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Nach dem Erdbeben in Chile: Stress und Gewalt nehmen Kinder jeden Schutz


Können Erdbeben so verschieden sein? Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar und dem in Chile vom 27. Februar? Keine Frage wurde uns in diesen zurückliegenden acht Tagen häufiger gestellt als diese.

Würde man es sich einfach machen, könnte man antworten: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass in Haiti über 220.000 Menschen starben – in Chile am Ende 600 oder vielleicht 800. Das Erdbeben in Haiti erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richterskala, das im Süden Chiles 8,8, also den fünfhöchsten Wert, der je registriert wurde. In Haiti konzentriert sich die Katastrophe auf ein Gebiet mit einem Durchmesser von nur 120 km, in Chile erstrecken sich die Zerstörungen und Verwüstungen entlang des gesamten Küstenstreifens Zentralchiles und seinem Hinterland, über eine Distanz von 650 km. Die Kosten in den am stärksten betroffenen Regionen Chiles belaufen sich auf geschätzte 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Betrag ist nicht ein einziger Peso enthalten, um den Familien zu helfen, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben.

Doch der wichtigste Unterschied ist: Chile nimmt Platz 44 ein, wenn es um seine Bestimmung des Armutsgrades geht. Haiti auf Platz 149, eine der letzten Positionen überhaupt. In Chile blieben der Staat und seine Autoritäten im Wesentlichen handlungsfähig und präsent, während sie in Haiti praktisch vollends aufhörte, zu existieren.


In dem regelmäßig von verheerenden Beben und Tsunamis heimgesuchten Erdbebenland Chile (Valdivia 1960: 9,5 Richterskala; Santiago, der Hauptstadt, 1985: 7,7; Concepción/Talca jetzt 2010: 8,8) haben es die Menschen gelernt, Gebäude so zu errichten, dass sie selbst bei schwersten Beben nicht sofort einstürzen, sondern ihren Bewohnern eine realistische Möglichkeit geben, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in Port-au-Prince, in Carrefour oder Léogâne in Haiti hatten die Chance nicht.

Trotzdem erlebten die Überlebenden in Süden Chiles die Hölle auf Erde und durchleiden Angstzustände, die den Bewohnern von Port-au-Prince in Haiti in dieser Form erspart geblieben sind. Denn bereits wenige Stunden nach dem Erdbeben setzte in Concepción und im benachbarten Talcahuano ein Phänomen ein, das die Zeitungen sehr schnell und unzutreffend mit „sozialer Tsunami“ beschrieben. Horden von Plünderern, aus den zusammengestürzten Gefängnissen entkommene Kriminelle und Hunderte von Leuten, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet zu haben schienen, durchzogen die stockdunklen Innenstädte und Wohnviertel, um Alles zu erbeuten, was ihnen in die Hände fiel: zuerst


Geldautomaten und Kassen in den Supermärkten, Apotheken, Tankstellen. Im Fall von Supermärkten und Geschäften, die durch das dreiminütige Beben beschädigt worden waren, bei denen Mauern oder Eingangstüren fehlten, hatten die Plünderer leichtes Spiel. Im Fall aller anderen „supermercados“, Fachgeschäfte, Großhandelsniederlassungen benutzten die „Besucher“ eine andere Technik: Mit gestohlenen Nutzfahrzeugen und Kleinlastwagen rammten sie die Eingangstore, Seitenwände oder Rollgitter so lange, bis sich eine Bresche auftat und auch diese Lokale ausgeräumt – und, um Spuren zu verwischen – hinterher abgefackelt werden konnten.

Verheerende Konsequenzen hatte in den Tagen nach der Katastrophe die Plünderung der Apotheken von Concepción: Während die Rollkommandos hier die Waren mit einigermaßen Wert abräumten, zerstörten sie die Medikamentenregale und trampelten auf den Arzneimitteln herum, so dass tagelang praktisch keine Versorgung mit Medikamenten möglich war. Viele Menschen, denen es gelungen war, einen Teil ihres persönlichen Besitzes aus den zusammenstürzenden Häusern und Wohnungen auf die Straße zu schaffen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen diese wenigen Habseligkeiten gestohlen wurden.

Als wir, zwei Kollegen der Kindernothilfe-Partner-Organisation ANIDE, sowie ein fünfköpfiges Ärzte- und Helferteam von „humedica“ aus Kaufbeuren – und ich – am Abend des dritten Tages nach der Katastrophe in Concepción eintrafen und dort , während der ersten Nacht bei den Feuerwehrmännern der siebten, der „deutschen Kompanie“ an der Plaza Ecuador, Schutz und Unterkunft fanden, berichteten uns die  Besatzung der Feuerwache, dass in der Nacht zuvor zwei andere „Companias de Bomberos“ überfallen und ausgeraubt worden waren. Aus Angst um ihre Familien brachten viele Feuerwehrleute ihre Frauen und Kinder mit ins Feuerwehrhaus, um sie während ihrer Einsätze in Sicherheit zu wissen.

Am Abend des zweiten Tages nach dem Beben hatte sich Präsidentin Bachelet durchgerungen, Concepción und angrenzende Städte unter Kriegsrecht zu stellen,  dem chilenischen Militär die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übertragen und eine tägliche Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 12 Uhr am nächsten Mittag zu verhängen. Den Truppen gelang es tatsächlich, die Plünderungen zu stoppen, Straßensperren zu errichten und die Ausgangssperre mit Waffengewalt durchzusetzen.

Zur Beruhigung der Menschen in den Notunterkünften oder auf der Straße – vor den einsturzgefährdeten Häusern und Wohnungen – trug diese massive Militär- und Waffenpräsenz jedoch nur bedingt bei. Zu brutal und undifferenziert reagierten viele  Soldaten, allesamt in voller Kampfmontur, auf die Einwohner von Concepción, mit denen sie in Berührung kamen. Jugendliche wurden vor unseren Augen mit Gewalt von Pickups heruntergerissen, mussten sich unter vorgehaltener Waffe mit dem Gesicht in den Dreck und Staub werfen, während sie durchsucht wurden. Obwohl wir selbst mit einem Passierschein und einer Genehmigung des chilenischen Gesundheitsministeriums in zwei eigens gekennzeichneten Fahrzeugen unterwegs waren, bekamen wir an den Kontrollpunkten mehr als einmal den geballten Stress der Staatsmacht ab: „Qué quiraí, huevon?“, brüllte mich einer der Soldaten an  – frei übersetzt: „Was willst denn du Arschloch hier?“, um dann sofort seine Waffe auf uns zu richten.

„Sie mögen vielleicht die Ordnung wieder herstellten, aber Ruhe bringen sie keine“, kommentierte die Leiterin eines der von Kindernothilfe unterstützten Projekte (dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte), ihre eigenen Erfahrungen mit den (Besatzungs)-Truppen.

Fairerweise muss an dieser Stelle ebenfalls berichtet werden, dass wir in diesen Tagen auch zahlreiche Soldaten erlebten, die sich besser unter Kontrolle hatten und den Menschen, die sie überprüften, professionell und mit Respekt begegneten – und uns, ganz persönlich, durch Offiziere des chilenischen Heeres mehrfach wichtige Unterstützung zu Teil wurde, um unsere Mission überhaupt erfüllen zu können. Im Fall des „humedica“-Ärzteteams bestand die Aufgabe darin, in dem in einer Schule untergebrachten Notkrankenhaus von Lota Patienten  zu betreuen und vor allem Wunden zu versorgen.

José Horacio Wood, Ruben Inostroza (beide von ANIDE) und ich hingehen mussten es in kürzester Zeit schaffen, alle zehn von Kindernothilfe in Concepción, San Pedro de la Paz, Coronel, Lota, Talcahuano und Talca unterstützten Projekte zu besuchen, Informationen über die jeweiligen Teams und die Kinder zu sammeln, (leider in einigen Fälle doch sehr erhebliche und nur unter hohem Kostenaufwand zu behebende) Gebäudeschäden zu dokumentieren und – vor allem anderen – zu versuchen, mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Einrichtungen erste Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.

Der extreme Stress, unter dem die Erwachsenen stehen, die Tatsache, dass nachts praktisch nicht geschlafen wird, sondern sich die Nachbarn aus Angst vor erneuten Überfällen und Plünderungen organisieren, die Eingänge zu ihrem Wohnviertel abenteuerlich mit Bauschutt und Möbelresten verbarrikadieren und hinter brennenden Autoreifen Wache schieben, hinterlässt auch bei den Kindern Spuren. Für Kinder haben Erwachsene jetzt keine Geduld und keine Zeit.

Deshalb unsere Strategie: Überall dort, wo es möglich ist, initiieren wir kleine Aktivitäten.  Auf der Straße, auf Plätzen, vor den Gebäuden der Projekte, um die Kinder aus der Stresswolke herauszuholen. Die Initiative wird enthusiastisch aufgegriffen und schnell mit konkreten Plänen und Vorschlägen weiterentwickelt: „Das tut auch uns Erwachsenen gut“, sagt Jeanette Riquelme, Direktorin der durch das Erdbeben beschädigten Kindertagesstätte „El Pescador“ in Coronel-Lo Rojas, „wenn die Eltern sehen, dass wieder Aktivitäten mit den Kindern stattfinden, wird das auch sie psychologisch entlasten.“

Am meisten haben sich die Pädagogen, Therapeuten mit der „Escuela Especial“ in Talca, einem der großen Projekte mit Kindern mit Behinderungen vorgenommen. Obwohl hier zwei Kinder und ihre Familien ums Leben kamen, wurde hier schon wieder mit dem Betreuungsprogramm begonnen: „Gerade unsere Kinder sind so stark traumatisiert, dass sie Nähe und Beistand brauchen“, sagt Pastor Hugo Nuñez, der sich mit meiner Frau zusammen am 27. Februar nur wie durch ein Wunder aus den Trümmern seiner eingestürzten Wohnung hatte befreien können. „Der liebe Gott hat uns nicht überleben lassen“, fügt er verschmitzt hin, „damit wir jetzt die Hände in den Schoss legen“.


Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Haiti: Monsieur Louis – ein Hausmeister, der einen Orden verdient hätte

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Der ältere Herr auf diesem Foto ist Monsieur Louis, mit vollständigem Namen Joachim Louis, Hausmeister der zerstörten Fort National-Schule und für mich eine der eindrucksvollstellen Persönlichkeiten, die ich in Haiti kennengelernt habe. Er hat nach der Katastrophe vom 12. Januar einze ln nach jedem der Kinder aus dieser großen Schule mitten in dem Bidonville gleichen Namens gesucht – und, wie wir heute wissen – mit Ausnahme von drei Getöteten – auch alle anderen lebend gefunden. Bei jedem Aufstieg durch die Trümmerlandschaft des Ruinenfeldes dieses riesigen Armenviertels hat er uns begleitet und den Nachbarn immer wieder aufs Neue geduldig erklärt, wer wir sind und warum wir so oft diese beschädigte Schule der Heilsarmee von allen Seiten unter die Lupe nehmen müssen.

Wer Monsieur Louis, der selbst nie in seinem Leben eine Chance erhielt, einen Beruf zu erlernen, beobachtet, wie er mit Kindern spricht, wie er ihnen zuhört, Trost spendet, einfach da ist, begreift, dass es Menschen wie ihn geben muss, sonst wären Katastrophen wie diese noch viel entsetzlicher. Während viele Lehrer und Mitarbeiter der beiden Heilsarmeeschulen College Verena und Fort National – oder auch anderer Projekte, die Kindernothilfe in Haiti unterstützt – nach dem Erdbeben vom 12. Januar – völlig nachvollziehbar – zunächst verstört bei ihren Familien blieben und versuchten, ihr eigenes Überleben zu regeln, war Monsieur Louis von der ersten Minute an dabei, beim Aufbau des ersten KNH-Kinderzentrums auf dem Gelände der Heilsarmee mitzuhelfen. Er ist im Kinderzentrumteam von Delmas Deux einer der ganz wenigen Männer, der zu den Frauen an den Kochtöpfe geht, die vollen Teller mitbringt und jedem Kind liebevoll sein Essen reicht. Ansonsten machen – auch im Haiti nach dem Erdbeben – exakt diesen Job, genauso wie das Aufräumen, Tellereinsammeln, Abwaschen und Putzen nach den Mahlzeiten nur die Frauen.

Monsieur Joachim Louis ist Hausmeister. Hausmeister einer Schule, die es so nie mehr geben wird, die, wie wir seit einigen Tagen und seit der gründlich-unerbittlichen Revision durch unsere chilenischen Architektenkollegen Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada wissen, abgerissen werden muss, weil die Substanz des Gebäudes durch das Erdbeben so schwer beschädigt wurde, dass sie nicht mehr zu retten ist. Trotzdem ist Joachim Louis jeden Nachmittag, dann, wenn die Arbeit des Kinderzentrums endet, auf dem Berg, in Fort National, überprüft die Eisenketten und Vorhängeschlösser, die er vor die Klassenzimmerräume gespannt und gehängt hat, um sicher zu stellen, dass nicht auch noch die übriggebliebenen Utensilien, Bänke, Stühle und Pulte der Schüler aus Fort National gestohlen werden. Er hat uns bei dem letzten Besuch in der Schule den winzigen, fensterlosen Raum gezeigt, in dem er immer geschlafen hat, wenn nachts der Wächter nicht kam, um auf das Schulgebäude aufzupassen und er einfach dageblieben ist, weil man ja nicht ein ganzes Schulhaus ohne Schutz lassen kann – nicht in Haiti und auch nicht anderswo. Ich weiss nicht genau, wieviel Monsieur Louis, der Hausmeister, für seine Arbeit verdient, aber ich ahne es, und möchte lieber nicht fragen.

Monsieur Louis war der erste, der wusste, dass seine Schule abgerissen werden muss: Er zeigte den beiden Architekten die Risse in den Wänden, die Schäden an einigen tragenden Elementen und erklärte, dass es immer schon Probleme mit den Fluchtwegen aus diesem verwinkelten, engen Gebäude gegeben hat und er immer Angst davor gehabt hätte, dass einmal ein Feuer ausbricht.  

Ein Neubau der Fort National-Schule wäre ein Segen für das ganze Viertel und für Monsieur Louis, der intensiv mit den Architekten darüber diskutiert, wie das neue Gebäude einmal aussehen soll – auf alle Fälle mit größeren Klassenzimmern und richtigen Fenstern, damit die Kinder besseres Licht zum Lernen haben, einer schönen Küche, weil dann das Essen, das für die Kinder gekocht wird, gleich viel besser schmeckt. Monsieur Louis verbreitet bei den Nachbarn und bei den Mädchen und Jungen aus Fort National, mit denen er über diese Pläne spricht, Optimismus, mehr noch: Gewissheit! Er ist für sie so etwas wie ein Garant dafür, dass die “blancs”, die Bleichgesichter (also wir), nicht einfach völlig durchgeknallt sind, was die Idee vom Neubau einer großen neuen Schule in diesem geschundenen Viertel anbelangt. Aber uns ist auch bewußt, dass er bei all diesen Gesprächen mit den Erdbebenüberlebenden von Fort National seine ganze eigene Glaubwürdigkeit und all seine unumstrittene Reputation in die Waagschale wirft, um uns die Türen zu öffnen. Das bedeutet, wir dürfen diese Menschen nicht enttäuschen – und schon gar nicht Monsieur Louis.

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Ihr Jürgen Schübelin

Das war einfach “HAMMA”. Ein Beitrag von Kübra Yildirim, Schulsprecherin der Gesamtschule Wesel

 

Nachdem wir unsere Spendengelder bei dem Klassenlehrer abgegeben hatten erfuhren wir, dass insgesamt über 3600€ zusammen gekommen waren. Mit so viel Geld hatten wir nicht gerechnet – doch der Schulalltag startete wieder. Anfang Dezember erreichte der Brief der Kindernothilfe unsere Schule mit der Mitteilung, dass wir 700€ als Erstplazierte mit der höchsten Gesamtsumme gewonnen hatten. Wir alle freuten uns sehr, denn das Geld konnten wir für unseren Aufenthaltsraum gut gebrauchen. Kurz vor den Weihnachtsferien erfuhren wir, dass wir den Besuch von Christina Rau und der Band „Culcha Candela“ gewonnen hatten. Das war einfach “HAMMA“. Jeder wollte dabei sein!

Unser Orga-Leiter kam ganz schön ins Schwitzen. Er hatte die Aufgabe die Veranstaltung zu organisieren. Vieles musste bedacht und geplant werden, denn unsere Schule besuchen über 900 Schüler und wir haben keinen Raum, in den alle hinein passen.

Aber dann war es so weit. Am Freitagnachmittag, dem 19.2.2010 war unsere Turnhalle super voll. Wir warteten gespannt auf Culcha Candela. Zuerst begrüßten uns die Moderatorin und Frau Rau. Sie überreichte uns die Urkunde. Alle jubelten und freuten sich über den Erfolg. 5 Schüler durften auf die Bühne und berichteten über ihren Arbeitseinsatz. Dann war es endlich so weit. Culcha Candela war da und präsentierte die neuen Songs aus der neuen CD. Es gab kein Halten mehr. Alle sangen, kreischten vor Begeisterung und nutzten Handys und Kameras für Fotos. Auch die Hits „Monsta“ und „Hamma“ waren genial. Viel zu schnell war die Zeit vorbei. Nach der Veranstaltung gab es noch eine Autogrammstunde, bei der der Ansturm sehr groß war. Wir werden den Tag nicht vergessen und hoffen, dass noch viele Schulen in den kommenden Jahren bei den Aktion!Kidz mitmachen.

Kübra Yildirim (Schulsprecherin der Gesamtschule Wesel)

Action!Kidz 2009: Culcha Candela lässt Turnhalle in Wesel toben

Als Culcha Candela die Bühne der Weseler Gesamtschule betreten, brechen fast 1.000 Schüler und Schülerinnen in Begeisterungsstürme aus. „Seid Ihr Action!Kidz?“ fragt die Berliner Hip Hop Band, bevor die Jungs mit ihrem ersten Hit „Schöne Neue Welt“ die Turnhalle zum Toben bringen.

In der Dunkelheit sieht man Hunderte von Handys. Der Versuche, einen Schnappschuss der Jungs zu ergattern. „Normalerweise ist das Handy hier tabu“, erzählt mir eine Lehrerein, „heute haben wir da eine Ausnahme gemacht.“ Und eine Kollegin fügt schmunzelnd hinzu: „Als wir früher zu einem Konzert gingen, rockten wir mit unseren Armen mit. Heute stehen alle still und halten nur noch ihre Mobilgeräte hoch. Für Fotos, Videos. Podcasts.“

Bis die Band aber tatsächlich auf der Bühne steht, um die Gewinner der Action!Kidz-Kampagne 2009 zu ehren, müssen die Kinder und Jugendlichen fast einen ganzen Tag warten. Eine Lehrerin erzählt mir: „Der Unterricht begann heute erst in der 5. Stunde. Und selbst dann konnte man bei Schülern und Lehrern die Anspannung merken“, erzählt sie. „Unterricht war da kaum möglich.“ Während die Jugendlichen noch die Schulbank drücken, herrscht in und um die Schule herum schon angespannte Aufgeregtheit. Das Lehrpersonal arbeitet schon seit morgens, um sich im besten Licht zu präsentieren. Ein Lehrer, mit dem ich ins Gespräch komme, zeigt auf die Stuhlreihe seitlich der Bühne: „Hier kommen die geladenen Gäste aus Wesel hin. Wo in Wesel so etwas los ist, kommen alle“, sagt er und ein kleines wenig Stolz schwingt in seiner Brust mit.

Ich erlaube mir einen Gang durch das Schulgelände. Polizei, Feuerwehr, Sanitäter. Auf dem Gelände der Weseler Gesamtschule am Lauerhaas herrscht aufgeregte Nervosität vor dem Auftritt der Berliner Hip Hop Band Culcha Candela. Die Polizei kontrolliert das Gelände rund um die Gesamtschule. Zu populär ist der Auftritt in der Schule am Niederrhein mittlerweile geworden. Während sich in den verschiedenen Internet-Communities rumgesprochen hatte, dass Culcha kommt, wollten viele Jugendliche auch aus anderen Regionen einfach anreisen und sich dem Konzert anschließen. Aber das geht nicht, weiß auch die Polizei. Denn Konzert ist exklusiv, nur für die Gewinne der Action!Kidz-Kampagne gedacht.

Ein Polizist sagt, dass eigentlich alles ruhig sei, aber wissen könne man nie und man sicher sei doch schließlich sicher. Kurz vor dem Auftritt der Band versammeln sich einige nicht geladenen Jugendlichen vor der Turnhalle. Alles ohne Probleme. Sie kommen nur, um ein Autogramm zu ergattern.

Irgendwann dann füllt sich die Turnhalle mit den Schülern der Gesamtschule. Das Ganze erinnert ein wenig wie das Aufstellen vor der Schule bei den Erstklässlern. In Zweierreihen betritt Klasse für Klasse die Turnhalle. Alles scheint sehr gesittet und geordnet. Eine Lehrerin zeigt mir ihren seitenlangen Programmplan. Minütlich ist hier aufgeführt, welche Klasse zu welcher Minute und an welchem Ort in der Halle Platz zu nehmen hat. Ich bin schwer beeindruckt. Nicht nur wir haben uns gut vorbereitet und zum ersten Mal wird mir so richtig klar, was für ein toller Preis dieser Tag für die Gesamtschule

Gekreische, Geschnattere, ausgefallene Outfits finden sich unter den Schülern. Für die Jungs kann man sich schon mal schick machen. Von links höre ich: Wow, eine richtige Bühne! Die Schüler sind beeindruckt. Andere spekulieren darüber, wie viele Lieder und welche die Band eigentlich spielen wird. Suchen sich den besten Platz, wenn das überhaupt geht. Zwischendrin erkennt man den hauseigenen Sanitätsdienst mit seinen leuchtenden Uniformen. Die drei Jungen und ein Mädchen haben eine richtige Ausbildung für kleinere und größere Einsätze absolviert. „Uns gibt es mittlerweile seit drei Jahren“, berichten sie stolz. Unterstützt werden sie heute vom Deutschen Roten Kreuz.

Dass er da ist, macht sich spätestens beim 3. Lied von Culcha Candela bezahlt, als ob des Gedränges der vielen Schüler an der Bühne einige Mädchen hyperventilieren.

Doch vor dem Auftritt der Berliner Band, müssen die Schüler noch ein wenig zuhören: Christina Rau, Schirmherrin der Aktion und dem Kindernothilfe-Vorsitzenden  Jürgen Thiesbonenkamp. Der stimmt die Schule nochmal auf den Sinn des Mitmachens ein: Ausbeuterische Kinderarbeit in Bolivien, in den Bergwerken von Potosi. Mitgebracht hat er einen Helm und einen Schuh, getragen von Kindern, die unter ausbeuterischen Bedingungen dort arbeiten müssen. Manchmal sagen Bilder mehr als Worte. Und für einen kurzen Moment sind alle bei den Kindern, um die es in Bolivien geht.

Dann endlich kommen und singen Culcha Candela. Sechs gestandene Kerle, die sich nicht nur für die Action!Kidz stark machen und Preise verleihen. Sondern eine Band, die sich voll ins Zeug legt für die Gewinner, um ihnen einen wirklichen unvergesslichen Moment zu bescheren. Mitgebracht haben sie unter anderem ihre Hits Monsta und Hamma. und dann gibt es auch noch die eine oder andere Zugabe, und zwar ohne sich lange bitten zu lassen.

Danach gibt es in der Aula der Schule Autogramme. Ich bin schwer beeindruckt, wie viel Zeit sie dafür mitgebracht haben. Kleine Gesten, Fotos mit dem einen oder anderen Bandmitglied. Die coolen Jungs sind auf einmal eine Band zum Anfassen, mit denen man reden kann, denen man auf einmal ganz kurz ganz nah sein kann. Eine Stunde später gibt es keine Autogrammkarten mehr, aber dafür 100 traurige Kidz. Doch die Culchas lassen auch sie nicht im Regen stehen, sondern versprechen, dass sie Autogramme nachschicken werden. Danke dafür.

Als sich das Schulgebäude am Abend leert, sehe ich nur in zufriedene Gesichter: Bei den Schülern, bei den Lehrern, bei der Band, bei uns Veranstaltern. Bundesweit haben sich über 6.000 Schüler und Schülerinnen gegen Kinderarbeit stark gemacht. Mit dem Anreiz auf einen solchen Hauptpreis, könnten es 2010 vielleicht auch noch mehr werden. Die Kinder in Haiti, für die das Geld in diesem Jahr gedacht sein wird, werden es ihnen danken!

Simone Orlik,
pressestelle@knh.info

Haiti: Zwei chilenische Architekten als Therapeuten. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

In den Ruinen der eingestürzten Häuser und Gebäude von Port-au-Prince wird sechs Wochen nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar wieder intensiv gearbeitet: Überall sind Tausende von Männer, Jugendliche und Kinder wie Teile eines riesigen Ameisenheeres damit beschäftigt, alles, was an Metall- und Eisenteilen abzusägen, herauszubrechen oder freizulegen ist, zu ergattern, abzutransportieren und zu verkaufen. Die ganze Stadt gleicht einem gigantischen Steinbruch. Für Schrotthändler ist Port-au-Prince derzeit so etwas wie das El Dorado der Karibik.

Wer in dieser Stadt richtig Geld hat – und das sind vor allem die Banken, einige Supermärkte und Autohändler – aber auch große Firmen wie die alles beherrschenden Telefongesellschaften „Digicel“ und „Voilà“, die den Haitianern mit ihrem pre-paid-Handy-Systemen noch den letzten Gourde aus der Tasche ziehen, lassen ihre beschädigten Gebäude professionell abreissen und den Schutt entsorgen. Die Tages-Mietpreise für einen Bagger oder einen schweren Lastwagen haben astronomische Höhen erreicht. Aber – und das ist unübersehbar – die Schockstarre der ersten Wochen nach der schwersten Katastrophe in der Geschichte Haitis beginnt sich zu lösen, die Ab- und Aufräumphase hat begonnen.

Auch für Kindernothilfe: Während wir einerseits weiter mit aller Kraft daran arbeiten, das Kinderzentren-Programm auszuweiten und mit Notschul- und Trauma-Care-Projekten  inzwischen rund 2.318  Mädchen und Jungen erreichen, haben die beiden chilenischen Kollegen in unserem Team, Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada, in dieser zu Ende gegangenen Woche mit ihren professionellen Ressourcen zur psychologischen Trendwende beigetragen. Pablo und Alvaro sind Architekten, Experten in Stadtteilentwicklung und erdbebensicherem Bauen – aber vor allem auch Kommunikationstalente.

„Wir kommen aus einem Land“, erklärt Pablo den fasziniert zuhörenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Coupeau, einer kleinen Berggemeinde südlich von Carrefour, dort, wo die von Kindernothilfe und der Dorfgemeinschaft selbst gebaute Schule am 12. Januar in sich zusammengestürzt ist, „wo es alle vier Jahre schwere Erdbeben gibt, viele von ihnen schwerer als das, das Ihr erlebt habt“. Die Chilenen, so seine Botschaft, hätten, um zu überleben, lernen müssen, erdbebensicher zu bauen, sich auf Katastrophen vorzubereiten und mit ihnen umzugehen.

Mitten in der Ruine der kleinen Schule, von der nur noch die Stützpfeiler und einige Mauerteile stehen, erläutert er gestenreich, wie beim Wiederaufbau vorgegangen werden muss, damit das Gebäude dem nächsten Erdbeben standhält, mit eisenbewehrten Stützopfeilern, soliden Trägern und Verstreben, die dem Gebäude Stabilität verleihen. „Wir kommen wieder“, verspricht er den Kindern und Jugendlichen – und ihren Eltern, „um mit Euch allen zusammen diese Schule wieder aufzubauen und mit Euch zu lernen, wie das auf eine erdbebensichere Weise geschehen kann.“

Nicht nur die Menschen in Coupeau sind von der Idee, dass aus den Ruinen wieder solide, sichere Gebäude entstehene können, wie elektrisiert: In „Fort National“, dem großen Bidonville (Armenviertel) in Delmas Deux, wo vor der Katastrophe eine der von Kindernothilfe finanzierten Heilsarmee-Schulen von Port-au-Prince funktionierte, beobachten die Nachbarn jeden Schritt, jede Handbewegung der beiden chilenischen Architekten, die sorgfältig Quadratmeter für Quadratmeter der Ruinenlandschaft um die Schule herum mit ihrem Laser-Messgerät abtasten und kartographieren. Ermina Brice (10), eines der Kindernothilfe-Patenkinder aus diesem Projekt und ihr Bruder Rony (12), wollen uns gar nicht mehr gehen lassen – sondern fragen immer wieder, wann denn es denn mit der Schule wieder losgeht. „Diese Schule ist alles, was die Menschen in diesem Armenviertel je hatten“, sagt uns der Pastor, der mit seiner Familie direkt neben dem Ruinenfeld lebt: „Zu sehen, dass Ihr und die Heilsarmee Euch Gedanken darüber macht, diese Schule neu zu erbauen, ist für uns ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.“

Von allen Seiten werden die beiden Architekten bestürmt, zu erklären, wie denn die neue Schule von „Fort National“ aussehen wird. Doch dafür muss erst einmal das alte Gebäude, das angesichts seiner schweren baulichen Schäden nicht mehr zu retten ist, abgetragen – und all der Schutt entsorgt werden. Eine gigantische Aufgabe! „Drei Kinder aus dieser Schule sind gestorben“, sagt uns eine Mutter, „wir würden Alles dafür geben, dass sie noch am Leben wären.“ Insgesamt sind es nach dem bisherigen Erkenntnisstand sogar 19.000 Menschen, die allein in diesem Stadtteil ums Leben kamen. Kindernothilfe hat sich gegenüber ihrem Partner, der Heilsarmee, dafür verbürgt, die „Ėcole Fort National“, die einzige Schule in weitem Umkreis, wieder aufbauen zu helfen. Die beiden chilenischen Architekten, Pablo und Alvaro, werden von den Kindern und Erwachsenen wie Helden verabschiedet, per Handschlag und Umarmung.

Doch das größte und symbolträchtigste Bauvorhaben, zu dem wir uns verpflichtet haben, ist der Neubau einer Schule für 1800 Mädchen und Jungen auf dem Gelände der „Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant Jesus“ in Riviere Froide, im Süden von Carrefour – jenem Ort, an dem 150 Kinder, vier Ordensschwestern, fünf Lehrerinnen und Lehrern unter den Trümmern der komplett eingestürzten alten Schule der „Kleinen Schwestern“ starben. Über vier Wochen nach der Katastrophe hat es gedauert, bis wir mit den Schwestern über dieses Vorhaben sprechen konnten, vier Wochen behutsamer Trauerarbeit, kontinuierlicher Präsenz und diskreter Unterstützung mit dem Lebensnotwendigsten: Wasser, Planen, Lebensmittel. Drei Tage lang begehen Pablo und Alvaro zusammen mit den Schwestern das ausgedehnte Gelände, vermessen, zeichnen, lassen sich sagen, wie sich die tapfere Ordensgemeinschaft, mit der Kindernothilfe seit über acht Jahren kooperiert, ein neues Schulgebäude vorstellen könnte.

Klar ist, dass nicht dort gebaut werden soll, wie die alte Schule all die Kinder, Ordensfrauen und Lehrer unter sich begrub. An dieser Stelle wünschen die Schwestern eine Gedenkstätte, einen Platz mit schönen, großen Bäumen, mit einem Stein, auf dem die Namen aller Toten stehen.  

Die therapeutische Wirkung der Architektenpräsenz auf dem Hügel von Riviere Froide ist augenfällig: Immer engagierter diskutieren die Schwestern mit den beiden chilenischen Kollegen im KNH-Team, immer mehr Ideen und Vorschläge für die Ausgestaltung der neuen Schule werden entwickelt. Und immer mehr Kinder schreiben sich, während an den Plänen für dieses große Projekt geschmiedet wird, für den provisorischen Unterrichtsbeginn unter freiem Himmel und Zeltplanen ein. Am Ende dieser Woche sind es bereits 1200 Mädchen und Jungen.

Trotzdem ist dieser mutmachende Prozess immer wieder auch mit Tränen und Verzweiflung verbunden. Am Samstagabend, nach tagelangen Beratungen, sagt uns Soeur Giséle Chaperon, die tapfere Schulleiterin der Sekundarstufe: „Wir haben verstanden, dass wir am Ende Bagger und schweres Gerät brauchen, um den Schutt und die ganzen Betonteile wegzuräumen.“ Die ganze Zeit über hatten die Schwestern gehofft, dass es möglich sein würde, mit der Unterstützung ihrer Freunde, der Bauernfamilien aus den Dörfern rund um Carrefour, ein „Conbit“, eine Gemeinschafts-Aktion, zu organisieren, die Ruinen der Schule abzutragen und die Leichen der toten Kinder und Erwachsenen einzeln zu bergen.

Pablo Guzmán hatte die ganze Zeit über behutsam versucht, zu erklären, dass das mit aller menschlichen Arbeitskraft der Welt nicht möglich sein würde, dafür sind die tonnenschweren Betonplatten, die da in sich zusammenstürzten, einfach zu schwer. Am Ende verabschieden die Frauen die beiden chilenischen Spezialisten mit Umarmungen und Segenswünschen. Jetzt geht es darum, einen ersten Entwurf für die neue Schule von Riviere Froide zu entwickeln, dann kommen die Architekten wieder, um über die Details zu diskutieren. „Uns ist klar geworden, dass Kindernothilfe es wirklich ernst meint mit dem Neubau dieser Schule“, sagen uns Soeur Giséle und ihre Kollegin, die Schulleiterin der Grundschule, Soeur Evanette, „dieses Projekt ist für uns wie ein Zeichen dafür, dass es nach jeder Nacht einen Morgen gibt – und Gott nicht will, dass die Arbeit mit den Kindern aus Riviere Froide unter diesen Ruinen ein Ende gefunden hat.“

Jürgen Schübelin (21.02.2010)

“Blau ist die Farbe der Hoffnung.” Ein Beitrag von Helmut Michelis

217.000 Todesopfer, 250.000 zerstörte Häuser, Hunderttausende Menschen warten noch immer verzweifelt auf Hilfe. Die Zwischenbilanz ist erschreckend. Aber es gibt unübersehbare Fortschritte. Auch ins Epizentrum des Erdbebens, nach Leogane, sind inzwischen deutsche Helfer vorgestoßen.

Das Grau der Trümmer wird auf den Luftbildern von der haitianischen Hauptstadt mehr und mehr mit leuchtend blauen Flecken durchsetzt: von den Hilfsorganisationen gelieferte Plastikplanen. Damit schützen sich die in Parks, auf Sportplätzen und auf der Straße lebenden Erdbebenopfer vor der Sonne – und vor dem mit Schrecken erwarteten Regen. “Das Leid ist immer noch unvorstellbar”, berichtet Steffen Richter von der Hilfsorganisation Humedica (Kaufbeuren), die sich für Haiti mit der Duisburger Kindernothilfe zusammengeschlossen hat.

Die 30 deutschen Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern operieren an drei Stellen im Stadtgebiet noch immer fast ohne Pause. Neuestes Projekt ist eine Prothesen-Werkstatt im Krankenhaus “Espoir”, die den vielen amputierten Erdbebenverletzten das Leben erleichtern soll. Die Kindernothilfe plant mittlerweile ein viertes Zentrum für die jüngsten Opfer des furchtbaren Bebens vor einem Monat.

Humedica-Helfer sind unterdessen als erste Mediziner ins verwüstete Epizentrum des Bebens, Leogane, vorgestoßen. Das Team bietet in einem Zeltlager ärztliche Basisversorgung an. “Bereits um fünf Uhr früh warten die ersten Patienten geduldig. Häufigste Beschwerden sind Durchfallerkrankungen, Pilzinfektionen und Lungenentzündungen”, berichtet Humedica-Mitarbeiterin Ruth Bücker.

Die Einheimischen seien Smog, Dreck und Sonne ausgeliefert, ihr Immunsystem werde dadurch stark geschwächt. Bücker: “Dass sie nicht genug zu essen und keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, erschöpft die Menschen zusätzlich. In der bevorstehenden Regenzeit rechnen wir vermehrt mit Fällen von Malaria und Dengue-Fieber.”

Trotzdem sind die Helfer optimistisch. “Unsere Arbeit macht ständig Fortschritte. Wir spüren, wie willkommen die Hilfe bei der Bevölkerung ist”, sagt der Einsatzleiter des Technischen Hilfswerks (THW) in Port-au-Prince, Stefan Tahn. “Das ist unser größter Lohn.” Seit dem 18. Januar laufen die THW-Trinkwasseranlagen in Haiti rund um die Uhr, inzwischen auch in Leogane. “Wir haben bislang 3,5 Millionen Liter Wasser aufbereitet”, so Tahn. Trinkwasser gehöre weiterhin zu den am dringendsten benötigten Versorgungsgütern.

“Die Menschen sind sehr dankbar”, bestätigt Ruth Bücker, die gerade eine Verteilaktion von Babynahrung begleitet hat. Berichte von Aggression und Gewalt könne sie nicht bestätigen. “Bei uns läuft alles friedlich.”

“Am Anfang habe ich nur darüber nachgedacht, was medizinisch gemacht werden musste”, berichtet die Mönchengladbacherin Britta Merten. Die Chirurgin, die am Krefelder Helios-Klinikum arbeitet, ist gerade aus Haiti zurückgekehrt. Erst nach einigen Tagen habe sie Zeit gefunden, mit Patienten ins Gespräch zu kommen.

Die Schicksale von Menschen, die stundenlang verschüttet waren, oder die Geschichte eines jungen Mädchens, dessen rechte Hand nicht mehr zu retten war, hätten sie schon sehr berührt. Inzwischen belebe sich die Stadt wieder, “Ich fand es eher schade, wieder gehen zu müssen. Andere deutsche Ärzte übernehmen nun meine Aufgabe.”

Humedica und Kindernothilfe richten sich auf einen zweijährigen Einsatz in Haiti ein und haben dafür ein gemeinsames Büro in Port-au-Prince eröffnet. Ein größeres Projekt ist die Verteilung von Werkzeug und Baumaterial an Familien. “Damit können sie sich zumindest für die nächsten Monate behelfsmäßig eine geschützte Unterkunft schaffen”, so Richter.

In zwei Kinderzentren im Stadtzentrum betreut die Kindernothilfe 800 Mädchen und Jungen von drei bis sechs Jahren und schützt sie so auch vor sexuellen Übergriffen. Ein drittes Zentrum in der Nähe der zusammengestürzten Schule “Francois de Sales” bei Carrefour sowie ein viertes an der Grenze zur Dominikanischen Republik seien geplant.

“Zum Teil sind die Kinder ohne Begleitung und sehr aufgewühlt. Wir müssen ihnen Schutz und Sicherheit bieten und mit ihnen gemeinsam das Erlebte überwinden”, so Vladimir Constantin, Psychologe der Kindernothilfe, die Herausforderung. 

Der massive Einsatz internationaler Helfer in Port-au-Prince sorgt auch für skurrile Nachrichten. So tauchte im “Espoir” ein US-Fernseharzt der Serie “The Doctors” auf, vertrieb mit Erlaubnis der Klinikleitung die deutschen Ärzte aus dem Operationssaal und führte vor laufenden Kameras eine Schönheits-Operation an einer Stirnnarbe eines kleinen Jungen durch. Das Humedica-Team um Norman Hecker, Anästhesist am St. Marien-Krankenhaus in Ratingen, schäumte vor Wut. Denn draußen mussten 18 Schwerverletzte warten.

Helmut Michelis ist Mitarbeiter der RP und hat die Arbeit der Kindernothilfe und Humedica beobachtet.

“Mitten ins Herz.” Ein Beitrag von Jürgen Schübelin aus Jacmel

“Das Schlimmste war“, sagt Stephanie, „dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte und alles um mich herum einstürzte“. Das elfjährige Mädchen fügt leise hinzu: „Und danach auf der Straße die vielen toten Personen, und die Verletzten und all die weinenden und schreienden Menschen.“ Der neben ihr sitzende zehnjährige Anderson sagt ganz ernst: „Es tut mir so leid um all die vielen Kinder und Erwachsenen, die bei dem Erdbeben ums Leben kamen. Aber ganz oft hat es die Falschen getroffen – und nicht die wirklich bösen Menschen, die, die anderen weh tun…“

Es war gar nicht unsere Absicht gewesen, dass uns die Kinder aus der KNH-Partnerorganisation MHDR in Jacmel eines nach dem anderen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen an diesem 12. Januar, nachmittags um 16:53 Uhr berichten sollten, aber je länger die Kinder sprechen, um so mehr spüren wir, wie außerordentlich wichtig es für sie ist, dass wir ihnen zuhören, ihnen eine Möglichkeit geben, noch einmal die entsetzlichen Stunden nach dem Erdbeben zu beschreiben. 

Jacmel liegt im Süden von Haiti. Vor der Katastrophe war es möglicherweise der einzige Ort in diesem Land mit so etwas wie einem gewissen touristischen Potential, schönen farbiggestrichenen alten Holzhäusern, Stränden mit Palmen, die haitianische Stadt, in der Simon Bolivar für seinen Kampf gegen die spanischen Besatzer einst voller Verzweiflung die Hilfe des ersten Landes in Lateinamerika, das sich 1804 aus dem Joch der Kolonialherrschaft hatte befreien konnen, erbat und von General Petion und den Bürgern des freien Haiti auch großzügig erhielt.

Jetzt liegt ein großer Teil von Jacmel in Trümmern, vor allem die Straßenzüge unten am Meer. Die Zahl der Leichen, die aus den zerstörten Häusern geborgen wurden, beläuft sich inzwischen auf 382. Die Stadtverwaltung hat mit Hilfe von Ingenieuren und Baustatikern alle Häuser untersuchen lassen – und ist damit deutlich weiter als die Behörden in der Hauptstadt Port-au-Prince.Ganz viele Gebäude tragen, obwohl sie bei dem Beben stehen blieben, ein großes rotes Kreuz, das heißt, sie müssen abgerissen werden, weil die Schäden an der Struktur und Substanz so groß sind, dass eine Reparatur unmöglich wäre.

Auch in Jacmel leben alle Familien auf der Straße, in endlosen Zeltreihen: „Wir vermissen unsere Häuser“, sagen die MHDR-Kinder, auf der Straße ist es gefährlich – nicht etwa, weil es in Jacmel eine besonders hohe Kriminalitätsrate geben würde, sondern weil immer wieder Unfälle passieren, auf der Straße schlafende Menschen von Autos oder Motorrädern angefahren werden, sich im Dunkeln verletzen. 

Für die drei Tage vom 12. bis 14. Februar hat die Regierung drei Gedenk- und Trauertage verordnet. Überall finden Gottesdienste statt, mit singenden, inbrünstig betenden und tanzenden Menschen. In Jacmel beeindruckt uns ein, über einem Straßenzug, von dem nur noch Schutthaufen übrig geblieben sind, gespanntes schwarzes Transparent, auf dem die Überlebenden die Namen ihrer toten Familienangehörigen und Nachbarn geschrieben haben. Oder an einer anderen Stelle der Stadt hängen große, weiße Papierbögen an den Mauerresten, mit liebevoll verfaßten Botschaften an die Verstorbenen.

In einem langen Zug ziehen Tausende, mit weißen Hemden gekleidete Menschen, schweigend durch die Stadt, durch all die Straßenzüge, in denen in Jacmel Familienangehörige und Nachbarn unter den Trümmern ihrer zusammengestürzten Häuser starben.

Zumindet hier, an diesem Ort im Süden des Landes, haben die Überlebenden einen Monat nach der größten Tragödie in der Geschichte Haitis offenbar einen Weg gefunden, endlich ihrer Trauer angemessen und würdig Ausdruck zu verleihen. Der Verkehr auf den Straßen -auch in der Hauptstadt Port-au-Prince – hat deutlich abgenommen und auch die internationale Helfergemeinschaft scheint einen Augenblick inne zu halten, um diese intensiven und emotionalen Stunden mit den Gottesdiensten an jeder Straßenecke – unter Zeltplanen oder einfach unter freiem Himmel – nicht zu stören.

Am Montag, 15. Februar, wird unsere Arbeit weiter gehen – unter anderen mit dem Start von zwei weiteren Kinderzentren, diesmal in Jacmel, in Kooperation mit dem örtlichen Kindernothilfe-Partner MHDR und seinem Team aus Sozialarbeitern und einem Psychologen – und zwar mit 60 Mädchen und Jungen aus dem eher ländlichen Morne Ogé und 60 weiteren aus La Mandú, mitten in der Stadt, dort, wo es die schwesten Zerstörungen gegeben hat. „Wir wünschen uns, bald wieder in die Schule gehen zu dürfen“, sagt die elfjährige Stephanie, „es ist nicht schön, den ganzen Tag zwischen den Trümmern der kaputten Häusern bleiben zu müssen.“ Die Arbeit der Kinderzentren ist auf dem Weg dorthin zumindest ein Anfang.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik ist derzeit vor Ort und bloggt für uns, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin

Haiti: Bei den Kindern von Jimaní. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

 

(Port-au-Prince, 11.02.10) In Jimaní kann man sich nicht verfahren: „Da am Ende der Straße, da findet Ihr das Centro de Nutrición“ sagen uns die Frauen, die Früchte auf dem Weg verkaufen. Am Ziel werden wir bereits erwartet. Flavia Floriano und Sonis Pérez wollen uns ihr Projekt zeigen, ein nagelneues, gelbgestrichenes Gebäude mit hellen Räumen und einem schönen Innenhof: „Ein paar Tage vor Weihnachten haben wir dieses Zentrum eingeweiht – und drei Wochen später kam die Katastrophe“, sagt Flavia, die Ältere. Dass wir, als es darauf ankam, dieses Haus zur Verfügung stehen hatten, war wie ein Geschenk, fügt sie leise hinzu.

Bereits am frühen Morgen des 13. Januars, wenige Stunden nach furchtbaren Erdbeben – 100 Kilometer weiter – in Port-au-Prince, kamen die ersten Kinder und auch Erwachsene aus Haiti, die meisten von ihnen schwerverletzt und alle völlig traumatisiert. Menschen, die ein Auto hatten, Lastwagenfahrer, wildfremde Leute mit einem Bus, hatten die Kinder und anderen Schwerverletzten einfach eingeladen und über die Grenze gefahren, nach Jimaní, dem ersten Ort auf dominikanischer Seite. In dem kleinen Krankenhaus wurde während der ersten Tage nach dem Erdbeben praktisch ununterbrochen operiert, Brüche und schwere offene Wunden versorgt – aber auch amputiert, weil die Gliedmaßen nicht mehr zu retten waren. Da das Krankenhaus schon sehr bald an seine Grenzen stieß, wurde das „Centro de Nutrición y Formación Técnica San José“, genannt nach dem Schutzheiligen der Katholischen Pfarrgemeinde von Jimaní, einfach zum Lazarett für Kinder. 38 schwerverletzte Mädchen und Jungen wurden in dem Monat, der seit dem Erdbeben vergangen ist, hier versorgt, nachbetreut, wieder aufgepäppelt. Hinzu kommen all diejenigen, die ohne äußerliche Verletzungen – aber unter Schock und völlig traumatisiert in Jimaní gestrandet sind.

Die Sprachprobleme hat das Team im „Centro de Nutrición“ relativ schnell überwinden können. Zwei junge haitianische Ärzte nahmen sich der Kinder an und auch die Freiwilligen aus der Pfarrgemeinde San José und vom Roten Kreuz in Jimaní, die rund um die Uhr in dem Centro Dienst tun, haben in wenigen Tagen so viel an Kreole gelernt, um sich mit den Kindern verständigen zu können. Aber es gibt auch einige Mütter und zwei Väter, die es mit den verletzten Kindern bis hierher geschafft haben.

Inzwischen schwankt die Zahl der kleinen Patienten. Zum Zeitpunkt unseres Besuches gibt es neun Kinder, deren Wunden versorgt und für die das Projekt die Nachsorge übernommen hat, einige von ihnen mit amputierten Gliedmaßen. Aber es treffen immer noch neue Kinder ein – die entweder aus dem Krankenhaus zur Nachsorge verlegt werden konnten – oder die es irgendwie doch über die mittlerweile wieder abgeriegelte Grenze und gut bewachte Grenze geschafft haben. Für die kommenden drei Monaten will das Team um Padre Roselio Díaz, den Pfarrer der San José-Gemeinde, Blanca Díaz, seine engagierte Assistentin, die so etwas wie das Management des Projektes übernommen hat, in dem eigentlich Jugendliche aus Jimaní hätten ausgebildet werden sollen, Marcus López vom Pfarrgemeinderat, Flavia Floriano und Sonis Pérez – allesamt Freiwillige – ihr Haus weiterhin für die Kinder aus Haiti zur Verfügung stellen.

Ihre kleinen Patienten haben indes nur einen Wunsch: Sie wollen nach Hause, zu ihren Familien. Das ist jedoch gar nicht so einfach: „Zuerst müssen wir herausfinden, wo es Verwandte der Kinder gibt und wo sie werden leben können“, erklärt Flavia. In einigen Fällen ist die Familienzusammenführung bereits gelungen. Eine Reihe von Kindern aus dem Projekt konnte zu Angehörigen in Ganthier oder Croix des Bouquets, zwei Orte entlang der Straße nach Port-au-Prince, wo die Erdbebenschäden nicht ganz so verheerend ausgefallen sind, zurückkehren.

In anderen Fällen wird das nicht möglich sein, weil keine Verwandten gefunden werden können. Padre Roselio, der der Ordensgemeinschaft der Claretiner angehört, hat alle möglichen Kirchenkontakte in Port-au-Prince mobilisiert, um bei Suche nach Lösungen zu helfen. Eine der Aufgaben in den kommenden Wochen und Monate, dann wenn die Wundstümpfe der Kinder mit amputierten Gliedmaßen verheilt sind, wird auch darin bestehen, den kleinen Patienten zu Prothesen zu verhelfen und ihnen bei der Rehabilitation behilflich zu sein. Dazu gehört auch, sie dabei zu unterstützen, den erlittenen Schock zu überwinden. In dem hellen gelben Gebäude, wo die Kinder auf Matratzen am Boden liegen, wird deshalb ganz viel gespielt, gesungen, gelacht. „Wenn wir mitbekommen, dass die Kinder über uns Witze machen, weil wir einfach nicht richtig Kreole sprechen“, freut sich Blanca Díaz, „wissen wir, dass es ihnen langsam wieder besser geht“. Kindernothilfe unterstützt die Pfarrgemeinde San José in Jimaní bei ihrer selbstgestellten Aufgabe. Als wir uns von den Kindern, dem Pflegeteam und den Freiwilligen verabschieden und ich nach Port-au-Prince zurückfahre, sagt Flavia zum zweiten Mal an diesem Tag: „Gottseidank, dass wir es geschafft haben, dieses Zentrum rechtzeitig zu Ende zu bauen. Was für ein Glück!“ Ja, antworte ich, was für ein Glück!

Jürgen Schübelin, Referatleiter Lateinamerika und Karibik, derzeit in Haiti, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin und Christian Jung

Culcha Candela mit exklusivem Auftritt für Action!Kidz-Gewinner in Wesel

Sie haben es sich redlich verdient: Die Schüler der Lauerhaas-Gesamtschule in Wesel haben bei der deutschlandweiten Kampagne Action!Kidz  geputzt, was das Zeug hielt, und dafür Spenden für ein Projekt gegen ausbeuterische Kinderarbeit in Bolivien gesammelt. Ihr Preis dafür: Ein exklusives Konzert der Hip-Hop-Band Chulcha Candela. Mit dabei ist ebenfalls Schirmherrin Christina Rau, die den Preis überreicht.

350 der 1.000 Gesamtschüler hatten im November einen Tag lag in elterlichen Betrieben, auf Bauernhöfen, in Kindergärten, im Tierheim und bei Nachbarn Hilfsarbeiten durchgeführt. Daraus kamen 3.639,39 Euro an Spenden für Kinder in Bolivien zusammen, die unter unmenschlichen Bedingungen in Bergwerken arbeiten müssen.

Jetzt dürfen die Lauerhaas-Schüler die Bandmitglieder von Culcha Candela, die mit Hits wie Monsta oder Hamma die Charts stürmten, in ihrer Schule willkommen heißen. Beim Konzert teilnehmen dürfen lediglich die Schüler der Gesamtschule Am Lauerhaas. Alle anderen Interessierten bitten wir um Verständnis.

Ebenfalls dabei: Christina Rau, die Ehefrau des verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Sie wird als Schirmherrin der Aktion die Urkunden überreichen. Einige Lauerhaas-Schüler erzählen von ihrem “Action!Kidz”-Einsatz, und eine Schülerband präsentiert den speziell für diesen Nachmittag umgetexteten “Monsta”-Hit. Culcha Candela wird sich zum Abschluss des Tags unter die Fans mischen und fleißig Autogramme schreiben.

Mit ihrer bundesweiten Kampagne „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit” rückt die Kindernothilfe alljährlich das soziale Engagement von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Und das auch im kommenden Jahr. Von Oktober bis November heißt es wieder: Auf die Plätze, Ärmel hoch! Im vergangenen Jahr nahmen 6.400 Mädchen und Jungen aus ganz Deutschland teil und sammelten über 95.000 Euro. DANKE dafür.

Von Ascheffel nahe der dänischen Grenze bis Radolfzell am Bodensee gingen sie ans Werk, um sich mit kleineren und größeren Arbeitseinsätzen und Putzaktionen für ihre Not leidenden Altersgenossen stark zu machen. Als Action!Kidz wirbelten sie durch Gärten, Garagen und Haushalte ihrer Nachbarschaft. Wischen, waschen und sortieren stand ebenso auf ihren Einsatzplänen wie Laub harken und Keller entrümpeln.

Vergeben wurden die Preise in den Kategorien „Höchster Gesamtspendenbetrag” und „Höchster Pro-Kopf-Spendenbetrag”, jeweils in den Altersgruppen bis elf und ab zwölf Jahre. Der Hauptgewinn, der Besuch der Band Culcha Candela, wurde unter den vier Erstplatzierten verlost. Alle vier Gewinnerteams sowie die vier Zweit- und Drittplatzierten erhalten Preisgelder, die der Kindernothilfe von der Brendow-Stiftung zur Verfügung gestellt werden.

Mehr Informationen zu den Action!Kidz
http://www.kindernothilfe.de/Rubriken/Service/Action%21Kidz-p-2431.html

pressestelle@knh.info

Nach Haiti: Ausnahmezustand für die Inlandsarbeit. Ein Update für Paten und Spender

Nach dem Erdbeben auf Haiti ist auch die Arbeit der Kindernothilfe in einem Ausnahmezustand. Telefone stehen nicht still, unzählige E-Mails werden beantwortet, auch an den Wochenenden. Alle, die länger als gewohnt auf eine Antwort warten müssen, bitten wir sehr herzlich um Verständnis! Einen kleinen Einblick zum Stand der Dinge hat deswegen Gerd Heidchen, Leiter des Spenderservices, für Sie zusammengestellt.

Wir erleben im Spenderservice der Kindernothilfe sehr viel Anteilnahme an den Erdbebenopfern in Haiti und eine Welle der Hilfsbereitschaft. Viele Menschen möchten einfach gern ihren Beitrag leisten. Besonders dankbar sind wir natürlich für die Spenden. Sie versetzen uns in die Lage, die Soforthilfe zu organisieren, dabei besonders für die Kinder dazusein und später den betroffenen Familien beim Wiederaufbau der zerstörten Lebensgrundlagen zu helfen. Und die vielen besonderen Spendenaktionen von Schulklassen, Firmenbelegschaften, Kindergärten, Kirchengemeinden oder im Rahmen von Familienereignissen beteiligen noch einmal viele zusätzliche Menschen an der Hilfe und werden zu einer Brücke der Solidarität mit den Betroffenen.

Dennoch hat Haiti ziemlich rasch auch die Inlandsarbeit der Kindernothilfe in einen Ausnahmezustand versetzt. In den zurückliegenden Wochen haben wir Tage erlebt, an denen wir so viele Telefonanrufe erhielten, dass wir zunächst noch nicht einmal Zeit für die gewohnt rasche Bearbeitung finden konnten. Daher legen wir derzeit viele Sonderschichten ein. Auch an den Wochenenden sind viele Menschen in der Geschäftsstelle der Kindernothilfe und arbeiten in ihren Büros. Fluten von Email-Anfragen sind noch zu beantworten: Freiwillige wollen gern vor Ort mithilfen, Angebote von Sachspenden müssen geprüft werden, Familien mit entsprechenden Möglichkeiten wollen ihre Häuser für Pflegekinder aus Haiti öffnen. Auch wenn wir in solchen Fällen oft nicht weiterhelfen können, so wollen wir mit unseren Erläuterungen doch auch ein Verstehen ermöglichen. Die Menschen hierzulande können sich ja oft nur schwer in die Erfordernisse vor Ort hineinversetzen. An dieser Stelle sei auch betont: Alle, die länger als gewohnt auf eine Antwort warten müssen, bitten wir sehr herzlich um Verständnis!

Sehr hoch ist die Anteilnahme der Menschen, die ein Patenkind in Haiti unterstützen. Denn eine Kinderpatenschaft stiftet ja eine besondere Verbundenheit mit einem Kind, mit den Menschen in seiner Umgebung, mit dem jeweiligen Land und den aktuellen Geschehnissen. So sind die Paten seit den ersten Stunden der Katastrophe in großer Sorge um das Wohlergehen Ihrer Patenkinder und ihrer Familien. Alle Informationen aus Haiti versuchen wir zu verarbeiten und so rasch wie möglich weiterzugeben. Aber gerade über die Patenkinder wissen wir bis jetzt noch viel zu wenig. Auch heute, fast vier Wochen nach der Katastrophe, ist die Situation in der Hauptstadt ja noch immer äußerst schwierig. So kümmern wir uns mit allen verfügbaren Kräften vordringlich darum, den Erdbebenopfern weiterzuhelfen. Das College Verena in Port-au-Prince, eine große Schule der Heilsarmee, die die Kindernothilfe unterstützt, ist seit dem Tag nach dem Erdbeben für viele Menschen eine Anlaufstelle geworden, an der sie Hilfe erhoffen. Mehr als 1.000 Menschen haben auf dem Gelände Zuflucht gefunden und werden mit Nahrung und Wasser versorgt. Ärzte kümmern sich um die Verletzten. Auch das erste Kinderzentrum der Kindernothilfe hatte dort seine Arbeit aufgenommen. Inzwischen werden dort 600 Kinder betreut und versorgt.

Und inzwischen wissen wir endlich auch, dass sehr viele der Patenkinder das schreckliche Erdbeben überlebt haben. Für die Kinder des College Verena wachsen schon entsprechende Listen, die derzeit bei der Heilsarmee zusammengestellt werden. Aus der Schule Fort National haben wir sogar die Information, dass fast alle Schulkinder überlebt haben. Dennoch heißt das leider nicht automatisch, dass diese Patenschaften nun weiterhin bestehen. Denn es sind auch sehr viele Familien aus Port-au-Prince in ihre Herkunftsdörfer geflohen. Daher ist noch immer offen, wie es einzelnen Patenkindern tatsächlich geht. Noch immer können wir keines der einzelnen Schicksale den Paten namentlich benennen. Diese Information werden wir erst nach und nach zusammentragen können – und das kann Monate in Anspruch nehmen. Noch immer müssen wir auch damit rechnen, dass zu vielen Kindern die Verbindung endgültig abgerissen sein wird, weil sie jetzt an einem anderen Ort leben. In keiner der Kindernothilfe-Schulen kann derzeit unterrichtet werden.

Dennoch wächst die Hoffnung auf einen Wiederaufbau in Haiti. Es wächst die Hoffnung, dass im Licht der internationalen Aufmerksamkeit nun endlich Schritte möglich werden, die mehr Gerechtigkeit für benachteiligte Menschen in Haiti ermöglichen, die Zivilgesellschaft stärken und Kinderrechte umsetzen helfen – die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Haitis Kinder.

Gerd Heidchen,
Spenderservice der Kindernothilfe
pressestelle@knh.info

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, ist derzeit in Haiti vor Ort. Er hat uns die aktuellen Fotos gesendet.