und gerade auch die Jugendlichen, deren Probleme Armut und Perspektivlosigkeit sind, ihr Leben leben.
Ich finde, wir hätten ein Foto von der Halle, in der die Veranstaltung stattfand, machen müssen, bevor wir sie gestern entrümpelt haben. Es ist erstaunlich, wie aus einer mit Möbeln voll gestellten, leblos und trist wirkenden Halle ein so fröhlicher und lebvoller Raum werden konnte, nicht etwa aber durch den Anstrich mit materiellem wie Farbe, sondern mit viel mehr, nämlich mit der wahren Freude an dem Event und der Freude an dem Tag.

Yvonne, 18, aus Marienstatt:

Kinderaugen
Es ist kurz nach neun und das Gelände der Change Agents ist voll von Schulkindern. Es laufen 140 Kinder fröhlich über den Platz und warten auf den Beginn der Verleihung von Preisen an besonders engagierte Schüler.
Um 10 Uhr stürmt eine Horde tanzender Kinder in die große Halle des Geländes, und das mit einer Lebensfreude, als gäbe es nichts Schöneres. Die Begrüßung ist ein Mix aus Gottesdienst und einem Abend unter Freunden. Jedes Team einer Schule singt etwas vor, und sofort wird lauthals eingestimmt. Nach der Begrüßungszeremonie werden die Kinder in eine Gruppenarbeit entlassen, in der sie sich mit der Frage auseinandersetzen sollten, was nächstes Jahr bei Youth for Christ verbessert werden sollte. Während die Kinder arbeiten, wird mir bewusst, wie wichtig Zusammenhalt im Kampf gegen Aids ist. Erstaunlich, dass diese Kids das selbstständig vorleben! Am Ende hat jede Gruppe eine Liste konkreter Kritikpunkte, die von Vertretern mit guten Argumenten vorgestellt wird.
Anschließend werden die Preise verliehen. Das Strahlen in den Augen der Kinder, als sie mit Stolz ihre Trophäen entgegennehmen, ist mit nichts zu vergleichen. Wahrhaftig “CHANGE Agents” – denn diese Kinder verändern wirklich – und das zum Positiven!
Ebenso spannend war mit anzusehen, mit was für einem großen gegenseitigen Respekt die Kinder sich verhalten. So gibt’s zum Beispiel für selbsteinstudierte Choreografien tobenden Applaus sowie immer wieder eine rege Beteiligung an den Auftritten. Diese bestanden aus kurzen Balladen, und selbst eine Zulu-Rap-Einlage brachte die Halle zum Toben!
Nach dem emotionalen Event wurde noch eine Mahlzeit an alle Kinder ausgeteilt, und dann folgte die Verabschiedung der Change Agents.

Mit Act Positive nach Südafrika: 15.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Oli aus Duisburg:

Heute verbrachten wir den Tag mit den „Change Agents“ von „Youth For Christ“, einem Kindernothilfe-Partner. Als wir auf dem Gelände von „Youth for Christ“ ankamen, befanden sich die Mitarbeiter im morgendlichen Gottesdienst. Keine langweiligen Predigten, wie bei uns üblich, sondern Jeff, letztes und vorletztes Jahr noch als Leiter der Theatergruppe in Deutschland auf Tour, saß am Keyboard und die restlichen Mitarbeiter sangen, tanzten und lachten. Auch wir standen, ehe wir uns versehen konnten, in der ersten Reihe und gaben uns Mühe, nicht wie die größten Bewegungslegastheniker zu wirken – mehr oder weniger erfolgreich.
Danach ging es los zu einer Schule. Die „Change Agents“ besuchen jede Woche eine andere Schule: Jeweils an 4 Tagen spielen sie Theaterstücke über Nächstenliebe, HIV/Aids und anderen Problematiken des südafrikanischen Alltags und veranstalten Workshops.
Gerade als wir das Gelände der Schule betreten, direkt ein großer Schock. Das eigens gemietete große, bunte Zelt hat den Sturm des gestrigen Abends nicht überlebt. Souverän mit der Situation umgehend informierten die engagierten Mitarbeiter der „Change Agents“ den Verleiher, der eiligst das Zelt abbaute. Zur Überbrückung der Wartezeit wurden ein paar Körbe geworfen und Bälle gekickt. Musik wurde gespielt, unter anderem der WM-Song von Shakira, und wir Deutsche machten uns ein bisschen bei überzogenen Tanzaufführungen zum Affen, bis die Reste des Zeltes abgebaut waren und die Veranstaltung unter freiem Himmel stattfinden konnte.
Nach unserer Rückkehr bei „Youth for Christ“ galt es zu beweisen, dass die Deutschen nicht nur zugucken, sondern auch anpacken konnten, und so wurde die Versammlungshalle gemeinsam entrümpelt und gebohnert. Dort soll morgen trotz schlechter Wetterprognosen – die eigentlich in einem Park geplanten – Auszeichnungen für sozial engagierte Jugendliche stattfinden.

Pablo, 20, aus Selb:

Gerade erst mit den „Change Agents“ vorgefahren hört man schon Gesang. Die Sing- und Tanzkultur hier ist unvergleichlich mit Deutschland. So versammeln sich hier spontan um die 30 Schülerinnen und Schüler der Schule, um gemeinsam zu singen und zu tanzen, zumeist vollständig improvisiert. Ein guter Start in den Tag. Ohne Lächeln und Mitsummen kommt man da gar nicht vorbei!
Die „Change Agents“ bestehen aus studierenden Ehrenamtlichen, die ein bis zwei Jahre dort helfen und mitarbeiten. Wahnsinn, wie man dann sieht, dass trotz eines komplett vom Sturm zerstörten Zeltes alles schnell und im Teamwork ablief! Pantomime, Theater und akrobatische Tanzeinlagen, und schon ist die komplette Schule versammelt, um die „Change Agents“ zu erleben. „You are special and unique“ war die letzte Message der Gruppe. Nächste Woche geht’s für die Agents dann auch schon ab in die nächste Schule und vom 1. bis 12. November 2010 sind sie mit der Kindernothilfe in Deutschland auf Tour!
Zurück zum “Youth for Christ Office”.  Selbst als wir dann beim Aufräumen der Versammlungshalle halfen, wurde geklatscht, gesungen und in Gummistiefeln getanzt – egal, ob jung oder alt. Absolut ansteckend!

Mit Act Positive nach Südafrika: 14.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Julian, 16, aus Bochum:

Der heutige Tag hat mir nun endlich gezeigt, das Südafrika wirklich das Land der Gegensätze ist, etwas was ich gestern noch nicht erfahren konnte. Heute haben wir Projekte der Organisation „i Themba Lethu“ (-> „I have Destiny“) besucht, wir haben mit Mitarbeitern der Organisation Schulbesuche in den Townships von Durban durchgeführt.
Begeisternd war, wie offen und warmherzig wir von den Schülern und generell in den Townships aufgenommen wurden. Als wir nachdem wir uns mit den Lehren unterhielten eine kleine Pause gemacht haben, war gerade Schulschluss. Viele kleine Kinder kamen zu uns angerannt, haben gesehen, dass wir einen Fotoapparat hatten und wollten unbedingt Fotos mit und machen. Obwohl die Kinder noch kein Wort Englisch sprechen, haben wir uns sofort gut verstanden. Auch in der nächsten Schule konnte ich erneut diese Offenheit der Südafrikaner erleben. Als sich die anderen mit den dortigen Lehrern unterhielten, stand ich draußen und schaute mir den Schulhof an. Als die Schulglocke läutete, rannten die Kinder scharenweise aus den Klassenräumen. Anstatt mich einfach zu ignorieren, kamen viele Kinder zu mir, fragten mich nach meinem Befinden und nach meinem Namen.
Diese Offenheit gerade auch der kleineren ist für mich ein besonderes Erlebnis, genauso wie die Begeisterung füreinander, die von beiden Seiten ausging.

„Ich habe zum ersten Mal im Leben ein Township gesehen“
Doch es waren nicht nur positive Gefühle, die ich heute erlebt habe. Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen sog. Township gesehen, etwas was ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte. Es ist ein komisches Gefühl gewesen, durch die Townships zu fahren und zum ersten Mal in meinem Leben wahre Armut zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, wie es für die Leute dort sein muss, am nächsten Hügel ein riesiges Einkaufszentrum oder die hiesige Universität zu sehen zu können, ein Gefühl, welches ich mir schwer vorstellen konnte.
Natürlich fand auch ich es „krass“, das die Unterschiede so nah beieinander sind, doch kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich in naher Zukunft ein Einkaufszentrum besuchen werde, die Menschen in den Townships werden dies nicht.

Nachdenken über unseren Luxus in Deutschland
Ich denke, es ist bewundernswert, wie wundervoll und wie offen die Menschen sind, obwohl sie keine Perspektive haben, es ist bewundernswert, wie sehr sich die Kinder freuen, in die Schule zu gehen, weil es für sie die Chance auf eine bessere Zukunft ist. Ich denke, so manch deutscher Lehrer würde sich über derart viel Interesse freuen!
Als ich abends an der Strandpromenade saß und mir die beeindruckende Skyline von Durban anschaute, sprach ich davon, welchen Luxus es hier in Südafrika im Gegensatz zu der großen Armut auch gibt. Luxus, das Wort über das ich heute eigentlich am meisten nachgedacht habe. Denn eben dieser Luxus, den es hier auch gibt, entspricht dem deutschen Lebensstandard, und ich habe das erste Mal wirklich darüber nachgedacht, wie gut wir es haben und in welchem Luxus wir in Deutschland wirklich leben.

Oli aus Duisburg:

Ich habe an dieser Stelle das Vergnügen, euch von dem wohl ereignisreichsten Tag meines Lebens zu berichten. Einem Tag, an dem die Flut an Informationen größer war als meine Auffassungsgabe.
Morgens bei der Fahrt zu einem Heim für Kleinkinder noch an den wohlbekannten Reklameschildern von gewissen Handyanbietern, Supermarktketten, Soft-Drink- und Autoherstellern und Fastfoodketten vorbeigefahren, lernte ich dort die Mitarbeiter von „ithemba Lethu“, frei übersetzt „Neue Hoffnung“ kennen. Ein Name, dem die Organisation gerecht wird. Als besonders beeindruckend empfand ich die Liebe der Hausmütter, welche die Mutterrolle für sechs Jungen und Mädchen vom Säugling bis zum 4-jährigen Vorschulkind übernehmen und bis auf ein Wochenende im Monat jeden Tag 24 Stunden täglich für sie sorgen. Für Adoptiveltern, die auch HIV-positive Kinder aufnehmen, empfanden sie nichts als Bewunderung.
Von dem Heim ging es weiter, um die von „ithemba Lethu“ geleiteten Schulen zu besuchen. Die Fahrt durch die sich scheinbar unendlich weit erstreckenden Townships ging mir so nah wie bisher nichts in meinem Leben. Kleine Kinder die mit einem Lachen im Müll spielen, schüchtern winken, interessiert schauende Eltern und kleinen Läden in Wellblechhütten, die mit den schon erwähnten Markennamen werben. Schockierend, die eigentlich schon bekannten Auswirkungen der Globalisierung so hautnah zu erleben.

Gigantische Lebensfreude der Kinder
In den Schulen bestehen die Klassen aus über 40 Schülern, die von jeweils zwei Lehrkräften für jeweils zwei Wochenstunden betreut werden. Die Lehrer unterrichten an mehreren Schulen und schaffen es, trotz der wenigen zur Verfügung stehenden Materialien und Zeit eine Bindung zu den Kindern aufzubauen und eine Ruhe in die Kinder zu bringen, die bei uns in Deutschland nicht vorzustellen wäre. Auf Bitten von Pablo bekommen wir Klassenarbeiten zu sehen. Keine Mathematik, keine Rechtschreibung, sondern Fragen zum Umgang mit Drogen und HIV/Aids, zu Gruppenzwang und richtigem Verhalten. Sauer stößt allerdings auf, dass eine Frage auch die stille Akzeptanz der Entscheidungen der Regierung fordert und nicht zum eigenen Nachdenken ermuntert. Nichtsdestotrotz eine unglaubliche Arbeit, die die wenigen Lehrkräfte leisten. Bei der Teilnahme an einer Unterrichtsstunde konnte ich mich selbst von der Neugier, Höflichkeit und der gigantischen Lebensfreude der Kinder überzeugen. Die Wertschätzung eines bunten Papieres, dass mit verschiedenen Mustern beklebt werden sollte, die Offenheit, mit der wir fremden Europäer begrüßt wurden, das Lachen der Kinder und die Bereitschaft mitzumachen werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Das sind die Momente, in denen einem bewusst wird, was man selber hat, und noch einmal darüber nachdenkt, wonach man selber strebt.


Pablo, 20, aus Selb:

Nach dem heutigen Tag, weiß ich wie königlich wir in Deutschland leben.
Unsere Krone: Gesundheit. Hier in Durban alle mit Medikamenten und sanitären Anlagen zu versorgen ist unmöglich.
Unser Hermelinmantel: das Wohnen. Die Wohnbedingungen in Durban sind erschreckend. Drei Komponenten überwiegen: Blech, Pappe, Plastik. Diese kombiniert, ergeben ein Heim für eine Familie mit bis zu sieben Kindern!
Unser Thron: das Umfeld. Geborgenheit, Strom, Wasser, Sicherheit und Ruhe (um nur ein paar Beispiele zu nennen) sind hier oft einfach nicht gegeben.
Wir fahren heute zum ersten Mal in eines der Townships, um verschiedene Schulen zu besichtigen. Der Begriff „Slum“ kommt mir als erstes in den Sinn. In diesen Schulen ist das Projekt „iThemba Lethu“, welches von der Kindernothilfe gefördert wird, tätig. Dort werden den Kids in täglichen „Sessions“ „Life skills“ vermittelt. Sie sollen dort lernen selbstständig zu entscheiden und selbstbewusster zu werden. Außerdem erfahren die Kinder in den Sessions, dass es richtig ist, einen Traum zu haben und diesen anzustreben und zu leben. Doch noch viel wichtiger ist, dass die „life skill teachers“ den Kids Hoffnung machen. Zuversicht unter diesen Umständen zu erhalten – und vor allem zu behalten – ist für mich unfassbar. Denn selbst wenn die Jugendlichen die Schule abschließen, heißt das noch lange nicht, dass sie einen Job bekommen.

Krasser Gegensatz zwischen Reich und Arm
Was besonders ins Auge fällt:  die kleinen Schlösser zwischen den „shakles“ („Slumhütten“). Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich ist so offensichtlich wie Schwarz und Weiß. Von gerechter Verteilung des Geldes kann keine Rede sein.
Nachdem wir verschiedene Schulen besichtigt hatten, dürfen wir einen der „life skill teachers“ zu einer der Sessions begleiten. Da müssen erstmal ca. 100 Kinder von einer Person gebändigt werden – Respekt! Nach einer wundervollen Begrüßen durch die Kids, konnte jedes der Kinder eine Karte basteln für eine Person, die es besonders mag. Zwar ein ziemliches Chaos, aber es war großartig anzusehen mit welchem Enthusiasmus die Kids mit uns ihre Karten gestalteten.
Erwähnenswert ist zudem, dass die „life skill teachers“ mit jedem der Kinder Einzelgespräche führt und sich um etwaige Probleme in der Familie kümmert. So werden die Eltern zu „parents workshops“ eingeladen oder Hausbesuche durchgeführt. Ich hoffe wirklich, dass „iThemba Lethu“ weiter wächst und noch weitaus mehr Kinder und ihre Familien erreicht, denn das ist wirklich Arbeit die „greift“ und hilft!
Abschließender Eindruck für heute: unfassbar, wie viel Lebensfreude die Kids trotz ihres Umfeldes zeigen. Ich will uns mal ohne Krone, Hermelinmantel und Thron auf dem nackten Lehmboden sehen.
Morgen werden wir die „Change Agents“ von „Youth for Christ“ bei einem Schulbesuch begleiten. Jetzt erstmal den vielseitigen „Eindrucks-Cocktail“ verdauen.

Mit Act Positive nach Südafrika: 13.10.2010

Die Reisegruppe aus Deutschland mit Mitarbeitern eines Kindernothilfe-Partners. Foto: privat

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Wiebke,18, aus Reinbek:
Heute ist also schon Mittwoch, der 13. Oktober, und wir sind nun endlich in Durban heil angekommen. Unsere Reise ist beinahe als Odyssee zu bezeichnen, macht nix, am Ende haben wirs ja geschafft. Am Montag haben wir (Lenni, Oli, Yvonne, Julian, Pablo und Wiebke) uns um 15 Uhr in Frankfurt am Flughafen getroffen, 17:15 ging unsere Maschine nach London, aber wir sind mit Verspätung gestartet und mit Verspätung angekommen, was leider zur Folge haben sollte, dass wir unseren Flieger nach Johannesburg verpassen sollten. Mist! Also bekamen wir nach einigen Verwirrungen und vielen Warteschlangen einen Hotelplatz und sollten dann 24Stunden später erst nach Johannesburg weiterreisen können. Gut, wir machen ja alles mit.

Nach 12 Stunden Flug endlich in Südafrika
Am Dienstag also sind wir wieder zu Heathrows Terminal 5, um einzuchecken. In Sachen Sicherheitschecks sind wir inzwischen geübt, also ist alles paletti, und der Jumbo Jet von British Airways startete in Richtung Süden, wir kamen unserem Ziel näher. Obwohl auch diese Maschine nach 12 Stunden Flug mit Verspätung in Johannesburg landete und wir uns um unser Gepäck kümmern mussten, haben wir den Flug nach Durban noch erreicht.
Endlich Südafrika, endlich Durban und endlich, endlich sehen wir unsere Freundin Sane wieder, die uns bereits zweimal in Deutschland besucht hat. Und endlich können wir auch Ntokozo, unseren Fahrer, und Sbioniso, unseren Coordinator, in South Africa kennenlernen. Wow, wir sind da, haben es geschafft, und können’s gar nicht fassen, es ist irgendwie wie im Traum. Südafrika, das Land im Süden, das Land der WM, ein Land geprägt von Apartheit und HIV/AIDS, ein Land, in dem die Projekte der KinderNotHilfe Früchte tragen.

Wir kommen uns vor wie in einem Traum
Hier sind wir nun. Das waren für den Anfang schon mal sehr viele Eindrücke. All die Aufregung, dann das Ziel erreicht, strömen die Bilder, Gerüche, Farben, Geräusche und Szenen auf uns ein. Die Landschaft ist karg, geprägt von roter Erde und wenig grünen Bäumen, statt dessen sehen wir selbst an der Schnellstraße blühende Blumen in wie angelegt scheinenden Beeten, und weiter weg wachsen viele gedrungene Bäumchen und große Sträucher, wir sehen Palmen und vieles, was wir gar nicht zuordnen können.
Durban präsentiert sich uns als eine sehr weitläufige Stadt. Hier sollen 3 Mio. Menschen leben, unfassbar, dass sie nicht in die Höhe bauen. Wir sehen schicke Häuser und kleinere Gebiete mit Wellblechbauten. Hier ist es schön und gepflegt, dort dreckig und armselig, der Unterschied ist schwer zu verkennen. Wir können gar nichts mehr sagen, wir schauen aus dem Fenster und staunen. Es ist eine andere Welt, und wir kommen uns vor wie in einem Traum, können noch gar nicht realisieren, wo wir da gelandet sind.
Geschafft von der Reise kommen wir im B&B an, kaufen noch schnell Wasser und Bananen im Supermarkt, duschen und fallen ausgelaugt in unsere Betten, schlafen erstmal 3 Stunden. Danach werden wir mit unseren Freunden essen gehen, uns noch einmal neu kennenlernen. Diesmal sind sie die Gastgeber, und wir werden versuchen uns anzupassen und vielleicht auch Isi Zulu zu lernen.

 

Pablo, 20, aus Selb: Durban – 21.42 Uhr

Meerluft, rote Erde, Palmen und dann fängt auch schon das Wellblechdachmeer an. Durban – ca. drei Millionen Menschen auf einem Fleck. Wir sind gerade auf dem Weg, um die „Change Agents“ zu treffen und man schlürft schon die ersten Einblicke, wie aus einem exotischen Drink. Bloß ist der bittere Beigeschmack – der offensichtlichen Armut wegen – immer mit am Start. Eigentlich seit drei Tagen auf Reise (Dank Verspätung des Flugs mussten wir eine Nacht in London verbringen). Und jetzt wir mittendrin.
„Wir“ heißt: Lennart, Yvonne, Wiebke, Julian, Oliver und ich (Pablo). Wie wir alle hierher geraten sind, wird euch jeder selbst schreiben.
Ich bin in der Band („La Confianza“), und wir wollten ein Musik-Festival für einen guten Zweck organisieren. Also fand das erste „Act Positive Festival“ 2009 statt, um Unterschriften zu sammeln und auf die Kampagne aufmerksam zu machen. Ich hätte nie erwartet, dass das zu einer Afrikareise führen würde und ich erstmals dem Kontinent Europa den Rücken kehre. Mit Glück wurde ich ausgewählt, unter den vielen, die sich engagierten, um an dieser Bildungsreise teilzunehmen.

„Du siehst aus wie ein Hühnchen“
Heute treffen wir die Change Agents von Youth for Christ – ein Kennlernabend. „Du siehst aus wie ein Hühnchen“ – das erste, was einer der Change Agents von uns beigebracht bekommt – der Bildungsauftrag hat oberste Priorität! Wir werden herzlich aufgenommen und ohne Umschweife umarmt. Die Grenzen fallen weitaus schneller als in Deutschland. Die typisch deutsche (freundliche) Distanziertheit fällt hier komplett weg. Beeindruckend, wie schnell man miteinander Witze reißt und im wahrsten Sinne des Wortes „quatscht“.
Ach ja – die Mission „Klicklaute“ wurde auch schon angegangen. Zwar recht erfolglos, aber immerhin habe ich für Gelächter gesorgt. Bodybuilding für die Zunge und die Lachmuskeln! Mal sehen, ob ich das bis zum Abflug noch hinkriege. Aber der Standard-Dialog „Hi! Ich heiße Pablo. Wie geht’s dir?“ wurde mir schon beigebracht, und ich absolvierte den ersten Easy-Zulu-Kurs.
So weit so toll! Morgen geht’s ab in ein Township von Durban und besuchen mehrere Projekte der Organisation „iThemba Lethu“.

Nach dem Erdbeben in Chile: Stress und Gewalt nehmen Kinder jeden Schutz


Können Erdbeben so verschieden sein? Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar und dem in Chile vom 27. Februar? Keine Frage wurde uns in diesen zurückliegenden acht Tagen häufiger gestellt als diese.

Würde man es sich einfach machen, könnte man antworten: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass in Haiti über 220.000 Menschen starben – in Chile am Ende 600 oder vielleicht 800. Das Erdbeben in Haiti erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, das im Süden Chiles 8,8, also den fünfhöchsten Wert, der je registriert wurde. In Haiti konzentriert sich die Katastrophe auf ein Gebiet mit einem Durchmesser von nur 120 km, in Chile erstrecken sich die Zerstörungen und Verwüstungen entlang des gesamten Küstenstreifens Zentralchiles und seinem Hinterland, über eine Distanz von 650 km. Die Kosten in den am stärksten betroffenen Regionen Chiles belaufen sich auf geschätzte 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Betrag ist nicht ein einziger Peso enthalten, um den Familien zu helfen, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben.

Doch der wichtigste Unterschied ist: Chile nimmt Platz 44 ein, wenn es um seine Bestimmung des Armutsgrades geht. Haiti auf Platz 149, eine der letzten Positionen überhaupt. In Chile blieben der Staat und seine Autoritäten im Wesentlichen handlungsfähig und präsent, während sie in Haiti praktisch vollends aufhörte, zu existieren.


In dem regelmäßig von verheerenden Beben und Tsunamis heimgesuchten Erdbebenland Chile (Valdivia 1960: 9,5 Richterskala; Santiago, der Hauptstadt, 1985: 7,7; Concepción/Talca jetzt 2010: 8,8) haben es die Menschen gelernt, Gebäude so zu errichten, dass sie selbst bei schwersten Beben nicht sofort einstürzen, sondern ihren Bewohnern eine realistische Möglichkeit geben, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in Port-au-Prince, in Carrefour oder Léogâne in Haiti hatten die Chance nicht.

Trotzdem erlebten die Überlebenden in Süden Chiles die Hölle auf Erde und durchleiden Angstzustände, die den Bewohnern von Port-au-Prince in Haiti in dieser Form erspart geblieben sind. Denn bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben setzte in Concepción und im benachbarten Talcahuano ein Phänomen ein, das die Zeitungen sehr schnell und unzutreffend mit „sozialer Tsunami“ beschrieben. Horden von Plünderern, aus den zusammengestürzten Gefängnissen entkommene Kriminelle und Hunderte von Leuten, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet zu haben schienen, durchzogen die stockdunklen Innenstädte und Wohnviertel, um Alles zu erbeuten, was ihnen in die Hände fiel: zuerst


Geldautomaten und Kassen in den Supermärkten, Apotheken, Tankstellen. Im Fall von Supermärkten und Geschäften, die durch das dreiminütige Beben beschädigt worden waren, bei denen Mauern oder Eingangstüren fehlten, hatten die Plünderer leichtes Spiel. Im Fall aller anderen „supermercados“, Fachgeschäfte, Großhandelsniederlassungen benutzten die „Besucher“ eine andere Technik: Mit gestohlenen Nutzfahrzeugen und Kleinlastwagen rammten sie die Eingangstore, Seitenwände oder Rollgitter so lange, bis sich eine Bresche auftat und auch diese Lokale ausgeräumt – und, um Spuren zu verwischen – hinterher abgefackelt werden konnten.

Verheerende Konsequenzen hatte in den Tagen nach der Katastrophe die Plünderung der Apotheken von Concepción: Während die Rollkommandos hier die Waren mit einigermaßen Wert abräumten, zerstörten sie die Medikamentenregale und trampelten auf den Arzneimitteln herum, so dass tagelang praktisch keine Versorgung mit Medikamenten möglich war. Viele Menschen, denen es gelungen war, einen Teil ihres persönlichen Besitzes aus den zusammenstürzenden Häusern und Wohnungen auf die Straße zu schaffen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen diese wenigen Habseligkeiten gestohlen wurden.

Als wir, zwei Kollegen der Kindernothilfe-Partner-Organisation ANIDE, sowie ein fünfköpfiges Ärzte- und Helferteam von „humedica“ aus Kaufbeuren – und ich – am Abend des dritten Tages nach der Katastrophe in Concepción eintrafen und dort , während der ersten Nacht bei den Feuerwehrmännern der siebten, der „deutschen Kompanie“ an der Plaza Ecuador, Schutz und Unterkunft fanden, berichteten uns die  Besatzung der Feuerwache, dass in der Nacht zuvor zwei andere „Companias de Bomberos“ überfallen und ausgeraubt worden waren. Aus Angst um ihre Familien brachten viele Feuerwehrleute ihre Frauen und Kinder mit ins Feuerwehrhaus, um sie während ihrer Einsätze in Sicherheit zu wissen.

Am Abend des zweiten Tages nach dem Beben hatte sich Präsidentin Bachelet durchgerungen, Concepción und angrenzende Städte unter Kriegsrecht zu stellen,  dem chilenischen Militär die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übertragen und eine tägliche Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 12 Uhr am nächsten Mittag zu verhängen. Den Truppen gelang es tatsächlich, die Plünderungen zu stoppen, Straßensperren zu errichten und die Ausgangssperre mit Waffengewalt durchzusetzen.

Zur Beruhigung der Menschen in den Notunterkünften oder auf der Straße – vor den einsturzgefährdeten Häusern und Wohnungen – trug diese massive Militär- und Waffenpräsenz jedoch nur bedingt bei. Zu brutal und undifferenziert reagierten viele  Soldaten, allesamt in voller Kampfmontur, auf die Einwohner von Concepción, mit denen sie in Berührung kamen. Jugendliche wurden vor unseren Augen mit Gewalt von Pickups heruntergerissen, mussten sich unter vorgehaltener Waffe mit dem Gesicht in den Dreck und Staub werfen, während sie durchsucht wurden. Obwohl wir selbst mit einem Passierschein und einer Genehmigung des chilenischen Gesundheitsministeriums in zwei eigens gekennzeichneten Fahrzeugen unterwegs waren, bekamen wir an den Kontrollpunkten mehr als einmal den geballten Stress der Staatsmacht ab: „Qué quiraí, huevon?“, brüllte mich einer der Soldaten an  – frei übersetzt: „Was willst denn du Arschloch hier?“, um dann sofort seine Waffe auf uns zu richten.

„Sie mögen vielleicht die Ordnung wieder herstellten, aber Ruhe bringen sie keine“, kommentierte die Leiterin eines der von Kindernothilfe unterstützten Projekte (dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte), ihre eigenen Erfahrungen mit den (Besatzungs)-Truppen.

Fairerweise muss an dieser Stelle ebenfalls berichtet werden, dass wir in diesen Tagen auch zahlreiche Soldaten erlebten, die sich besser unter Kontrolle hatten und den Menschen, die sie überprüften, professionell und mit Respekt begegneten – und uns, ganz persönlich, durch Offiziere des chilenischen Heeres mehrfach wichtige Unterstützung zu Teil wurde, um unsere Mission überhaupt erfüllen zu können. Im Fall des „humedica“-Ärzteteams bestand die Aufgabe darin, in dem in einer Schule untergebrachten Notkrankenhaus von Lota Patienten  zu betreuen und vor allem Wunden zu versorgen.

José Horacio Wood, Ruben Inostroza (beide von ANIDE) und ich hingehen mussten es in kürzester Zeit schaffen, alle zehn von Kindernothilfe in Concepción, San Pedro de la Paz, Coronel, Lota, Talcahuano und Talca unterstützten Projekte zu besuchen, Informationen über die jeweiligen Teams und die Kinder zu sammeln, (leider in einigen Fälle doch sehr erhebliche und nur unter hohem Kostenaufwand zu behebende) Gebäudeschäden zu dokumentieren und – vor allem anderen – zu versuchen, mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen erste Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.

Der extreme Stress, unter dem die Erwachsenen stehen, die Tatsache, dass nachts praktisch nicht geschlafen wird, sondern sich die Nachbarn aus Angst vor erneuten Überfällen und Plünderungen organisieren, die Eingänge zu ihrem Wohnviertel abenteuerlich mit Bauschutt und Möbelresten verbarrikadieren und hinter brennenden Autoreifen Wache schieben, hinterlässt auch bei den Kindern Spuren. Für Kinder haben Erwachsene jetzt keine Geduld und keine Zeit.

Deshalb unsere Strategie: Überall dort, wo es möglich ist, initiieren wir kleine Aktivitäten.  Auf der Straße, auf Plätzen, vor den Gebäuden der Projekte, um die Kinder aus der Stresswolke herauszuholen. Die Initiative wird enthusiastisch aufgegriffen und schnell mit konkreten Plänen und Vorschlägen weiterentwickelt: „Das tut auch uns Erwachsenen gut“, sagt Jeanette Riquelme, Direktorin der durch das Erdbeben beschädigten Kindertagesstätte „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas, „wenn die Eltern sehen, dass wieder Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, wird das auch sie psychologisch entlasten.“

Am meisten haben sich die Pädagogen, Therapeuten mit der „Escuela Especial“ in Talca, einem der großen Projekte mit Kindern mit Behinderungen vorgenommen. Obwohl hier zwei Kinder und ihre Familien ums Leben kamen, wurde hier schon wieder mit dem Betreuungsprogramm begonnen: „Gerade unsere Kinder sind so stark traumatisiert, dass sie Nähe und Beistand brauchen“, sagt Pastor Hugo Nuñez, der sich mit meiner Frau zusammen am 27. Februar nur wie durch ein Wunder aus den Trümmern seiner eingestürzten Wohnung hatte befreien können. „Der liebe Gott hat uns nicht überleben lassen“, fügt er verschmitzt hin, „damit wir jetzt die Hände in den Schoss legen“.


Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik