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Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Das Kindernothilfe-Trikot im Einsatz

Im Berufsleben koordiniert Mauricio Bonifaz unsere Projekte in Ecuador. Doch auch sonst ist er für uns unterwegs – als begeisterter Mountainbiker im orangenen Kindernothilfe-Trikot…

Die Tour de France ist in vollem Gange, und im fernen Ecuador haben sicher auch Mauricio Bonifaz und seine Freunde Paúl Cajas und Gabriel Cádenas die Fernseher eingeschaltet, um live dabei zu sein. Sie wissen nur zu gut, was die Radrennfahrer leisten, schließlich fahren sie selber Rennen – als Amateur-Mountainbiker. In ihrem Fall gibt es jedoch eine Besonderheit: Wenn sie im Sattel sitzen, fährt die Kindernothilfe immer mit.

Erst kürzlich haben sie sich neue Kindernothilfe-Trikots zugelegt, in strahlendem Orange und Himmelblau. Die hatten sie auch beim letzten Rennen an, das bis zum Vulkan Chimborazo führte. Dass das kein Spaziergang war, zeigen allein schon die Fotos. Im Bericht von Mauricio hört sich das so an:

„Dieses Rennen – es gilt als das schwerste in ganz Ecuador – war SPEKTAKULÄR! Es ging 39 Kilometer immer nur hoch, hoch, hoch auf das Andenhochland. Am Ende waren wir in den Ausläufern des Chimborazo, 4.830 Meter über dem Meeresspiegel. Dort bleibt einem leicht die Luft weg, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil sie so dünn ist. Wir haben fast täglich für dieses Rennen trainiert, und trotzdem hatte ich auf der Hälfte der Strecke eine Schwächephase, die uns einige Plätze gekostet hat. Schließlich haben wir es jedoch geschafft, in drei Stunden und 48 Minuten voller Schweiß und Schmerzen.“

Ecuador: Das Trikot ist die Botschaft

Das Trikot ist die Botschaft beim schwersten Rennen des Landes

Seit vier Jahren in den Kindernothilfefarben

Schon 2001 entdeckte Mauricio seine Leidenschaft für den Mountainbike-Sport, nachdem er sich vorher eher für Leichtathletik begeistert hatte. Warum er sich die Rennstrapazen antut? Weil er es liebt, die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überschreiten. 1.900 positive Höhenmeter misst die – übrigens neu abgesteckte – Rennstrecke auf den Chimborazo. Die Zahl markiert die Summe der Anstiege auf der gesamten Distanz – nur dass die Höhendifferenz in diesem Fall fast an einem Stück bewältigt werden muss! Das macht die Leistung Mauricios und seiner beiden Renngefährten noch erstaunlicher.

Die Aufmerksamkeit, die sie als Radrennfahrer erhalten, nutzen sie für den guten Zweck. Seit vier Jahren fahren sie im Kindernothilfe-Trikot, die neue Version tragen sie mit besonderem Stolz. Es macht sie immer gut erkennbar – fast so gut wie das Gelbe Trikot der Tour de France.

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, dass unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, das unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Telefoninterview mit Carmen Alemán, Direktorin der peruanischen Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, über die Lage im Norden des Landes und die von der Kindernothilfe finanzierte Humanitäre Hilfe

„Was sich hier abspielte, war für die Menschen in dieser Landschaft schlicht unvorstellbar! Niemand, auch nicht die ganz Alten, hatte jemals derartige Regenmassen und Überschwemmungen erlebt“: Carmen Alemán, die Direktorin der Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, beschreibt die Lage in den Dörfern rund um die Kleinstadt Moro, 60 Kilometer östlich von Chimbote, in der Region Ancash, auch eineinhalb Monate nach den extremen Starkregenfällen immer noch als extrem prekär und angespannt. Aber sie schildert in diesem Telefoninterview auch Erfahrungen anrührender Solidarität der Betroffenen untereinander, die sie und das APORTES-Team vor Ort während ihrer Humanitäre-Hilfe-Einsätze in den zurückliegenden Wochen erlebten.

Mindestens 72 Menschen kamen durch Schlammlawinen und Erdrutsche im Gefolge der Überschwemmungen Mitte und Ende März in Peru ums Leben, 72.000 Personen verloren ihre Häuser und 600.000 weitere sind durch die Folgen der Katastrophe unmittelbar betroffen. Kindernothilfe stellte 75.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen zur Verfügung.

Warum haben diese Regenfälle denn so verheerende Schäden angerichtet?

Carmen Alemán: Diese Landschaft im Norden Perus, entlang der Pazifikküste, ist normalerweise extrem trocken – es gibt nur ganz wenige Niederschläge. Bachläufe und Flussbetten führen so gut wie kein Wasser. Und es gibt wenig Vegetation. Wenn es regnet, nimmt die Erde keine Feuchtigkeit auf, das Wasser schießt ungebremst zu Tal. Durch die Klimaveränderungen – verstärkt durch das El Niño-Phänomen mit dem aufgeheizten Oberflächenwasser des Humboldt-Stroms – häufen sich extreme Wetterereignisse und entsprechende Katastrophen. Weder die Städte entlang der Küste – und schon gar nicht die kleinen Dörfer im Hinterland mit den Häusern aus Adobe (Lehmziegeln) – hielten diesen Wassermassen stand. Die Menschen in dieser Landschaft sind schlicht nicht auf Starkregen vorbereitet. Sie hatten gegenüber den unglaublichen Kräften der Wassermassen keine Chance.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Wie ist das APORTES-Team vorgegangen, um den Familien bei Moro beizustehen? Um warum konzentrierte sich dieser Humanitäre-Hilfe-Einsatz ausgerechnet auf diese Zone?

Carmen Alemán: Wir haben sehr schnell gesehen, dass sich – wie schon nach dem Erdbeben von Ica und Pisco damals im August 2007 – die Hilfsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und vieler Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Städte fokussierten. Dort ist viel zu tun – das steht außer Frage –, aber Städte sind leicht erreichbar und dort gibt es auch viel Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Die Orte im Hinterland geraten dabei oft ins Hintertreffen. Als APORTES-Team arbeiten wir nun schon seit einigen Jahren im Rahmen eines Projektes mit der Europäischen Union in den extrem armen ländlichen Zonen der Region Ancash. Sofort, als wir mitbekamen, was sich um Moro herum abgespielt hat, war uns klar, dass wir uns hier engagieren müssen. Das Problem während dieser entsetzlichen Tage Mitte März bestand darin, dass die meisten Orte durch Erdrutsche und Schlammlawinen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab keine Chance, zu den Menschen vorzudringen – Telefonleitungen existierten nicht und Handys hatten keine Verbindung mehr.

Und wie funktionierte denn dann die Kommunikation?

Carmen Alemán: Zusammen mit den Dorfgemeinschaften hatten wir seit zwei Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut. Über UKW-Frequenzen konnten uns die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen vor Ort erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren Adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie konnten diese Familien denn durch das APORTES-Team vor Ort erreicht werden?

Carmen Alemán: Das war die schwierigste logistische Herausforderung von allen. Die Wassermassen – sowie die Schlamm- und Gerölllawinen – hatten die Wege zerstört und viele Brücken weggerissen. Bis heute gibt es immer noch Orte, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind. In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Was brauchten die Menschen in dieser Situation denn am allerdringendsten?

Carmen Alemán: Genau das konnten wir am Radio mit den Verantwortlichen in den Dörfern besprechen. Sehr schnell wurde klar, dass es an unverderblichen Lebensmitteln fehlt, an Grundnahrungsmitteln, Milchpulver – aber dann vor allem auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo. Oder auch Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. Viele Menschen berichteten uns, dass sie seit Tagen nur noch aufgefangenes Regenwasser getrunken hätten. In einer zweiten Verteilaktion, dann schon Ende März, Anfang April, konzentrierten wir uns auf Medikamente: Mittel gegen Durchfälle, Magen-Darm-Infektionen, gegen Hauterkrankungen im Gefolge der Arbeit im Schlamm und Wasser. Ganz wichtig war uns aber auch, bei jedem Besuch in einem der Dörfer immer auch Material für die Kinder dabei zu haben: Bälle zum Spielen, Hüpfseile, Malsachen. Das kam extrem gut an. Die Leute sagten uns: „Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken!“

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie ging es den Kindern nach diesen dramatischen Wochen im März?

Carmen Alemán: Wir gewannen den Eindruck, dass viele Kinder noch unter Schock standen. Mädchen und Jungen erzählten uns, dass sie immer noch diesen schrecklichen Lärm der ins Tal schießenden Wassermassen im Ohr hätten, Geräusche, die dann entstehen, wenn Wasser Felsbrocken mit sich reißt und ganze Geröllhalden abstürzen. Die Mütter schilderten, dass die gesamte Familie aufschrecken würde, sobald es wieder zu regnen beginnt – und der Schreck über das Erlebte allen noch in den Knochen steckte. In einem der Dörfer haben die Menschen aus nächster Nähe miterlebt, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde und starb. Deswegen war es so wichtig zu spüren, wie gut es den Familien getan hat, die Kindernothilfe-APORTES-Hilfsaktion gemeinsam mit uns zu organisieren und bei der Verteilung einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Haben denn die Hilfsgüter für alle Betroffenen in diesen 20 kleinen Dörfern gereicht?

Carmen Alemán: Nein. Deswegen ist es in einer solchen Situation ja so entscheidend, dass uns die Menschen vor Ort helfen, diejenigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Aber es hat uns alle vom APORTES-Team extrem berührt mitzuerleben, wie die Familien miteinander teilten, wenn die Hilfsgüter wirklich nicht ausreichten und wir die Lage deutlich desolater vorfanden als am Radio geschildert. Die Frauen schnürten einfach die von uns gepackten mitgebrachten 45 Pakete auf, machten aus einem kit zwei und sorgten so dafür, dass alle Familien etwas erhielten. Diese Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft hat uns alle sehr beeindruckt.

Wie wird es jetzt in diesen kleinen Dörfern bei Moro weitergehen? Was hat sich APORTES überlegt?

Carmen Alemán: Wir müssen realistischerweise sagen, dass die Menschen in diesen Orten von den staatlichen Wiederaufbaumaßnahmen im Norden Perus nicht oder nur sehr wenig profitieren werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf Städte und größere Kommunen. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn die politisch Verantwortlichen vor Ort erreichen könnten, dass die Wege mit schwerem Gerät freigeräumt, Brücken repariert und die beschädigten Gemeindeschulen instandgesetzt werden. Wir als APORTES-Team würden sehr gerne mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten, die am stärksten beschädigten Häuser wieder aufzubauen – und zwar so, dass die traditionelle Lehmziegelbauweise durch Zement verstärkt wird – und die zerstörten Dächer neu gedeckt werden können. Wir haben einen Architekten gefunden, der uns bei diesem Vorhaben unterstützt. Das wäre kein Riesenprogramm, weil ja alles in Eigenbau geschieht, aber eine große Hilfe, um den Familien wieder zu einem bewohnbaren Zuhause zu verhelfen.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

(Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.)

APORTES ist seit dem Jahr 2000 Kindernothilfe-Partner. Die Organisation hat sich u.a. auf ländliche Gemeinwesen-Entwicklungs-Programme, aber auch Initiativen zum Schutz von Kindern vor Gewalt spezialisiert. Carmen Alemán, die APORTES-Direktorin, ist gelernte Betriebswirtin und hat zusätzlich ein Master-Studium in Sozialentwicklung absolviert.

Indien: Raghu hat das Zeug zum Motorradmechaniker

Text und Foto: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Chennai, 28.01.2017

Dürr ist Raghu (Name geändert) und verschwitzt. Er muss sich anstrengen, er will alles richtig machen. Raghu ist in der Probezeit. Vier Wochen hat er, um den Chef zu überzeugen, dass er das Zeug zum Motorradmechaniker hat. Jetzt hockt er auf der Straße vor einem Motor, den er auseinandergenommen hat, und säubert die Teile mit Öl und einem Pinsel. Werkstatt, das bedeutet in Chennai, der Megametropole in Südindien, etwas anderes als in Duisburg oder Berlin. Hier ist es ein abschließbarer Lagerraum für Ersatzteile und Werkzeug an der Straße. Gearbeitet, auseinandergeschraubt, repariert und wieder zusammengesetzt wird auf dem staubigen Bürgersteig und der Straße davor. Es ist erst Januar, und doch ist es schon heiß. Ein stechender Geruch nach Öl und Urin liegt schwer über der Werkstatt und den angrenzenden Betrieben.

So unscheinbar die Werkstatt aussieht, der Besitzer hat es geschafft. Er hat ein kleines Haus, und seine beiden Töchter haben studiert. Nein, in der nächsten Generation müssen sie nicht mehr mit ihren Händen arbeiten. Aber er bildet aus, um jungen Leuten aus den Slums eine Chance zu geben. Der Werkstattbesitzer gehört zum Netzwerk der Kindernothilfe-Partnerorganisation Codiac. Codiac, gegründet und weiter inspiriert von dem inzwischen 85-jährigen Architekten, Bauherren und Kindernothilfe-Unterstützer J.S. Rajasingh, vermittelt Kinder aus armen Familien in Ausbildungsplätze. Die Organisation knüpft Verbindungen zu kleinen Firmen, wählt die Jugendlichen aus, gibt einen Zuschuss zum Ausbildungsgeld und später vielleicht einen Kredit für den Start in die Selbständigkeit. 40 Firmen machen mit, fast 100 Jugendliche befinden sich zurzeit in der Ausbildung. 4.200 waren es insgesamt in den letzten Jahren. Die meisten Ausbildungen sind informell, fast alle Absolventen werden später in ihren Ausbildungsfirmen angestellt oder finden eine andere gut bezahlte Beschäftigung. Raghu hat Glück, er hat sogar in einem staatlich anerkannten Lehrbetrieb angefangen.

Aber vor dem anerkannten Ausbildungszertifikat muss er erst einmal beweisen, dass er zuverlässig und pünktlich und den Anforderungen der Ausbildung gewachsen ist. „Das wird schon“, sagt er und lächelt. Die Maschinen mag er, Mechaniker werden wollte er schon lange. Mit dem ersten Motor hat es auch schon wirklich gut geklappt, er hat ein Gefühl dafür. Nach der Probezeit kommen zwei Jahre Ausbildung. Und dann, so plant er, die eigene Werkstatt und eine Frau und Kinder und ein kleines Haus. Das wäre dann schon eine ganze Menge für einen aus den Elendsvierteln von Chennai. Und Raghu will es schaffen.

Tempelprostitution ist das falsche Wort

Text und Fotos: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Bangalore, 02.02.2017

„Tempelprostitution ist das falsche Wort dafür“, sagt David Selvaraj, der Gründer des Kindernothilfe-Partners Visthar, „Prostitution ist ein Geschäft, ein Austausch, in dem beide Seiten etwas geben und etwas nehmen. Devadasi, die Dienerinnen oder besser Sklavinnen Gottes, geben nur. Sie bekommen nichts für ihre Dienste.“ Natürlich sind Devadasi ursprünglich nicht für sexuelle Dienstleistungen dagewesen. Vielleicht muss man sich unter ihnen so etwas wie eine Kombination aus Nonne und klassischer Geisha vorstellen. Aber das waren die klassischen Zeiten, bevor die britischen Kolonialherren den indischen Königen und Fürsten ihre Macht und ihren Reichtum nahmen.

Devadasi werden in einer Tempelzeremonie feierlich einer Gottheit geweiht. Von da an gelten sie als verheiratet, als Ehefrauen der Gottheit. Zum Zeichen ihrer Verbindung tragen sie eine besondere Halskette und an den Zehen die Ringe der verheirateten Frau. Ihre Weihe verpflichtet sie jeden Dienstag und Freitag und an jedem Vollmond zu bestimmten Reinigungsriten. Außerdem nehmen sie an Beerdigungen und Hochzeiten teil. Ein besonderer Höhepunkt sind die Tempelfeste, die alle paar Jahre stattfinden. Doch davon später.

Pallavi wurde schon als Kind einer Göttin geweiht

Bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Visthar treffe ich Pallavi. Pallavi ist 23, eine lebhafte junge Frau mit einem strahlenden Lächeln, die seit Kurzem als Hausmutter im Bandhavi-Wohnheim von Visthar arbeitet. Dass sie zur Schule gehen und sogar studieren konnte, grenzt an ein Wunder. Pallavi hat Vater und Mutter und Geschwister. „Aber aufgewachsen bin ich wie eine Waise. Meine Großmutter war Devadasi. Sie wollte immer eine Tochter haben, bekam aber nur vier Söhne. Ich bin die erste Tochter ihres ältesten Sohns. Als ich drei Monate alt war, hat meine Großmutter mich meinen Eltern weggenommen und zusammen mit ihrem jüngsten Sohn großgezogen. Großmutter hat mich gestillt, bis ich zehn Jahre alt war. Überall musste ich mit ihr hin, ich hatte keine Freunde und durfte nur selten zur Schule.“ Dort in der Schule merkte sie auch erst, dass etwas an ihr anders war. Die Kinder hänselten sie wegen ihrer komischen weißen Halskette, die sonst doch nur verheiratete Frauen tragen. Sie fingen an, sie „Devadasi“ zu rufen. Erst da begann sie, ihre Großmutter zu fragen.

Und so kam es heraus: als Pallavi vier Monate alt war, einen Monat, nachdem sie aus ihrem Elternhaus gerissen worden war, hatte die Großmutter sie der Göttin Huligama geweiht. Seitdem trug sie die Halskette der Devadasi und lernte, sobald sie alt genug geworden war, die besonderen Riten, Gebete und Lieder. Bei alldem wusste sie nicht, zu welchem Leben die Großmutter sie bestimmt hatte. Sie wusste nicht, dass sie, die der Göttin verheiratet worden war, nie die Hochzeit mit einem Mann erleben würde. Kinder würde sie wohl bekommen von den Männern, denen sie in ihrem Dienst am Tempel würde zu Willen sein müssen. Vielleicht würde sie eine feste Beziehung mit einem Mann eingehen können, der sie zur Zweitfrau nehmen würde. Aber die Kinder würden ihren Namen tragen, nicht den des Vaters. Denn der Vatername berechtigt zu Unterhalt und Erbe. Ihre Kinder würden in der Schule als Hurenkinder gehänselt werden. Ihre Töchter würden wieder Devadasi werden und ihre Söhne würden es schwer haben.

Alle Devadasi sind Dalits – Kastenlose, Sklaven, Unberührbare

Was das alles noch schlimmer macht: Im indischen Bundesstaat Karnataka sind alle Devadasi Dalits. Dalits sind die fünfte, die unterste Kaste des indischen Kastensystems. Dalits sind die Kastenlosen, die Sklaven, die Unberührbaren, die nicht aus denselben Bechern trinken dürfen wie die Kastenhindus. Nicht einmal ihr Schatten soll andere Menschen berühren, um sie nicht zu verunreinigen. Einen Geschmack davon hatte ich beim Mittagessen bekommen. Zwei ehemalige Devadasi hatten uns aus ihrem Leben erzählt, uns mit zum Tempel genommen, uns an ihren Riten teilnehmen lassen. Darüber war es Mittag geworden, wir hatten Hunger und ein vegetarisches Restaurant aufgesucht. Kaum hatten wir uns um einen großen Tisch gesetzt, kam ein Kellner mit der erstaunten Frage: „Wollt ihr wirklich mit denen zusammen essen?“

Seit 1982 ist das Devadasi-Wesen in Karnataka verboten. Das Verbot ist in vielen Tempeln angeschlagen. Das war es auch in dem Tempel der beiden Frauen, die wir begleiten durften. Seit Kurzem ist die Wand, an der das Verbot stand, nun neu gestrichen. Das Verbot ist verschwunden; die Gottesdienerinnen waren es nie.

So schien Pallavis Leben vorherbestimmt und mit ihm das ihrer Kinder und Enkel. Als sie in der fünften Klasse war, wendete sich noch einmal alles zum Schlechteren. Ihre Großmutter starb, sie sollte ein kleines Stück Land erben. Aber die Brüder der Großmutter sagten, an das Erbe werde sie nur kommen, wenn sie die Pflichten der Devadasi weiter erfüllte. Dann hatte sie ihre erste Periode. Was danach kam, darüber will Pallavi nicht sprechen; die lebhafte junge Frau wird verlegen, sie hat Tränen in den Augen. In der Zeit hätte sie die Rituale nur hinter geschlossener Tür und verhängten Fenstern ausgeführt. Manchmal hätte sie die Schalen und Früchte, die Öllampen und Räucherstäbchen gegen die Wand geworfen. Da half es auch nicht, dass sie von ihrer Familie mit „Mutter“ angesprochen und als Göttin verehrt wurde. Für sie hörte sich das wie Hohn an. Noch jetzt, noch Jahre später hasst sie den Dienstag und den Freitag und den Vollmond. Vielleicht das Schlimmste – und auch davon erzählt sie stockend – war das Tempelfest, bei dem alle Devadasi nackt durch den Ort ziehen mussten, mit Zweigen des Neembaums und Gesängen.

Vielleicht hat ein Sportwettbewerb sie gerettet. Sie machte den ersten Platz. Das kam in die Zeitung, dadurch wurde die Mitarbeiterin einer Organisation, die gegen das Devadasi-Wesen arbeitet, auf sie aufmerksam. Die Sozialarbeiterin suchte sie, machte ihr ein Angebot und verhandelte mit der Familie. So kam Pallavi in die Internatsschule von Visthar. Visthar legt großen Wert darauf, das Selbstvertrauen der kleinen Tempeldienerinnen wieder aufzubauen, ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und ihre verwundeten Seelen zu heilen. Pallavi konnte die Schule abschließen und auf dem Community College Theater und Tanz studieren.

Aber selbst bei Visthar war Pallavi noch nicht frei. Im Wohnheim legte sie ihre Devadasi-Kette ab, aber immer, wenn sie in ihr Dorf zu Besuch fuhr, hatte sie sie wieder um den Hals. Es dauerte lange, bis sie sich traute, ohne Kette heimzufahren. Dann, eines Tages war es so weit. Sie ging zu ihrem jüngsten Onkel, dem, mit dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, gab ihm die Kette und erklärte ernst, dass sie auf das Erbe ihrer Großmutter verzichtet. Da war sie endlich frei.

 

 

Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

portapimentweb

 

Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Nepal Stories VIII: Die Gemüsebauern von Attarpur

Gemüseanbau: Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

„Wir haben einfach drauflos gepflanzt“, sagt Deu Kumari Shakya im Rückblick. In ihrem Heimatdorf Attarpur in Nepal ist seit einigen Jahren das Gemüsefieber ausgebrochen. In mittlerweile 24 Gewächshäusern und 40 Folientunneln bauen die Frauen und Männer des Dorfes Tomaten, Erbsen, Chilischoten und viele andere Gemüsesorten an – zunächst ohne professionelle Anleitung. Unser Partner AMURT lieferte ihnen jetzt das langerwartete Know-How.

Die 51-jährige Deu Kumari war eine der ersten Frauen, die sich von der traditionellen Landwirtschaft – Weizen, Hirse und Mais – abwandte und anfing, immer neue Gemüsearten zu pflanzen. Die ersten Jahre mussten sie und die anderen Dorfbewohner dabei gänzlich ohne die nötigen Kenntnisse in Sachen Gemüseanbau zurechtkommen. „Es ist ein Wunder, dass wir keine Verluste gemacht haben“, gibt die Landwirtin selbst zu.

Unser Partner AMURT kam letztes Jahr im Zuge der Soforthilfe nach den Erdbeben in das kleine nepalesische Dorf. Dort warteten Menschen, die hochmotiviert waren – aber nicht wussten, wie sie aus ihrer Leidenschaft ein professionelles Geschäft machen konnten.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

AMURT reagierte und bildete seitdem 28 Frauen und 2 Männer im nachhaltigen Gemüseanbau aus. Dazu gehörten Schulungen zu organischen Düngern, dem richtigen Einsatz von Pestiziden und der schnellen Bekämpfung von Krankheiten in den Gemüsegärten. Gerade der Schutz der Böden vor Auslaugung ist in der Region ein wichtiges Thema. Deshalb gibt es zwischen Dezember und Februar eine dreimonatige Brachzeit, in denen der Gemüseanbau zum Stillstand kommt.

Trotz der Brachzeit boomt das Geschäft mittlerweile. Deu Kumari allein rechnet damit, im nächsten Jahr etwa 50.000 Rupien (rund 420 Euro) Gewinn zu erzielen. Besonders stolz ist sie auf die 33 Kiwi-Pflanzen – die Neuzugänge unter den vielen Gemüsesorten, die in Attarpur angebaut werden.

Das Gemüsefieber im Dorf hält weiter an – dank AMURT können die Bewohner nun auch endlich davon leben!

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.

Fußball als Lebensretter

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

„Tooooor!“ Riesenjubel auf einem Fußballplatz in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. Die Mädchen des führenden Teams liegen sich freudestrahlend in den Armen. Doch auch die übrigen Kickerinnen sind nicht umsonst dabei. Beim Fußballturnier unserer Partnerorganisation Africa Direction (AD) gewinnt jedes der teilnehmenden Mädchen – nicht nur auf sportlicher Ebene.

Bereits zum dritten Mal richtete AD das Fußballturnier für Mädchen aus der Stadtteilen Chilenje und Mtendere aus. Dabei hatten die Teilnehmerinnen Spaß und lernten auch etwas fürs Leben – beim Turnier macht unsere Partnerorganisation die Mädchen auf ihre Jugendarbeit aufmerksam, um ihnen auch langfristig helfen zu können.

Fußballturnier Sambia: Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Sambia ist eines der ärmsten Länder weltweit. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt – Mädchen und junge Frauen sind von Armut und Gewalt besonders betroffen: Frühschwangerschaften und Aids sind unter Mädchen die häufigste Todesursache. Mangelnde Chancen auf weiterführende Bildung und Perspektivlosigkeit verschlimmern noch die Situation.

Sport holt die Mädchen von der Straße

Genau um diese Probleme geht es im AD-Jugendzentrum in Chilenje, einem Stadtteil von Lusaka. Allerdings kommen fast nur Jungen. Das will DC ändern. Wie? Mit Sport, Beauty Contests und Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, die sich speziell an Mädchen richten. Ist das Interesse einmal geweckt, finden die Betroffenen auch den Mut, über sich und ihr Leben zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Fußballturnier Sambia: Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Fußballturnier war so ein Versuch, Mädchen für das AD-Jugendzentrum zu gewinnen. Schon vorher gab es die Möglichkeit, an einem fünftägigen Fußballcamp teilzunehmen. Coach war Petra Landers, eine ehemalige deutsche Nationalspielerin, die für diese Aufgabe bereits zum dritten Mal nach Lusaka geflogen ist. Parallel zur Fußballschule wurden die Mädchen von anderen Jugendlichen über ihre Rechte aufgeklärt. Dabei ging es etwa um die Risiken von Frühverheiratung, frühen Schwangerschaften und ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Turnier in jeder Hinsicht erfolgreich

Beim Turnier selbst hat AD Mädchen und Teams aus dem ganzen Umland erreicht. In einem VCT-Zelt (VCT steht für Voluntary Counselling and Testing) wurden 445 Jugendliche beraten und 356 auf HIV getestet. Teilnehmerinnen von drei Fußballteams aus Chilenje und Mtendere kommen jetzt regelmäßig ins Jugendzentrum. Sie nehmen aus dem Turnier nicht nur Spaß und Siege mit, sondern vor allem ein gestärktes Selbstvertrauen und ein wacheres Bewusstsein für die eigenen Rechte.

Fußballturnier Sambia: Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.