Autoren Archiv

Brasilien: Aktionen gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder

Demonstrationszug der Schüler 2017 [alle Fotos in diesem Beitrag: © Gláucia Bruce, Coletivo Mulher Vida]

Am 18. Mai begeht Brasilien den Nationalfeiertag zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Unser Partner Cendhec in Recife ist wie immer engagiert dabei. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Aktionen auf dem Schutznetzwerk, das sich gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Pernambuco engagiert und die Opfer sexueller Gewalt betreut. Den ganzen Beitrag lesen »

ONG-IDEAs: Kinder bewerten die Wirkung von Projekten

Die Kinder bringen ihre Beobachtungen als Zeichnungen zu Papier. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Wirkungsbeobachtung der Projektarbeit in neun lateinamerikanischen Ländern: Sieben deutsche Organisationen und 38 ihrer Partner haben sich, unterstützt vom Entwicklungsministerium, auf dieses Experiment eingelassen. Die Kindernothilfe und elf ihrer Partner sind mit dabei. Den ganzen Beitrag lesen »

Nepal: Der Weg zurück in den Alltag

Vor drei Jahren, am 25. April 2015, bebte die Erde in Nepal, und das mit einer Stärke von 7,8. Weitere Erdbeben folgten noch Wochen später. Mehr als 8.700 Menschen verloren ihr Leben bei der verheerenden Katastrophe, es gab mehr als 22.000 Verletzte – Nepal war im Ausnahmezustand. Das ohnehin schon arme Land musste sich auf die Notsituation einstellen. Die Zerstörung war enorm, und für die meisten Menschen schien die Lage ausweglos zu sein. Drei Jahre sind keine lange Zeit, um die Schäden eines so gravierenden Erdbebens zu beheben. Doch die Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT konnte den Prozess des Wiederaufbaus beschleunigen und viele Projekte zugunsten der Kinder und Frauen realisieren. Den ganzen Beitrag lesen »

Praktikum fürs Leben: Mit YouTubern in Südafrika

Praktikum fürs Leben: Shanti und Dillan beim Interview mit der Praktikantin Ntombifuthi

Shanti und Dillan beim Interview mit der Praktikantin Ntombifuthi

Life Skills – „Lebenspraxis“ – ist in Südafrika ein Unterrichtsfach. Da geht es etwa um den respektvollen Umgang miteinander oder die Förderung der eigenen Fähigkeiten. Doch Kinder, die die Schule abbrechen, weil sie arm sind oder auf der Straße leben, haben keine Chance, Life Skills zu erwerben – es sei denn, jemand hilft ihnen. Der Kindernothilfe-Partner Youth for Christ bildet diese Helfer in einem einjährigen Praktikum aus. Die YouTuber Shanti Tan und Dillan White haben sie besucht – und unterstützen ihre Arbeit mit einer Online-Spendenaktion. Den ganzen Beitrag lesen »

Die Häuserbauerinnen von Moro

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Jürgen Schübelin sowie der Kindernothilfe-Partner Aportes

Señora Cirila hat das Leben immer schon sehr viel abverlangt. Acht Kinder brachte sie zur Welt und musste dafür kämpfen, sie jeden Tag irgendwie satt zu bekommen – an der kahlen, kargen Südseite der Quebrada von Anta, auf die fast das ganze Jahr die Sonne knallt und kaum Landwirtschaft möglich ist, eine Riesenherausforderung! Aber dank der Ziegen, die dann doch noch überall etwas Futter finden, ging es irgendwie. Bis zu jener entsetzlichen Woche im März 2017, als es in der Küstenkordillere in der Region Ancash, die normalerweise im Jahresmittel so gut wie überhaupt keine Niederschläge abbekommt, tagelang nicht aufhörte zu regnen: El fenómeno del Niño Costero nennen Meteorologen diese Klimaanomalie. Die Folgen waren entlang der gesamten Pazifikküste im Norden Perus verheerend: 162 Tote, 19 bis heute Verschwundene, Hunderte Verletzte, 66.000 komplett zerstörte Häuser, fast 400.000 stark beschädigte Wohnungen und Gebäude.

Señora Cirila

Señora Cirilas kleines Haus rissen die Wasser- und Schlammmassen, die die Quebrada von Anta herunterschossen, einfach mit. Mit ihren Kindern schaffte sie es in letzter Minute ins Freie. Aber alle Tiere starben. Alles, was Señora Cirila und ihre Familie je in ihrem Leben besessen hatten, holte sich der Niño Costero. Dazu gehörte auch die kleine Parzelle auf der anderen, der schattigen Seite der Quebrada mit den Kakteen und Maispflanzen, von der der Schlamm und das Geröll nichts übrig ließ. „Dann begann eine ganz schwere Zeit“, erinnert sich Cirila, „wir haben wochenlang gehungert.“ Denn auch die Nachbarn hatten nichts mehr, und Anta, ein kleiner Ort ganz am Ende eines der vier Täler, die den Verwaltungssitz Moro umgeben, war völlig von der Außenwelt abgeschnitten.

Das Warten auf Hilfe

Wie ganz oft nach Katastrophen in Lateinamerika gab es Hilfe für die Überlebenden nur dort, wohin Fahrzeuge und Fernsehteams kamen. Moro und die kleinen Dörfer in den vier Quebradas erfüllten dieses Kriterium nicht. Die Kommunalverwaltung war von der Dimension des Desasters völlig überfordert und verfügte über keine Mittel, um zu den Menschen in den abgeschlossenen Orten vorzustoßen. Carmen Alemán von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Aportes erinnert sich an diese dramatischen Tage: „Telefonleitungen existierten nicht, und die Handys hatten keine Verbindung mehr.“ Aber, weil Aportes im Rahmen eines Kinderrechte-Projektes zusammen mit den Dorfgemeinschaften in den vergangenen Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut hatte, „konnten uns“, so Carmen Alemán, „die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen über UKW-Frequenzen erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem, was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.“

Verteilung der Hilfsgüter

Verteilung der Hilfsgüter

Was dann folgte, war eine extrem aufwändige und logistisch außerordentlich schwierige Hilfsaktion, für die die Kindernothilfe die benötigten Mittel als Sofort-Unterstützung zur Verfügung stellte. Carmen Alemán erinnert sich an alle Details: „In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.“ Sehr schnell wurde klar, dass es vor allem an Grundnahrungsmitteln fehlte, Nudeln, Reis, Milchpulver – aber auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo oder Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. 652 sorgfältig mit all diesen Produkten bepackte Plastiksäcke konnten innerhalb weniger Tage verteilt werden.

Aber bereits während dieser Soforthilfe-Kampagne verstand das Aportes-Team, dass es noch eine ganz andere, viel schwierigere und komplexere Heraufforderung gab: Denjenigen, deren Häuser komplett zerstört wurden und die nicht in der Lage waren, selbst den Wiederaufbau zu bewerkstelligen, wieder zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen! Nachbarn und die ehrenamtlichen Kindesschutzberaterinnen in den kleinen Dörfern halfen mit, die dringendsten und dramatischsten Fälle zu erfassen und dokumentieren: Witwen mit ihren Kindern, Alleinerziehende, Familien mit Kindern mit Behinderungen oder Personen mit schweren, chronischen Erkrankungen, die zu Hause gepflegt werden. Am Ende waren es 33 Familien aus neun verschiedenen Dörfern rund um Moro, die in dieser Dringlichkeitsliste ganz oben standen.

Die Architekten-Zeichnung mit dem Modell für die 33 Häuser

Der Wiederaufbau – eine Herausforderung

Leticia und Henri, zwei erfahrene Architekten, ließen sich auf die Herausforderung ein, besuchten alle Orte, lernten die Familien und ihre Lebensbedingungen kennen, hörten ausführlich zu und entschieden sich dann für einen mutigen Vorschlag: „Wir verstanden“, erklärt Henri, „dass die Häuser – wenn das Ganze auf Akzeptanz stoßen soll – nur mit dem Material wieder aufgebaut werden können, das die Menschen kennen: adobe – selbst gefertigten Lehmziegeln. Ganz traditionell und trotzdem technisch so verbessert, dass die neuen Häuser jeder Witterung standhalten.“ Der von ihnen entwickelte Bauplan sah einen Innengrundriss von 36 Quadratmetern vor, zwei Räume, beide mit Fenstern, und das Ganze bei Bedarf erweiterungsfähig. Für alle 33 Familien bedeutete das eine deutliche Verbesserung gegenüber ihrer bisherigen Wohnsituation.

Die größte Hürde für das Aportes-Team, aber auch für die beteiligten Familien, waren die sich teilweise über Wochen hinziehenden Aushandlungsprozesse und die Überzeugungsarbeit dafür, dass es nicht möglich sein würde, die Häuser exakt am alten Standort wieder aufzubauen, sondern in jedem Einzelfall eine sicherere, vor möglichen zukünftigen Überschwemmungen geschützte Lage gefunden werden müsste. „Es ist den Menschen unwahrscheinlich schwer gefallen, den Ort aufzugeben, an dem die Familien zum Teil über Generationen hinweg gewohnt haben“, räumt Architekt Henri ein. Oftmals halfen Nachbarn mit, für die Einsicht zu werben, dass der neue Standort einfach sicherer sein müsse. Gebaut wurden die 33 Häuser deshalb ganz oft auf kleinen Anhöhen, strategisch so gelegen, dass selbst bei Starkregen das Wasser in zwei Richtungen abfließen kann.

Mit allen 33 Familien schloss Aportes einen Vertrag, in dem sich die Familien verpflichteten, die benötigten adobe-Ziegel selbst herzustellen, angeleitet von Handwerkern, nach präzise Vorgaben, was Maße und die exakte Zusammensetzung der Lehm-Stroh-Mischung anbelangt. Und auch das war Teil des deals: Bei den Bauarbeiten sollte immer die ganze Familie mitanpacken. Die neben den adobe benötigten Materialien, Zement für die Fundamente, Holz für die Dachkonstruktion, das Aluminum-Zinkblech für die Dächer, die Geogitterbewehrung, um die Mauern stabiler zu machen, Gips und Farbe stellte Aportes, finanziert durch die Kindernothilfe – genauso wie die Transport- und die Lohnkosten der beteiligten Handwerker. Rund 5.500 Euro kamen auf diese Weise an finanziellen Aufwendungen für jedes der 33 Häuser zusammen: Autoconstrucción guiada – angeleitetes, fachlich unterstütztes Selbstbauen – nennt man dieses Arbeitsprinzip, das auch vom Programm der Vereinten Nationen für das Wohn- und Siedlungswesen (UN-Habitat) als eine besonders nachhaltige Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Regionen mit großer Armut empfohlen wird.

Señora Cirila mit ihren Adobe-Steinen

Die Frauen packten mit an!

Señora Cirila und ihre Kinder hatten im August die adobe-Ziegel fertig. Danach dauerte es noch drei Monate, bis das neue Haus stand. Ihr Nachbar, don Jorge Máximo, unterstützte die Familie engagiert. „Wir haben von Woche zu Woche gesehen, was dieses Projekt mit den Frauen gemacht hat“, sagt Carmen Alemán: „Es gab eine klare Botschaft an alle: Die Frauen bauen! Und sie können das!“ Dieser Selbstbewusstseins-Schub ist für das Aportes-Team in der traditionell-archaisch geprägten Welt der kleinen Dörfer von Ancash mit der klaren Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen und immer wieder auch ganz viel machistischer Gewalt, ein wichtiges Ergebnis dieses Humanitäre Hilfe-Projektes: „Dass die Frauen gelernt haben, wie es geht, ein Haus zu bauen, macht sie unabhängiger, weniger verletzbar“, ist sich Carmen Alemán sicher.

Mit von der Partie waren während der ganzen Zeit aber auch die Kinder. Sie halfen beim Herstellen der Lehmziegel und dabei, die adobe jeden Tag umzudrehen, um sie in der Sonne trocken und hart werden zu lassen. Sie wichen den maestros, den Handwerkern, nicht von der Seite, als die Fundamente gegossen und die Mauern hochgezogen wurden. Für die achtjährige Amelia, die ganz genau erklären kann, worauf es bei einem guten adobe-Ziegelstein ankommt und wie wichtig es ist, dass er nicht zu früh zu viel Sonne abbekommt, austrocknet und bricht, ist jedenfalls klar, was sie später mal machen will: „Häuser bauen!“

Auf Wiedersehen!

Weitere Infos zur Unwetterkatastrophe in Moro:

 

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

 

 

Keine Wunder – aber eine starke Leistung

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Reinhard Schaller (Port-à-Piment) und Jürgen Schübelin

Die Hoffnung ist zurück in Port-à-Piment! Vor anderthalb Jahren, im Oktober 2016, war der kleine Küstenort im Südwesten Haitis, auf der Tiburon-Halbinsel, so etwas wie das Epizentrum der Hurrikan-Matthew-Katastrophe: Neun von zehn Gebäuden zerstört, die Menschen, die die Wirbelsturmnacht mit Windstärken von bis zu 230 km/h überlebt hatten, traumatisiert, die meisten Haustiere getötet, die Bäume entwurzelt – fast die gesamte Vegetation verschwunden. Nach Matthew wollten die, die es sich irgendwie leisten konnten, nur noch weg. Irgendwohin – einfach aus der Zone der Verwüstung heraus. Und die, die dablieben, versuchten, in den Ruinen ihrer Häuser oder in notdürftig errichteten Hütten am Strand unter blauen Plastikplanen Schutz zu finden.

Die kleine Stadt Port-à-Piment im Südwesten von Haiti war so etwas wie das Epizentrum dieser Hurrikan-Katastrophe.

„Es war, als ob der ganze Ort unter kollektiver Depression litt“, beschreibt Ulrike Schaller die Stimmung. Die Physiotherapeutin aus dem Schwarzwald lebt und arbeitet seit über 15 Jahren in Port-à-Piment. Sie betreut Patienten im kleinen Krankenhaus des Ortes. Was für den Stimmungsumschwung gesorgt hat, kann sie ganz genau sagen: „Als hier an der Berufsschule die Wiederaufbauarbeiten richtig losgingen, war das wie eine Adrenalin-Injektion.“ Plötzlich fingen auch die Nachbarn an, ihre Häuser zu reparieren. Und als es dann auch noch im Mai und Oktober 2017 für einigen Wochen regnete – nicht stark, aber ausreichend – war innerhalb ganz kurzer Zeit auch die Vegetation wieder da: Bananenstauden trieben erneut aus, diejenigen Bäume und Sträucher, die vom Hurrikan Matthew im Oktober 2016 entlaubt worden waren, zeigten vorsichtig wieder etwas Grün, und sogar auf den kahlgefrästen Hügeln rund um Port-à-Piment keimte und spross es – ganz so, als ob die Natur ihr eigenes Reparaturprogramm gestartet hätte.

Was konnte die Kindernothilfe leisten?

Die Kindernothilfe ist seit zehn Jahren an diesem Küstenort im Department Sud engagiert. Am Beginn der Kooperation mit dem Partner Centre de Développement sur la Côte Sud d‘Haïti (CDCSH) stand seinerzeit ein anderer Hurrikan, Ike, der im September 2008 in Port-à-Piment schwere Überschwemmungsschäden verursacht hatte. Damals finanzierte die Kindernothilfe ihrem Partner CDCSH den Bau von sieben Tiefbrunnen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit mit der CDCSH-Berufsschule, der einzigen auf der ganzen Tiburon-Halbinsel, immer enger. Nach dem Erdbeben von 12. Januar 2010, als Zehntausende aus der verwüsteten Hauptstadt in den Südwesten Haitis flüchteten, organisierte die Schule erfolgreiche Kompakt-Kurse für Hunderte von Jugendlichen, Mädchen und Jungs, die sich Grundkenntnisse in erdbebensicherem Mauern, Schreinern, Stromleitungen-Verlegen und Schneidern aneigneten und so nicht mit leeren Händen nach Port-au-Prince zurückkehren mussten.

Die unfassbare Gewalt von Hurrikan Matthew, dem stärksten Sturm, der Haiti in über 50 Jahren heimgesucht hatte, machte aus der Vorzeigeschule in dieser Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 2016 eine Ruine: Alle Dächer waren verschwunden, die Mauern eingedrückt und selbst die das Schulgelände umgebende Außenmauern bis auf die Fundamente niedergerissen! Die Starkregenfälle im Gefolge des Hurrikans gaben aber auch den Werkzeugen und Maschinen zur Holzbearbeitung für die Schreiner- und Zimmermannskurse den Rest. Nur ein kleiner Teil der Gerätschaften konnte aus den Trümmern herausgeholt und gerettet werden. In dieser Situation sorgte ein seit vielen Jahren mit Kindernothilfe verbundener Partner für ein ganz starkes Zeichen: Die Futura-Stiftung für Kind, Jugend und Kultur aus Hamburg erklärte sich bereit, den Wiederaufbau der Schule zu finanzieren. Damit konnte dem CDCSH-Team in Port-à-Piment grünes Licht für ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt gegeben werden: Die Neuerrichtung sämtlicher Unterrichtsräume – als lehrplanmäßig organisierte Gemeinschaftsaktion von Schülern und Lehrern!

Der Wiederaufbau

Den Auftakt machten die 55 Jugendlichen aus den drei Maurerklassen. Sie kommen sowohl aus Port-à-Piment als auch aus den Dörfern der Umgebung. Während eines ganzen Jahres nahmen viele von ihnen täglich eineinhalb Stunden Fußmarsch hin und eineinhalb Stunden zurück in Kauf, um beim Unterricht in einer Schule, die es eigentlich gar nicht mehr gab, dabei zu sein. So wie Pétit Medna (17), der aus einem der Dörfer in den Bergen oberhalb von Port-à-Piment kommt: „Ich bin stolz darauf, hier beim Wiederaufbau meiner Schule dabei zu sein“, erklärt der junge Mann. „Ich will ein guter Maurer werden. Solche Leute werden in Haiti immer gebraucht.“ Diesen Satz hat er von seinem Lehrer, Monsieur Denisieux Juste, der mit ernstem Gesicht zuhört. Der Maurermeister war schon vor vierzehn Jahren dabei, damals selbst als Auszubildender, als die Berufsschule von Port-à-Piment zum ersten Mal errichtet wurde.

Schon 48 Stunden nach der Matthew-Katastrophe vom 4. Oktober 2016 hat Denisieux Juste seine Kollegen aus dem Ausbilder-Team der Berufsschule sowie einige ihrer in der Nähe lebenden Schüler zusammengetrommelt, um anzufangen, den Schutt aus den vom Hurrikan völlig zerstörten Unterrichtsräumen heraus zu schaffen und die eingestürzten Mauern und Deckenteile abzutragen. Vor allem ging es ihnen darum, zumindest einen Teil der Werkzeuge, Holzvorräte und weiteren Arbeitsmaterialien zu retten. Und inmitten der Ruinen galt es auch noch eine ganz andere, sehr schmerzhafte Aufgabe zu lösen: Särge für diejenigen zu schreinern, die die Matthew-Nacht nicht überlebt hatten!

Inmitten der Ruine der Schule mussten die Särge für diejenigen gezimmert werden, die die Katastrophe nicht überlebt hatten.

Die Organisation der Bauarbeiten nötigte dem Ausbilder-Team – aber auch den Schülern – Höchstleistungen ab. Fast acht Monate lang war Port-à-Piment von der Stromversorgung abgeschnitten, mit der Folge, dass sämtliche Arbeiten aufwändig und kräftezehrend komplett von Hand ausgeführt werden mussten: Schalungen schneiden, Beton mischen, Teile für die Dächer sägen, Armierungen biegen. Jeden einzelnen Hohlblock-Stein der Schule fertigte das Team vor Ort in Handarbeit. Immer wieder gerieten die Anstrengungen wegen Lieferengpässen bei Zement und Holz, die aus Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis herbeigeschafft werden mussten, ins Stocken.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Vierzehn Monate, vom Oktober 2016 bis Dezember 2017, dauerte der Wiederaufbau am Ende. Bereits drei Monate zuvor, im Oktober, hatte der reguläre Schulunterricht mit neuem, selbst geschreinertem Schulmobiliar, neuen Werkbänken – statt dem früheren Blech jetzt unter einem sturmsicheren Betondach – beginnen können. Es gelang sogar in wochenlanger Fitzelarbeit, die defekten Teile des Stromgenerators der Schule zu ersetzen und das Gerät wieder in Gang zu bringen. Alle vier Fachklassen – Maurer, Schreiner, Schlosser und Klempner sowie die Computer-Kurse – arbeiten jetzt in sturm- und regensicheren Unterrichtsräumen. Reinhard Schaller, gelernter Schlosser, der die CDCSH-Schule jetzt seit fünfzehn Jahren durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist vor allem auf einen Aspekt stolz: „Über 90 Prozent sämtlicher Arbeiten konnten wir mit den lokalen Fachkräften aus der Schule und denjenigen, die in früheren Jahren hier ihre Ausbildung gemacht hatten, schultern! Nur in ganz wenigen Fällen war Hilfe von außerhalb notwendig. Die Leute hier haben sich unglaublich engagiert.“

Aber auch für die Jugendlichen selbst, die ihre eigene Schule wiederaufbauten, wurde dieses Ausbildungsjahr 2017 zu einer ganz besonderen Erfahrung. Monsieur Denisieux, der Maurerlehrer aus Port-à-Piment, ist sich sicher: „Wer hier gelernt hat, dass es möglich ist, auch nach der schlimmsten Katastrophe wieder aufzustehen und neu anzufangen, wer gesehen hat, wie es geht, so einen Wiederaufbau nur mit unserer Entschlossenheit und der Kraft unserer Hände anzugehen und unter uns alle anstehenden Aufgaben selbst zu organisieren, den haut nichts mehr um!“

Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Von Jenifer Girke

Unsere philippinischen Partner setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

Südafrika: 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid

Vor 28 Jahren beendete der damalige Präsident de Klerk mit seiner Rede die Apartheid in Südafrika. Von da an sollte die Trennung nach ethnischen Gruppen aufgehoben sein. Anlässlich des Jahrestages haben wir mit unserem Länderkoordinator in Südafrika, Phil Donnell, über die Zeit während und nach der Apartheid gesprochen. 

Interview: Sophie Rutter, Foto: Frank Peterschröder

Mädchen in einem Projekt in Durban, Südafrika. (Quelle: Frank Peterschröder)

Welche Auswirkungen hatte die Apartheid auf die Projekte der Kindernothilfe?

Die Apartheid wirkte sich in den 1980er Jahren auf verschiedene Weisen auf die Projekte unserer Partner aus. Beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit und die Freiheit, entscheiden zu können, wo man leben und arbeiten möchte, wurden uns verwehrt. Projekte wurden gebremst, da es nicht immer möglich war, Geld von internationalen Spendern und Organisationen zu bekommen. Auch die Hilfe der Regierung für Projekte mit schwarzen Kindern war sehr eingeschränkt, wenn überhaupt existent. Das Sozialsystem, das wir heute kennen und uns, aber insbesondere die Ärmsten der Ärmsten, heute unterstützt, gab es damals leider nicht. Um die Projekte umzusetzen, mussten wir auf die Hilfe und Spenden der Gemeinschaft setzen, denn andere finanzielle Hilfen blieben während dieser Zeit oft aus.

Welche Auswirkungen hatte die offizielle Beendigung der Apartheid in den 1990er Jahren?

Für Südafrika bedeutete die Demokratie, dass die vorherigen Restriktionen aufgehoben wurden und es mehr Freiheiten für alle benachteiligte Gruppen gab. Wir als Kindernothilfe hatten durch die Beendigung auch mehr Möglichkeiten, inländische und ausländische Spendengelder für unsere Projekte zu gewinnen. Bis in die späten 1990er Jahren ermöglichte ein von der Regierung neu erstelltes Sozialsystem es uns, Millionen von benachteiligten Haushalten zu unterstützen und viele unserer Projekte umzusetzen. Einigen Projekten ist es nun möglich, mit anderen Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Regierungsabteilungen zusammen zu arbeiten. Somit kann eine größere Reichweite erreicht werden.

Spüren Sie die Apartheid noch heute? 

Ja, leider schon. Viele der sozial- und wirtschaftspolitischen Ausmaße der Apartheid sind heute noch von unseren Partnern und der Bevölkerung zu spüren.

Aus sozialer Sicht ist die Trennung nach ethnischen Gruppen immer noch dadurch bemerkbar, dass viele Menschen noch wie zur Zeit der Apartheid leben – nämlich geographisch getrennt voneinander. Nur wenige schwarze Südafrikaner haben den Aufstieg geschafft und können sich Grundstücke in hauptsächlich weißen Wohngebieten leisten. Viele Schulen, besonders in den ländlichen und halb-ländlichen Gebieten, werden nur von der gleichen ethnischen Gruppe besucht.

Wirtschaftlich gesehen gibt es auch noch große Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit, die insbesondere die schwarzen Südafrikaner betreffen. Obwohl viele NGOs und die Regierung schon über 20 Jahre an dieser Ungleichheit arbeiten, gibt es für die Südafrikaner kaum Veränderungen. Das Gleiche gilt für die weißen Südafrikaner, denn sie können ihr Leben immer noch im gehobenen Lebensstil genießen. Diese Diskriminierung motiviert aber die Partner vor Ort, weiterhin daran zu arbeiten, dass die heutigen Familien nicht mehr unter den früheren Umständen leiden müssen.

Leider kann die benachteiligte Bevölkerungsgruppe nicht auf die Hilfe aller Politiker zählen, denn vielen werden Korruption und andere Machenschaften vorgeworfen. Diese Zustände gab es auch schon während der Apartheid.

Obwohl die Apartheid in Südafrika nicht mehr existieren sollte, kann man leider immer noch die Diskriminierung und Trennung im Alltag spüren. Aber man kann durchaus eine Veränderung im Land erkennen, auch wenn nicht so viele, wie gewünscht. Es könnte noch einige Jahre dauern, bis die Ungleichheit im Land nicht mehr zu spüren ist.

Philippinen/Indonesien: Melinda, Marester und Andik

Von Jenifer Girke

Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war 2017 für uns in Indonesien und auf den Philippinen und hat viele interessante und starke Persönlichkeiten kennengelernt. Vor Ort hat sie wertvolle Eindrücke gewonnen und erfahren, wie unsere lokalen Partner die Lebenssituation der Menschen verbessern konnten. Die bewegenden Lebensgeschichten von Melinda, Marester von den Philippinen und Andik aus Indonesien haben wir in den vergangenen Wochen auf unseren Social Media-Kanälen vorgestellt. Hier sind alle drei Geschichten im Überblick.

Melinda: Der Traum vom eigenen Geschäft 

Melinda lebt in Guiuan/Eastern Samar auf den Philippinen, einer Provinz geprägt von Armut und regelmäßig wütenden Naturkatastrophen. Zuhause sorgt sie für ihren Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne. Alle drei Männer sind arbeitslos und sie ist somit die Einzige, die den Lebensunterhalt bestreitet. Jede Woche trifft sich die 45-Jährige mit anderen Frauen zu einer von unserer Partnerorganisation Sikat Ngo initiierten Selbsthilfegruppe. Hier entstehen Ideen, wie die Frauen Geld verdienen und die Grundversorgung ihrer Kinder sicherstellen können. Ein grundlegendes Mittel der Selbsthilfegruppen (SHG) ist der Aufbau eines eigenen Fonds. So zahlen die Mitglieder einen kleinen Beitrag (z.B. 10 Peso = 17 Cent) in eine Kasse ein.  Aus dieser können sie sich dann einen Kredit auszahlen lassen, wenn beispielsweise Schulmaterialien oder Medikamente finanziert werden müssen. Damit sie wöchentlich Geld einzahlen kann, verkauft Melinda selbstgebackene Kokosnuss-Pfannkuchen. Langfristig hat sie allerdings etwas viel Größeres vor: „Ich spare, um Kapital für einen eigenen kleinen Laden zu sammeln.“ So möchte sie Schritt für Schritt den Weg in eine sichere Zukunft gehen. Denn die Familienmutter hat sich dazu entschlossen, für sich und ihre Männer zu kämpfen.

Marester: Durch die Selbsthilfegruppe gestärkt

Während des Treffens ihrer Selbsthilfegruppe erzählt Marester, wie gut ihr die Gemeinschaft tut. Hilfe aus der Gruppe anzunehmen, fällt den Frauen leichter, als sich von Außenstehenden oder einer Bank abhängig zu machen. Durch den gruppeneigenen Sozialfond hat jedes Mitglied die Möglichkeit, Geld zu leihen. Maresters Freundin konnte zum Beispiel zur Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus gehen und so ihr Baby retten. Doch für die Frauen geht es nicht nur um finanzielle Hilfe: „Wir reden zuerst über unsere Probleme, dann diskutieren wir, wie viel Geld wir brauchen. Wir hören einander zu, trösten uns und bauen Beziehungen auf. Dadurch ist der Druck nicht so groß wie bei einer Bank, der es nur ums Geschäft geht. Und unsere Zinsen sind viel niedriger.“

Nach der Sitzung verrät mir die 34-Jährige außerdem, wie sehr die Selbsthilfegruppe ihr Leben verändert hat: „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Früher dachte ich, meine einzige Aufgabe im Leben bestünde darin, zu Hause zu sein, meinem Mann zu gehorchen, Kinder zu kriegen und zu kochen. Doch in der Gruppe habe ich gelernt, welche Rechte ich als Frau und Mutter habe. Ich habe angefangen soziale Kontakte zu knüpfen, mich zu öffnen und nicht immer zu allem ‚Ja‘ zu sagen.“ Ihr Mann hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und wollte ihr zunächst verbieten weiterhin zu den Treffen zu gehen. Doch er sah auch, dass das Finanzsystem der Frauen Früchte trägt und so seiner Familie hilft. Wenn das Wetter zu stürmisch zum Fischen ist, er mit leerem Fangnetz nach Hause kommt und weder etwas zum Verkaufen noch etwas zu Essen für die vierköpfige Familie hat, leiht sich seine Frau aus dem SHG-Fond Geld – früher mussten sie in solchen Zeiten hungern. Ihr plötzliches Selbstbewusstsein beeindruckte ihren Mann und auch er fing bald an, neben der Arbeit den Kontakt zu anderen zu suchen, anstatt sich nach Feierabend zu Hause zu verkriechen. „Er machte es mir nach, weil er sah, dass es mir besser ging. Heute sind wir beide viel entspannter und ich bin eine glücklichere Mutter und Ehepartnerin. Vor allem aber bin ich eine selbstständige, starke Frau. Und genau das sollen meine Töchter von mir lernen.“

Andik: Früher lebte er für Drogen, heute lebt er für die Kinder

Als Andik ein Teenager war, begannen seine Freunde Drogen zu nehmen. Wer nicht mitmachte galt als Feigling und wurde ausgelacht. Andik wollte dazugehören und probierte es aus: „Es fing harmlos an mit Kleber und Zigaretten, aber dann machte ich immer weiter – mit Pillen, Crystal Meth und schließlich Heroin.“ Andik führte ein Doppelleben: Er ging zur Schule, machte seinen Abschluss, fing an zu studieren und lebte bei seinen Eltern. Niemand merkte, dass er längst von den Drogen abhängig war. Während des Studiums fing er an zu dealen und die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Er brach daraufhin sein Studium ab und verlor sich in seinen Exzessen: „Irgendwann lag ich auf der Straße und dachte: Ok, das war es jetzt, ich werde hier sterben mit meiner Flasche und einer Nadel im Arm.“ Bis sein Freund Roni ihm von einem Training erzählte, das ihn unterstützen würde, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Jeder, der teilnimmt, werde bezahlt. „Ich war natürlich sofort dabei. Das Training interessierte mich nicht, aber ich brauchte Geld für meine Drogen.“ Nach dem ersten Training folgten weitere  und Andik wurde eingeladen, in Schulen über den Missbrauch von Drogen zu reden: „Die Wahrheit aber sah so aus: Ich erzählte den Kindern wie schlecht Drogen sind und fünf Minuten später setzte ich mir selbst den nächsten Schuss.“ Ein amerikanischer Unicef-Mitarbeiter, David, bemerkte, wie ernst  es um Andik stand. Er erzählte ihm von  einem neuen Auftrag in einem anderen Teil des Landes, der aber gut bezahlt werden würde. Der damals 29-Jährige sagte sofort zu: „Doch als ich dort ankam, wurden mir meine Kleidung und mein Handy abgenommen. Das war kein Auftrag. Das war ein Rehabilitationscenter! Mein Freund David trickste mich aus und rettete mir damit das Leben.“ In der Einrichtung wurde nicht nur Andiks Körper entgiftet, auch seine Einstellung veränderte sich – nach eineinhalb Jahren war er clean und schloss seine Therapie erfolgreich ab.

Dann hatte David tatsächlich ein Jobangebot für seinen Freund: „Ich fing an, in diesem Rehabilitationscenter Abhängige zu beraten und betreute verschiedene Entzugsprogramme.“ Dort hat er seine Frau kennengelernt, die in dem Center ein Praktikum absolvierte. „Mit unserer Verlobung traf ich die Entscheidung, eine andere Richtung einzuschlagen. Drogen waren über 15 Jahre lang Teil meines Lebens gewesen und ich war es leid, mich mit den Problemen zu beschäftigen, die sie in den Leben von Menschen anrichten. Zuerst in meinem eigenen, dann in denen derjenigen, die ich betreute. Außerdem verlor ich so viele Freunde wegen der Drogen – Roni und viele andere starben, die meisten von ihnen an HIV.“ Andik kündigte und war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, bei der er weiterhin anderen helfen und seine Geschichte als Zeugnis einsetzen konnte. Er bewarb sich bei KDM und kann sich noch ganz genau an sein Vorstellungsgespräch erinnern: „Ich sagte ihnen sofort, dass ich zwar keine Ahnung von Straßenkindern habe, aber die Leidenschaft zu helfen und dass ich etwas Neues lernen will. Sie gaben mir eine Chance – das war für mich der Beginn eines neuen Lebens.“

Heute ist Andik 42 Jahre alt, glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen Job, der ihn Tag für Tag mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. „Ich sehe in diesen Kindern mich selbst. Hätte mir damals jemand gesagt, wie schlecht Drogen sind und wie schnell sie dein gesamtes Leben zerstören, wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen. Doch jetzt kann ich diese Person für die Kinder sein. Ich bin die Stütze, die ich selbst nicht hatte. Das macht mich sehr glücklich.“

Den inneren Schweinhund überwinden – für einen guten Zweck

Besonders Anfang des Jahres ist die Motivation noch groß, die sportlichen Vorsätze fürs neue Jahr einzuhalten. Diese Motivation hat die Agentur GID-Projects mit Sitz in Neuss zum Anlass genommen, den ersten Neujahrslauf in Duisburg zu veranstalten. Die Kindernothilfe war mit an Bord.

Von Sophie Rutter, Kindernothilfe-Pressestelle

Es war kalt und grau, aber trotzdem war der Parkplatz am Wolfsee in Duisburg überfüllt. Ob hier etwas stattfindet, fragte der Busfahrer, der anscheinend nichts von der Veranstaltung mitbekommen hat. Auch nicht schlimm, denn schließlich fand heute, am Samstag den 6. Januar 2018, das erste Mal der Duisburger Neujahrslauf an der Sechs-Seen-Platte statt. Über 850 Läufer und Läuferinnen machten sich frühmorgens auf den Weg, um das Jahr 2018 aktiv zu beginnen und den inneren Schweinehund zu überwinden.

Toller Einsatz trotz erschwerter Bedingungen

Die Veranstalter (GID-Projects) mussten noch kurzerhand den Streckenverlauf ändern, da wegen Hochwasser ein Teil der geplanten Strecke nicht mehr passierbar war. Trotzdem liefen die motivierten Sportler und Sportlerinnen eine 3,2 km lange Strecke, die mindestens genauso idyllisch und malerisch war. Die Besonderheit war, dass jeder Läufer und jede Läuferin selbst entscheiden konnte, wie weit er oder sie noch laufen möchte. Um Punkt 9:30 Uhr ging‘s los. 90 Minuten hatten sie Zeit und liefen zwischen einer und sieben Runden. Anfangs kamen die Läufer und Läuferinnen nur schwer von der Stelle, die Masse entzerrte sich aber schon sehr bald. Vielleicht auch weil sich einige für eine kürzere Laufstrecke entschieden. Als Unterstützung, Zuschauer oder Mitläufer hatten viele  von ihnen Freunde und Familie mitgebracht.

Laufen für Straßenkinder in Äthiopien

Auch Kinderwagen und Hunde waren auf der Strecke zu sehen – und alle für einen guten Zweck: Die Veranstalter entschieden sich, pro Finisher einen Euro an die Kindernothilfe zu spenden. Mit 858 Finishern bedeutet das 858 Euro, die die Veranstalter erfreulicherweise auf 900 Euro aufrunden.  Darüber freut sich die Kindernothilfe sehr und möchte sich herzlich bei all den motivierten Teilnehmenden und dem Team bei GID-Projects bedanken. Die Spenden unterstützen ein Projekt in Dire Dawa, Äthiopien,  das Straßenkinder betreut und ihnen Kleidung, Bildung,  aber auch Hoffnung gibt. Die Gewinnerin der ersten Runde, Xenja Hartmuth vom MSV Duisburg 02 Leichtathletik e.V., freute sich, „dass man mit dem Lauf Kindern hilft, denen es nicht so gut geht wie uns“. Sie präsentierte uns stolz ihre Urkunde und die Preise, eine Sporttasche und Kopfhörer, die sie bei der gut besuchten Siegerehrung überreicht bekam. Auch die Pressesprecherin der Kindernothilfe, Angelika Böhling, ließ sich nicht von dem kalten Januarmorgen abhalten und lief mit. Angelika Böhling, zu erkennen an ihrer Kindernothilfe-Kappe, schaute sich die Veranstaltung ganz genau an, denn nächstes Jahr soll die Veranstaltung zusammen mit dem diesjährigen Veranstalter GID-Projects von der Kindernothilfe durchgeführt werden.

 

Begeisterung bei allen Beteiligten

Sie war begeistert von der Veranstaltung und freute sich sehr, dass man so viele Menschen mit dem Lauf ansprechen und motivieren konnte. Auch Paul Ermlich vom Veranstaltungsteam freute sich über die positive Resonanz.

Mitmachen stand im Mittelpunkt

Zur Stärkung standen Fruchtsaftschorle und frisches Obst bereit. Zusätzlich gab es für alle Teilnehmenden eine Gewinnertasse und eine Brötchentüte, denn schließlich sollte jeder belohnt werden. Für viele ging es nicht um die Zeit oder den Sieg, sondern vielmehr ums Mitmachen und darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Nach diesem erfolgreichen ersten Duisburger Neujahrslauf besteht großes Interesse an einer Wiederholung: Dafür wird gesorgt – keine Sorge.